An den Winter

Kategorie: Wintergedichte

An den Winter

Alter, mit dem grauen Barte,
Mit den angefrornen Locken,
Willst du denn nicht Einmal lachen?
Sind die Lippen zugefroren?
Komm’ herein, was stehst du draußen?
Komm’ herein, du sollst schon thauen! –
Sieh’! wie störrisch sind die Mienen;
Bist du denn ein Feind der Freunde?
Willst du meine Lust verdammen?
Gut! so bleib’ nur immer draußen,
Und mit deiner finstern Miene
Mache Felder, mache Blumen,
Mache Berg’ und Thäler traurig,
Mich sollst du nicht traurig machen!
Tödte diese frischen Lilien,
Tödte diese jungen Rosen
Auf den jugendlichen Wangen,
Tödte sie Einmal zum Scherze,
Laß mir aber nur die Rosen
Auf den Wangen meiner Doris,
Dann so soll sie dich beschämen;
Dann soll sie mit einem Kusse
Meinen halbverstorb’nen Wangen
Alle Rosen wieder geben.
Dann soll sie mit ihren Lippen
Meine Lippen schöner färben!

Alter! willst du’s selbst versuchen?
Komm’, sie soll dich einmal küssen;
Glühend sollst du, sieh’, ich wette,
Deine Pelze von dir werfen,
Sollst vor großer Hitze dursten;
Komm’ ich habe hier zu trinken!
Autor: Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Gleims "An den Winter" ist weit mehr als ein einfaches Naturgedicht. Es zeigt den Winter nicht als tote Jahreszeit, sondern als lebendige, wenn auch grimmige Figur: einen alten Mann mit grauem Bart und gefrorenen Locken. Das lyrische Ich spricht diesen personifizierten Winter direkt und fast vorwurfsvoll an. Es fordert ihn auf, hereinzukommen und zu lachen, und wirft ihm vor, mit seiner finsteren Miene die Welt traurig zu machen. Diese direkte Ansprache schafft eine ungewöhnlich dynamische und persönliche Beziehung zwischen Mensch und Jahreszeit.

Die zentrale Wende des Gedichts liegt in der trotzigen Herausforderung des Sprechers. Er gesteht dem Winter zu, die Blumen und Lilien zu "töten", also die natürliche Schönheit zu zerstören. Doch eine Kraft soll dem Winter widerstehen: die Liebe, verkörpert in der Geliebten Doris. Ihre jugendlichen Rosen auf den Wangen und vor allem ihre Küsse werden als mächtiger dargestellt als alle Kälte des Winters. Sie kann nicht nur den Sprecher, sondern hypothetisch sogar den Winter selbst erwärmen und beschämen. Die erotische und lebensspendende Kraft der Liebe wird hier als ultimativer Gegenspieler zur Erstarrung und zum Tod des Winters inszeniert. Das Gedicht endet in einer fast übermütigen Einladung an den Winter, sich dieser Kraft zu stellen – eine Einladung, die er sicherlich nicht annehmen wird, und so triumphiert am Ende die Lebenslust.

Biografischer Kontext zum Autor

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) war eine Schlüsselfigur der deutschen Aufklärung und ein äußerst produktiver Dichter. Er ist bekannt als "Vater Gleim" oder "der deutsche Anakreon", letzteres wegen seiner an den antiken Dichter Anakreon angelehnten, heiteren und lebensfrohen Lyrik, die Freundschaft, Wein und Liebe besingt. Gleim war ein großzügiger Förderer junger Schriftsteller und ein wichtiger Netzwerker seiner Zeit. Sein Werk steht oft im Zeichen der Geselligkeit und des humanen Miteinanders.

Vor diesem Hintergrund wird "An den Winter" besonders interessant. Es überträgt das anakreontische Motiv der lebensbejahenden, sinnlichen Freude auf einen Konflikt mit der unwirtlichen Jahreszeit. Der Winter erscheint hier als Störenfried der Geselligkeit und des Frohsinns, Werte, die Gleim zeitlebens hochhielt. Der triumphierende Appell an die Kraft der Liebe und des Kusses ist somit kein isoliertes Motiv, sondern passt perfekt in Gleims poetisches Programm, das dem Menschlichen und Herzlichen gegenüber düsteren Mächten den Vorrang gibt.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine bemerkenswert vielschichtige und sich wandelnde Stimmung. Es beginnt mit einer Mischung aus unwirschem Vorwurf und fast mitleidiger Ansprache ("Willst du denn nicht Einmal lachen?"). Daraus entwickelt sich ein trotziger, herausfordernder Ton ("Mich sollst du nicht traurig machen!"). Die Stimmung kippt dann in einen siegesgewissen, fast übermütigen Optimismus, sobald die Geliebte Doris ins Spiel kommt. Die Gewissheit, dass ihre Liebe und Lebenswärme stärker sind als die Kälte des Winters, verleiht den letzten Strophen eine helle, warme und triumphierende Grundierung. Insgesamt ist die vorherrschende Stimmung eine der selbstbewussten Lebensbejahung, die sich der Melancholie der Jahreszeit aktiv entgegenstellt.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentrale Frage des Gedichts ist heute so relevant wie vor 250 Jahren: Wie bewahren wir uns Lebensfreude, Wärme und Menschlichkeit in kalten, schwierigen Zeiten? Der "Winter" kann hier mühelos als Metapher für persönliche Krisen, gesellschaftliche Kälte, politische Frostperioden oder auch für die Tristesse des Alltags gelesen werden. Gleims Antwort – die Suche nach Wärme in zwischenmenschlicher Nähe, in Liebe und in der bewussten Entscheidung, sich nicht unterkriegen zu lassen – ist eine zeitlose Botschaft. Das Gedicht wirft die Frage auf, wo wir unsere persönliche "Doris" finden, unsere Quelle der Wärme, die uns hilft, metaphysische oder reale Winter zu überstehen.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht im mittleren Schwierigkeitsbereich anzusiedeln. Es verwendet einige veraltete Wendungen ("angefrornen", "thauen", "verdammen") und die Apostrophierungen ("Komm'", "sollst'"), die für die Dichtung des 18. Jahrhunderts typisch sind. Der Satzbau ist jedoch meist klar und die Bilder sind sehr konkret und anschaulich (der Winter als alter Mann, die Rosen auf den Wangen). Das größere Verständnis liegt in der Entschlüsselung der metaphorischen Ebene: die Personifikation, der symbolische Kampf zwischen Kälte/Tod und Liebe/Leben. Mit einer kurzen Erläuterung dieser Ebene ist das Gedicht aber sehr gut zugänglich.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht eignet sich perfekt für die dunkle Jahreszeit, besonders für gesellige Runden in der Vorweihnachtszeit oder an Silvester, wenn man auf den Frühling anstößt. Es ist ein wunderbarer Beitrag für einen literarischen Abend mit dem Thema "Jahreszeiten" oder "Liebe". Aufgrund seiner trotzig-optimistischen Grundhaltung passt es auch gut als munternde Zusage in schwierigen persönlichen Zeiten. Denkbar ist sogar ein humorvoller Vortrag bei einer Winterhochzeit, als Versprechen, dass die Liebe alle Kälte vertreibt.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht spricht am unmittelbarsten Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren an. In diesem Alter kann die metaphorische Tiefe und das Motiv des liebesbedingten Triumphs über Lebenskrisen voll erfasst werden. Aufgrund seiner eingängigen Bilder und der direkten Ansprache kann es aber auch älteren Kindern (ab 10 Jahren) mit einer kleinen Erklärung schön vorgelesen werden, um mit ihnen über Personifikation und das Gefühl des Winters zu sprechen.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Weniger geeignet ist es für Leser oder Zuhörer, die ausschließlich an moderner, schnörkelloser Lyrik interessiert sind und mit den stilistischen Mitteln des 18. Jahrhunderts (Apostrophe, etwas pathetische Direktheit) nichts anfangen können. Auch wer ein traditionelles, besinnliches oder romantisch-verklärendes Wintergedicht sucht, wird hier nicht fündig. Gleims Werk ist kein stilles Betrachten der Schneelandschaft, sondern ein lebhaftes, fast streitlustiges Zwiegespräch mit der Jahreszeit.

Wie lang dauert der Vortrag?

Bei einem gut betonten, nicht übereilt vorgetragenen Lesen hat das Gedicht eine Vortragsdauer von ungefähr 60 bis 75 Sekunden. Diese Länge macht es ideal für den Einsatz in einer größeren Gedichtsammlung, als pointierte Einlage bei einer Feier oder für eine kurze, aber inhaltsreiche Darbietung. Ein langsameres, nuancenreiches Vortragen, das den Stimmungswechsel vom Vorwurf zum Triumph herausarbeitet, kann auch knapp 90 Sekunden dauern.

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