Wenn es Winter wird

Kategorie: Wintergedichte

Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein grosser Fisch geschwommen,
so stösst er mit der Nase an.

Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst du ihn rauf, so macht es klirr
und titscher - titscher - titscher - dirr ...
Heißa, du lustiger Kieselstein!

Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwäblein fliegen -
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draussen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen:
doch so sehr sie die Nasen ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.

Aber bald, aber bald
werden wie selbst auf eigenen Sohlen
hinaus gehen können und den Stein wiederholen.
Autor: Christian Morgenstern

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Christian Morgensterns "Wenn es Winter wird" ist weit mehr als nur eine verspielte Beschreibung einer zugefrorenen Seeoberfläche. Das Gedicht erzählt auf mehreren Ebenen von Übergängen, von der Magie des Augenblicks und von der kindlichen Perspektive auf die Natur. Die erste Strophe beschreibt die Verwandlung des Sees in eine feste, begehbare "Haut". Dieses Bild ist ungewöhnlich und lebendig, es vermittelt das Wunder des Gefrierens als einen aktiven Prozess. Der große Fisch, der mit der Nase anstößt, personifiziert die unter der Oberfläche gefangene Welt und schafft eine komische, fast märchenhafte Note.

Der zweite Teil des Gedichts fokussiert sich auf eine scheinbar simple Handlung: das Werfen eines Kieselsteins. Doch hier entfaltet Morgenstern seine ganze sprachliche Kunst. Das "klirr" und das lautmalerische "titscher - titscher - titscher - dirr" lassen den Klang des hüpfenden Steins über das Eis direkt hörbar werden. Der Stein wird zum lebendigen Wesen, das "zwitschert" und "fliegt". Diese Personifikation zeigt die Begeisterung und die fantasievolle Projektion des lyrischen Ichs. Der Stein wird zum Spielzeug, zum Vogel, zum fliegenden Boten.

Die dritte Ebene führt uns unter die Eisdecke. Die Fische, die den Stein durch das "klare Fenster von Eis" betrachten, sind in ihrer eigenen Welt gefangen. Ihre naive Interpretation des Steins als "etwas zum Essen" und ihr erfolgloses Bemühen, ihn zu erreichen, wirken rührend und komisch zugleich. Es ist eine kleine, in sich geschlossene Geschichte von Hoffnung und Enttäuschung. Die abschließende Zeile "sie machen sich nur die Nasen kalt" ist ein typisch morgensternscher, trockener und zugleich warmer Humor.

Der Schluss verspricht eine Zukunft: "Aber bald, aber bald". Die Erwartung, selbst auf dem Eis laufen und das Spiel "wiederholen" zu können, schließt den Kreis. Das Gedicht handelt somit auch von Vorfreude und der aktiven Teilhabe an den Wundern der winterlichen Natur, die zunächst nur beobachtet werden konnte.

Biografischer Kontext des Autors

Christian Morgenstern (1871-1914) ist einer der originellsten und vielseitigsten Dichter der deutschen Literatur. Während er heute oft auf seine humoristischen und nonsensigen Werke wie die "Galgenlieder" reduziert wird, umfasst sein Schaffen auch tiefgründige Naturlyrik, philosophische Gedichte und Übersetzungen. "Wenn es Winter wird" stammt aus dem Band "Ich und Du" (1911) und zeigt eine andere, aber ebenso charakteristische Seite des Autors: die liebevolle, genau beobachtende und kindlich-verwunderte Haltung gegenüber der Natur.

Morgenstern war zeitlebens ein Suchender, beeinflusst von Philosophien wie derjenigen Nietzsches und später der Anthroposophie Rudolf Steiners. Seine Naturgedichte sind oft von einem pantheistischen Gefühl durchdrungen, einem Staunen über die Belebtheit aller Dinge. Das Personifizieren des Steins und der Fische in diesem Gedicht ist kein reines Stilmittel, sondern Ausdruck einer Weltanschauung, die in allem Natürlichen ein eigenes, geistiges Wesen sieht. Die scheinbare Leichtigkeit des Gedichts verbirgt also eine tiefe Verbundenheit mit der Schöpfung, die typisch für Morgensterns späteres Werk ist.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine ganz besondere, vielschichtige Stimmung. Im Vordergrund steht eine heitere, verspielte und fast ausgelassene Fröhlichkeit, die durch die Aktion des Steinwerfens und die lautmalerischen Wörter ("Heißa!", "titscher") hervorgerufen wird. Es ist die pure Freude am Experiment und am Klang. Darunter liegt ein starkes Gefühl der staunenden Verwunderung über das Naturphänomen Eis, das den See in eine neue, begehbare Welt verwandelt.

Gleichzeitig schwingt eine leise, fast melancholische Note mit. Die Fische unter dem Eis sind von der Welt des Betrachters getrennt, ihre Begierde bleibt unerfüllt. Diese leichte Tragikomik mildert die anfängliche Ausgelassenheit zu einer nachdenklicheren, warmherzigen Stimmung. Insgesamt hinterlässt das Gedicht ein Gefühl von zauberhafter Beobachtungsgabe, kindlicher Neugier und der freudigen Erwartung auf die unmittelbare Teilhabe an den Wundern des Winters.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Das Gedicht ist in seiner Thematik zeitlos, aber es wirft heute sogar noch dringlichere Fragen auf. Die fragile "Haut" des Sees kann als Metapher für das empfindliche Gleichgewicht unserer natürlichen Umwelt gelesen werden. Der gefrorene See als verbindende und gleichzeitig trennende Schicht spricht von der Beziehung zwischen Mensch und Tier, von Neugier und Distanz.

In einer Zeit, in der viele Menschen den direkten Kontakt zur Natur und zu ihren jahreszeitlichen Rhythmen verlieren, ist Morgensterns Gedicht eine Einladung zur achtsamen Wahrnehmung. Es erinnert uns an die einfachen, kostbaren Freuden: das Beobachten eines Naturphänomens, das Spiel mit einem Stein, das Staunen über eine andere, verborgene Welt direkt unter unseren Füßen. Die Frage, wie wir mit der uns umgebenden Natur umgehen – ob wir sie nur von außen betrachten oder achtsam in sie eintreten – ist heute so relevant wie nie. Das Gedicht plädiert für Letzteres: für ein respektvolles, freudiges und teilhabendes Verhältnis.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als leicht bis mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und unkompliziert, der Wortschatz größtenteils alltagstauglich. Einige veraltete Wendungen wie "und tut als wie ein Schwäblein fliegen" oder "wiederholen" im Sinne von "wieder holen" mögen für jüngere Leser erklärungsbedürftig sein, erschließen sich aber meist aus dem Kontext. Die größte "Hürde" sind die kreativen Lautmalereien ("titscher... dirr"), die aber gerade den Charme ausmachen und zum Mitsprechen einladen. Inhaltlich ist das Gedicht auf den ersten Blick leicht zugänglich, die dahinterliegende Tiefe der Naturbetrachtung erschließt sich jedoch erst bei genauerem Hinsehen.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht ist ein perfekter Begleiter für die Winter- und Vorweihnachtszeit. Es passt hervorragend in eine gemütliche Vorleserunde in der Familie, in den Schulunterricht zum Thema "Winter" oder "Wasser in seinen Aggregatzuständen". Auf einer Weihnachtsfeier kann es als erfrischende, nicht-weihnachtliche, aber winterliche Darbietung eine schöne Abwechslung sein. Auch für einen Spaziergang an einem zugefrorenen Gewässer ist es der ideale literarische Begleiter, um die eigene Wahrnehmung zu schärfen und die Begeisterung für die kleinen Wunder der Saison zu teilen.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht besitzt einen universellen Charme, der verschiedene Altersgruppen anspricht. Kinder ab etwa 5 oder 6 Jahren lieben die klangvolle, rhythmische Sprache und die lustige Vorstellung von den Fischen, die sich die Nasen am Eis kalt machen. Die klare Bildsprache regt ihre Fantasie an. Schulkinder können die sprachlichen Besonderheiten und die genaue Naturbeobachtung nachvollziehen. Erwachsene und ältere Leser schätzen die feine Ironie, die philosophische Untertöne und die kunstvolle, scheinbar naive Gestaltung. Es ist somit ein Gedicht für die ganze Familie.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser oder Zuhörer, die eine eindeutige, moralische Botschaft oder eine dramatische Handlung erwarten. Wer nach schwerer, komplexer oder rein romantischer Lyrik sucht, wird hier nicht fündig. Ebenso könnte es für sehr rationale, nüchtern denkende Menschen, die für lautmalerisches Spiel und personifizierende Fantasie wenig Zugang haben, vielleicht etwas "zu verspielt" wirken. Für einen hochformalisierten, ernsten Literaturkreis ist es möglicherweise zu leichtfüßig, obwohl es gerade dort als Beispiel für meisterhafte, einfache Lyrik eine spannende Diskussionsgrundlage bieten könnte.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein ruhiger, betonter und genussvoller Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa 60 bis 75 Sekunden. Wenn du die Pausen zwischen den Strophen etwas ausdehnst, um die Stimmungswechsel wirken zu lassen, oder die lautmalerische Passage ("titscher - titscher...") besonders ausspielst, kann die Dauer auch gut anderthalb Minuten betragen. Es ist kurz genug, um die Aufmerksamkeit zu halten, und lang genug, um eine kleine, in sich geschlossene Geschichte zu erzählen und eine atmosphärische Dichte aufzubauen.

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