Die hohen Tannen atmen
Kategorie: Kurze Weihnachtsgedichte
Die hohen Tannen atmen
Die hohen Tannen atmen heiserAutor: Rainer Maria Rilke
im Winterschnee, und bauschiger
schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
Die weißen Wege werden leiser,
die trauten Stuben lauschiger.
Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
Im grünen Ofen kracht ein Scheit
und stürzt in lichten Lohgewittern, –
und draußen wächst im Flockenflittern
der weiße Tag zur Ewigkeit.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext zu Rainer Maria Rilke
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Rilkes "Die hohen Tannen atmen" ist weit mehr als eine einfache Winter- oder Weihnachtsszene. Es ist eine dichte, sinnliche Meditation über die Gegenüberstellung von innen und außen, von Vergänglichkeit und Zeitlosigkeit. Die ersten Zeilen etablieren eine fast anthropomorphe Natur: Die Tannen "atmen heiser", was auf die Last des Schnees und die Stille des Winters verweist. Der Schnee schmiegt sich "bauschiger" um die Zweige, eine Formulierung, die Wärme und Zärtlichkeit suggeriert, obwohl es sich um Kälte handelt. Diese paradoxe Beschreibung zieht sich durch das ganze Werk. Die "weißen Wege werden leiser" – hier wird Stille nicht als Abwesenheit von Klang, sondern als aktiver, wahrnehmbarer Vorgang beschrieben. Im Kontrast dazu steht das "lauschige" Innere der Stube, ein Ort der Geborgenheit.
Der zweite Teil intensiviert diesen Kontrast. Im Inneren wird die Zeit durch das Singen der Uhr und das ängstlich-erwartungsvolle Zittern der Kinder präsent. Das Krachen des Scheits im Ofen wird zu einem dramatischen Naturereignis im Kleinen, einem "Lohgewitter". Dieser innere, wärmende Augenblick der Vergänglichkeit (das Holz verbrennt) steht im krassen Gegensatz zum finalen Bild: Draußen, im scheinbar endlosen "Flockenflittern", wächst der "weiße Tag zur Ewigkeit". Hier vollzieht Rilke eine geniale Verdichtung: Der einzelne Schneetag, eigentlich ein kurzes Naturphänomen, wird durch die unendlich fallenden Flocken zu einem Symbol für die zeitlose, stille und erhabene Gegenwart der Natur selbst, die alle menschliche Zeitmessung überdauert.
Biografischer Kontext zu Rainer Maria Rilke
Rainer Maria Rilke (1875–1926) ist einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne. Sein Werk ist geprägt von der intensiven Suche nach einer neuen, sinnlichen und zugleich tiefgründigen Sprache, die das Unsagbare – Gefühle, Stimmungen, die Essenz der Dinge – erfassbar macht. Dieses Gedicht entstammt seiner früheren Schaffensphase und zeigt bereits sein charakteristisches Talent, Alltagsszenen mit metaphysischer Tiefe aufzuladen. Rilke war zeitlebens ein sensibler Beobachter, der sich oft mit den Themen Einsamkeit, Vergänglichkeit und dem Verhältnis des Menschen zur umgebenden Welt auseinandersetzte. Die hier beschriebene Szene der winterlichen Stube könnte durchaus von seinen Aufenthalten in ländlichen Gegenden oder bei Freunden inspiriert sein, wo er die Ruhe und Intensität solcher Momente besonders schätzte. Sein gesamtes Schaffen zielt darauf ab, die "Weltinnenraum" zu erkunden, eine Verbindung von äußerer Wahrnehmung und innerem Erleben, die auch in diesem Weihnachtsgedicht meisterhaft gelingt.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine sehr komplexe und vielschichtige Stimmung. Zunächst vermittelt es eine tiefe, fast andächtige Ruhe und Geborgenheit, die von der "lauschigen" Stube und dem schützenden Schnee ausgeht. Darunter liegt jedoch eine leise Spannung und Erwartung, die durch das Zittern der Kinder und das plötzliche Krachen des Holzes spürbar wird. Es ist eine erwartungsvolle, fast feierliche Stille, keine langweilige. Die dominante Grundstimmung ist jedoch eine kontemplative, sinnliche Feier des Augenblicks. Der Leser wird in eine Welt eingeladen, in der kleine Vorgänge – das Atmen der Bäume, das Fallen der Flocken – monumental wirken. Die Schlusszeile verleiht allem eine fast überwältigende, erhabene Note, die Bewunderung und ein Gefühl der eigenen Kleinheit gegenüber der zeitlosen Natur hervorrufen kann. Es ist eine Stimmung zwischen Weihnachtsidyll und existenzieller Meditation.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. In einer Zeit der permanenten Reizüberflutung, Hektik und digitalen Ablenkung wirkt Rilkes Gedicht wie eine Einladung zur radikalen Entschleunigung und Achtsamkeit. Es fordert uns auf, innezuhalten und die einfachen, sinnlichen Phänomene um uns herum wahrzunehmen: das Geräusch des eigenen Atems in der Kälte, das Spiel des Feuers, das stille Fallen von Schnee. Die zentrale Frage des Gedichts – wie der vergängliche menschliche Augenblick (der brennende Scheit) mit dem Gefühl von Zeitlosigkeit (der ewige Schneetag) zusammenhängt – ist heute genauso relevant wie vor hundert Jahren. In Zeiten der Klimadiskussion liest sich das Gedicht zudem mit einer neuen Nuance: Die Natur draußen ist nicht nur idyllisch, sondern auch mächtig und ewig im Vergleich zu unserer kurzen Existenz. Es wirft die Frage auf, wie wir unseren Platz in dieser Natur finden, zwischen behaglicher Isolation in der Stube und der überwältigenden Größe der Welt da draußen.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht im Bereich mittelschwer bis anspruchsvoll einzuordnen. Der Satzbau und das Vokabular sind nicht extrem komplex, doch Rilke verwendet sehr verdichtete, bildhafte Sprache und ungewöhnliche Wortschöpfungen wie "Lohgewittern" (ein Gewitter aus Glut und Funken) oder "Flockenflittern". Diese Begriffe erfordern ein gewisses Maß an Abstraktionsvermögen oder Erklärung, um ihre volle poetische Kraft zu erfassen. Das Gedicht arbeitet zudem stark mit Andeutungen und Stimmungen statt mit klaren narrativen Handlungen. Um die tiefere Bedeutungsebene – den Kontrast von Zeit und Ewigkeit, Innen und Außen – vollständig zu erfassen, ist etwas reifere Leseerfahrung hilfreich. Es ist also leicht verständlich in seiner Grundszene, aber anspruchsvoll in seiner interpretatorischen Tiefe.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Dieses Gedicht eignet sich perfekt für besinnliche Anlässe in der Advents- und Weihnachtszeit. Es passt hervorragend:
- Als stimmungsvoller Einstieg oder Abschluss einer Weihnachtsfeier im Familien- oder Freundeskreis.
- Für eine adventliche Lesung oder einen literarischen Abend, der über das rein Festliche hinausgeht.
- Als Textimpuls für eine Meditation oder eine ruhige Minute an einem Wintertag, um zur Ruhe zu kommen.
- Im Schulunterricht, um das Thema "Wintergedichte" mit tiefergehender literarischer Analyse zu verbinden.
- Für eine persönliche Weihnachtskarte an literaturinteressierte Menschen, die das Klischeehafte meiden möchten.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht kann bereits Kindern ab etwa 10 Jahren aufgrund seiner klaren Bilder (Schnee, Tannen, Ofen, Kinder) zugänglich gemacht werden, besonders wenn es vorgelesen und die schwierigeren Wörter erklärt werden. Seine volle Tiefe und Schönheit erschließt sich jedoch eher Jugendlichen und Erwachsenen, die über die reine Beschreibung hinaus die metaphorische und philosophische Ebene erfassen und genießen können. Ideal ist es für alle Altersgruppen, die Freude an sprachlicher Kunst und nachdenklichen Stimmungen haben, also etwa ab dem Jugendalter bis ins hohe Alter.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Leser oder Zuhörer, die eine eindeutige, erzählende Geschichte mit Handlung und einfacher Botschaft erwarten. Wer nach einem fröhlichen, rhythmischen oder rein festlichen Weihnachtsgedicht sucht (etwa im Stile von "Kling, Glöckchen"), könnte von Rilkes ruhiger, kontemplativer und leicht melancholischer Grundstimmung enttäuscht sein. Ebenso ist es für sehr junge Kinder, die konkrete Handlungen brauchen, möglicherweise zu abstrakt und langsam im Tempo. Menschen, die keine Freude an naturlyrischen, sinnlichen Beschreibungen haben, könnten sich hier ebenfalls weniger angesprochen fühlen.
Wie lang dauert der Vortrag?
Bei einem gut betonten, ruhigen und sinngebenden Vortrag mit kleinen Pausen zwischen den Strophen beträgt die Dauer etwa 40 bis 50 Sekunden. Ein sehr langsamer, meditativer Vortrag, der die Stille und Spannung der Bilder auskostet, kann auch knapp eine Minute erreichen. Es ist ein kurzes Gedicht, dessen Wirkung aber gerade aus der gelassenen, nicht überhasteten Darbietung entsteht. Plane also ruhig eine knappe Minute ein, um seine ganze atmosphärische Kraft zur Entfaltung bringen zu können.
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