Adventswarten

Kategorie: Adventsgedichte

Adventswarten

Es ist das ganze Leben
Für den, der Jesus kennt,
ein stetes, stilles Warten
auf seligen Advent.

Er kommt, heißt unser Glaube,
er kommt, heißt unser Trost,
wir hoffen in der Stille
und wenn das Wetter tost.

Wir schauen auf im Kampfe,
wir seufzen oft im Dienst:
Ach, daß du kämst, Herr Jesu,
ach, daß du bald erschienst!
Autor: Hedwig von Redern

Eine tiefgründige Interpretation von "Adventswarten"

Hedwig von Rederns Gedicht "Adventswarten" geht weit über die übliche Vorfreude auf Weihnachten hinaus. Es entfaltet eine existenzielle Theologie des Wartens. Schon die erste Zeile "Es ist das ganze Leben" setzt einen radikalen Akzent: Das Warten auf Christus ist kein saisonales Gefühl, sondern die grundlegende Haltung des gläubigen Lebens. Der "Advent", auf den gewartet wird, ist hier nicht nur das jährliche Fest, sondern die sehnsüchtig erhoffte Wiederkunft Jesu, die "selige" Vollendung.

Die zweite Strophe benennt die Quellen dieser Haltung: Glaube und Trost. Interessant ist der Kontrast zwischen der "Stille" der Hoffnung und dem "tostenden" Wetter, ein Bild für äußere Bedrängnisse, Krisen und innere Unruhe. Das Gedicht spricht also direkt in schwierige Lebensphasen hinein.

Die dritte Strophe wird dann ganz konkret und persönlich. "Kampf" und "Dienst" beschreiben das Leben als Mühe und Aufgabe. Das doppelte "Ach" und die Wiederholung der Bitte "daß du kämst" verleihen dem Text eine fast seufzende, inständige Dringlichkeit. Das "Adventswarten" ist hier kein passives Abwarten, sondern ein aktives, sehnsuchtsvolles Ausgerichtet-Sein inmitten aller Mühsal. Das Gedicht verwandelt so die Adventszeit in eine Chiffre für die christliche Lebenshaltung schlechthin.

Zur Autorin: Hedwig von Redern

Hedwig von Redern (1866–1935) war keine literarische Berühmtheit im engeren Sinne, aber eine produktive und in frommen Kreisen ihrer Zeit sehr geschätzte Autorin geistlicher Lyrik und Erbauungsliteratur. Ihr Werk ist tief im protestantischen Pietismus verwurzelt, einer Strömung, die persönliche Frömmigkeit, innere Hingabe und die lebendige Beziehung zu Jesus Christus in den Mittelpunkt stellt. Diesen Hintergrund kannst du in jedem Vers von "Adventswarten" spüren.

Ihre Gedichte erschienen oft in christlichen Kalendern, Zeitschriften und Gesangbüchern. Ihr Schaffen fällt in eine Zeit gesellschaftlicher Umbrüche (Kaiserreich, Weimarer Republik), in der solche Texte vielen Menschen spirituellen Halt und Orientierung boten. Das Verständnis ihrer biografischen und geistesgeschichtlichen Einbettung hilft dir, die authentische und unverwechselbare Tonalität dieses Gedichts zu erfassen, die es von rein literarisch ambitionierter Lyrik unterscheidet.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

"Adventswarten" erzeugt eine einzigartige, vielschichtige Stimmung. Es beginnt mit einer ruhigen, gelassenen Gewissheit ("stetes, stilles Warten"), die sich jedoch nicht in Bequemlichkeit auflöst. Darunter brodelt eine tiefe Sehnsucht und eine schmerzliche Unruhe angesichts der Mühsal des Lebens ("Kampf", "Dienst", "seufzen").

Die Grundstimmung ist daher eine gespannte, hoffnungsvolle Geduld. Es ist die Stimmung eines Menschen, der in einem dunklen Tal wandert, aber seinen Blick stets auf das Licht am Horizont gerichtet hält. Die Stimmung ist introvertiert und nachdenklich, aber nie verzweifelt, weil sie vom "Trost" des Glaubens getragen wird. Es ist eine sehr ernste, aber auch tröstliche und zuinnerst hoffnungsvolle Atmosphäre.

Ist das Gedicht "Adventswarten" zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Fragen des Gedichts sind heute so relevant wie vor 100 Jahren. In einer schnelllebigen, von Ungewissheit und Krisen geprägten Zeit spricht das Gedicht die menschliche Grunderfahrung des Wartens und der Sehnsucht nach Erlösung direkt an.

Moderne Parallelen lassen sich vielfach ziehen: Das "Warten" kann heute das Warten auf Frieden, auf Heilung, auf einen Sinn im eigenen "Dienst" (Beruf, Familie) oder auf eine Lösung persönlicher Probleme sein. Der "Kampf" steht für innere und äußere Konflikte, die jeder kennt. Die Frage, worauf wir unser Leben ausrichten und woraus wir in stürmischen Zeiten ("wenn das Wetter tost") Trost schöpfen, ist eine universelle, zeitlose Frage. Das Gedicht bietet keine einfachen Antworten, aber eine Haltung: die der hoffnungsvollen, geduldigen und gläubigen Ausrichtung auf ein größeres Ganzes.

Wie ist der sprachliche Schwierigkeitsgrad?

Der Schwierigkeitsgrad ist als mittelschwer einzustufen. Die Sprache ist klar, die Sätze sind nicht übermäßig komplex und das Reimschema (Kreuzreim) ist eingängig. Einige veraltete oder poetische Wendungen wie "tost" (tobt, braust) oder die Satzstellung "Ach, daß du kämst" erfordern jedoch ein wenig Erklärung oder sprachliches Feingefühl für jüngere Leser. Die theologischen Begriffe ("Advent", "selig", "Glaube", "Trost") sind zwar grundlegend, setzen aber ein gewisses Interesse oder Vorverständnis für den geistlichen Gehalt voraus, um in ihrer Tiefe erfasst zu werden. Insgesamt ist das Gedicht aber gut zugänglich.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht ist perfekt für besinnliche Momente in der Advents- und Weihnachtszeit, geht aber über das rein Festliche hinaus. Es eignet sich hervorragend:

  • Für den Gottesdienst oder die Andacht im Advent, besonders am Ewigkeitssonntag.
  • Für persönliche Stille und Meditation in der Vorweihnachtszeit.
  • Für Treffen von Gesprächskreisen oder Hauskreisen, die sich mit dem Thema "Hoffnung" oder "Warten" beschäftigen.
  • Als tröstender und orientierender Text in Zeiten persönlicher Belastung oder Ungewissheit.
  • Als literarisch-theologischer Impuls in (Religions-)Unterricht oder Erwachsenenbildung.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die ideale Altersgruppe beginnt bei Jugendlichen und Erwachsenen ab etwa 14 Jahren. In diesem Alter entwickeln Menschen die Fähigkeit, abstraktere theologische und lebensphilosophische Konzepte zu reflektieren, die in dem Gedicht angelegt sind. Es spricht aber besonders Erwachsene in den verschiedenen Lebensphasen an, die bereits Erfahrungen mit dem "Kampf" und "Dienst" des Lebens gemacht haben und die Tiefe der Sehnsucht nach Trost und Vollendung nachempfinden können. Für reife Leser und Leserinnen entfaltet es seinen ganzen Reichtum.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die ausschließlich nach unterhaltsamer, beschwingter oder rein weihnachtlich-festlicher Lyrik suchen. Es ist kein typisches "Bescherungs"- oder "Schneeglöckchen"-Gedicht. Ebenso könnte es für Menschen, die keinen Bezug zu christlicher Sprache und Symbolik haben oder diese ablehnen, schwer zugänglich sein. Sehr junge Kinder werden mit den Begriffen und der ernsten Grundstimmung wahrscheinlich wenig anfangen können. Wer einen schnellen, leichten Text sucht, wird hier nicht fündig werden.

Wie lange dauert der Vortrag des Gedichts?

Ein ruhiger, bedächtiger und gefühlvoller Vortrag von "Adventswarten" dauert etwa 45 bis 60 Sekunden. Diese Zeit ermöglicht es, die Pausen zwischen den Strophen wirken zu lassen und den ernsten, sehnsuchtsvollen Ton angemessen auszudrücken. Ein zu hastiger Vortrag würde der tiefen Innerlichkeit des Textes nicht gerecht werden. Nimm dir also ruhig Zeit, wenn du es vorliest.

Mehr Adventsgedichte