Vom Schenken
Kategorie: Besinnliche Weihnachtsgedichte
Vom Schenken
Schenke groß oder klein,Autor: Joachim Ringelnatz
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gabe wiegen,
sei dein Gewissen rein.
Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.
Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
dass dein Geschenk –
Du selber bist.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext zum Autor
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Joachim Ringelnatz' "Vom Schenken" ist weit mehr als eine bloße Anleitung zum Geben von Geschenken. Es ist ein philosophischer Leitfaden für eine authentische und bewusste Lebenshaltung. Die erste Strophe betont die Qualität der Gabe ("gediegen") und vor allem die Reinheit der Absicht ("sei dein Gewissen rein"). Es geht nicht um den materiellen Wert, sondern um die Aufrichtigkeit, mit der das Geschenk überreicht wird. Die Warnung "Wenn die Bedachten die Gabe wiegen" deutet auf die menschliche Neigung hin, Gaben zu bewerten, und fordert den Schenkenden auf, sich davon unbeeindruckt zu zeigen.
Die zweite Strophe vertieft diesen Gedanken und macht ihn persönlicher. Das wahre Geschenk, so Ringelnatz, ist ein Stück der eigenen Persönlichkeit ("was in dir wohnt"). Der Rat, so zu schenken, dass "die eigene Freude zuvor dich reichlich belohnt", ist revolutionär. Er legitimiert die Freude des Gebens als einen egoistischen, aber edlen Antrieb. Schenken wird so zu einem Akt der Selbstverwirklichung und nicht zur lästigen Pflicht.
Die finale und entscheidende Pointe kommt in der dritten Strophe: "Schenke mit Geist ohne List. Sei eingedenk, dass dein Geschenk – Du selber bist." Hier gipfelt die Botschaft. Jedes äußere Präsent ist nur ein Symbol, ein Träger für die eigentliche Gabe: die Präsenz, die Aufmerksamkeit und die Zuwendung des Schenkenden selbst. Das Gedicht verwandelt den materiellen Akt des Schenkens in eine spirituelle Übung der Selbstreflexion und Beziehungsstiftung.
Biografischer Kontext zum Autor
Joachim Ringelnatz, mit bürgerlichem Namen Hans Bötticher, war eine schillernde Figur der Weimarer Republik. Als Seemann, Kabarettist, Maler und vor allem als Dichter verkörperte er ein bohèmehaftes, nonkonformistisches Leben. Seine Werke, oft scheinbar leicht und humorvoll, haben fast immer eine tiefere, bisweilen melancholische oder kritische Schicht. Dieser Hintergrund ist entscheidend für das Verständnis von "Vom Schenken". Ringelnatz, der ein bewegtes und oft von finanzieller Not geprägtes Leben führte, wusste um den Wert immaterieller Dinge. Sein Appell für "gediegene" und herzliche Geschenke, die die eigene Persönlichkeit spiegeln, ist auch eine Absage an die Oberflächlichkeit und den rein kommerziellen Geist seiner wie auch unserer Zeit. Der typische Ringelnatz'sche Humor und "Humor", den er in der zweiten Strophe explizit nennt, schimmert hier nicht als platter Witz, sondern als weise, lebensbejahende Haltung durch.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine warme, nachdenkliche und zugleich bestärkende Stimmung. Es fühlt sich an wie ein guter Rat eines weisen Freundes in der hektischen Vorweihnachtszeit. Der Ton ist nicht moralisierend, sondern einladend und ermutigend. Durch die direkte Ansprache ("Schenke...", "Sei...") fühlst du dich persönlich angesprochen und eingeladen, dein eigenes Schenkverhalten zu überdenken. Die klare, rhythmische Sprache vermittelt Sicherheit, während die tiefgründige Botschaft eine ruhige, innere Zufriedenheit und Besinnung hervorruft. Es ist eine Stimmung, die von kommerziellem Stress weg und hin zu echter, zwischenmenschlicher Freude führt.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Das Gedicht ist heute relevanter denn je. In einer Zeit des Überflusses, des Konsumdrucks und der oft entpersonalisierten Geschenkekultur ("Wunschzettel" und Online-Gutscheine) wirkt Ringelnatz' Botschaft wie eine erfrischende Gegenbewegung. Die zentrale Frage "Was schenke ich?" wird von ihm fundamental beantwortet: Schenke dich selbst. Das wirft hochaktuelle Fragen auf: Wie authentisch sind unsere Gesten in den sozialen Medien? Können wir noch ohne Hintergedanken geben? Das Gedicht plädiert für Entschleunigung, Authentizität und die Wertschätzung von Zeit und Aufmerksamkeit als die kostbarsten Geschenke – Themen, die in modernen Diskussionen über Nachhaltigkeit und Achtsamkeit absolut im Zentrum stehen.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als leicht bis mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar, das Vokabular weitgehend alltagstauglich (bis auf das Wort "gediegen", das aber im Kontext gut verständlich wird). Die große Herausforderung und der eigentliche "anspruchsvolle" Teil liegen im inhaltlichen Verständnis. Die mehrschichtige Botschaft, besonders die philosophische Zuspitzung "Du selber bist", erfordert ein gewisses Maß an Reflexionsbereitschaft und Lebenserfahrung, um in ihrer vollen Tiefe erfasst zu werden. Die leichte sprachliche Hülle umgibt also einen gedanklich anspruchsvollen Kern.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht eignet sich perfekt für jeden besinnlichen Anlass, bei dem es um das Geben und die zwischenmenschliche Beziehung geht. Sein natürlicher Platz ist in der Weihnachtszeit, sei es als Einstimmung auf das Fest, als Beitrag in einer Adventsfeier oder als besondere Widmung auf einer Geschenkkarte. Darüber hinaus passt es wunderbar zu Geburtstagen, Jubiläen oder Dankesfeiern, wo es die Qualität der Beziehung in den Vordergrund stellt. Es kann auch in einem nicht-rituellen Kontext vorgetragen werden, um eine Diskussion über Werte, Konsum oder Authentizität anzuregen.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Die Altersgruppe, die den größten Nutzen und Freude aus dem Gedicht ziehen kann, sind Jugendliche und Erwachsene ab etwa 14 Jahren. In diesem Alter entwickelt sich die Fähigkeit zur abstrakten Reflexion, und die Fragen nach Identität und authentischem Handeln werden zentral. Erwachsene, die bereits die Erfahrung gemacht haben, dass teure Geschenke nicht unbedingt die besten sind, werden die weise Botschaft besonders zu schätzen wissen. Die klare Sprache macht es auch für jüngere Zuhörer verständlich, die tiefere Bedeutung erschließt sich jedoch erst mit zunehmender Reife.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Situationen, die ausschließlich der heiteren, rein unterhaltenden oder rein zeremoniellen Darbietung dienen. Wer einen schnellen, humorvollen oder rein dekorativen Beitrag sucht, wird mit Ringelnatz' nachdenklichem Werk möglicherweise nicht glücklich. Ebenso könnte es in einem sehr jungen, kindlichen Umfeld (unter 10 Jahren) auf Unverständnis stoßen, da die Kernaussage zu abstrakt ist. Für Menschen, die ausschließlich an der oberflächlichen, materiellen Seite des Schenkens festhalten wollen, wirkt die Botschaft vielleicht sogar unbequem oder konfrontativ.
Wie lang dauert der Vortrag?
Ein ruhiger, bedachter und betonter Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa 45 bis 60 Sekunden. Diese Dauer ermöglicht es, die schönen rhythmischen Pausen zwischen den Strophen wirken zu lassen und den Schlusssatz "Du selber bist" mit der nötigen Nachdrücklichkeit zu sprechen. Ein zu hastiger Vortrag würde der besinnlichen und weisen Grundhaltung des Textes widersprechen. Die kurze Länge macht es aber ideal für den Einsatz in festlichen Programmen oder als pointierte Einleitung zu einem Thema.
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