Es ist Advent!
Kategorie: Adventsgedichte
Es ist Advent!
Die Blumen sind verblüht im Tal, die Vöglein heimgezogen;Autor: Friedrich Wilhelm Kritzinger
Der Himmel schwebt so grau und fahl, es brausen kalte Wogen.
Und doch nicht Leid im Herzen brennt: Es ist Advent!
Es zieht ein Hoffen durch die Welt, ein starkes, frohes Hoffen;
das schließet auf der Armen Zelt und macht Paläste offen;
das kleinste Kind die Ursach kennt: Es ist Advent!
Advent, Advent, du Lerchensang von Weihnachtsfrühlingstunde!
Advent, Advent, du Glockenklang vom neuen Gnadenbunde!
Du Morgenstrahl von Gott gesandt! Es ist Advent!
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Friedrich Wilhelm Kritzinger gelingt mit "Es ist Advent!" ein kleines Meisterwerk der Kontrastierung. Das Gedicht beginnt nicht mit festlicher Vorfreude, sondern malt ein Bild des späten Herbstes oder frühen Winters: verblühte Blumen, weggezogene Vögel, grauer Himmel und kalte Wogen. Diese düstere Naturschilderung steht jedoch nicht für Verzweiflung, sondern bildet die Folie, vor der die adventliche Hoffnung erst richtig strahlt. Der entscheidende Wendepunkt kommt mit der Zeile "Und doch nicht Leid im Herzen brennt". Die äußere Kälte wird durch eine innere, freudige Erwartung überwunden.
Die zweite Strophe konkretisiert diese Hoffnung. Sie wird als eine aktive, gesellschaftsübergreifende Kraft beschrieben, die "der Armen Zelt" öffnet und "Paläste offen" macht. Hier schwingt eine fast revolutionäre, christlich-soziale Note mit: Die Ankunft des Göttlichen stellt weltliche Hierarchien in Frage und schenkt allen Menschen gleichermaßen Würde. Bemerkenswert ist, dass selbst "das kleinste Kind die Ursach kennt". Das verweist auf die Einfachheit und Zugänglichkeit der adventlichen Botschaft, die keiner gelehrten Erklärung bedarf.
In der finalen Strophe steigert sich das Gedicht zu einem hymnischen Lobgesang. Der Advent wird mit poetischen Metaphern wie "Lerchensang von Weihnachtsfrühlingstunde" und "Glockenklang vom neuen Gnadenbunde" besungen. Diese Bilder vereinen die Natur (Lerche, Frühling) mit der christlichen Heilsgeschichte (Gnadenbund). Der "Morgenstrahl von Gott gesandt" vollendet das Bild: Der Advent ist nicht Endzeit, sondern Morgenröte, ein heller Anfang in der dunkelsten Jahreszeit.
Biografischer Kontext des Autors
Friedrich Wilhelm Kritzinger (1816–1890) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Pfarrer, Pädagoge und Schriftsteller. Sein Werk ist stark von der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts geprägt, einer religiösen Strömung, die auf persönliche Frömmigkeit und eine innige Christusbeziehung Wert legte. Diesen Hintergrund spürt man deutlich in seinem Adventsgedicht. Es ist kein rein folkloristisches Weihnachtsgedicht, sondern trägt eine tiefe theologische Botschaft in sich: Die freudige Erwartung der Ankunft Christi als Wendepunkt und Lichtquelle.
Kritzingers Tätigkeit als Schuldirektor und sein Engagement in der Inneren Mission, einer karitativen Bewegung, erklären zudem die sozialen Untertöne im Gedicht. Die Zeile über die geöffneten Zelte der Armen und Paläste ist kein zufälliges Bild, sondern entspringt seinem praktisch-christlichen Ethos. Sein literarisches Schaffen, zu dem viele geistliche Lieder und Gedichte zählen, war stets der Verkündigung und Erbauung gewidmet. "Es ist Advent!" ist somit ein typisches und doch besonders gelungenes Beispiel für seine Kunst, theologische Inhalte in eingängige, emotionale Poesie zu kleiden.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine sehr dynamische und sich wandelnde Stimmung. Es beginnt mit einer melancholischen, fast herbstlich-tristen Atmosphäre, die jedoch nicht bedrückend, sondern erwartungsvoll ist. Aus dieser Ruhe und Stille erwächst eine kraftvolle, aufsteigende Freude. Die Stimmung entwickelt sich von der betrachtenden Düsternis der Natur hin zu einem inneren, warmen Glühen der Hoffnung und mündet schließlich in einen jubelnden, fast feierlichen Ton in der letzten Strophe. Insgesamt hinterlässt es ein Gefühl des getrösteten Wartens, der sehnsuchtsvollen Vorfreude und einer Gewissheit, dass das Licht die Dunkelheit besiegen wird.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. Die Grundfragen, die das Gedicht berührt, sind heute genauso relevant wie im 19. Jahrhundert. Der Kontrast zwischen äußerer Kälte (ob in der Natur oder in gesellschaftlichen Krisen) und der Suche nach innerer Wärme und Hoffnung ist ein universelles menschliches Thema. Die "kalten Wogen" können heute als Metapher für Stress, Einsamkeit oder die Hektik der Vorweihnachtszeit gelesen werden. Die Botschaft, dass Hoffnung nicht von äußeren Umständen abhängt und sogar soziale Grenzen überwinden kann ("schließet auf der Armen Zelt"), besitzt eine zeitlose, tröstende Kraft. In einer oft materialistisch geprägten Adventszeit wirft das Gedicht die Frage auf, worauf wir eigentlich warten und woher echte, unzerstörbare Freude kommt.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Einige veraltete oder poetische Begriffe wie "fahl" (blass), "brausen" oder "Gnadenbund" mögen für jüngere Leser erklärungsbedürftig sein. Der Satzbau ist jedoch klar und die Botschaft durch die wiederkehrenden, einprägsamen Refrainzeilen "Es ist Advent!" leicht zugänglich. Die metaphorische Ebene (Advent als Lerchensang, Morgenstrahl) erfordert ein wenig Nachdenken oder Erläuterung, um ganz erfasst zu werden. Insgesamt ist es aber gut verständlich und einprägsam.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht ist perfekt für die Adventszeit. Es eignet sich hervorragend für:
- Adventsfeiern in der Familie oder im Freundeskreis
- Gottesdienste oder Andachten im Advent, besonders am ersten Adventssonntag
- Morgenkreise in Schulen oder Kindergärten in der Vorweihnachtszeit
- Als besinnlicher Einstieg oder Abschluss bei Weihnachtsmärkten oder Vereinsfeiern
- Für die persönliche Meditation und Einstimmung auf die Weihnachtszeit
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Mit entsprechender Erklärung der schwierigeren Wörter ist das Gedicht bereits für Kinder ab dem Grundschulalter (ca. 8 Jahren) geeignet und verständlich. Die rhythmische Sprache und der wiederkehrende Refrain machen es einprägsam. Seine volle Tiefe und die Schönheit der Bilder erschließen sich jedoch eher Jugendlichen und Erwachsenen, die die metaphorischen und theologischen Dimensionen zu schätzen wissen. Es ist somit ein Gedicht für die ganze Familie.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die einen rein weltlichen, kommerziellen oder humorvollen Zugang zur Weihnachtszeit suchen. Da es einen eindeutig christlichen Hintergrund und eine spirituelle Grundaussage hat, könnte es für Leser ohne jeden Bezug zur christlichen Tradition vielleicht schwer zugänglich sein. Auch für sehr kleine Kinder unter 6 Jahren sind die Bilder und Begriffe noch zu abstrakt.
Wie lang dauert der Vortrag?
Ein ruhiger, bedächtiger und betonter Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa 45 bis 60 Sekunden. Ein etwas schnellerer, flüssigerer Vortrag ist in etwa 40 Sekunden möglich. Um die Wirkung zu entfalten, ist ein gemäßigtes Tempo zu empfehlen, das besonders die kontrastierenden Stimmungen und den aufsteigenden Höhepunkt in der letzten Strophe zur Geltung bringt.