Zum Advent

Kategorie: Adventsgedichte

Zum Advent

Ich strecke meine Arme dir entgegen,
Du müdes, schwergequältes Menschenherz;
Ich will an meinem Herzen treu dich hegen,
Mit linder Hand dir nehmen Sorg' und Schmerz!
Birg nur dein Haupt in meines Mantels Falten,
Daß meine Kraft durch deine Seele dring',
Nicht bange Zweifel mehr dein Inn'res spalten
Und nicht der Sünde Macht dich niederzwing'!

Ich strecke meine Arme dir entgegen –
Die Welt ist kalt, erstarrt ist Wald und Flur.
Sie giebt dir nicht der reinen Liebe Segen,
Du fühlst an deines Heilands Brust ihn nur.
Wie deine Mutter will ich treu dich leiten,
Dich sicher führen durch den Haß der Welt,
Es soll dein Fuß trotz Stein und Dorn nicht gleiten,
Wenn du nur willst, daß meine Hand dich hält!

Ich strecke meine Arme dir entgegen! –
O schau auf meiner Hände blutig Mal!
Ich möchte segnend sie auf's Haupt dir legen,
Daß dir zum Heil wird meine Kreuzesqual!
Mein Haupt trug auch um dich die Dornenkrone,
Um dich entrang sich mir der Schmerzensschrei,
So gieb dafür dein Herz mir hin zum Lohne,
Damit mein Tod auch dir ein Segen sein!
Autor: Margarete Stege

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Margarete Steges Gedicht "Zum Advent" ist ein tiefgründiges, spirituelles Werk, das weit über die übliche festliche Vorfreude hinausgeht. Es stellt nicht das Kind in der Krippe, sondern den leidenden Christus als zentrale adventliche Figur in den Mittelpunkt. Das lyrische Ich, eindeutig als Jesus Christus identifizierbar, spricht den Leser direkt und tröstend an. Die dreifache, anaphorische Wiederholung "Ich strecke meine Arme dir entgegen" zu Beginn jeder Strophe bildet das strukturelle und inhaltliche Gerüst. Diese Geste ist vielschichtig: Sie ist eine Einladung zur Umarmung, verweist aber auch auf die ausgebreiteten Arme am Kreuz, was in der dritten Strophe explizit wird.

Die erste Strophe bietet Trost für ein "müdes, schwergequältes Menschenherz". Das Bild, das Haupt in den Mantelfalten des Sprechers zu bergen, evoziert Schutz und Geborgenheit. Die angebotene "Kraft" soll innere Zerrissenheit ("bange Zweifel") und die "Macht" der Sünde überwinden. Hier wird Advent als Zeit der inneren Einkehr und Befreiung von Lasten gedeutet.

In der zweiten Strophe kontrastiert die "kalte", "erstarrte" Welt mit der Wärme der göttlichen Liebe. Die Welt, so das Gedicht, kann den "Segen" reiner Liebe nicht geben; diesen findest du nur "an deines Heilands Brust". Die Metapher der mütterlichen Führung ("Wie deine Mutter will ich treu dich leiten") ist bemerkenswert, da sie das Göttliche mit fürsorglich-weiblichen Zügen verbindet und so einen sehr persönlichen, intimen Zugang schafft.

Die dritte Strophe führt den Leser unmittelbar zur Passion. Die "blutig Mal" an den Händen und die "Dornenkrone" machen das Leiden sichtbar und konkret. Der zentrale theologische Gedanke ist, dass dieses Leiden nicht umsonst war, sondern "dir zum Heil" und "dir ein Segen sein" soll. Die Gegenforderung ist einfach und radikal: "So gieb dafür dein Herz mir hin zum Lohne." Advent wird hier als Einladung verstanden, das eigene Leben angesichts des hingegebenen Lebens Christi auszurichten. Es ist ein Gedicht der tröstenden Einladung, das gleichzeitig zur entschiedenen Hingabe auffordert.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine komplexe, vielschichtige Stimmung. Dominant ist ein tiefer, inniger Ton des Trostes und der Einladung. Die direkte Ansprache ("dir") und die bildhafte Sprache von Schutz (Mantel) und Führung (Hand) vermitteln ein starkes Gefühl von Geborgenheit und persönlicher Zuwendung. Dieser tröstende Grundton wird jedoch unterfüttert von einer ernsten, fast feierlichen Dringlichkeit. Die Bilder der kalten Welt, der Sünde und vor allem der blutigen Male und der Dornenkrone verleihen dem Text eine gewisse Schwere und Eindringlichkeit. Es ist keine heitere, leichte Adventsstimmung, sondern eine nachdenkliche, kontemplative und tief bewegende Atmosphäre. Sie schwankt zwischen der sanften Verheißung des Friedens und der ernsten Erinnerung an den Preis, der dafür gezahlt wurde. Die finale Stimmung ist eine der demütigen Dankbarkeit und der entschlossenen Hingabe.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Themen des Gedichts sind zeitlos und treffen auch den modernen Menschen. Das Gefühl der Müdigkeit und der geistigen Schwere ("schwergequältes Menschenherz"), die Suche nach innerem Frieden in einer als kalt und hart empfundenen Welt ("Die Welt ist kalt") und der Wunsch nach Führung und haltgebender Kraft sind heute genauso präsent wie zu Steges Zeiten. In einer Ära der ständigen Erreichbarkeit, des Leistungsdrucks und oft oberflächlicher Beziehungen bietet das Gedicht einen radikalen Gegenentwurf: die Einladung zur Stille, zur Hingabe und zum wahren, bedingungslosen Trost.

Es wirft hochaktuelle Fragen auf: Wo findest du echten Trost, der über bloße Ablenkung hinausgeht? Wie kannst du in einer komplexen Welt geistig nicht "gleiten"? Was bist du bereit, für einen tieferen Sinn und inneren Frieden hinzugeben? Die spirituelle Sehnsucht, die das Gedicht anspricht, ist unabhängig von konfessioneller Bindung ein wesentlicher Teil der menschlichen Condition. Damit ist "Zum Advent" ein überraschend aktueller Text für alle, die in der hektischen Adventszeit nach mehr Tiefe und Bedeutung suchen.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht im Bereich mittelschwer einzuordnen. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils verständlich, auch wenn einige veraltete oder poetische Formen vorkommen ("Inn'res", "giebt", "entrang sich mir"). Die größere Herausforderung liegt im inhaltlich-theologischen Verständnis. Die Bilder und Symbole (Blutmal, Dornenkrone, Kreuzesqual, Sünde) setzen ein Grundwissen der christlichen Passionsgeschichte voraus, um in ihrer vollen Tiefe erfasst zu werden. Der Übergang von der tröstenden zur fordernden Haltung des lyrischen Ichs erfordert ein genaues Lesen. Für Leser ohne diesen Hintergrund bleibt die emotionale Grundstimmung zwar erfassbar, die spezifische Bedeutungsebene erschließt sich jedoch nur teilweise. Es ist also ein Gedicht, das bei klarer Sprache dennoch zum Nachdenken und Hinterfragen einlädt.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht eignet sich hervorragend für besinnliche Anlässe in der Advents- und Passionszeit. Es passt perfekt in:

  • Adventsandachten oder Gottesdienste, besonders in den Wochen vor Weihnachten.
  • Stille Abende im Kreis der Familie oder einer Gemeinschaft, um der spirituellen Dimension des Festes Raum zu geben.
  • Persönliche Meditation und Reflexion in der stillen Zeit.
  • Besinnliche Adventslesungen oder literarische Veranstaltungen mit geistlichem Schwerpunkt.
  • Als tröstender und kraftspendender Text in Zeiten persönlicher Belastung oder Trauer, die mit der Weihnachtszeit zusammenfallen.

Es ist weniger geeignet für fröhliche, rein gesellige Weihnachtsfeiern, da sein Ton zu ernst und kontemplativ ist.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht spricht primär Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren an. Die Themen der existenziellen Müdigkeit, der Lebenslast und der bewussten spirituellen Hingabe setzen ein gewisses Maß an Lebenserfahrung und Reflexionsfähigkeit voraus. Jugendliche im Konfirmations- oder Religionsunterricht können den Text mit Anleitung gut erschließen und über seine Fragen diskutieren. Für Kinder im Grundschulalter ist die Sprache zu anspruchsvoll und die Thematik zu abstrakt und ernst. Die ideale Zielgruppe sind also Menschen, die bereit sind, sich auf die tiefere, tröstende wie fordernde Botschaft des Advents einzulassen.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die einen leichten, unbeschwerten und rein folkloristischen Weihnachtsbezug suchen. Wer nach Gedichten über Schnee, Glocken, den Nikolaus oder die freudige Erwartung des Christkinds sucht, wird hier nicht fündig. Es ist auch weniger zugänglich für Menschen ohne jeglichen Bezug oder Interesse an christlicher Symbolik und Theologie, da ihnen ein Schlüssel zum vollen Verständnis fehlt. Zudem könnte der sehr persönliche, fordernde Appell ("gib dein Herz mir hin") auf Leser, die einen distanzierten, rein ästhetischen Zugang zur Lyrik bevorzugen, befremdlich wirken.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein ruhiger, bedächtiger und gefühlvoller Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa eine Minute bis 75 Sekunden. Diese Zeit ermöglicht es, die bedeutungsvollen Pausen zwischen den Strophen wirken zu lassen und den emphatischen Wiederholungen ("Ich strecke meine Arme...") sowie den eindringlichen Bildern (z.B. "blutig Mal", "Schmerzensschrei") das nötige Gewicht zu verleihen. Ein zu schnelles Hersagen würde die tiefe, tröstende und kontemplative Wirkung des Textes erheblich mindern.

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