Weihnachtslied
Kategorie: Besinnliche Weihnachtsgedichte
Weihnachtslied
Nun bricht die heil'ge Nacht hereinAutor: Friedrich Dannemann
Mit Glockenklang und Kerzenschein,
Und jedem grünen Tannenbaum
Entstrahlt ein lichter Märchentraum.
Wie ziehst du still in meine Brust,
O wundersel'ge Weihnachtslust!
Vor meinen Blicken wird es weit –
Und lächelnd winkt die Jugendzeit.
Sie naht mit leisem Feentritt, –
Ach, alle Wonnen bringt sie mit;
Des Lebens Sorge, Gram und Weh'
Versank in des Vergessens See.
O läutet, Glocken, läutet hell!
Verlöscht! ihr Kerzen, nicht zu schnell!
Im Osten blinkt der Morgenstern:
Sei mir gegrüßt, du Tag des Herrn!
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Friedrich Dannemanns "Weihnachtslied" ist weit mehr als nur eine festliche Beschreibung. Es entfaltet sich als eine tiefgründige Reise von der äußeren, sinnlichen Wahrnehmung des Weihnachtsabends hin zu einer inneren, seelischen Verwandlung. Die erste Strophe malt das klassische Bild: Die "heil'ge Nacht" bricht mit akustischen und visuellen Reizen wie "Glockenklang und Kerzenschein" herein. Interessant ist die Personifizierung des Tannenbaums, dem ein "lichter Märchentraum" entstrahlt. Dies deutet bereits an, dass die äußere Pracht nur der Auslöser für innere, fast traumhafte Prozesse ist.
Die zweite Strophe vollzieht diesen Übergang ins Innere. Die "Weihnachtslust" zieht "still in meine Brust". Dieses leise Eindringen öffnet dem lyrischen Ich den Blick in die Weite der Erinnerung. Die "Jugendzeit" winkt lächelnd herüber – Weihnachten wird hier als Brücke zur verlorenen Unschuld und Freude der Kindheit interpretiert. In der dritten Strophe wird diese Rückkehr konkret: Sie kommt wie eine Fee und vertreibt alle gegenwärtigen Sorgen ("Gram und Weh'"), die im "See des Vergessens" versinken. Das Gedicht feiert also die heilige Nacht als einen zeitlosen Zauberraum, der es erlaubt, dem erwachsenen Alltagsleid für einen Moment zu entfliehen.
Die letzte Strophe bringt eine überraschende Wendung. Die Bitte "Verlöscht! ihr Kerzen, nicht zu schnell!" zeigt die Angst vor dem Ende dieses magischen Zustands. Doch der Blick richtet sich nach vorn: "Im Osten blinkt der Morgenstern". Dies ist ein starkes christliches Symbol für die Ankunft Christi. Der "Tag des Herrn" wird gegrüßt. Das Gedicht schließt somit nicht in nostalgischer Wehmut, sondern in hoffnungsvoller Erwartung. Es verbindet auf einzigartige Weise persönliche Nostalgie mit dem theologischen Kern des Festes.
Biografischer Kontext des Autors
Friedrich Dannemann (1859-1936) war kein literarischer Superstar, aber eine faszinierende Persönlichkeit an der Schnittstelle von Wissenschaft, Bildung und Dichtung. Der promovierte Naturwissenschaftler und spätere Professor für Physik und deren Geschichte in Bonn verstand es, komplexe Sachverhalte verständlich zu vermitteln. Diese pädagogische Ader schlägt sich auch in seinem dichterischen Werk nieder. Seine Gedichte, oft in traditionellen Formen verfasst, zielen auf Klarheit und emotionale Zugänglichkeit. Sein "Weihnachtslied" spiegelt diese Haltung wider: Es ist formal perfekt (gleichmäßige Jamben, klares Reimschema) und in der Bildsprache eingängig, ohne platt zu sein. Dannemanns Doppelrolle als Rationalist (Wissenschaftler) und Romantiker (Dichter) macht das Gedicht besonders: Es ist die gefühlvolle Sehnsuchtsbekundung eines Mannes, der die Welt auch nüchtern zu analysieren wusste. Dies gibt der beschworenen "Märchentraum"-Atmosphäre eine besondere Tiefe und Glaubwürdigkeit.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine mehrschichtige, dynamische Stimmung. Es beginnt mit einer feierlich-andächtigen und zugleich gemütlich-heimeligen Atmosphäre, die durch "Glockenklang" und "Kerzenschein" evoziert wird. Schnell mischt sich eine weiche, sehnsuchtsvolle Nostalgie dazu, ein sanftes Schwelgen in schönen Erinnerungen ("lächelnd winkt die Jugendzeit"). Diese Stimmung steigert sich zu einem Moment reinen, sorgenfreien Glücks und magischer Verzauberung ("mit leisem Feentritt"). Die letzte Strophe bringt dann eine leichte Dringlichkeit und Wehmut ("nicht zu schnell!"), die aber sofort in strahlende, hoffnungsvolle Erwartung umschlägt, als der "Morgenstern" und der "Tag des Herrn" beschworen werden. Insgesamt ist die Grundstimmung ein warmes, inniges und tröstliches Gefühl der Geborgenheit und erneuernden Hoffnung.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. Die zentralen Fragen und Sehnsüchte, die Dannemann anspricht, sind heute genauso relevant wie im 19. Jahrhundert. In einer hektischen, oft von Stress und Sorgen ("Des Lebens Sorge, Gram und Weh'") geprägten Zeit sehnen sich Menschen mehr denn je nach Inseln der Ruhe, nach Rückbesinnung und unverfälschtem Staunen. Der Wunsch, für einen Moment den Alltag zu vergessen und in die unbeschwerte Perspektive der Kindheit zurückzutauchen, ist ein universelles menschliches Bedürfnis. Das Gedicht wirft die Frage auf, ob wir im modernen Weihnachtstrubel aus Geschenkekauf und Termindruck überhaupt noch Raum für dieses "stille Einziehen" der Weihnachtslust in unsere Brust schaffen. Zudem bietet die Schlusszeile "Sei mir gegrüßt, du Tag des Herrn!" auch in einer säkularisierten Gesellschaft eine kraftvolle Metapher für Neuanfang, Licht in der Dunkelheit und spirituelle Orientierung jenseits reinen Materialismus.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils gut verständlich. Einige veraltete oder poetische Formen wie "heil'ge", "Weh'" oder "läutet hell" mögen für jüngere Leser eine kleine Hürde darstellen, erschließen sich aber aus dem Kontext. Die größere Herausforderung liegt im inhaltlichen Verständnis der übertragenen Bedeutung. Die metaphorische Ebene – der Übergang vom äußeren Fest zur inneren Verwandlung, die Symbolik von Jugendzeit, Fee und Vergessenssee – erfordert ein gewisses Maß an Reflexionsvermögen, um das Gedicht in seiner ganzen Tiefe zu erfassen. Es ist also sprachlich zugänglich, aber in seiner Aussagekraft anspruchsvoll.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht ist ein perfekter Begleiter für besinnliche Momente in der Advents- und Weihnachtszeit. Konkret eignet es sich hervorragend für:
- Den Heiligen Abend im familiären Kreis, vielleicht als Einstimmung vor der Bescherung.
- Adventsfeiern in Vereinen, Chören oder Gemeindegruppen.
- Weihnachtliche Lesungen oder literarische Abende.
- Als Textimpuls für eine Weihnachtspredigt oder Andacht, da es den Bogen von der Stimmung zum christlichen Kern schlägt.
- Persönliche Lektüre für eine ruhige Minute bei Kerzenschein, um sich auf die emotionale Tiefe des Festes einzustimmen.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Primär spricht das Gedicht Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren an. Diese Altersgruppe kann die emotionale Komplexität von Nostalgie, der Sehnsucht nach Entlastung von Sorgen und der symbolischen Christus-Erwartung nachvollziehen und wertschätzen. Durch seine klare Bildsprache und den eingängigen Rhythmus ist es aber auch für Kinder im Grundschulalter (etwa ab 8 Jahren) beim Vorlesen ein schönes Erlebnis, wobei sie vor allem die märchenhafte Stimmung ("Märchentraum", "Feentritt") und die konkreten Bilder (Glocken, Kerzen, Tannenbaum) erfassen werden.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die ausschließlich nach moderner, experimenteller oder kritisch-gesellschaftsreflektierender Lyrik suchen. Wer eine dezidiert nüchterne, ironische oder konsumkritische Auseinandersetzung mit Weihnachten sucht, wird bei Dannemanns traditionellem, ungebrochen romantischem und gläubigem Ansatz nicht fündig. Ebenso könnte es für sehr junge Kinder, die noch kein Verständnis für abstrakte Begriffe wie "Weh'" oder "Vergessens See" haben, in seiner Gänze schwer zugänglich sein. Der Fokus liegt eindeutig auf dem persönlich-emotionalen und spirituellen Erlebnis, nicht auf gesellschaftlicher Analyse.
Wie lang dauert der Vortrag?
Ein ruhiger, bedächtiger und gefühlvoller Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa 45 bis 60 Sekunden. Diese Zeitspanne erlaubt es, die melodische Sprachführung und die feinen Stimmungsübergänge zwischen den Strophen wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Ein zu hastiges Aufsagen würde der "still" in die Brust ziehenden Weihnachtslust und dem "leisen Feentritt" widersprechen. Nimm dir also Zeit, um die magische Atmosphäre beim Zuhörer entstehen zu lassen.
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