Eislauf
Kategorie: Wintergedichte
Eislauf
Heute, Kinder, wolln wir es wagen!Autor: Adolf Holst
Heute wird das Eis wohl tragen,
darum los, wer laufen kann!
Mütze auf und Schlittschuh an!
Ach, so wohlig sich zu wiegen
Schwalbengleich dahin zu fliegen,
auf und ab im Sonnenstrahl,
blank das Eis und blank der Stahl!
Müllers Max und Schneiders Fritze
mit der braunen Pudelmütze,
wie sie schwenken und sich drehn!
Habt ihr sowas schon gesehn ?
Hoch das Bein und kühn im Bogen
kommen sie herangeflogen,
Eins-zwei-drei und wie der Blitz-
Bums! Da liegt der Schneider Fritz.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Adolf Holst gelingt mit "Eislauf" ein lebendiges Miniaturgemälde, das weit mehr ist als eine simple Schilderung. Das Gedicht beginnt mit einem aufmunternden Aufruf, der den Leser direkt in die Kinderschar hineinzieht. Die ersten vier Zeilen sind reine Vorfreude und Aufforderung zur Tat. Die Sprache ist dynamisch, fast atemlos, und spiegelt die Ungeduld der Kinder wider. Der Wechsel in die beschreibende Szene ("Ach, so wohlig sich zu wiegen...") zeigt dann die reine, fast träumerische Freude an der Bewegung selbst. Die Vergleiche ("Schwalbengleich", "wie der Blitz") unterstreichen die Leichtigkeit und Geschwindigkeit des Eislaufens.
Besonders clever ist die Einführung der beiden Figuren "Müllers Max und Schneiders Fritze". Sie personifizieren den kindlichen Übermut und das spielerische Wettstreiten. Ihre Kunststücke ("schwenken und sich drehn", "Hoch das Bein und kühn im Bogen") werden fast wie eine Zirkusvorstellung präsentiert. Die Pointe kommt dann abrupt und unvermittelt: "Bums! Da liegt der Schneider Fritz." Dieser jähe Sturz ist kein tragischer Unfall, sondern ein komisches, fast notwendiges Element des Spiels. Er holt die Szene aus der schwebenden Idealität zurück auf den harten, realen Boden des Eises und endet mit einem Augenzwinkern. Das Gedicht feiert so nicht nur den sportlichen Rausch, sondern auch die kleinen Missgeschicke, die zum unbeschwerten Spiel dazugehören.
Biografischer Kontext des Autors
Adolf Holst (1867-1945) war ein bedeutender deutscher Pädagoge und Kinderlyriker, dessen Werk heute etwas in Vergessenheit geraten ist, aber die Kinderliteratur seiner Zeit prägte. Nach seiner Tätigkeit als Lehrer und Rektor widmete er sich ganz dem Schreiben und wurde vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem Illustratoren-Genie Hans Baluschek bekannt. Gemeinsam schufen sie ikonische Kinderbücher wie "Die Wichtelmänner" und "Lillis Eislauf".
Sein Gedicht "Eislauf" stammt genau aus diesem Milieu. Holst verstand es meisterhaft, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen und in eingängigen, rhythmischen Versen festzuhalten. Sein pädagogischer Hintergrund floss dabei nie belehrend, sondern stets mitfühlend und unterhaltend ein. Sein Ziel war es, Kinder direkt anzusprechen und ihre Alltagserlebnisse – wie einen Tag auf dem zugefrorenen Teich – zu poetisieren. Dieses Gedicht ist somit ein typisches Beispiel für seine Kunst: volkstümlich, lebensnah und mit einem warmherzigen Schuss Humor.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine durchweg heitere, beschwingte und nostalgische Stimmung. Von der ersten Zeile an spürst du die aufgeregte Vorfreude und den Tatendrang einer Kindergruppe. Die Sprache ist voller Schwung und vermittelt ein Gefühl von unbändiger Freiheit und Leichtigkeit, besonders in den Passagen, die das Gleiten und Fliegen beschreiben. Es herrscht eine fast frühlingshafte, sonnendurchflutete Atmosphäre ("auf und ab im Sonnenstrahl"), die pure Lebensfreude ausstrahlt.
Dazu gesellt sich ein kameradschaftlicher, geselliger Ton durch die Nennung der beiden Jungen Max und Fritz. Ihre Kunststücke werden mit bewundernder Anteilnahme geschildert. Die Stimmung kippt nicht ins Tragische, als Fritz stürzt, sondern bleibt im Komischen. Das finale "Bums!" löst eher ein Lachen oder Schmunzeln aus und rundet das Bild einer unbeschwerten Wintervergnügung ab, in der auch ein kleiner Sturz zum Spaß dazugehört. Insgesamt hinterlässt es ein warmes, positiv-verklärendes Gefühl von Kindheitserinnerungen.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut, auch wenn es in einer spezifischen historischen Alltagswelt verankert ist. Die grundlegenden Emotionen, die es beschreibt, sind zeitlos: die Vorfreude auf ein gemeinsames Vergnügen, der Rausch der Bewegung, der spielerische Wettbewerb unter Freunden und das kleine, lustige Missgeschick. Jedes Kind, das heute Schlittschuh läuft, Inlineskates fährt oder auf dem Spielplatz turnt, kennt diese Gefühle.
Moderne Parallelen lassen sich mühelos ziehen. Man könnte die Szene mit einem Ausflug in den Skatepark oder beim gemeinsamen Rodeln vergleichen. Die Figuren Max und Fritz sind die Vorgänger heutiger "Influencer" oder Stars auf der Spielfläche, die mit ihren Tricks beeindrucken wollen – und manchmal scheitern. Das Gedicht wirft implizit Fragen auf, die heute noch relevant sind: Wo finden wir heute solche einfachen, unkommerziellen Freuden? Erlauben wir uns noch dieses unbeschwerte, kindliche Scheitern, das einfach zum Spiel gehört? In einer durchorganisierten Freizeitgesellschaft wirkt dieses Gedicht wie eine erfrischende Einladung zur spontanen, gemeinsamen Aktivität.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als leicht einzustufen. Holst verwendet eine klare, alltagsnahe Sprache ohne komplizierte Metaphern oder verschachtelte Sätze. Der Satzbau ist einfach und geradlinig. Einzelne Begriffe wie "wohlig", "Schwalbengleich" oder "kühn im Bogen" sind zwar etwas gehobener, erschließen sich aber aus dem Kontext sofort. Der eingängige, muntere Rhythmus und die durchgängigen Reime (aabb) unterstützen das Verständnis und machen das Memorieren einfach.
Die größte "Hürde" könnten die historischen Berufsbezeichnungen ("Müllers Max", "Schneiders Fritze") für junge Leser von heute darstellen, die erklärungsbedürftig sind. Doch auch diese sind schnell als Namen zweier Jungen aus dem Handwerksmilieu verstanden. Insgesamt ist das Gedicht damit perfekt für einen ersten Zugang zur Lyrik geeignet, da es Inhalt und Form ideal verbindet und sofort ansprechend wirkt.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht ist ein idealer Begleiter für verschiedene winterliche und gesellige Anlässe. Es passt perfekt in eine gemütliche Advents- oder Weihnachtsfeier in der Familie, da es eine winterliche Aktivität beschreibt, ohne direkt weihnachtlich zu sein. In der Grundschule oder im Kindergarten eignet es sich hervorragend für die kalte Jahreszeit, um über Wintervergnügungen zu sprechen, vielleicht sogar als Einleitung für einen Bastelnachmittag oder einen echten Schlittschuh-Ausflug.
Es ist auch ein wunderbares Vortragsgedicht für kleinere Feste, da es durch seinen Rhythmus und die pointierte Schlusspointe garantiert beim Publikum ankommt. Nicht zuletzt kann es einfach so, an einem frostigen Tag, vorgelesen werden, um gemeinsam in Erinnerungen an vergangene Winter zu schwelgen oder Vorfreude auf den ersten Frost zu wecken.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Primär spricht das Gedicht Kinder im Vor- und Grundschulalter (ca. 4 bis 10 Jahre) an. Die Thematik ist aus ihrer Lebenswelt gegriffen oder leicht vorstellbar, die Sprache ist verständlich, und der lustige Sturz am Ende kommt in dieser Altersgruppe besonders gut an. Die jüngeren Zuhörer freuen sich über den Klang und die Bewegung, die älteren Kinder verstehen bereits die feine Ironie der Schlusspointe.
Aber auch Erwachsene, insbesondere Eltern, Großeltern oder Pädagogen, können ihren Spaß daran haben. Bei ihnen weckt es nostalgische Gefühle und ein Lächeln über die universellen Muster kindlichen Spiels. Es ist somit ein Gedicht, das generationenübergreifend funktioniert und gemeinsam genossen werden kann.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Für Leser oder Zuhörer, die eine tiefgründige, komplexe oder philosophische Lyrik suchen, ist "Eislauf" weniger geeignet. Es ist bewusst leicht, unterhaltsam und anekdotisch angelegt. Wer nach versteckten Botschaften, gesellschaftskritischer Schärfe oder existenzieller Reflexion sucht, wird hier nicht fündig.
Ebenso könnte das Gedicht auf Menschen, die mit der spezifisch deutschen, vielleicht als "heile Welt" empfundenen Kinderlyrik des frühen 20. Jahrhunderts nichts anfangen können, etwas altmodisch oder zu simpel wirken. Die pointierte Darstellung des "Schneiders Fritze" mit seiner "braunen Pudelmütze" ist sehr in ihrer Zeit verhaftet und spricht vielleicht nicht jeden heutigen Jugendlichen unmittelbar an, der nach cooler, moderner Sprache sucht.
Wie lang dauert der Vortrag?
Ein Vortrag des gesamten Gedichts dauert bei einem gemäßigten, betonten und genussvollen Tempo etwa 30 bis 40 Sekunden. Die sechzehn kurzen Zeilen lassen sich flüssig heruntersprechen. Entscheidend für die Wirkung ist jedoch weniger die reine Zeit, sondern die Gestaltung. Ein guter Vortrag sollte die anfängliche Aufregung, die schwebende Freude in der Mitte und den plötzlichen, knallenden Abschluss ("Bums!") stimmlich und mit Pausen einfangen. So wird aus einer halben Minute eine kleine, lebendige Theateraufführung, die im Gedächtnis bleibt.
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