Der Weihnachtsmann

Kategorie: Weihnachtsgedichte zum Nachdenken

Der Weihnachtsmann

Ich bin der Weihnachtsmann,
und habe einen rotten Kittel an,
mit dem geh ich aus meinem Haus,
und teile die Geschenke aus.

Und dennoch bleib ich nur,
eine Symbolfigur,
beflügel Fantasien,
und soll Ängste entziehen.

Die Menschheit sagt ganz gern,
ich käm von einem Stern,
der fern der Erde wohnt,
und die Kinder verschont.

Mein Beutel prall gefüllt,
ins Mäntlein eingehüllt,
bringe ich Glück vorbei,
wo es auch nötig sei.

Dann werden jedes Jahr,
einige Wunder wahr,
obwohl das Leid doch bleibt,
und Hoffnungen vertreibt.

Ein Sklave bin ich doch,
der aus dem Denken kroch,
nicht viel bewegen wird,
und die Unschuld zerstört.

Ist meine Zeit getan,
ist ein anderer dran,
mit der Sklavenarbeit,
die nach Erlösung schreit.
Autor: weihnachtsgedichte.biz

Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "Der Weihnachtsmann" bietet eine ungewöhnliche und tiefgründige Perspektive auf die bekannte Symbolfigur. Es beginnt mit der klassischen, fröhlichen Beschreibung: Der Weihnachtsmann im roten Kittel verlässt sein Haus, um Geschenke zu verteilen. Doch schnell schlägt der Ton um. Der Sprecher bezeichnet sich selbst als "nur eine Symbolfigur", die Fantasien beflügeln und Ängste nehmen soll. Hier wird die Funktion des Weihnachtsmanns als kulturelles Konstrukt und psychologisches Werkzeug entlarvt.

Die dritte Strophe spielt auf den mythischen Ursprung an ("ich käm von einem Stern"), betont aber die Distanz zur realen Welt. Der prall gefüllte Beutel und das Versprechen von Glück stehen im krassen Kontrast zur fünften und sechsten Strophe, die das Gedicht in eine düstere, fast nihilistische Richtung lenken. Trotz der Wunder, die jedes Jahr geschehen, bleibt das Leid bestehen. Die schockierende Selbsteinschätzung des Weihnachtsmanns als "Sklave", der "aus dem Denken kroch" und "die Unschuld zerstört", dekonstruiert die Figur vollends. Er wird zum willenlosen Diener einer menschlichen Sehnsucht, die er letztlich nicht erfüllen kann. Das Finale spricht von einer zyklischen "Sklavenarbeit", die nach Erlösung schreit – ein Hinweis darauf, dass auch diese Tradition der kritischen Reflexion bedarf und vielleicht eines Tages abgelöst wird.

Stimmung des Gedichts

Das Gedicht erzeugt eine stark ambivalente und nachdenkliche Stimmung. Es beginnt mit einem vertrauten, fast märchenhaften Ton, der jedoch schnell von Melancholie und einer untergründigen Verzweiflung durchzogen wird. Die Stimmung kippt von der heiteren Erwartung hin zu einer fast philosophischen Resignation. Der Weihnachtsmann erscheint nicht als freudiger Gabenbringer, sondern als tragische, gefangene Figur, die sich ihrer eigenen Nutzlosigkeit und ihres instrumentellen Charakters bewusst ist. Die Grundstimmung ist daher nicht festlich, sondern eher düster-reflektierend und hinterfragt die Oberflächlichkeit des Festes.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Das Gedicht ist in hohem Maße zeitgemäß, da es Fragen aufwirft, die heute relevanter denn je sind. In einer Zeit, in der Konsumkritik und die psychologische Belastung durch perfekte Festtags-Inszenierungen viel diskutiert werden, trifft die Darstellung des Weihnachtsmanns als "Sklave" eines kommerziellen Systems einen Nerv. Es wirft die Frage auf, welche Mythen und Traditionen wir pflegen und welchen Preis sie haben. Zudem thematisiert es die Spannung zwischen kindlicher Hoffnung und der erwachsenen Erkenntnis von Leid in der Welt – ein Gegensatz, der in jeder Generation neu ausgehandelt wird. Das Gedicht fordert dazu auf, hinter die glitzernde Fassade zu blicken und die Funktion unserer kulturellen Symbole kritisch zu betrachten.

Schwierigkeitsgrad

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist überwiegend einfach und verständlich. Einige Begriffe wie "Symbolfigur", "Fantasien", "beflügeln" oder "Erlösung" erfordern jedoch ein gewisses Abstraktionsvermögen und einen erweiterten Wortschatz, um die tiefere Bedeutungsebene vollständig zu erfassen. Die inhaltliche Deutung ist anspruchsvoll, da sie über die reine Erzählung hinausgeht und metaphorische sowie gesellschaftskritische Elemente enthält.

Geeigneter Anlass

Dieses Gedicht eignet sich weniger für die klassische, besinnliche Weihnachtsfeier mit Kindern. Vielmehr passt es perfekt zu literarischen oder philosophischen Gesprächsrunden in der Adventszeit, zu einem Themenabend über die dunkleren Seiten von Weihnachten oder als anregender Beitrag in einem Erwachsenenkreis, der über Traditionen und ihren Sinn diskutieren möchte. Es ist ein ausgezeichneter Text für eine Schulstunde in höheren Klassen, um literarische Analyse und gesellschaftliche Kritik zu üben.

Geeignete Altersgruppe

Aufgrund seiner komplexen und teils düsteren Thematik ist das Gedicht vor allem für Jugendliche ab etwa 14 Jahren und Erwachsene geeignet. Diese Altersgruppe verfügt über die notwendige kognitive Reife und Lebenserfahrung, um die ironischen Brechungen, die metaphorische Sprache und die kritische Grundhaltung des Textes zu verstehen und einzuordnen.

Für wen eignet es sich weniger?

Das Gedicht eignet sich deutlich weniger für jüngere Kinder, die den Weihnachtsmann noch als reale, freundliche Figur erleben. Die Darstellung als "Sklave", der "die Unschuld zerstört", könnte verunsichern oder Ängste schüren. Ebenso ist es für Anlässe unpassend, die rein der ungetrübten Weihnachtsfreude und Besinnlichkeit dienen sollen, wie eine Kindergartenfeier, ein familiäres Fest mit kleinen Kindern oder eine traditionelle Christvesper.

Dauer des Vortrags

Bei einem ruhigen, bedächtigen und betonten Vortrag, der der nachdenklichen Stimmung des Textes Raum gibt, dauert das Rezitieren des Gedichts etwa eine Minute bis eine Minute und zwanzig Sekunden. Ein zu schnelles Hersagen würde der inhaltlichen Tiefe nicht gerecht werden.

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