Wintergedichte

Wenn es draußen anfängt, kälter zu werden, lange Tage den dunklen Nächten weichen, wenn Kinderaugen zu leuchten beginnen und man kleine Schneekristalle dabei beobachten kann, wie sie sich am Fensterrahmen absetzen, dann kann man sich sicher sein - der Winter hält Einzug.

Längst lässt sich die kalte Zeit im Jahr nicht mehr nur mit eisigen Winden und grauen Städten assoziieren. Dem Winter wohnt ein Zauber inne, der die Menschheit in seinen Bann reißt und uns von Schnee und Märchen am offenen Kaminfeuer träumen lässt. Die Vorstellung von verschneiten Wäldern, zugefrorenen Seen und weißen Berggipfeln nehmen den Platz von Unruhe und Hektik des Alltags ein und jeder Einzelne hofft, doch ein wenig Ruhe und Glückseligkeit in diesen Tagen finden zu können. Der Winter schafft es, ganz verschiedene Bilder in die Köpfe der Menschen zu malen und er lässt einen daran glauben, dass Wünsche wahr werden, wenn man nur stark genug daran glaubt. Diese Gefühle können Wintergedichte besonders gut vermitteln.

Die bekanntesten Wintergedichte stammen von Dichtern wie August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Christian Morgenstern, Joseph von Eichendorff und Theodor Fontane. Deren Gedichte spiegeln die Eigenarten des Winters wunderbar wider.

Darüber hinaus haben sich etliche Poeten und Schriftsteller im Laufe der Zeit mit den verschiedenen Facetten der kalten Jahreszeit beschäftigt und ihre ausgelösten Gedanken und Gefühle in zahlreiche Gedichte über den Winter gegossen. Einige davon finden sich auf dieser Seite wieder und warten nur darauf, einen Leser zu finden, der es sich mit einer Tasse Tee gemütlich gemacht hat und nun einen Hauch von Winterstimmung vermittelt bekommen mag.
Worauf wartet Ihr noch? Unsere Gedichte entführen Euch in eine schneebedeckte Welt voll klirrender Kälte und wärmenden Feuern. Auf das Ihr ein Gedicht findet, das Euch die frostigen Tage verschönert.

Inhaltsverzeichnis

Wintergedichte

Wintergedichte

Alles still!

Alles still! Es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! Die Dorfeshütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht –
Heiße Tränen niedertropfen
Auf die kalte Winterpracht.
Autor: Theodor Fontane

Winterwärme

Mit brennenden Lippen,
unter eisblauem Himmel,
durch den glitzernden Morgen hin,
in meinem Garten,
hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.

Alle Bäume scheinen zu blühen;
von den reifrauhen Zweigen
streift dein Frühwind
schimmernde Flöckchen nieder,
gleichsam Frühlingsblendwerk;
hab Dank!

An meiner Dachkante hängt
Eiszapfen neben Zapfen,
starr;
die fangen zu schmelzen an.
Tropfen auf Tropfen blitzt,
jeder dem andern unvergleichlich,
mir ins Herz.
Autor: Richard Dehmel

Das Meer im Winter

O Meer, so oft von Dichtermund besungen!
Stets schön, in ewig wechselnder Gestalt,
Zur Sonne blickst du heut' so starr und kalt,
Die dir manch freundlich Lächeln abgerungen.

Das Rauschen deiner Wogen ist verklungen,
Wenn's gleich noch grollend in der Tiefe wallt.
Der Winter rief dir zu ein mächtig: Halt!
Mit eisgen Banden hält er dich umschlungen.

Still liegst du da, im bläulich weißen Kleide.
Doch funkelt es gar wunderbar darin
Und blitzt wie diamantenes Geschmeide,

Als wenn zum Fest geschmückt dich Nixen hätten,
So bleibst du immer eine Königin
Voll Majestät, wenn auch in Sklavenketten.
Autor: Stine Andresen

Gastlichkeit des Winters

Der Winter ist ein scharfer Gast,
Das merkt ich an dem Dache;
Mein Lieb gab mir ein Kränzelein
Von Perlen fein,
Das hab ich von ihr tragen
An meinem Bart und Kragen.

Der Sommer ist ein sanfter Gast,
Es tröpfelt von dem Dache;
Mein Lieb gab mir ein Kränzelein
Im Sonnenschein,
Da ist es aufgethauet,
Von Eis war es erbauet.

Ja traue nur dem Schleicher nicht,
Viel lieber scharfe Worte;
Der Sommer giebt wohl Kränzelein
Von Blumen fein,
Zu ihr kann ich nicht gehen,
Vom langen Tag gesehen.

Zu Ostern, als die Fasten aus,
Da längerten die Tage;
Mein Lieb gab mir ein Unterpfand,
Zween Aermlein blank,
Darin sollt ich mich rüsten,
Zu unsres Winters Lüsten.

Was acht ich der Waldvöglein Sang,
Und aller Kläffer Zungen;
Lieg ich in meinen Aermlein blank,
Ich weiß ihr Dank,
Ich kann von ihr dann träumen;
Wie lange wird sie säumen?
Autor: Achim von Arnim

Gefroren hat es heuer

Gefroren hat es heuer
Noch gar kein festes Eis.
Das Büblein steht am Weiher
Und spricht so zu sich leis:
Ich will es einmal wagen,
Das Eis, es muß doch tragen,
Wer weiß?
Autor: Friedrich Wilhelm Güll

Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seine Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft'ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.
Autor: Joseph von Eichendorff

Winter

Ein weißes Feld, ein stilles Feld.
Aus veilchenblauer Wolkenwand
Hob hinten, fern am Horizont,
Sich sacht des Mondes roter Rand.

Und hob sich ganz heraus und stand
Bald eine runde Scheibe da,
In düstrer Glut. Und durch das Feld
Klang einer Krähe heisres Kräh.

Gespenstisch durch die Winternacht
Der große dunkle Vogel glitt,
Und unten huschte durch den Schnee
Sein schwarzer Schatten lautlos mit.
Autor: Gustav Falke

Winternacht

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
Nur fort, nur immer fortgeschritten!

Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
Den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost! friere mir ins Herz hinein,
Tief in das heißbewegte, wilde!
Daß einmal Ruh mag drinnen sein,
Wie hier im nächtlichen Gefilde!
Autor: Nikolaus Lenau

In der Winternacht

Es wächst viel Brot in der Winternacht,
weil unter dem Schnee frisch grünet die Saat;
erst wenn im Lenze die Sonne lacht,
spürst du, was Gutes der Winter tat.

Und deucht die Welt dir öd und leer,
und sind die Tage dir rauh und schwer:
Sei still und habe des Wandels acht -
es wächst viel Brot in der Winternacht.
Autor: Friedrich Wilhelm Weber

Winters Flucht

Dem Winter ward der Tag zu lang,
Ihn schreckt der Vögel Lustgesang;
Er horcht und hört's mit Gram und Neid,
Und was er sieht, das macht ihm Leid.

Er sieht der Sonne milden Schein,
Sein eigner Schatten macht ihm Pein.
Er wandelt über grüne Saat
Und Gras und Keime früh und sprach:
"Wo ist mein silberweißes Kleid,
Mein Hut , mit Demantstaub bestreut?"
Er schämt sich wie ein Bettelmann
Und läuft, was er nun laufen kann.
Und hinterdrein scherzt Jung und Alt
In Luft und Wasser, Feld und Wald;
Der Kiebitz schreit, die Biene summt,
Der Kuckuck ruft, der Käfer brummt;
Doch weil's noch fehlt an Spott und Hohn,
So quakt der Frosch vor Ostern schon.
Autor: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Winter

Die Blumen sind gestorben;
Es kam der Winter leis’,
Der stille Totengräber,
Begrub sie in Schnee und Eis.

Seitdem ist es gar stille,
Kein Gräslein regt sich mehr,
Es fallen weiße Flocken.
Und alles schläft umher.
Autor: Karl Ferdinand von Fircks

Der Winter hat sich angefangen

Der Winter hat sich angefangen,
der Schnee bedeckt das ganze Land,
der Sommer ist hinweggegangen,
der Wald hat sich in Reif verwandt.

Die Wiesen sind vom Frost versehret,
die Felder glänzen wie Metall,
die Blumen sind in Eis verkehret,
die Flüsse stehn wie harter Stahl.

Wohlan, wir wollen wieder von uns jagen
durchs Feuer das kalte Winterleid!
Kommt, laßt uns Holz zum Herde tragen
und Kohlen dran, jetzt ist es dran.
Autor: Johann Rist

Der erste Schnee

Herbstsonnenschein. Des Winters Näh'
Verrät ein Flockenpaar;
Es gleicht das erste Flöcklein Schnee
Dem ersten weißen Haar.

Noch wird – wie wohl von lieber Hand
Der erste Schnee dem Haupt –
So auch der erste Schnee dem Land
vom Sonnenstrahl geraubt.

Doch habet acht! mit einem Mal
Ist Haupt und Erde weiß,
Und Liebeshand und Sonnenstrahl
Sich nicht zu helfen weiß.
Autor: Theodor Fontane

Der Winter ist kommen

Der Winter ist kommen,
verstummt ist der Hain;
nun soll uns im Zimmer
ein Liedchen erfreun.

Das glitzert und flimmert
Und leuchtet so weiß
Es spiegelt die Sonne
Im blitzblanken Eis.

Wir gleiten darüber
Auf blinkendem Stahl
Und rodeln und jauchzen
Vom Hügel ins Tal.

Und senkt sich der Abend,
geht's jubelnd nach Haus
ins trauliche Stübchen
zum Bratapfelschmaus.
Autor: unbekannt

Schneeloser Winter

Lass, du keuscher, reiner Schnee,
Deine Flocken lustig fliegen,
Hilf des Tauwinds Hauch besiegen,
Dass die Welt nicht drin zergeh’.

‘S taugt nichts, wie wir deutlich sehn,
Uns sogar sehr warm zu halten.
Trübe, böse Lüfte walten;
Heiße, Schnee, sie fürbass gehn!

Sieh! der nackte Wald, das Feld
Schämen sich in ihrer Blöße,
Und der Berge blaue Größe
Trauert hinter’m Wolkenzelt.

Decke zu die nackte Zeit,
Hülle sie in keusche Liebe,
Und erwärm’ in ihr die Triebe
Neuer Frühlings-Herrlichkeit.

Mahl’ die Landschaft wieder schön,
Mahl’ uns blanke Spiegelfelder,
Lasse die kristallnen Wälder
Uns wie Demant funkeln sehn.

Streue dem Philister Bahn,
Dass er nicht noch länger schimpfe;
Ziehe deine weißen Strümpfe
Seinen Schlittenpferden an.

Sieh, die Kinder lauern schon
Auf das Spiel mit deinen Bällen,
Aus dir Männer aufzustellen
Auf dem weißen Flimmerthron.

Schneie freundlich, lieber Schnee,
Dass die Welt zur Landschaft werde;
Aber tu im März der Erde,
Tu der Hoffnung Saat nicht weh.
Autor: Carl Geisheim

An den Winter

Alter, mit dem grauen Barte,
Mit den angefrornen Locken,
Willst du denn nicht Einmal lachen?
Sind die Lippen zugefroren?
Komm’ herein, was stehst du draußen?
Komm’ herein, du sollst schon thauen! –
Sieh’! wie störrisch sind die Mienen;
Bist du denn ein Feind der Freunde?
Willst du meine Lust verdammen?
Gut! so bleib’ nur immer draußen,
Und mit deiner finstern Miene
Mache Felder, mache Blumen,
Mache Berg’ und Thäler traurig,
Mich sollst du nicht traurig machen!
Tödte diese frischen Lilien,
Tödte diese jungen Rosen
Auf den jugendlichen Wangen,
Tödte sie Einmal zum Scherze,
Laß mir aber nur die Rosen
Auf den Wangen meiner Doris,
Dann so soll sie dich beschämen;
Dann soll sie mit einem Kusse
Meinen halbverstorb’nen Wangen
Alle Rosen wieder geben.
Dann soll sie mit ihren Lippen
Meine Lippen schöner färben!

Alter! willst du’s selbst versuchen?
Komm’, sie soll dich einmal küssen;
Glühend sollst du, sieh’, ich wette,
Deine Pelze von dir werfen,
Sollst vor großer Hitze dursten;
Komm’ ich habe hier zu trinken!
Autor: Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Das Schneegestöber

Wie die kleinen Flöckchen
Bei des Windes Weh'n
Hell im weißen Röckchen
Durcheinander dreh'n!

Wechseltänze schlingen
Sie auf luft'gem Plan;
In verworr'nen Ringen
Krümmt sich ihre Bahn.

Hast vergeb'nes Mühen,
Rasches Flöckchen dort;
Spottend dein im Fliehen
Schwebt das Liebchen fort.

Andre, die ersiegen
Sich die holde Braut,
Aneinander schmiegen
Sie sich sanft und traut.

Aber alle kommen
Endlich hin zur Ruh',
Wann die Sonn' erglommen,
Deckt ein Grab sie zu.

Wahres Bild des Lebens!
Der erringt sich Lust,
Jener hascht vergebens
Bis ihm brach die Brust.

Doch in einen Hafen
Laufen alle ein,
In der Erde schlafen
Sie im engen Schrein.
Autor: Adolf Bube

Friedhof im Winter

Grab an Grab liegt weißbedeckt,
Schuhtief unterm Schnee versteckt.

Jedes Kreuz und jeden Stein
Hüllt ein weißer Teppich ein.

Selbst der Fichte dunkler Ast
Beugt sich unter Schnees Last.

Und ein Himmel, grau und schwer,
Hängt sein Bahrtuch drüber her.

Durch den Schnee mit trübem Sinn
Wandl ich zwischen Gräbern hin.

Und die ganze weite Welt,
Scheint mir nun ein Totenfeld.

Doch ein falber Strahl von Licht
Westwärts durchs Gewölke bricht,

Und ein Streifchen Himmelblau
Dämmert blass durchs Wolkengrau,

Und ein selig Ahnen zieht
Leise durch mein schwer Gemüt:

Frühlingsgrün auf Eis und Schnee,
Himmelstrost nach Erdenweh!
Autor: Karl Gerok

Im Winter

Arme Erde, bleich und kahl,
Wie ein kaltes Grab!
Nicht ein warmer Sonnenstrahl
Fällt auf dich herab.

Winter, ungebet'ner Gast,
Finster, bös' und hart,
Was dein kalter Arm umfaßt,
Bebet und erstarrt.

Sonne der Gerechtigkeit,
Heller Morgenstern,
Bleib' nur Du in dieser Zeit
Nimmer von uns fern!

Laß nur in der Seele nicht
Kälte sein und Tod,
Bleibe, Jesu, Du ihr Licht,
Du ihr Lebensbrot!

Laß die Herzen für und für
Glühn im Gnadenschein,
Und im Kampf die Freud' an Dir
Ihre Stärke sein.

Mut! — Ob unser Weg auch hier
Geht durch Eis und Glut,
Kraft und Leben schöpfen wir
Aus der Gnadenflut.

Und des Weges Ziel, es ist
Köstlich warm und licht, —
Arme Erd', o nein, du bist
Unsre Heimat nicht!

Himmelan! nur himmelan,
Frisch und unverzagt!
Jesu, brich uns selbst die Bahn,
Bis der Morgen tagt.
Autor: Julie Hausmann

Winter

Die Bäume glitzern rings im Eise,
Unheimlich lautlos rieselt Schnee.
Die weichen Flocken decken leise
Der Blumen letztes Todesweh.

Nur zwischen starren Zweigen hangen
Noch rote Beeren, frisch und licht,
Ein täuschend Leben! Rosenwangen
Auf einem Leichenangesicht.

Die gold'ne Sonne strahlt wie immer,
Doch wärmt sie nicht das öde Land.
An Menschenaugen mahnt ihr Schimmer,
Die falsch und treulos man erkannt.
Autor: E. Marlitt

Im Winter

Im Winter, wenn es schneit und friert,
Kein Blümchen mehr den Garten ziert,
Wenn kalte, raue Winde blasen,
Und dichter Schnee bedeckt den Rasen,
Dann leidet manches Kindlein Not
Und frieret ohne Kleid und Brot:
Hilf, lieber Gott, den armen Kleinen
Und mach doch, daß sie nicht mehr weinen.
Autor: Julie Hausmann

Winterlandschaft

Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche,
bis auf den letzten Hauch von Leben leer;
die muntern Pulse stocken längst, die Bäche,
es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.

Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise,
erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab,
und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise,
so gräbt er, glaub' ich, sich hinein ins Grab.

Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend,
wirft einen letzten Blick auf's öde Land,
doch, gähnend auf dem Thron des Lebens sitzend,
trotzt ihr der Tod im weissen Festgewand.
Autor: Friedrich Hebbel

Der Winter

Wenn ungesehn und nun vorüber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende
Wie einer Frage Ton, das dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
So glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.
Autor: Friedrich Hölderlin

Der Winter

Der Sturm heult immer laut in den Kaminen
Und jede Nacht ist blutig-rot und dunkel.
Die Häuser recken sich mit leeren Mienen.

Nun wohnen wir in rings umbauter Enge,
Im kargen Licht und Dunkel unserer Gruben,
Wie Seiler zerrend grauer Stunden Länge.

Die Tage zwängen sich in niedre Stuben,
Wo heisres Feuer krächzt in großen Öfen.
Wir stehen an den ausgefrornen Scheiben
Und starren schräge nach den leeren Höfen.
Autor: Georg Heym

Winter

Das ist der bleiche Winter:
Eiszapfen in der Hand,
Am Wolkenwebstuhl spinnt er
Elend und Liebestand.

Sein Atem überschauert
Mit Schneekristall das Land,
In Frost und Nöten kauert
Armut am Herdesrand.

Auf spiegelblankem Eise
Sportlust ist heiß entbrannt,
Venus im Pelz zieht Kreise
Um ihren Leutenant.

Das ist der bleiche Winter:
Eiszapfen in der Hand,
Am Wolkenwebstuhl spinnt er
Elend und Liebestand.
Autor: Karl Henckell

Schneesturm

Droben schwarze Wolken jagen
Pfeilgeschwind,
Seine schaurig wilden Klagen
Stöhnt der Wind.
Durch verfall'ner Mauer Spalten
Wirbelt Schnee,
Wie von finst'rer Macht gehalten
Starrt der See.
Und kein goldnes Sterngewimmel
Leuchtet mild,
Wie verschlossen dräut der Himmel
Schwarz und wild...
Da zerreißt der Sturm die mächt'ge
Wolkenschicht
Und ein lichter Stern das nächt'ge
Graus durchbricht!
Strahl ins Herz mir, gold'ner Schimmer,
Lind und sacht. –
Seine Sterne leuchten immer –
Drin ist Nacht!
Autor: E. Marlitt

Im Winter

Als meine Freunde,
Die Bäume, noch blühten,
Rosen und Feuer-
Lilien glühten,
Waren die Menschen
All mir bekannt,
War mir die Erde
Lieb und verwandt.
Jetzt, wo die Freunde,
Die Bäume, gestorben,
Jetzt, wo die Lieben,
Die Blumen, verdorben,
Stehen die Menschen
Kalt auf dem Schnee,
Und was sie treiben,
Macht mir nur weh.
Autor: Justinus Kerner

Erster Schnee

Wie nun alles stirbt und endet
Und das letzte Lindenblatt
Müd sich an die Erde wendet
In die warme Ruhestatt,
So auch unser Tun und Lassen,
Was uns zügellos erregt,
Unser Lieben, unser Hassen
Sei zum welken Laub gelegt.

Reiner weißer Schnee, o schneie,
Decke beide Gräber zu,
Daß die Seele uns gedeihe
Still und kühl in Wintersruh!
Bald kommt jene Frühlingswende,
Die allein die Liebe weckt,
Wo der Haß umsonst die Hände
Dräuend aus dem Grabe streckt.
Autor: Gottfried Keller

Erster Schnee

Wie plötzlich doch bedeckt mit Eis
So Strauch und Bäume steh'n,
Auf letztem Grün das erste Weiß,
Wie traurig ist's zu seh'n!

Was bangst du, Herz? Sei frisch und kühn
Und denk', wenn Flocken weh'n:
Auf letztem Weiß das erste Grün,
Wie lieblich wird das steh'n!
Autor: Johann Nepomuk Vogl

Ein Schmetterling im Winter

Was schlägt an meine Fensterscheiben,
Gleich Flügeln, leis und fein?
Ein Schmetterling! bei Schneees Treiben,
Wie kamst du hier herein?

Du hattest wohl in meiner Klause
Dich eingepuppt, Gesell;
Gelockt aus deinem engen Hause
Hat dich die Wärme schnell.

Nun möchtest du mit Blumen kosen
Im heitern Sonnenlicht:
Ach! eisig grimme Stürme tosen;
Da draußen blüht es nicht!

O bleib bei mir, wir sind Genossen!
Ich weiß, wie dem zu Muth,
Der trägt bei Winters Eisgeschossen
Im Herzen Lenzesglut.

O bleib! mit Blumen soll der Gärtner
Dir eilig schaffen Rath:
Wir wollen harren, bis als Pförtner
Der Lenz uns beiden naht.
Autor: Franz Kugler

Winter

Es fallen dichte Flocken
Im matten Abendschein,
Vom Dorf her läuten Glocken
Die Erde in Schlummer ein.

Einst bleichen deine Locken
Und alle Jugendzier,
Dann dämmerts und die Glocken
Läuten auch über dir.
Autor: Maria Köstlin

Winter

Es treiben grosse Flocken dicht und schräg –
Der Wald hält still, die Zweige hängen träg.

Der Wind, der um die Wipfel wehte, schweigt.
Die Kronen haben langsam sich geneigt.

Um eine hohe Tanne rieselt kalt
Der Schnee: Mein Haupt wie Eis! Bin ich schon alt?

Durch hundert Jahre ist es nicht so weit –
Ich steh schon immer in der Ewigkeit.
Autor: Hedwig Lachmann

Im Schnee

Wie naht das finster türmende
Gewölk so schwarz und schwer!
Wie jagt der Wind, der stürmende,
Das Schneegestöber her!

Verschwunden ist die blühende
Und grüne Weltgestalt;
Es eilt der Fuss, der fliehende,
Im Schneefeld nass und kalt.

Wohl dem, der nun zufrieden ist
Und innerlich sich kennt!
Dem warm ein Herz beschieden ist,
Das heimlich loht und brennt!

Wo, traulich sich dran schmiegend, es
Die wache Seele schürt,
Ein perlend, nie versiegendes
Gedankenbrauwerk rührt!
Autor: Gottfried Keller

Vorgefühl

Es ist ein Schnee gefallen,
hat alles Graue zugedeckt,
die Bäume nur gen Himmel nicht;
bald trinkt den Schnee das Sonnenlicht,
dann wird das alles blühen,
was in der harten Krume jetzt
kaum Wurzeln streckt.
Autor: Richard Dehmel

Winterlied

Geduld, du kleine Knospe
Im lieben stillen Wald,
Es ist noch viel zu frostig,
Es ist noch viel zu bald.

Noch geh ich an dir vorüber,
Doch merk ich mir den Platz,
Und kommt heran der Frühling,
So hol ich dich, mein Schatz.
Autor: August von Platen-Hallermünde

Winter

Gern wandl’ ich weite Pfade, stille,
Wenn tief der Schnee und licht der Tag,
Ein inn’rer Drang, ein leiser Wille
Führt mich zum überhangnen Hag;
Ich atme Himmelsluft, und Wonne
Durchzittert lind die Seele mein,
Und kurzer Stunden letzte Sonne
Senkt ihren Scheidestrahl hinein.

Wie fühl’ ich eigen mich gehoben:
Im Silberkleide Wald und Flur,
So rein, so frei der Blick nach Oben,
Die Höhn getaucht noch in Azur;
Ob kalt auch Winde mich umwehen,
Die rings die Welt in Bann gelegt —
Des neuen Frühlings Auferstehen,
Im Innern ahn’ ich’s, tiefbewegt!

Nicht Blumenduft in Sommerzeiten
Bringt solche Ruh’ mir ins Gemüt,
Wie sie mir jetzt beim Heimwärtsschreiten
Im Innersten des Herzens blüht. —
Die tiefe, große Nuh’ der Fluren,
Sie senkte Frieden mir ins Herz
Und lenkte es auf reinen Spuren
Mit stillem Finger himmelwärts!
Autor: Mathilde Leonhardt

Winter im Gebirg

Verklungen sind die holden Schwüre,
Die hier gar oft der Mond belauscht.
Statt Flüstern vor der Kammertüre,
Ist's nur der Brunnen, der da rauscht.
Wo keine Schöne kalt geblieben,
Ward ihr gebracht ein Edelweiß,
Wo wir den Kahn ans Land getrieben,
Knarrt nächtlich aufgeschreckt das Eis.

Und auch die Felder sind gefroren,
Der Wald, in dem man sich erging,
Wo man im Pfänderspiel verloren
Und einen Kuß dafür empfing.
Der Schnee bedeckt die Spur der Kohlen,
Wo Freudenfeuer hell geglüht,
Wo Primeln und wo Bergviolen
Am schönsten Busen einst geblüht.

Der Frühling wird sie wieder bringen,
Bald tost der Föhn und löst den Schnee;
Nur dich hört niemals wieder singen
Das Felstal und der grüne See.
In dieser Berge dunklem Rahmen
Wie schienst du hell das Bild dazu!
Ihr Echo ruft mir deinen Namen,
Sonst aber sind sie still wie du.

Und auch wie du vom Lilienkleide
In tiefem Schlummer zugedeckt,
So fern der Welt und allem Leide,
Von keinem Lebenshauch geweckt.
Nur etwas schwebt wie sanfte Klage
Um diese Höh'n, so still und rein:
Sie schließen meine schönsten Tage,
Die Rosen meiner Jugend ein!
Autor: Hermann von Lingg

Im Winter

Wiesengrund und Bergeshöh'
Liegen wie begraben,
Auf dem schimmernd weißen Schnee
Tummeln sich die Raben.

Mag die Sonne auch ihr Licht
Fernehin entsenden,
Es erquickt und wärmet nicht,
Kann nur schmerzlich blenden.

Dicht vor meinem Fenster steht
Eine schlanke Linde,
Mit Demanten übersä't
Stöhnet sie im Winde.

An die Scheiben pocht sie leis',
Leis' wie Glöckchen läuten;
Was sie sagen will, ich weiß
Mir es wohl zu deuten.

Arme Linde! Tag und Nacht
Scheinst du mir zu klagen:
Dürft ich doch, statt todter Pracht,
Wieder Blüthen tragen!
Autor: Betty Paoli

Winter

Nun hüllt in stille Wintertrauer
Die Erde sich mit ihrer Lust
Und nimmt zum Schutz vor kaltem Schauer
Die müden Kinder an die Brust.

Auf all die schlummernden Gestalten,
Daß sie kein eis'ger Hauch mehr schreckt,
Und um dem Lenz sie zu erhalten,
Hat Gott ein wärmend Kleid gedeckt.

Da liegen sie in holden Träumen
Am Herzen ihrer Mutter still,
Bis sie ein Ruf zu neuem Keimen,
Zu schönerm Los sie wecken will.
Autor: Franz Xaver Seidl

Im Winter

Wirft auch der Wind mit Flocken,
Ist auch der Pfad verschneit,
Hinaus! vom Stubenhocken
Wird Herz und Hirn nur trocken,
Wird nie die Seele weit.

Hinaus, dem Sturm entgegen!
Er lehrt mich kurz und gut,
Das Dürre allerwegen
Zu fassen und zu fegen,
Entfacht mir Glut und Mut.

Er bläst, will ich ermatten,
Mir frischen Odem ein
Und schuf, wenn Wolkenschatten
Den Tag verfinstert hatten,
Noch immer Sonnenschein.

Er ruft: "An blütenreiche
Lenztage dennoch glaub!
Der Weihnachtstanne gleiche,
Behalt nicht, wie die Eiche
Im Winter welkes Laub!"
Autor: Theobald Nöthig

Im Winter

Nun hat die Welt erworben
Der Winter und erstorben
Ist jedes Blütenreis.
Vorüber all die Träume!
Entblättert steh'n die Bäume,
Gehüllt in Schnee und Eis.

Verzag nicht Herz, vertraue
Auf deinen Stern und baue
Getrost auf seine Huld.
Schon hörst du's leise beben,
Schon keimt ein neues Leben,
Hab nur Geduld, Geduld!
Autor: Emil Peschkau

Im Winter

Wenn ich die Blumen, verhüllt mit Schnee,
Still zwischen den Fenstern trauern seh',
So werden mir meine Lieder klar,
Und über ihnen - mein graues Haar.

Wenn wieder die Schwalbe zu Neste trägt,
Wenn wieder im Korn die Wachtel schlagt,
Dann heben die Blumen mit frischem Flor
Zum Himmel die Köpfchen voll Duft empor.

Wann naht die Schwalbe, wann blüht das Korn,
Wo meiner Lieder versunk'ner Born
Des Lebens Winterschlaf ausgeträumt,
Und frisch durch die Blumen Edens schäumt?
Autor: Matthias Leopold Schleifer

Das Feierkleid

Wie langsam, Schnee, du niedersinkst,
Ein feiernd stiller Chor,
Und dann als reiner Silberflor
Weit auf der Eb'ne blinkst.
Mir wird, als stieg in Herrlichkeit
Der Engel Schar herab
Und deckte weit das Erdengrab
Mit reinem Feierkleid.
Da keimen Blumen drunter aus
Voll Auferstehungsmacht,
Und strahlen einst in Liebespracht
Durch's ew'ge Himmelshaus.
Autor: Friedrich de la Motte Fouqué

Ein winterliches Gedicht

Erst gestern war es, denkst du daran?
Es ging der Tag zur Neige.
Ein böser Schneesturm da begann
und brach die dürren Zweige.
Der Sturmwind blies die Sterne weg,
die Lichter, die wir lieben.
Vom Monde gar war nur ein Fleck,
ein gelber Schein geblieben.
Und jetzt? So schau doch nur hinaus:
Die Welt ertrinkt in Wonne.
Ein weißer Teppich liegt jetzt aus.
Es strahlt und lacht die Sonne.
Wohin du siehst: Ganz puderweiß
geschmückt sind alle Felder,
der Bach rauscht lustig unterm Eis.
Nur finster stehn die Wälder.
Autor: Alexander Sergejewitsch Puschkin

Birke im Winter

Die weiße Birke, heute früh
Ist sie aus ihrem Traum erwacht,
Sie schaut an sich herab und lacht;
So weiß wie heut war sie noch nie.

Doch nicht nur sie, sie glaubt sich's kaum,
Der Boden weiß, auf dem sie steht,
Und selbst die Luft ist weiß durchweht:
Die ganze Welt ein Birkenbaum!

Sie denkt nicht dran in ihrem Glück,
Daß sie dies Weiß schon kennen müßt'.
Was irdisch unbeweglich ist,
Lebt stets das Jetzt, den Augenblick.

Kein Gestern oder Morgen schreckt
Ihr festgewurzelt Glücklichsein.
So glänzt im Wintersonnenschein
Die weiße Birke schneebedeckt...
Autor: Hugo Salus

Willkommen, lieber Winter

Willkommen, lieber Winter,
Willkommen hier zu Land!
Wie reich du bist, mit Perlen
Spielst du, als wär' es Sand!

Den Hof, des Gartens Wege
Hast du damit bestreut;
Sie an der Bäume Zweige
Zu Tausenden gereiht.

Dein Odem, lieber Winter,
Ist kälter, doch gesund;
Den Sturm nur halt' im Zaume,
Sonst macht er es zu bunt!
Autor: Elisabeth Kulmann

Nahender Winter

Schnee in der Luft!
Fröstelnde Gliedert
Unheimlich ruft
Die Krähe nieder.

Nun mach' dich immerhin gefaßt
Auf bange Nächte, dunkle Tage.
Die Jugend wie ein Erb' verpraßt —
Nun krächzt sie her, des Alters Klage.

Nun melden sich einander nach
Gebrechen leis wie Traumgestalten,
Und quälen dir den Körper wach,
Will endlich Ruh' im Geiste walten.

Wenn also gegenseitig zu
Die Leiden ihren Ball sich werfen,
So findest es dein Schicksal du,
Der Philosoph nennt's kranke Nerven.

Die Namen sind mir einerlei:
Doch alle Weisheitsargumente
Verschenkt' ich für ein bisschen Mai,
Das ich von Herzen atmen könnte.

Schnee in der Luft!
Fröstelnde Glieder!
Unheimlich ruft
Die Krähe nieder.
Autor: Sigmund Schott

Das Dorf im Schnee

Still, wie unterm warmen Dach,
Liegt das Dorf im weißen Schnee;
In den Erlen schläft der Bach,
Unterm Eis der blanke Schnee.

Weiden steh'n im weißen Haar,
Spiegeln sich in starrer Flut;
Alles ruhig, kalt und klar
Wie der Tod der ewig ruht.

Weit, so weit das Auge sieht,
keinen Ton vernimmt das Ohr;
Blau zum blauen Himmel zieht
Sacht der Rauch vom Schnee empor.

Möchte schlafen wie der Baum,
Ohne Lust und ohne Schmerz;
Doch der Rauch zieht wie im Traum
Still nach Haus mein Herz.
Autor: Klaus Groth

Mein Freund, der Winter

Es ist der Trennungstag schon da,
Da schreibt besorgt die Frau Mama:
Schnee liegt in allen Gleisen,
Der Winter ist so grimm und starr,
Bleib nur mein Töchterchen! Fürwahr
Mein Schatz du darfst nicht reisen!

Du alter Freund im Silberbart,
Du meinst es gut du Eisenhart,
Dich Winter will ich preisen!
Es drohte Trennung dem Verband,
Du frierst ihn wieder aneinand:
Mein Schatz, der darf nicht reisen.

Du rauhbereifter Nordgesell
Dein Frost ist mir ein Feuerquell,
Hold deine rauhen Weisen;
Schick Eis und Kälte, daß es klingt
Und daß mein Herze springt und singt:
Mein Schatz der darf nicht reisen.

Nun lache Tags mit Sonnenschein!
Und glitzre Nachts mit Sternelein!
Sei streng wie Stahl und Eisen!
Ich will dir wünschen, was dir frommt,
Daß nicht der Dieb der Thauwind kommt -
Und meinen Schatz läßt reisen.
Autor: Heinrich Seidel

Wintertag

Über schneebedeckter Erde
Blaut der Himmel, haucht der Föhn –
Ewig jung ist nur die Sonne!
Sie allein ist ewig schön!

Heute steigt sie spät am Himmel
Und am Himmel sinkt sie bald,
Wie das Glück und wie die Liebe,
Hinter dem entlaubten Wald.
Autor: Conrad Ferdinand Meyer

Der Winter

Der Winter pfeift die Ohren uns voll,
Und leider nicht erst seit gestern,
Er bläst und schmettert darein wie toll
Mit dem laut’sten vor allen Orchestern.

Spar deinen Atem, Winterwind,
Wir halten die Ohren verschlossen,
Müd sind wir der Blumen, so blank sie sind,
Die an den Fenstern sprossen.

In diese kalte sibirische Nacht
O fiel’ ein Strahl der Erhellung.
Verdräng’, o Lenz, mit warmer Pracht
Die eisige Blumenausstellung!
Autor: Ludwig Seeger

Der erste Schnee

Nein, wer hätte das gedacht
beim Zur-Schule-Gehn!
Heute morgen um halb acht
war noch nichts zu sehn.
Keine Flocke rings im Kreis -
jetzt ist alles zuckerweiß.
Wie das wirbelt, tanzt und sprüht!
Weiß ist jedes HJaus.
Unsre Schule selber sieht
wie ein Schneemann aus.
Jungens, Bälle nun gemacht!
Heute gibt's eine Schneeballschlacht!
Autor: Adolf Holst

Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein grosser Fisch geschwommen,
so stösst er mit der Nase an.

Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst du ihn rauf, so macht es klirr
und titscher - titscher - titscher - dirr ...
Heißa, du lustiger Kieselstein!

Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwäblein fliegen -
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draussen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen:
doch so sehr sie die Nasen ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.

Aber bald, aber bald
werden wie selbst auf eigenen Sohlen
hinaus gehen können und den Stein wiederholen.
Autor: Christian Morgenstern

Winter-Sonnwend-Fest

Nun bedeckt der Schnee die Fluren weit und breit;
Der Wald, das Feld, der Garten sind verschneit,
Ein Leichentuch liegt auf der Erde.
Doch wissen wir, darunter formt sich still
Die Pflanze, die zum Lichte dringen will,
Und hofft, dass holder Frühling kommen werde.

Ringsum herrscht Friede. Froher Festestraum
Weht durch die Welt. Den trauten Tannenbaum
Ziert Lichterschmuck und Liebesspende.
Horch - Glockenklang! Ein würdiger Choral
Schwebt sanft verhallend über Berg und Tal -
Das ist die Zeit der Wintersonnenwende!

Du müdes Menschenherz, vom Leid erfasst,
Aufstöhnend unter bittrer Sorgen Last,
Du sollst dich nicht verloren wähnen!
Schon keimt der Trost, der künftig dich beglückt,
Die Liebe waltet, die den Lenz dir schmückt:
Ein Freudensonnenstrahl trinkt deine Tränen.

Verzage nicht! Sei stark und fasse Mut!
Gewiss, es wird noch alles, alles gut,
Und jeder Kummer hat ein Ende!
Die Hoffnung gießt, das wahre Weihnachtskind,
In alle Seelenwunden Balsam lind
zur Wonnezeit der Wintersonnenwende!
Autor: Jakob Schiff

Die Blumen in den Wintertagen

Die Blumen, in den Wintertagen,
Versammeln froh sich hier zuhauf,
Mit heitern Blicken uns zu sagen:
An ihrem Fest blüht alles auf.
Autor: Johann Wolfgang von Goethe

Eislauf

Heute, Kinder, wolln wir es wagen!
Heute wird das Eis wohl tragen,
darum los, wer laufen kann!
Mütze auf und Schlittschuh an!
Ach, so wohlig sich zu wiegen
Schwalbengleich dahin zu fliegen,
auf und ab im Sonnenstrahl,
blank das Eis und blank der Stahl!
Müllers Max und Schneiders Fritze
mit der braunen Pudelmütze,
wie sie schwenken und sich drehn!
Habt ihr sowas schon gesehn ?
Hoch das Bein und kühn im Bogen
kommen sie herangeflogen,
Eins-zwei-drei und wie der Blitz-
Bums! Da liegt der Schneider Fritz.
Autor: Adolf Holst

Weiss ist der Garten

Weiss ist der Garten, wohin ich auch seh.
Winter, willkommen mit Eis und mit Schnee!
Vöglein, ihr kleinen, auch ihr sollt euch freuen,
Körner und Krumen woll'n wir euch streuen.
Schneit's auch noch toller um Hecken und Höhn,
heissa-juchhe, auch der Winter ist schön!
Autor: Adolf Holst

Winter vs. Weihnachten: Die Abgrenzung in der Lyrik

Auf den ersten Blick scheinen Wintergedichte und Weihnachtsgedichte eng verwandt zu sein - beide entstehen in derselben Jahreszeit, beide nutzen ähnliche Bilder wie Schnee und Kälte. Doch bei genauerer Betrachtung zeigen sich fundamentale Unterschiede, die diese beiden Gattungen klar voneinander abgrenzen.

Der wichtigste Unterschied liegt im zeitlichen Rahmen. Weihnachtsgedichte sind auf wenige Tage oder Wochen konzentriert - die Adventszeit, den Heiligen Abend, die Weihnachtsfeiertage. Sie sind ereignisbezogen, sie kreisen um ein spezifisches Fest. Wintergedichte hingegen umfassen eine ganze Jahreszeit, die meteorologisch von Dezember bis Februar dauert, kalendarisch vom 21. Dezember bis 20. März. Sie sind nicht an ein Ereignis gebunden, sondern an einen Zustand der Natur. Ein Wintergedicht kann im November entstehen, wenn der erste Frost kommt, oder im März, wenn der letzte Schnee fällt. Es ist zeitlich offener, weniger festgelegt.

Auch thematisch unterscheiden sich die beiden Gattungen erheblich. Weihnachtsgedichte handeln von menschlichen Ritualen, von Familie, Geschenken, religiösen Inhalten. Sie sind anthropozentrisch - der Mensch und seine Feste stehen im Mittelpunkt. Wintergedichte hingegen richten den Blick nach außen, auf die Natur. Sie beschreiben Naturphänomene: wie der Schnee fällt, wie Eiszapfen wachsen, wie Bäume kahl im Wind stehen, wie Tiere sich anpassen. Der Mensch kommt vor, aber oft als Beobachter oder als Teil der Winterlandschaft, nicht als Protagonist eines Festes.

Die Stimmung unterscheidet sich ebenfalls. Weihnachtsgedichte tendieren zu Wärme, Gemütlichkeit, Freude - auch wenn es Ausnahmen gibt. Der Grundton ist meist positiv, feierlich. Wintergedichte haben eine breitere emotionale Palette. Sie können die Schönheit des Winters feiern, aber auch seine Härte thematisieren. Sie sprechen von Kälte, Einsamkeit, Erstarrung, Tod der Natur. Sie sind nicht zwangsläufig optimistisch. Manche Wintergedichte sind melancholisch, manche sogar düster. Diese größere emotionale Bandbreite macht sie komplexer.

Auch in der Symbolik zeigen sich Unterschiede. Weihnachtssymbole sind kulturell und religiös aufgeladen: der Stern von Bethlehem, die Krippe, der Weihnachtsbaum, das Christkind. Diese Symbole haben festgelegte Bedeutungen. Wintersymbole sind offener: Schnee kann Reinheit bedeuten, aber auch Kälte und Tod. Eis kann Schönheit symbolisieren oder Gefühllosigkeit. Kahle Bäume können für Vergänglichkeit stehen oder für die Kraft, Widrigkeiten zu überstehen. Diese Mehrdeutigkeit macht Wintergedichte interpretationsoffener.

Schließlich ist die Zielgruppe unterschiedlich. Weihnachtsgedichte werden oft in Gemeinschaft geteilt, vorgetragen, verschickt. Sie sind soziale Texte. Wintergedichte sind eher für die stille Lektüre gedacht, für den individuellen Genuss. Sie sprechen den Leser an, der allein ist, der aus dem Fenster schaut, der nachsinnt. Diese Intimität macht sie zu einem anderen literarischen Erlebnis.

Naturbeobachtung als Kern von Wintergedichten

Das Herzstück vieler Wintergedichte ist die genaue, liebevolle Beobachtung der Natur. Dichter werden zu Naturforschern, die mit Worten festhalten, was sie sehen, hören, fühlen. Diese Naturbeobachtung ist mehr als schmückendes Beiwerk - sie ist der eigentliche Inhalt und Zweck vieler Wintergedichte.

Die Verwandlung der Landschaft: Der Übergang vom Herbst zum Winter ist eine dramatische Transformation. Binnen weniger Wochen verändert sich die Landschaft vollständig. Blätter fallen, Farben verschwinden, alles wird kahl und karg. Dann kommt der Schnee und verwandelt die graue Welt in eine weiße. Dichter haben diese Verwandlung immer wieder beschrieben, fasziniert von der Radikalität der Veränderung. Sie beobachten, wie vertraute Orte fremd werden unter der Schneedecke, wie Konturen verschwimmen, wie Geräusche gedämpft werden. Diese Beschreibungen sind oft präzise und detailreich, geboren aus genauem Hinsehen.

Wetterphänomene und ihre Poesie: Winter bedeutet nicht nur Schnee. Es gibt Frost, der Fenster mit Eisblumen überzieht. Es gibt Nebel, der die Welt verhüllt. Es gibt Sturm, der durch kahle Äste heult. Es gibt die klare Kälte sternenklarer Nächte. Jedes dieser Phänomene hat seine eigene Ästhetik, seine eigene Stimmung. Dichter erkunden diese Vielfalt. Ein Gedicht über Raureif ist völlig anders als eines über Schneetreiben. Diese Differenzierung zeigt die Aufmerksamkeit der Dichter für Nuancen, die dem flüchtigen Beobachter entgehen würden.

Flora im Winterschlaf: Die Pflanzenwelt im Winter ist tot oder schlafend - auf den ersten Blick. Doch Dichter entdecken Leben im scheinbar Leblosen. Sie beschreiben, wie immergrüne Tannen stolz ihre Nadeln tragen, während alles um sie herum kahl ist. Sie sehen, wie unter der Schneedecke Frühblüher auf ihre Zeit warten. Sie bemerken, wie Knospen an Zweigen schon den nächsten Frühling vorbereiten. Diese Beobachtungen sind oft hoffnungsvoll: Der Winter ist nicht das Ende, sondern eine Phase im Zyklus. Das Leben ruht, aber es ist da, bereit zum Neuanfang.

Tierwelt in der Kälte: Wie überleben Tiere den Winter? Diese Frage beschäftigt auch Dichter. Sie beobachten Vögel, die nicht wegziehen - Meisen, Spatzen, Krähen - und beschreiben, wie sie nach Futter suchen. Sie sehen Spuren im Schnee und rätseln, welches Tier hier gegangen ist. Sie staunen über die Anpassungsfähigkeit: das dichte Winterfell, die Vorratshaltung der Eichhörnchen, den Winterschlaf der Bären. Diese Naturbeobachtungen machen Wintergedichte auch zu Wissensvermittlern. Sie lehren, genau hinzuschauen, die Natur zu verstehen.

Licht und Schatten im Winter: Die Lichtverhältnisse im Winter sind besonders. Die Sonne steht tief, die Tage sind kurz, das Licht ist anders als im Sommer - weicher, manchmal fast silbern. Schatten sind länger, Kontraste stärker. Dichter nutzen diese besonderen Lichtverhältnisse für stimmungsvolle Beschreibungen. Sie malen mit Worten, wie das schwache Winterlicht durch kahle Zweige fällt, wie Schnee das wenige Licht reflektiert und die Nacht erhellt, wie die Dämmerung schon am Nachmittag beginnt. Diese Lichtpoesie schafft Atmosphäre.

Geräusche und Stille: Der Winter hat seine eigenen Geräusche, und Dichter sind aufmerksam für sie. Das Knirschen von Schnee unter den Füßen. Das Knacken von Eis auf einem zugefrorenen See. Das Heulen des Windes. Das Plätschern von Schmelzwasser. Aber oft thematisieren Wintergedichte auch die Stille - die besondere, tiefe Ruhe nach einem Schneefall, wenn alle Geräusche gedämpft sind, wenn die Welt wie in Watte gepackt scheint. Diese Stille ist keine Leere, sondern eine Qualität, die Dichter als wertvoll beschreiben, als Geschenk.

Der Winter im Zyklus der Jahreszeiten

Winter existiert nicht isoliert, sondern als Teil eines Zyklus. Viele Wintergedichte reflektieren diese Einbettung in den größeren Rhythmus der Natur. Sie denken über die Bedeutung des Winters nach, seine Rolle im Kreislauf von Werden und Vergehen.

Das Ende als Vorbereitung des Anfangs: Der Winter ist das Ende des natürlichen Jahres, aber er bereitet bereits den Neuanfang vor. Unter der Schneedecke keimt schon das Leben des Frühlings. Gedichte, die diesen Aspekt betonen, haben oft eine zuversichtliche, hoffnungsvolle Note. Sie sagen: Ja, jetzt ist es kalt und karg, aber das ist notwendig. Die Natur braucht diese Ruhephase. Bäume brauchen den Winter, um im Frühling austreiben zu können. Samen brauchen die Kälte, um zu keimen. Diese Sicht macht den Winter zu einem produktiven Stadium, nicht zu einem bloßen Niedergang.

Ruhe und Regeneration: Viele Wintergedichte betonen die Notwendigkeit von Ruhe. So wie die Natur sich zurückzieht, sollten auch Menschen innehalten. Der Winter lädt ein zum Rückzug, zur Besinnung, zur Sammlung von Kräften. Diese Gedichte haben oft eine kontemplative Qualität. Sie sind weniger beschreibend, mehr philosophisch. Sie fragen: Was können wir vom Winter lernen? Und sie antworten: Die Kunst des Loslassens, das Vertrauen in den Zyklus, die Erkenntnis, dass nach jedem Winter ein Frühling kommt.

Vergänglichkeit und Beständigkeit: Der Winter macht Vergänglichkeit sichtbar. Was im Sommer grün und lebendig war, ist jetzt tot oder schlafend. Gedichte über diese Vergänglichkeit können melancholisch sein, aber sie sind nicht hoffnungslos. Denn der Zyklus lehrt: Nichts ist endgültig vorbei. Was stirbt, wird wiedergeboren. Diese zyklische Sicht auf Leben und Tod ist tröstlich. Sie nimmt dem Tod seinen absoluten Schrecken und zeigt ihn als Teil eines größeren Ganzen.

Kontraste zwischen den Jahreszeiten: Manche Wintergedichte arbeiten mit Kontrasten. Sie erinnern an den vergangenen Sommer, an Wärme und Fülle, und stellen ihr die jetzige Kälte und Kargheit gegenüber. Diese Kontraste können wehmütig sein - eine Sehnsucht nach dem, was war. Aber sie können auch die Besonderheit jeder Jahreszeit hervorheben: Gerade weil wir den Sommer erlebt haben, können wir den Winter schätzen. Die Vielfalt der Jahreszeiten macht das Jahr reich.

Die menschliche Lebensspanne als Jahreszyklus: Eine alte Metapher setzt die Jahreszeiten mit Lebensphasen gleich: Frühling ist Kindheit, Sommer ist Jugend, Herbst ist reifes Alter, Winter ist Greisenalter und Tod. Gedichte, die mit dieser Metapher arbeiten, geben dem Winter eine existenzielle Tiefe. Sie sprechen nicht nur von der Natur, sondern vom menschlichen Leben. Der Winter wird zum Symbol für das Altern, für das Zu-Ende-Gehen. Diese Gedichte können ernst, manchmal traurig sein, aber sie können auch Würde und Weisheit im Alter finden, so wie der Winter seine eigene strenge Schönheit hat.

Die drei Wintermonate in der Dichtung

Der Winter ist nicht einheitlich. Jeder der drei Wintermonate - Dezember, Januar, Februar - hat seinen eigenen Charakter, und Dichter haben diese Unterschiede wahrgenommen und in ihren Gedichten festgehalten.

Dezember: Der Monat des Übergangs: Der Dezember steht am Anfang des Winters, aber er ist noch vom Herbst geprägt. Die ersten Fröste kommen, vielleicht der erste Schnee, aber oft ist es noch nicht richtig winterlich. Gleichzeitig ist der Dezember der Monat der Wintersonnenwende, des kürzesten Tages. Nach dem 21. Dezember werden die Tage wieder länger - ein Wendepunkt. Gedichte über den Dezember thematisieren oft diesen Übergangscharakter. Sie sprechen vom Abschied, vom Dunkelwerden, aber auch vom Licht, das wiederkehrt. Der Dezember ist auch stark von Weihnachten geprägt, was ihn von den anderen Wintermonaten unterscheidet. Gedichte, die explizit vom Dezember sprechen, navigieren zwischen Naturlyrik und Festtagsthematik.

Januar: Der Höhepunkt der Kälte: Der Januar ist der kälteste Monat in vielen Regionen. Er ist der Inbegriff des Winters - Schnee, Eis, Frost, kurze Tage. Gedichte über den Januar sind oft die "reinsten" Wintergedichte. Sie haben nichts Weihnachtliches mehr an sich, nichts Festliches. Sie konzentrieren sich auf die Natur, auf Kälte, auf Reduktion. Der Januar ist karg, spartanisch. Es gibt wenig Ablenkung, wenig Schmuck. Die Welt ist reduziert auf das Wesentliche. Gedichte über den Januar reflektieren oft diese Reduktion. Sie sind klar, kalt, präzise. Sie feiern die strenge Schönheit dieser Jahreszeit, ihre Klarheit, ihre Härte.

Februar: Die ersten Vorzeichen des Frühlings: Im Februar beginnt sich etwas zu verändern. Die Tage sind merklich länger. Bei milder Witterung zeigen sich erste Frühblüher - Schneeglöckchen, Krokusse. Die Vögel beginnen wieder zu singen. Der Winter ist noch da, aber man spürt schon seinen nahenden Abschied. Gedichte über den Februar sind oft von dieser Ambivalenz geprägt. Sie stehen zwischen Winter und Frühling, zwischen Frost und Tauwetter, zwischen Festhalten und Loslassen. Sie können wehmütig sein - ein Abschied vom Winter - oder voller Vorfreude - endlich kommt der Frühling. Diese Zwischenstellung macht Februar-Gedichte zu einer eigenen Kategorie, die sowohl Winter- als auch Frühlingsaspekte vereint.

Regionale Unterschiede: Je nach geografischer Lage variiert der Winter erheblich. In Norddeutschland ist er anders als in den Alpen, in der Stadt anders als auf dem Land. Gedichte, die einen bestimmten Wintermonat in einer bestimmten Region beschreiben, haben einen dokumentarischen Wert. Sie halten fest, wie Winter konkret erlebt wurde an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Diese Spezifität macht sie wertvoll als kulturelle und klimatische Dokumente.

Verschiedene Winterlandschaften in Gedichten

Winter sieht nicht überall gleich aus. Die Landschaft, in der Winter stattfindet, prägt das Erleben und damit auch die Gedichte darüber. Verschiedene Winterlandschaften haben verschiedene lyrische Traditionen hervorgebracht.

Der Winterwald: Der Wald ist ein zentrales Motiv der Winterdichtung. Im Winter offenbart der Wald seine Struktur. Ohne Laub sieht man die Architektur der Bäume, das Geflecht der Äste, die Stämme. Schnee auf den Zweigen schafft bizarre Formen. Dichter haben den Winterwald als Ort der Stille beschrieben, als fast sakralen Raum. Der Wald im Winter ist auch ein Ort der Einsamkeit. Wenige Menschen verirren sich hierher. Diese Einsamkeit kann bedrohlich sein - viele Märchen spielen im dunklen Winterwald - aber auch befreiend. Gedichte über den Winterwald erkunden beide Seiten.

Berge und Schnee: In den Bergen ist der Winter am dramatischsten. Meterhoher Schnee, Lawinen, eisige Gipfel - das alpine Wintererlebnis ist extrem. Gedichte über Winterberge thematisieren oft die Erhabenheit dieser Landschaft, ihre Gefährlichkeit, aber auch ihre majestätische Schönheit. Der Berg im Winter ist eine Herausforderung, ein Test für Menschen, die sich ihm stellen. Diese Gedichte haben oft einen heroischen Unterton - der Mensch gegen die Elemente. Gleichzeitig gibt es eine Tradition der Wintersportgedichte, die das Skifahren, das Rodeln, die Freude an der verschneiten Bergwelt besingen.

Zugefrorene Seen und Flüsse: Wenn Wasser zu Eis wird, entsteht eine surreale Landschaft. Was im Sommer flüssig und bewegt war, ist jetzt fest und still. Man kann gehen, wo man sonst schwimmen würde. Gedichte über zugefrorene Gewässer nutzen diese Umkehrung oft metaphorisch. Sie sprechen von Erstarrung, von Stillstand, manchmal auch von der Gefahr - dünnes Eis, das brechen kann. Gleichzeitig beschreiben sie das Schlittschuhlaufen, die Freude an der Eisfläche. Diese Ambivalenz macht zugefrorene Gewässer zu einem reichen lyrischen Motiv.

Die Stadt im Winter: Auch die Stadt hat ihren Winter, und er ist anders als der auf dem Land. Schnee in der Stadt wird schnell schmutzig. Die Kälte ist aggressiver, der Wind fegt durch Straßenschluchten. Aber es gibt auch eine Romantik des städtischen Winters: beleuchtete Schaufenster, Dampf aus Kellergittern, Menschen mit hochgeschlagenen Kragen. Gedichte über den Stadtwinter haben oft einen moderneren, härteren Ton. Sie thematisieren soziale Aspekte - Obdachlose in der Kälte, die Kontraste zwischen Arm und Reich. Sie sind oft weniger idyllisch als Landschaftsgedichte.

Küste und Meer im Winter: Der Winter am Meer ist rau. Stürme peitschen die Wellen, Gischt gefriert zu Eis, der Strand ist menschenleer. Gedichte über den Wintermeer haben eine wilde, ungezähmte Qualität. Sie beschreiben die Kraft der Elemente, die Unberechenbarkeit der Natur. Das Meer im Winter ist nicht einladend, nicht mediterran-mild, sondern gefährlich und faszinierend zugleich. Diese Gedichte sprechen oft von Fischern, von der Härte ihres Lebens, von der Auseinandersetzung mit den Naturgewalten.

Winteraktivitäten als lyrische Motive

Menschen sind im Winter nicht nur passive Beobachter der Natur. Sie tun Dinge, die spezifisch für diese Jahreszeit sind. Diese Aktivitäten haben Eingang in die Winterlyrik gefunden und bilden ein eigenes Genre von Gedichten über das winterliche Leben.

Schneemann bauen und Schneeballschlachten: Für Kinder ist frischer Schnee eine Einladung zum Spiel. Schneemannbauen ist ein winterliches Ritual, das in vielen Gedichten vorkommt. Diese Gedichte sind meist heiter, spielerisch, voller Kinderfreude. Sie beschreiben das Rollen der Schneekugeln, das Finden von Kohlen für die Augen, das Aufsetzen eines alten Huts. Schneeballschlachten werden als fröhliche Kämpfe dargestellt, harmlos und vergnüglich. Diese Gedichte bewahren eine kindliche Perspektive und erinnern Erwachsene daran, dass Winter auch Spaß bedeuten kann.

Schlittschuh laufen und Rodeln: Wintersport ist ein häufiges Motiv. Gedichte über Schlittschuhlaufen beschreiben die Eleganz der Bewegung, das Gleiten über das Eis, die Leichtigkeit trotz Kälte. Sie können romantisch sein - Paare, die Hand in Hand über den zugefrorenen See gleiten. Rodelgedichte sind oft dynamischer, beschreiben die Geschwindigkeit, den Nervenkitzel, das Lachen der Fahrenden. Diese Gedichte zeigen den Winter als Zeit der Aktivität, nicht nur der Erstarrung.

Am Kamin oder Ofen sitzen: Der Winter zwingt nach drinnen, und dort sammeln sich Menschen um Wärmequellen. Gedichte über das Sitzen am Kamin oder am Ofen thematisieren Gemütlichkeit, Wärme, Geborgenheit. Sie beschreiben das Flackern des Feuers, das Knistern des Holzes, die Wärme, die sich im Raum ausbreitet. Diese Gedichte sind oft kontemplativ. Das Feuer lädt zum Nachdenken ein, zum Geschichtenerzählen, zum Träumen. Die Kälte draußen verstärkt die Wertschätzung für die Wärme drinnen.

Winterwanderungen: Nicht alle bleiben im Winter drinnen. Manche lieben gerade Winterwanderungen - durch verschneite Landschaften, in klarer kalter Luft. Gedichte über Winterwanderungen beschreiben die Anstrengung durch tiefen Schnee zu stapfen, die Belohnung der Aussicht, die Ruhe der winterlichen Natur. Sie thematisieren auch das Körperliche - die Kälte an Händen und Füßen, die Anstrengung, die dann umso mehr die Rückkehr in die warme Stube schätzen lässt.

Fütterung der Vögel: Im Winter brauchen Vögel Hilfe. Das Füttern von Vögeln ist eine winterliche Aktivität, die auch in Gedichten vorkommt. Sie wird als Akt der Fürsorge dargestellt, als Verbindung zwischen Mensch und Natur. Gedichte beschreiben, wie Vögel ans Futterhäuschen kommen, wie sie sich um die Körner streiten, wie schön sie sind gegen den weißen Schnee. Diese Gedichte haben oft eine sanfte, freundliche Qualität. Sie zeigen, wie Menschen auch im Winter für die Natur sorgen können.

Warten auf den Frühling: Gegen Ende des Winters wird das Warten auf wärmere Tage zu einer eigenen Aktivität. Gedichte über dieses Warten sind voller Sehnsucht. Sie zählen die Tage, beobachten erste Zeichen - ein Vogel, der singt, eine Knospe, die schwillt. Diese Gedichte sind von Vorfreude erfüllt, aber auch von Ungeduld. Sie fragen: Wann endlich kommt der Frühling? Und doch ist in ihnen auch eine Wehmut - ein letzter Abschied vom Winter, der trotz aller Härte auch seine Schönheit hatte.

Wintergedichte sind eigenständige literarische Werke, die nicht mit Weihnachtsgedichten verwechselt werden sollten. Sie haben ihren eigenen Gegenstand - die Natur im Winter - und ihre eigene Ästhetik. Sie lehren uns, genau hinzuschauen, die Schönheit auch in der kalten, kargen Jahreszeit zu sehen, die Rhythmen der Natur zu verstehen. Sie zeigen Winter in all seinen Facetten: als Zeit der Ruhe und der Aktivität, der Stille und des Sturms, der Einsamkeit und der Gemeinschaft. Wenn du Wintergedichte liest, öffnest du dich für die Poesie einer Jahreszeit, die oft unterschätzt wird. Du entdeckst, dass Winter mehr ist als nur die Zeit zwischen Herbst und Frühling - es ist eine eigenständige Welt mit eigenen Gesetzen, eigener Schönheit, eigener Bedeutung. Und vielleicht lernst du durch diese Gedichte, den Winter anders zu sehen, nicht als etwas, das man nur durchstehen muss, sondern als etwas, das man erleben, genießen, wertschätzen kann.

Hinweis:

Unsere Gedichte-Sammlung wird durch unsere fleißigen Besucher in der Weihnachtszeit stets erweitert. Mach auch Du mit und trage Wintergedichte ein, die auf unserer Seite bisher nicht zu finden sind. Gedicht eintragen

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