Wintergedichte

Wenn es draußen anfĂ€ngt, kĂ€lter zu werden, lange Tage den dunklen NĂ€chten weichen, wenn Kinderaugen zu leuchten beginnen und man kleine Schneekristalle dabei beobachten kann, wie sie sich am Fensterrahmen absetzen, dann kann man sich sicher sein - der Winter hĂ€lt Einzug.

LĂ€ngst lĂ€sst sich die kalte Zeit im Jahr nicht mehr nur mit eisigen Winden und grauen StĂ€dten assoziieren. Dem Winter wohnt ein Zauber inne, der die Menschheit in seinen Bann reißt und uns von Schnee und MĂ€rchen am offenen Kaminfeuer trĂ€umen lĂ€sst. Die Vorstellung von verschneiten WĂ€ldern, zugefrorenen Seen und weißen Berggipfeln nehmen den Platz von Unruhe und Hektik des Alltags ein und jeder Einzelne hofft, doch ein wenig Ruhe und GlĂŒckseligkeit in diesen Tagen finden zu können. Der Winter schafft es, ganz verschiedene Bilder in die Köpfe der Menschen zu malen und er lĂ€sst einen daran glauben, dass WĂŒnsche wahr werden, wenn man nur stark genug daran glaubt. Diese GefĂŒhle können Wintergedichte besonders gut vermitteln.

Die bekanntesten Wintergedichte stammen von Dichtern wie August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Christian Morgenstern, Joseph von Eichendorff und Theodor Fontane. Deren Gedichte spiegeln die Eigenarten des Winters wunderbar wider.

DarĂŒber hinaus haben sich etliche Poeten und Schriftsteller im Laufe der Zeit mit den verschiedenen Facetten der kalten Jahreszeit beschĂ€ftigt und ihre ausgelösten Gedanken und GefĂŒhle in zahlreiche Gedichte ĂŒber den Winter gegossen. Einige davon finden sich auf dieser Seite wieder und warten nur darauf, einen Leser zu finden, der es sich mit einer Tasse Tee gemĂŒtlich gemacht hat und nun einen Hauch von Winterstimmung vermittelt bekommen mag.
Worauf wartet Ihr noch? Unsere Gedichte entfĂŒhren Euch in eine schneebedeckte Welt voll klirrender KĂ€lte und wĂ€rmenden Feuern. Auf das Ihr ein Gedicht findet, das Euch die frostigen Tage verschönert.

Alles still!
Alles still! Es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darĂŒber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich lauschet
Man der KrÀhe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein BĂ€chlein summt vorbei.

Alles still! Die DorfeshĂŒtten
Sind wie GrÀber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht –
Heiße TrĂ€nen niedertropfen
Auf die kalte Winterpracht.

Autor: Theodor Fontane

WinterwÀrme
Mit brennenden Lippen,
unter eisblauem Himmel,
durch den glitzernden Morgen hin,
in meinem Garten,
hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.

Alle BĂ€ume scheinen zu blĂŒhen;
von den reifrauhen Zweigen
streift dein FrĂŒhwind
schimmernde Flöckchen nieder,
gleichsam FrĂŒhlingsblendwerk;
hab Dank!

An meiner Dachkante hÀngt
Eiszapfen neben Zapfen,
starr;
die fangen zu schmelzen an.
Tropfen auf Tropfen blitzt,
jeder dem andern unvergleichlich,
mir ins Herz.

Autor: Richard Dehmel

Das Meer im Winter
O Meer, so oft von Dichtermund besungen!
Stets schön, in ewig wechselnder Gestalt,
Zur Sonne blickst du heut' so starr und kalt,
Die dir manch freundlich LĂ€cheln abgerungen.

Das Rauschen deiner Wogen ist verklungen,
Wenn's gleich noch grollend in der Tiefe wallt.
Der Winter rief dir zu ein mÀchtig: Halt!
Mit eisgen Banden hÀlt er dich umschlungen.

Still liegst du da, im blĂ€ulich weißen Kleide.
Doch funkelt es gar wunderbar darin
Und blitzt wie diamantenes Geschmeide,

Als wenn zum Fest geschmĂŒckt dich Nixen hĂ€tten,
So bleibst du immer eine Königin
Voll MajestÀt, wenn auch in Sklavenketten.

Autor: Stine Andresen

Gastlichkeit des Winters
Der Winter ist ein scharfer Gast,
Das merkt ich an dem Dache;
Mein Lieb gab mir ein KrÀnzelein
Von Perlen fein,
Das hab ich von ihr tragen
An meinem Bart und Kragen.

Der Sommer ist ein sanfter Gast,
Es tröpfelt von dem Dache;
Mein Lieb gab mir ein KrÀnzelein
Im Sonnenschein,
Da ist es aufgethauet,
Von Eis war es erbauet.

Ja traue nur dem Schleicher nicht,
Viel lieber scharfe Worte;
Der Sommer giebt wohl KrÀnzelein
Von Blumen fein,
Zu ihr kann ich nicht gehen,
Vom langen Tag gesehen.

Zu Ostern, als die Fasten aus,
Da lÀngerten die Tage;
Mein Lieb gab mir ein Unterpfand,
Zween Aermlein blank,
Darin sollt ich mich rĂŒsten,
Zu unsres Winters LĂŒsten.

Was acht ich der Waldvöglein Sang,
Und aller KlÀffer Zungen;
Lieg ich in meinen Aermlein blank,
Ich weiß ihr Dank,
Ich kann von ihr dann trÀumen;
Wie lange wird sie sÀumen?

Autor: Achim von Arnim

Gefroren hat es heuer
Gefroren hat es heuer
Noch gar kein festes Eis.
Das BĂŒblein steht am Weiher
Und spricht so zu sich leis:
Ich will es einmal wagen,
Das Eis, es muß doch tragen,
Wer weiß?

Autor: Friedrich Wilhelm GĂŒll

Winternacht
Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat lÀngst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rĂŒttelt an dem Baume,
Da rĂŒhrt er seine Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er trĂ€umt von kĂŒnft'ger FrĂŒhlingszeit,
Von GrĂŒn und Quellenrauschen,
Wo er im neuen BlĂŒtenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Autor: Joseph von Eichendorff

Winter
Ein weißes Feld, ein stilles Feld.
Aus veilchenblauer Wolkenwand
Hob hinten, fern am Horizont,
Sich sacht des Mondes roter Rand.

Und hob sich ganz heraus und stand
Bald eine runde Scheibe da,
In dĂŒstrer Glut. Und durch das Feld
Klang einer KrÀhe heisres KrÀh.

Gespenstisch durch die Winternacht
Der große dunkle Vogel glitt,
Und unten huschte durch den Schnee
Sein schwarzer Schatten lautlos mit.

Autor: Gustav Falke

Winternacht
Vor KĂ€lte ist die Luft erstarrt,
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
Nur fort, nur immer fortgeschritten!

Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
Den Zweig zurĂŒck zur Erde richten.

Frost! friere mir ins Herz hinein,
Tief in das heißbewegte, wilde!
Daß einmal Ruh mag drinnen sein,
Wie hier im nÀchtlichen Gefilde!

Autor: Nikolaus Lenau

In der Winternacht
Es wÀchst viel Brot in der Winternacht,
weil unter dem Schnee frisch grĂŒnet die Saat;
erst wenn im Lenze die Sonne lacht,
spĂŒrst du, was Gutes der Winter tat.

Und deucht die Welt dir öd und leer,
und sind die Tage dir rauh und schwer:
Sei still und habe des Wandels acht -
es wÀchst viel Brot in der Winternacht.

Autor: Friedrich Wilhelm Weber

Winters Flucht
Dem Winter ward der Tag zu lang,
Ihn schreckt der Vögel Lustgesang;
Er horcht und hört's mit Gram und Neid,
Und was er sieht, das macht ihm Leid.

Er sieht der Sonne milden Schein,
Sein eigner Schatten macht ihm Pein.
Er wandelt ĂŒber grĂŒne Saat
Und Gras und Keime frĂŒh und sprach:
"Wo ist mein silberweißes Kleid,
Mein Hut , mit Demantstaub bestreut?"
Er schÀmt sich wie ein Bettelmann
Und lÀuft, was er nun laufen kann.
Und hinterdrein scherzt Jung und Alt
In Luft und Wasser, Feld und Wald;
Der Kiebitz schreit, die Biene summt,
Der Kuckuck ruft, der KĂ€fer brummt;
Doch weil's noch fehlt an Spott und Hohn,
So quakt der Frosch vor Ostern schon.

Autor: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Winter
Die Blumen sind gestorben;
Es kam der Winter leis’,
Der stille TotengrÀber,
Begrub sie in Schnee und Eis.

Seitdem ist es gar stille,
Kein GrÀslein regt sich mehr,
Es fallen weiße Flocken.
Und alles schlÀft umher.

Autor: Karl Ferdinand von Fircks

Der Winter hat sich angefangen
Der Winter hat sich angefangen,
der Schnee bedeckt das ganze Land,
der Sommer ist hinweggegangen,
der Wald hat sich in Reif verwandt.

Die Wiesen sind vom Frost versehret,
die Felder glÀnzen wie Metall,
die Blumen sind in Eis verkehret,
die FlĂŒsse stehn wie harter Stahl.

Wohlan, wir wollen wieder von uns jagen
durchs Feuer das kalte Winterleid!
Kommt, laßt uns Holz zum Herde tragen
und Kohlen dran, jetzt ist es dran.

Autor: Johann Rist

Der erste Schnee
Herbstsonnenschein. Des Winters NĂ€h'
VerrÀt ein Flockenpaar;
Es gleicht das erste Flöcklein Schnee
Dem ersten weißen Haar.

Noch wird – wie wohl von lieber Hand
Der erste Schnee dem Haupt –
So auch der erste Schnee dem Land
vom Sonnenstrahl geraubt.

Doch habet acht! mit einem Mal
Ist Haupt und Erde weiß,
Und Liebeshand und Sonnenstrahl
Sich nicht zu helfen weiß.

Autor: Theodor Fontane

Der Winter ist kommen
Der Winter ist kommen,
verstummt ist der Hain;
nun soll uns im Zimmer
ein Liedchen erfreun.

Das glitzert und flimmert
Und leuchtet so weiß
Es spiegelt die Sonne
Im blitzblanken Eis.

Wir gleiten darĂŒber
Auf blinkendem Stahl
Und rodeln und jauchzen
Vom HĂŒgel ins Tal.

Und senkt sich der Abend,
geht's jubelnd nach Haus
ins trauliche StĂŒbchen
zum Bratapfelschmaus.

Autor: unbekannt

Schneeloser Winter
Lass, du keuscher, reiner Schnee,
Deine Flocken lustig fliegen,
Hilf des Tauwinds Hauch besiegen,
Dass die Welt nicht drin zergeh’.

‘S taugt nichts, wie wir deutlich sehn,
Uns sogar sehr warm zu halten.
TrĂŒbe, böse LĂŒfte walten;
Heiße, Schnee, sie fĂŒrbass gehn!

Sieh! der nackte Wald, das Feld
SchĂ€men sich in ihrer BlĂ¶ĂŸe,
Und der Berge blaue GrĂ¶ĂŸe
Trauert hinter’m Wolkenzelt.

Decke zu die nackte Zeit,
HĂŒlle sie in keusche Liebe,
Und erwĂ€rm’ in ihr die Triebe
Neuer FrĂŒhlings-Herrlichkeit.

Mahl’ die Landschaft wieder schön,
Mahl’ uns blanke Spiegelfelder,
Lasse die kristallnen WĂ€lder
Uns wie Demant funkeln sehn.

Streue dem Philister Bahn,
Dass er nicht noch lÀnger schimpfe;
Ziehe deine weißen StrĂŒmpfe
Seinen Schlittenpferden an.

Sieh, die Kinder lauern schon
Auf das Spiel mit deinen BĂ€llen,
Aus dir MĂ€nner aufzustellen
Auf dem weißen Flimmerthron.

Schneie freundlich, lieber Schnee,
Dass die Welt zur Landschaft werde;
Aber tu im MĂ€rz der Erde,
Tu der Hoffnung Saat nicht weh.

Autor: Carl Geisheim

An den Winter
Alter, mit dem grauen Barte,
Mit den angefrornen Locken,
Willst du denn nicht Einmal lachen?
Sind die Lippen zugefroren?
Komm’ herein, was stehst du draußen?
Komm’ herein, du sollst schon thauen! –
Sieh’! wie störrisch sind die Mienen;
Bist du denn ein Feind der Freunde?
Willst du meine Lust verdammen?
Gut! so bleib’ nur immer draußen,
Und mit deiner finstern Miene
Mache Felder, mache Blumen,
Mache Berg’ und ThĂ€ler traurig,
Mich sollst du nicht traurig machen!
Tödte diese frischen Lilien,
Tödte diese jungen Rosen
Auf den jugendlichen Wangen,
Tödte sie Einmal zum Scherze,
Laß mir aber nur die Rosen
Auf den Wangen meiner Doris,
Dann so soll sie dich beschÀmen;
Dann soll sie mit einem Kusse
Meinen halbverstorb’nen Wangen
Alle Rosen wieder geben.
Dann soll sie mit ihren Lippen
Meine Lippen schöner fÀrben!

Alter! willst du’s selbst versuchen?
Komm’, sie soll dich einmal kĂŒssen;
GlĂŒhend sollst du, sieh’, ich wette,
Deine Pelze von dir werfen,
Sollst vor großer Hitze dursten;
Komm’ ich habe hier zu trinken!

Autor: Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Das Schneegestöber
Wie die kleinen Flöckchen
Bei des Windes Weh'n
Hell im weißen Röckchen
Durcheinander dreh'n!

WechseltÀnze schlingen
Sie auf luft'gem Plan;
In verworr'nen Ringen
KrĂŒmmt sich ihre Bahn.

Hast vergeb'nes MĂŒhen,
Rasches Flöckchen dort;
Spottend dein im Fliehen
Schwebt das Liebchen fort.

Andre, die ersiegen
Sich die holde Braut,
Aneinander schmiegen
Sie sich sanft und traut.

Aber alle kommen
Endlich hin zur Ruh',
Wann die Sonn' erglommen,
Deckt ein Grab sie zu.

Wahres Bild des Lebens!
Der erringt sich Lust,
Jener hascht vergebens
Bis ihm brach die Brust.

Doch in einen Hafen
Laufen alle ein,
In der Erde schlafen
Sie im engen Schrein.

Autor: Adolf Bube

Friedhof im Winter
Grab an Grab liegt weißbedeckt,
Schuhtief unterm Schnee versteckt.

Jedes Kreuz und jeden Stein
HĂŒllt ein weißer Teppich ein.

Selbst der Fichte dunkler Ast
Beugt sich unter Schnees Last.

Und ein Himmel, grau und schwer,
HĂ€ngt sein Bahrtuch drĂŒber her.

Durch den Schnee mit trĂŒbem Sinn
Wandl ich zwischen GrÀbern hin.

Und die ganze weite Welt,
Scheint mir nun ein Totenfeld.

Doch ein falber Strahl von Licht
WestwÀrts durchs Gewölke bricht,

Und ein Streifchen Himmelblau
DĂ€mmert blass durchs Wolkengrau,

Und ein selig Ahnen zieht
Leise durch mein schwer GemĂŒt:

FrĂŒhlingsgrĂŒn auf Eis und Schnee,
Himmelstrost nach Erdenweh!

Autor: Karl Gerok

Im Winter
Arme Erde, bleich und kahl,
Wie ein kaltes Grab!
Nicht ein warmer Sonnenstrahl
FĂ€llt auf dich herab.

Winter, ungebet'ner Gast,
Finster, bös' und hart,
Was dein kalter Arm umfaßt,
Bebet und erstarrt.

Sonne der Gerechtigkeit,
Heller Morgenstern,
Bleib' nur Du in dieser Zeit
Nimmer von uns fern!

Laß nur in der Seele nicht
KĂ€lte sein und Tod,
Bleibe, Jesu, Du ihr Licht,
Du ihr Lebensbrot!

Laß die Herzen fĂŒr und fĂŒr
GlĂŒhn im Gnadenschein,
Und im Kampf die Freud' an Dir
Ihre StÀrke sein.

Mut! — Ob unser Weg auch hier
Geht durch Eis und Glut,
Kraft und Leben schöpfen wir
Aus der Gnadenflut.

Und des Weges Ziel, es ist
Köstlich warm und licht, —
Arme Erd', o nein, du bist
Unsre Heimat nicht!

Himmelan! nur himmelan,
Frisch und unverzagt!
Jesu, brich uns selbst die Bahn,
Bis der Morgen tagt.

Autor: Julie Hausmann

Winter
Die BĂ€ume glitzern rings im Eise,
Unheimlich lautlos rieselt Schnee.
Die weichen Flocken decken leise
Der Blumen letztes Todesweh.

Nur zwischen starren Zweigen hangen
Noch rote Beeren, frisch und licht,
Ein tÀuschend Leben! Rosenwangen
Auf einem Leichenangesicht.

Die gold'ne Sonne strahlt wie immer,
Doch wÀrmt sie nicht das öde Land.
An Menschenaugen mahnt ihr Schimmer,
Die falsch und treulos man erkannt.

Autor: E. Marlitt

Im Winter
Im Winter, wenn es schneit und friert,
Kein BlĂŒmchen mehr den Garten ziert,
Wenn kalte, raue Winde blasen,
Und dichter Schnee bedeckt den Rasen,
Dann leidet manches Kindlein Not
Und frieret ohne Kleid und Brot:
Hilf, lieber Gott, den armen Kleinen
Und mach doch, daß sie nicht mehr weinen.

Autor: Julie Hausmann

Winterlandschaft
Unendlich dehnt sie sich, die weiße FlĂ€che,
bis auf den letzten Hauch von Leben leer;
die muntern Pulse stocken lÀngst, die BÀche,
es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.

Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise,
erstarrt und hungrig, grÀbt sich tief hinab,
und grÀbt er nicht heraus den Bissen Speise,
so grÀbt er, glaub' ich, sich hinein ins Grab.

Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend,
wirft einen letzten Blick auf's öde Land,
doch, gÀhnend auf dem Thron des Lebens sitzend,
trotzt ihr der Tod im weissen Festgewand.

Autor: Friedrich Hebbel

Der Winter
Wenn ungesehn und nun vorĂŒber sind die Bilder
Der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
Das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
Und StĂŒrme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende
Wie einer Frage Ton, das dieser sich vollende,
Alsdann erscheint des FrĂŒhlings neues Werden,
So glÀnzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.

Autor: Friedrich Hölderlin

Der Winter
Der Sturm heult immer laut in den Kaminen
Und jede Nacht ist blutig-rot und dunkel.
Die HĂ€user recken sich mit leeren Mienen.

Nun wohnen wir in rings umbauter Enge,
Im kargen Licht und Dunkel unserer Gruben,
Wie Seiler zerrend grauer Stunden LĂ€nge.

Die Tage zwÀngen sich in niedre Stuben,
Wo heisres Feuer krĂ€chzt in großen Öfen.
Wir stehen an den ausgefrornen Scheiben
Und starren schrÀge nach den leeren Höfen.

Autor: Georg Heym

Winter
Das ist der bleiche Winter:
Eiszapfen in der Hand,
Am Wolkenwebstuhl spinnt er
Elend und Liebestand.

Sein Atem ĂŒberschauert
Mit Schneekristall das Land,
In Frost und Nöten kauert
Armut am Herdesrand.

Auf spiegelblankem Eise
Sportlust ist heiß entbrannt,
Venus im Pelz zieht Kreise
Um ihren Leutenant.

Das ist der bleiche Winter:
Eiszapfen in der Hand,
Am Wolkenwebstuhl spinnt er
Elend und Liebestand.

Autor: Karl Henckell

Schneesturm
Droben schwarze Wolken jagen
Pfeilgeschwind,
Seine schaurig wilden Klagen
Stöhnt der Wind.
Durch verfall'ner Mauer Spalten
Wirbelt Schnee,
Wie von finst'rer Macht gehalten
Starrt der See.
Und kein goldnes Sterngewimmel
Leuchtet mild,
Wie verschlossen drÀut der Himmel
Schwarz und wild...
Da zerreißt der Sturm die mĂ€cht'ge
Wolkenschicht
Und ein lichter Stern das nÀcht'ge
Graus durchbricht!
Strahl ins Herz mir, gold'ner Schimmer,
Lind und sacht. –
Seine Sterne leuchten immer –
Drin ist Nacht!

Autor: E. Marlitt

Im Winter
Als meine Freunde,
Die BĂ€ume, noch blĂŒhten,
Rosen und Feuer-
Lilien glĂŒhten,
Waren die Menschen
All mir bekannt,
War mir die Erde
Lieb und verwandt.
Jetzt, wo die Freunde,
Die BĂ€ume, gestorben,
Jetzt, wo die Lieben,
Die Blumen, verdorben,
Stehen die Menschen
Kalt auf dem Schnee,
Und was sie treiben,
Macht mir nur weh.

Autor: Justinus Kerner

Erster Schnee
Wie nun alles stirbt und endet
Und das letzte Lindenblatt
MĂŒd sich an die Erde wendet
In die warme Ruhestatt,
So auch unser Tun und Lassen,
Was uns zĂŒgellos erregt,
Unser Lieben, unser Hassen
Sei zum welken Laub gelegt.

Reiner weißer Schnee, o schneie,
Decke beide GrÀber zu,
Daß die Seele uns gedeihe
Still und kĂŒhl in Wintersruh!
Bald kommt jene FrĂŒhlingswende,
Die allein die Liebe weckt,
Wo der Haß umsonst die HĂ€nde
DrÀuend aus dem Grabe streckt.

Autor: Gottfried Keller

Erster Schnee
Wie plötzlich doch bedeckt mit Eis
So Strauch und BĂ€ume steh'n,
Auf letztem GrĂŒn das erste Weiß,
Wie traurig ist's zu seh'n!

Was bangst du, Herz? Sei frisch und kĂŒhn
Und denk', wenn Flocken weh'n:
Auf letztem Weiß das erste GrĂŒn,
Wie lieblich wird das steh'n!

Autor: Johann Nepomuk Vogl

Ein Schmetterling im Winter
Was schlÀgt an meine Fensterscheiben,
Gleich FlĂŒgeln, leis und fein?
Ein Schmetterling! bei Schneees Treiben,
Wie kamst du hier herein?

Du hattest wohl in meiner Klause
Dich eingepuppt, Gesell;
Gelockt aus deinem engen Hause
Hat dich die WĂ€rme schnell.

Nun möchtest du mit Blumen kosen
Im heitern Sonnenlicht:
Ach! eisig grimme StĂŒrme tosen;
Da draußen blĂŒht es nicht!

O bleib bei mir, wir sind Genossen!
Ich weiß, wie dem zu Muth,
Der trÀgt bei Winters Eisgeschossen
Im Herzen Lenzesglut.

O bleib! mit Blumen soll der GĂ€rtner
Dir eilig schaffen Rath:
Wir wollen harren, bis als Pförtner
Der Lenz uns beiden naht.

Autor: Franz Kugler

Winter
Es fallen dichte Flocken
Im matten Abendschein,
Vom Dorf her lÀuten Glocken
Die Erde in Schlummer ein.

Einst bleichen deine Locken
Und alle Jugendzier,
Dann dÀmmerts und die Glocken
LĂ€uten auch ĂŒber dir.

Autor: Maria Köstlin

Winter
Es treiben grosse Flocken dicht und schrĂ€g –
Der Wald hÀlt still, die Zweige hÀngen trÀg.

Der Wind, der um die Wipfel wehte, schweigt.
Die Kronen haben langsam sich geneigt.

Um eine hohe Tanne rieselt kalt
Der Schnee: Mein Haupt wie Eis! Bin ich schon alt?

Durch hundert Jahre ist es nicht so weit –
Ich steh schon immer in der Ewigkeit.

Autor: Hedwig Lachmann

Im Schnee
Wie naht das finster tĂŒrmende
Gewölk so schwarz und schwer!
Wie jagt der Wind, der stĂŒrmende,
Das Schneegestöber her!

Verschwunden ist die blĂŒhende
Und grĂŒne Weltgestalt;
Es eilt der Fuss, der fliehende,
Im Schneefeld nass und kalt.

Wohl dem, der nun zufrieden ist
Und innerlich sich kennt!
Dem warm ein Herz beschieden ist,
Das heimlich loht und brennt!

Wo, traulich sich dran schmiegend, es
Die wache Seele schĂŒrt,
Ein perlend, nie versiegendes
Gedankenbrauwerk rĂŒhrt!

Autor: Gottfried Keller

VorgefĂŒhl
Es ist ein Schnee gefallen,
hat alles Graue zugedeckt,
die BĂ€ume nur gen Himmel nicht;
bald trinkt den Schnee das Sonnenlicht,
dann wird das alles blĂŒhen,
was in der harten Krume jetzt
kaum Wurzeln streckt.

Autor: Richard Dehmel

Winterlied
Geduld, du kleine Knospe
Im lieben stillen Wald,
Es ist noch viel zu frostig,
Es ist noch viel zu bald.

Noch geh ich an dir vorĂŒber,
Doch merk ich mir den Platz,
Und kommt heran der FrĂŒhling,
So hol ich dich, mein Schatz.

Autor: August von Platen-HallermĂŒnde

Winter
Gern wandl’ ich weite Pfade, stille,
Wenn tief der Schnee und licht der Tag,
Ein inn’rer Drang, ein leiser Wille
FĂŒhrt mich zum ĂŒberhangnen Hag;
Ich atme Himmelsluft, und Wonne
Durchzittert lind die Seele mein,
Und kurzer Stunden letzte Sonne
Senkt ihren Scheidestrahl hinein.

Wie fĂŒhl’ ich eigen mich gehoben:
Im Silberkleide Wald und Flur,
So rein, so frei der Blick nach Oben,
Die Höhn getaucht noch in Azur;
Ob kalt auch Winde mich umwehen,
Die rings die Welt in Bann gelegt —
Des neuen FrĂŒhlings Auferstehen,
Im Innern ahn’ ich’s, tiefbewegt!

Nicht Blumenduft in Sommerzeiten
Bringt solche Ruh’ mir ins GemĂŒt,
Wie sie mir jetzt beim HeimwÀrtsschreiten
Im Innersten des Herzens blĂŒht. —
Die tiefe, große Nuh’ der Fluren,
Sie senkte Frieden mir ins Herz
Und lenkte es auf reinen Spuren
Mit stillem Finger himmelwÀrts!

Autor: Mathilde Leonhardt

Winter im Gebirg
Verklungen sind die holden SchwĂŒre,
Die hier gar oft der Mond belauscht.
Statt FlĂŒstern vor der KammertĂŒre,
Ist's nur der Brunnen, der da rauscht.
Wo keine Schöne kalt geblieben,
Ward ihr gebracht ein Edelweiß,
Wo wir den Kahn ans Land getrieben,
Knarrt nÀchtlich aufgeschreckt das Eis.

Und auch die Felder sind gefroren,
Der Wald, in dem man sich erging,
Wo man im PfÀnderspiel verloren
Und einen Kuß dafĂŒr empfing.
Der Schnee bedeckt die Spur der Kohlen,
Wo Freudenfeuer hell geglĂŒht,
Wo Primeln und wo Bergviolen
Am schönsten Busen einst geblĂŒht.

Der FrĂŒhling wird sie wieder bringen,
Bald tost der Föhn und löst den Schnee;
Nur dich hört niemals wieder singen
Das Felstal und der grĂŒne See.
In dieser Berge dunklem Rahmen
Wie schienst du hell das Bild dazu!
Ihr Echo ruft mir deinen Namen,
Sonst aber sind sie still wie du.

Und auch wie du vom Lilienkleide
In tiefem Schlummer zugedeckt,
So fern der Welt und allem Leide,
Von keinem Lebenshauch geweckt.
Nur etwas schwebt wie sanfte Klage
Um diese Höh'n, so still und rein:
Sie schließen meine schönsten Tage,
Die Rosen meiner Jugend ein!

Autor: Hermann von Lingg

Im Winter
Wiesengrund und Bergeshöh'
Liegen wie begraben,
Auf dem schimmernd weißen Schnee
Tummeln sich die Raben.

Mag die Sonne auch ihr Licht
Fernehin entsenden,
Es erquickt und wÀrmet nicht,
Kann nur schmerzlich blenden.

Dicht vor meinem Fenster steht
Eine schlanke Linde,
Mit Demanten ĂŒbersĂ€'t
Stöhnet sie im Winde.

An die Scheiben pocht sie leis',
Leis' wie Glöckchen lÀuten;
Was sie sagen will, ich weiß
Mir es wohl zu deuten.

Arme Linde! Tag und Nacht
Scheinst du mir zu klagen:
DĂŒrft ich doch, statt todter Pracht,
Wieder BlĂŒthen tragen!

Autor: Betty Paoli

Winter
Nun hĂŒllt in stille Wintertrauer
Die Erde sich mit ihrer Lust
Und nimmt zum Schutz vor kaltem Schauer
Die mĂŒden Kinder an die Brust.

Auf all die schlummernden Gestalten,
Daß sie kein eis'ger Hauch mehr schreckt,
Und um dem Lenz sie zu erhalten,
Hat Gott ein wÀrmend Kleid gedeckt.

Da liegen sie in holden TrÀumen
Am Herzen ihrer Mutter still,
Bis sie ein Ruf zu neuem Keimen,
Zu schönerm Los sie wecken will.

Autor: Franz Xaver Seidl

Im Winter
Wirft auch der Wind mit Flocken,
Ist auch der Pfad verschneit,
Hinaus! vom Stubenhocken
Wird Herz und Hirn nur trocken,
Wird nie die Seele weit.

Hinaus, dem Sturm entgegen!
Er lehrt mich kurz und gut,
Das DĂŒrre allerwegen
Zu fassen und zu fegen,
Entfacht mir Glut und Mut.

Er blÀst, will ich ermatten,
Mir frischen Odem ein
Und schuf, wenn Wolkenschatten
Den Tag verfinstert hatten,
Noch immer Sonnenschein.

Er ruft: "An blĂŒtenreiche
Lenztage dennoch glaub!
Der Weihnachtstanne gleiche,
Behalt nicht, wie die Eiche
Im Winter welkes Laub!"

Autor: Theobald Nöthig

Im Winter
Nun hat die Welt erworben
Der Winter und erstorben
Ist jedes BlĂŒtenreis.
VorĂŒber all die TrĂ€ume!
EntblÀttert steh'n die BÀume,
GehĂŒllt in Schnee und Eis.

Verzag nicht Herz, vertraue
Auf deinen Stern und baue
Getrost auf seine Huld.
Schon hörst du's leise beben,
Schon keimt ein neues Leben,
Hab nur Geduld, Geduld!

Autor: Emil Peschkau

Im Winter
Wenn ich die Blumen, verhĂŒllt mit Schnee,
Still zwischen den Fenstern trauern seh',
So werden mir meine Lieder klar,
Und ĂŒber ihnen - mein graues Haar.

Wenn wieder die Schwalbe zu Neste trÀgt,
Wenn wieder im Korn die Wachtel schlagt,
Dann heben die Blumen mit frischem Flor
Zum Himmel die Köpfchen voll Duft empor.

Wann naht die Schwalbe, wann blĂŒht das Korn,
Wo meiner Lieder versunk'ner Born
Des Lebens Winterschlaf ausgetrÀumt,
Und frisch durch die Blumen Edens schÀumt?

Autor: Matthias Leopold Schleifer

Das Feierkleid
Wie langsam, Schnee, du niedersinkst,
Ein feiernd stiller Chor,
Und dann als reiner Silberflor
Weit auf der Eb'ne blinkst.
Mir wird, als stieg in Herrlichkeit
Der Engel Schar herab
Und deckte weit das Erdengrab
Mit reinem Feierkleid.
Da keimen Blumen drunter aus
Voll Auferstehungsmacht,
Und strahlen einst in Liebespracht
Durch's ew'ge Himmelshaus.

Autor: Friedrich de la Motte Fouqué

Ein winterliches Gedicht
Erst gestern war es, denkst du daran?
Es ging der Tag zur Neige.
Ein böser Schneesturm da begann
und brach die dĂŒrren Zweige.
Der Sturmwind blies die Sterne weg,
die Lichter, die wir lieben.
Vom Monde gar war nur ein Fleck,
ein gelber Schein geblieben.
Und jetzt? So schau doch nur hinaus:
Die Welt ertrinkt in Wonne.
Ein weißer Teppich liegt jetzt aus.
Es strahlt und lacht die Sonne.
Wohin du siehst: Ganz puderweiß
geschmĂŒckt sind alle Felder,
der Bach rauscht lustig unterm Eis.
Nur finster stehn die WĂ€lder.

Autor: Alexander Sergejewitsch Puschkin

Birke im Winter
Die weiße Birke, heute frĂŒh
Ist sie aus ihrem Traum erwacht,
Sie schaut an sich herab und lacht;
So weiß wie heut war sie noch nie.

Doch nicht nur sie, sie glaubt sich's kaum,
Der Boden weiß, auf dem sie steht,
Und selbst die Luft ist weiß durchweht:
Die ganze Welt ein Birkenbaum!

Sie denkt nicht dran in ihrem GlĂŒck,
Daß sie dies Weiß schon kennen mĂŒĂŸt'.
Was irdisch unbeweglich ist,
Lebt stets das Jetzt, den Augenblick.

Kein Gestern oder Morgen schreckt
Ihr festgewurzelt GlĂŒcklichsein.
So glÀnzt im Wintersonnenschein
Die weiße Birke schneebedeckt...

Autor: Hugo Salus

Willkommen, lieber Winter
Willkommen, lieber Winter,
Willkommen hier zu Land!
Wie reich du bist, mit Perlen
Spielst du, als wÀr' es Sand!

Den Hof, des Gartens Wege
Hast du damit bestreut;
Sie an der BĂ€ume Zweige
Zu Tausenden gereiht.

Dein Odem, lieber Winter,
Ist kÀlter, doch gesund;
Den Sturm nur halt' im Zaume,
Sonst macht er es zu bunt!

Autor: Elisabeth Kulmann

Nahender Winter
Schnee in der Luft!
Fröstelnde Gliedert
Unheimlich ruft
Die KrÀhe nieder.

Nun mach' dich immerhin gefaßt
Auf bange NĂ€chte, dunkle Tage.
Die Jugend wie ein Erb' verpraßt —
Nun krÀchzt sie her, des Alters Klage.

Nun melden sich einander nach
Gebrechen leis wie Traumgestalten,
Und quÀlen dir den Körper wach,
Will endlich Ruh' im Geiste walten.

Wenn also gegenseitig zu
Die Leiden ihren Ball sich werfen,
So findest es dein Schicksal du,
Der Philosoph nennt's kranke Nerven.

Die Namen sind mir einerlei:
Doch alle Weisheitsargumente
Verschenkt' ich fĂŒr ein bisschen Mai,
Das ich von Herzen atmen könnte.

Schnee in der Luft!
Fröstelnde Glieder!
Unheimlich ruft
Die KrÀhe nieder.

Autor: Sigmund Schott

Das Dorf im Schnee
Still, wie unterm warmen Dach,
Liegt das Dorf im weißen Schnee;
In den Erlen schlÀft der Bach,
Unterm Eis der blanke Schnee.

Weiden steh'n im weißen Haar,
Spiegeln sich in starrer Flut;
Alles ruhig, kalt und klar
Wie der Tod der ewig ruht.

Weit, so weit das Auge sieht,
keinen Ton vernimmt das Ohr;
Blau zum blauen Himmel zieht
Sacht der Rauch vom Schnee empor.

Möchte schlafen wie der Baum,
Ohne Lust und ohne Schmerz;
Doch der Rauch zieht wie im Traum
Still nach Haus mein Herz.

Autor: Klaus Groth

Mein Freund, der Winter
Es ist der Trennungstag schon da,
Da schreibt besorgt die Frau Mama:
Schnee liegt in allen Gleisen,
Der Winter ist so grimm und starr,
Bleib nur mein Töchterchen! FĂŒrwahr
Mein Schatz du darfst nicht reisen!

Du alter Freund im Silberbart,
Du meinst es gut du Eisenhart,
Dich Winter will ich preisen!
Es drohte Trennung dem Verband,
Du frierst ihn wieder aneinand:
Mein Schatz, der darf nicht reisen.

Du rauhbereifter Nordgesell
Dein Frost ist mir ein Feuerquell,
Hold deine rauhen Weisen;
Schick Eis und KĂ€lte, daß es klingt
Und daß mein Herze springt und singt:
Mein Schatz der darf nicht reisen.

Nun lache Tags mit Sonnenschein!
Und glitzre Nachts mit Sternelein!
Sei streng wie Stahl und Eisen!
Ich will dir wĂŒnschen, was dir frommt,
Daß nicht der Dieb der Thauwind kommt -
Und meinen Schatz lĂ€ĂŸt reisen.

Autor: Heinrich Seidel

Wintertag
Über schneebedeckter Erde
Blaut der Himmel, haucht der Föhn –
Ewig jung ist nur die Sonne!
Sie allein ist ewig schön!

Heute steigt sie spÀt am Himmel
Und am Himmel sinkt sie bald,
Wie das GlĂŒck und wie die Liebe,
Hinter dem entlaubten Wald.

Autor: Conrad Ferdinand Meyer

Der Winter
Der Winter pfeift die Ohren uns voll,
Und leider nicht erst seit gestern,
Er blÀst und schmettert darein wie toll
Mit dem laut’sten vor allen Orchestern.

Spar deinen Atem, Winterwind,
Wir halten die Ohren verschlossen,
MĂŒd sind wir der Blumen, so blank sie sind,
Die an den Fenstern sprossen.

In diese kalte sibirische Nacht
O fiel’ ein Strahl der Erhellung.
VerdrĂ€ng’, o Lenz, mit warmer Pracht
Die eisige Blumenausstellung!

Autor: Ludwig Seeger

Der erste Schnee
Nein, wer hÀtte das gedacht
beim Zur-Schule-Gehn!
Heute morgen um halb acht
war noch nichts zu sehn.
Keine Flocke rings im Kreis -
jetzt ist alles zuckerweiß.
Wie das wirbelt, tanzt und sprĂŒht!
Weiß ist jedes HJaus.
Unsre Schule selber sieht
wie ein Schneemann aus.
Jungens, BĂ€lle nun gemacht!
Heute gibt's eine Schneeballschlacht!

Autor: Adolf Holst

Wenn es Winter wird
Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein grosser Fisch geschwommen,
so stösst er mit der Nase an.

Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst du ihn rauf, so macht es klirr
und titscher - titscher - titscher - dirr ...
Heißa, du lustiger Kieselstein!

Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein SchwÀblein fliegen -
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draussen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wÀr etwas zum Essen:
doch so sehr sie die Nasen ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.

Aber bald, aber bald
werden wie selbst auf eigenen Sohlen
hinaus gehen können und den Stein wiederholen.

Autor: Christian Morgenstern

Winter-Sonnwend-Fest
Nun bedeckt der Schnee die Fluren weit und breit;
Der Wald, das Feld, der Garten sind verschneit,
Ein Leichentuch liegt auf der Erde.
Doch wissen wir, darunter formt sich still
Die Pflanze, die zum Lichte dringen will,
Und hofft, dass holder FrĂŒhling kommen werde.

Ringsum herrscht Friede. Froher Festestraum
Weht durch die Welt. Den trauten Tannenbaum
Ziert Lichterschmuck und Liebesspende.
Horch - Glockenklang! Ein wĂŒrdiger Choral
Schwebt sanft verhallend ĂŒber Berg und Tal -
Das ist die Zeit der Wintersonnenwende!

Du mĂŒdes Menschenherz, vom Leid erfasst,
Aufstöhnend unter bittrer Sorgen Last,
Du sollst dich nicht verloren wÀhnen!
Schon keimt der Trost, der kĂŒnftig dich beglĂŒckt,
Die Liebe waltet, die den Lenz dir schmĂŒckt:
Ein Freudensonnenstrahl trinkt deine TrÀnen.

Verzage nicht! Sei stark und fasse Mut!
Gewiss, es wird noch alles, alles gut,
Und jeder Kummer hat ein Ende!
Die Hoffnung gießt, das wahre Weihnachtskind,
In alle Seelenwunden Balsam lind
zur Wonnezeit der Wintersonnenwende!

Autor: Jakob Schiff

Die Blumen in den Wintertagen
Die Blumen, in den Wintertagen,
Versammeln froh sich hier zuhauf,
Mit heitern Blicken uns zu sagen:
An ihrem Fest blĂŒht alles auf.

Autor: Johann Wolfgang von Goethe

Eislauf
Heute, Kinder, wolln wir es wagen!
Heute wird das Eis wohl tragen,
darum los, wer laufen kann!
MĂŒtze auf und Schlittschuh an!
Ach, so wohlig sich zu wiegen
Schwalbengleich dahin zu fliegen,
auf und ab im Sonnenstrahl,
blank das Eis und blank der Stahl!
MĂŒllers Max und Schneiders Fritze
mit der braunen PudelmĂŒtze,
wie sie schwenken und sich drehn!
Habt ihr sowas schon gesehn ?
Hoch das Bein und kĂŒhn im Bogen
kommen sie herangeflogen,
Eins-zwei-drei und wie der Blitz-
Bums! Da liegt der Schneider Fritz.

Autor: Adolf Holst

Weiss ist der Garten
Weiss ist der Garten, wohin ich auch seh.
Winter, willkommen mit Eis und mit Schnee!
Vöglein, ihr kleinen, auch ihr sollt euch freuen,
Körner und Krumen woll'n wir euch streuen.
Schneit's auch noch toller um Hecken und Höhn,
heissa-juchhe, auch der Winter ist schön!

Autor: Adolf Holst

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