Gastlichkeit des Winters

Kategorie: Wintergedichte

Gastlichkeit des Winters

Der Winter ist ein scharfer Gast,
Das merkt ich an dem Dache;
Mein Lieb gab mir ein Kränzelein
Von Perlen fein,
Das hab ich von ihr tragen
An meinem Bart und Kragen.

Der Sommer ist ein sanfter Gast,
Es tröpfelt von dem Dache;
Mein Lieb gab mir ein Kränzelein
Im Sonnenschein,
Da ist es aufgethauet,
Von Eis war es erbauet.

Ja traue nur dem Schleicher nicht,
Viel lieber scharfe Worte;
Der Sommer giebt wohl Kränzelein
Von Blumen fein,
Zu ihr kann ich nicht gehen,
Vom langen Tag gesehen.

Zu Ostern, als die Fasten aus,
Da längerten die Tage;
Mein Lieb gab mir ein Unterpfand,
Zween Aermlein blank,
Darin sollt ich mich rüsten,
Zu unsres Winters Lüsten.

Was acht ich der Waldvöglein Sang,
Und aller Kläffer Zungen;
Lieg ich in meinen Aermlein blank,
Ich weiß ihr Dank,
Ich kann von ihr dann träumen;
Wie lange wird sie säumen?
Autor: Achim von Arnim

Ausführliche Interpretation des Gedichts

In "Gastlichkeit des Winters" entwirft Achim von Arnim ein faszinierendes und vielschichtiges Bild der Jahreszeiten als personifizierte Gäste. Der Winter wird als "scharfer Gast" beschrieben, dessen Anwesenheit sich durch den Frost am Dach zeigt. Das "Kränzelein von Perlen fein", das die Geliebte dem Sprecher gibt, ist eine Metapher für den Raureif, den er "an Bart und Kragen" trägt. Dieses Geschenk ist kalt, aber klar und ehrlich – ein sichtbares Zeichen der Verbindung. Der Sommer hingegen erscheint als "sanfter Gast" und "Schleicher". Sein Geschenk, das gleiche Kränzelein, taut im Sonnenschein einfach auf, weil es "von Eis erbauet" war. Hier wird der Sommer als unzuverlässig und sein Geschenk als vergänglich dargestellt.

Die zentrale Botschaft des Gedichts liegt in der Warnung: "Ja traue nur dem Schleicher nicht, Viel lieber scharfe Worte." Der Sprecher zieht die direkte, ehrliche Kälte des Winters der heimtückischen Wärme des Sommers vor, die die Wahrheit schmelzen lässt. Im Sommer kann er nicht zu seiner Geliebte gehen, weil die "langen Tage" ihn sehen – eine Anspielung auf soziale Kontrolle oder die Unmöglichkeit der Heimlichkeit. Die späteren Strophen führen diese Gedanken fort. Das "Unterpfand" zu Ostern, die "zween Aermlein blank", sind ein Versprechen für die "Winters Lüste", also für die Zeit der Intimität und Verschwiegenheit. Im finalen Vers sinkt der Sprecher in diese Arme und träumt von der Geliebten, unbeeindruckt vom "Sang der Waldvöglein" und den "Kläffer Zungen" der Welt. Das Gedicht feiert somit die Privatheit, die Treue und die intensive, in der Kälte geschützte Liebe gegenüber der oberflächlichen und neugierigen Welt des Lichts und des Sommers.

Biografischer Kontext zu Achim von Arnim

Achim von Arnim (1781-1831) ist eine Schlüsselfigur der deutschen Romantik. Gemeinsam mit Clemens Brentano gab er die Volksliedersammlung "Des Knaben Wunderhorn" heraus, die das literarische Deutschland nachhaltig prägte. Sein Werk ist tief verwurzelt in der Hinwendung zum Volksliedhaften, zum Märchenhaften und zu einer als natürlich und echt empfundenen Vergangenheit. "Gastlichkeit des Winters" trägt deutlich die Handschrift dieser Poetik. Die einfache, strophische Form, die Anklänge an das Volkslied (wie die Wiederholung "Mein Lieb gab mir ein Kränzelein"), die Personifikation der Naturgewalten und die Gegenüberstellung von scheinbar Gegensätzlichem (Winter/Sommer, Schärfe/Sanftheit, Öffentlichkeit/Privatheit) sind typisch romantische Motive und Gestaltungsweisen. Arnim suchte nach einer poetischen Sprache, die unmittelbar und gefühlvoll war, aber dennoch tiefe, fast philosophische Gegensätze ausloten konnte – genau wie in diesem Gedicht, wo sich hinter der schlichten Winter- und Sommerbeschreibung eine ganze Liebes- und Lebensphilosophie verbirgt.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine sehr eigenwillige, kontrastreiche Stimmung. Es beginnt mit einer fast trotzigen Freude an der herben Kälte. Die Bilder von Raureif an Bart und Kragen vermitteln ein Gefühl von männlicher Robustheit und stolzer Zugehörigkeit. Diese Stimmung kippt in der dritten Strophe in eine misstrauische, warnende Haltung gegenüber der Sommerlichkeit. Insgesamt dominiert aber eine tiefe, in sich gekehrte Zufriedenheit. Die Schlussstrophen strahlen eine träumerische, abgeschirmte Geborgenheit aus. Der Sprecher zieht sich in die Welt seiner Liebe und seiner Träume zurück, gleichgültig gegenüber dem Geschwätz der Außenwelt ("aller Kläffer Zungen"). Die finale Frage "Wie lange wird sie säumen?" verleiht der ansonsten so sicheren Stimmung einen leisen, sehnsuchtsvollen Unterton. Es ist eine Mischung aus winterlicher Festigkeit, romantischer Sehnsucht und dem Triumph der intimsten Gefühle über die Öffentlichkeit.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Fragen des Gedichts sind heute so relevant wie vor 200 Jahren. Der Konflikt zwischen authentischer, vielleicht auch schroffer Ehrlichkeit ("scharfe Worte") und oberflächlicher, angepasster Liebenswürdigkeit ("dem Schleicher nicht trauen") durchzieht unsere zwischenmenschliche Kommunikation ständig – ob in sozialen Medien, im Beruf oder in privaten Beziehungen. Auch das Thema Privatsphäre versus öffentliche Beobachtung ("vom langen Tag gesehen") hat im Zeitalter von Digitalisierung und sozialer Kontrolle eine brandaktuelle Dimension. Die Sehnsucht nach einem geschützten, intimen Raum ("in meinen Aermlein blank"), in dem man ungestört träumen und lieben kann, ist ein universelles menschliches Bedürfnis. Das Gedicht wirft also die zeitlose Frage auf: Wo finden wir wahre, beständige Werte und Verbindungen – in der glanzvollen, aber vergänglichen Öffentlichkeit oder in der kargen, aber ehrlichen Privatheit?

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist relativ klar und die Wortwahl nicht übermäßig kompliziert. Einige veraltete Formen wie "giebt", "erbauet", "thauet" oder "Aermlein" sind für moderne Leser eine kleine Hürde, erschließen sich aber aus dem Kontext. Die eigentliche Schwierigkeit liegt in der gedanklichen Tiefe. Der symbolische Gehalt der Bilder (Winter, Sommer, Kränzelein, Arme) muss entschlüsselt werden, um die Liebesphilosophie des Sprechers zu verstehen. Der abrupte Wechsel zwischen Jahreszeiten, die Personifikation und die moralische Wertung ("traue dem Schleicher nicht") erfordern ein aktives Mitdenken. Es ist also ein Gedicht, das auf den ersten Blick zugänglich erscheint, aber bei genauer Betrachtung seine komplexen Schichten preisgibt.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht eignet sich hervorragend für ruhige, besinnliche Anlässe in der kalten Jahreszeit. Es ist ein perfekter Beitrag für einen literarischen Advents- oder Winterabend, der über das rein Weihnachtliche hinausgeht. Aufgrund seiner Thematik der intimen, geschützten Liebe passt es auch gut in einen persönlichen Rahmen, etwa als liebevoller Vortrag für den Partner an einem verschneiten Abend. Darüber hinaus ist es ein ausgezeichnetes Objekt für den Schul- oder Literaturunterricht, um die Epoche der Romantik und den Umgang mit Symbolik zu besprechen. Es ist weniger ein lautes Festtagsgedicht, sondern vielmehr ein Text für Momente der Reflexion und der vertieften Zwiesprache.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht spricht am unmittelbarsten Erwachsene und Jugendliche ab etwa 16 Jahren an. In diesem Alter ist man in der Lage, die metaphorische Ebene (die Jahreszeiten als Zustände einer Beziehung) und die existentiellen Fragen nach Ehrlichkeit, Öffentlichkeit und Privatheit zu erfassen. Die romantische, auf innige Verbindung zielende Grundhaltung findet hier ein natürliches Publikum. Für literarisch interessierte Jugendliche bietet es einen hervorragenden, nicht zu langen Einstieg in die Welt der romantischen Lyrik. Auch Erwachsene, die eine Vorliebe für nachdenkliche, bildstarke Poesie haben, werden den besonderen Reiz dieses Textes zu schätzen wissen.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Für jüngere Kinder ist das Gedicht aufgrund seiner abstrakten Symbolik und seiner subtilen erotischen Andeutungen ("Winters Lüsten", "in meinen Aermlein blank") weniger geeignet. Ihnen erschließt sich die Tiefe der Aussage nicht, und die Freude am winterlichen Bild des Rauhreifs wird von den nachfolgenden, komplexeren Strophen schnell überlagert. Ebenso könnte es für Leser, die nach einfacher, eindeutiger Unterhaltung oder nach rein festlicher Weihnachtslyrik suchen, enttäuschend sein. Es ist kein Gedicht, das nur schmückend oder dekorativ ist, sondern eines, das zum Nachdenken und Interpretieren auffordert. Wer eine unkomplizierte, fröhliche Stimmung sucht, wird mit diesem textuellen und gedanklichen Tiefgang vielleicht weniger anfangen können.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein ruhiger, bedächtiger und betonter Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa eine Minute bis 90 Sekunden. Die fünf Strophen mit je sechs Zeilen sind überschaubar. Der Schlüssel für einen gelungenen Vortrag liegt im angemessenen Tempo. Du solltest die schönen Bilder ("Perlen fein", "Sonnenschein") wirken lassen und die bedeutungsvollen Wendungen ("traue nur dem Schleicher nicht", "aller Kläffer Zungen") deutlich pointieren. Ein zu schnelles Hersagen würde der nachdenklichen, teils traumhaften Stimmung des Textes nicht gerecht werden. Probiere es am besten einmal laut aus, um ein Gefühl für dein persönliches Lesetempo und die natürlichen Pausen zwischen den Strophen zu finden.

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