Den Blick ins Herz und frage dich,
Kategorie: Christliche Weihnachtsgedichte
Den Blick ins Herz und frage dich,
Den Blick ins Herz und frage dich,Autor: Julius Sturm
Ob drinnen aufgestellt
Die Krippe mit dem Christuskind,
Dem Herren aller Welt,
Und ob das Kreuz dabei nicht fehlt
Mit seinem blut'gen Schein;
Für Bethlehem und Golgatha
Muß Raum im Herzen sein!
Und dann hinaus in alle Welt!
Und wo noch weilt die Nacht,
Verkünde du als Morgenstern
Den Tag, den Gott gemacht!
Gründ' überall ein Bethlehem,
Wo man die Krippe sieht,
Und überall ein Golgatha,
Wo man am Kreuze kniet.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext zum Autor
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Julius Sturms Gedicht ist weit mehr als ein einfaches Weihnachtsgedicht. Es stellt eine tiefgründige Aufforderung zur inneren und äußeren Reflexion dar. Die erste Strophe beginnt mit einem introspektiven Befehl: "Den Blick ins Herz und frage dich". Der Dichter fordert uns auf, uns selbst zu prüfen, ob in unserem innersten Wesen, symbolisiert durch das "Herz", die zentralen christlichen Symbole wirklich verankert sind. Die "Krippe mit dem Christuskind" steht für die Geburt, die Menschwerdung Gottes, die Demut und die Hoffnung. Doch Sturm fügt sofort das "Kreuz" mit seinem "blut'gen Schein" hinzu. Damit verbindet er untrennbar die Freude von Bethlehem mit dem Leid von Golgatha. Die Kernaussage lautet: Ein wahres christliches Verständnis muss beide Pole umfassen – die Ankunft des Erlösers und den Opfertod für die Erlösung. Nur wenn für beides "Raum im Herzen" ist, ist die innere Einstellung vollständig.
Die zweite Strophe wendet den Blick dann nach außen. Aus der inneren Gewissheit soll aktives Handeln folgen: "Und dann hinaus in alle Welt!" Der Gläubige wird aufgefordert, zum "Morgenstern" zu werden, ein Bote des anbrechenden "Tages", also der christlichen Botschaft, in den noch dunklen ("nacht"beherrschten) Bereichen der Welt. Die Aufforderung, überall ein "Bethlehem" und ein "Golgatha" zu gründen, ist metaphorisch zu verstehen. Es geht darum, Orte der geistigen Geburt (wo "man die Krippe sieht", also die Botschaft annimmt) und der Hingabe bzw. Umkehr (wo "man am Kreuze kniet", also Buße tut und glaubt) zu schaffen. Das Gedicht ist somit ein zweistufiger Weg: zuerst innere Läuterung und Prüfung, dann missionarische Tatkraft in der Welt.
Biografischer Kontext zum Autor
Julius Sturm (1816-1896) war ein deutscher Dichter geistlicher Lyrik aus der Zeit des poetischen Realismus. Als Pfarrerssohn und später selbst Pfarrer in Kölleda prägten ihn ein tiefes lutherisches Glaubensverständnis und ein pädagogischer Impetus. Seine Gedichte waren außerordentlich populär und fanden weite Verbreitung in kirchlichen Kreisen und Familien. Sturm verstand Dichtung oft als "Gebet in Versen" und sah seine Aufgabe darin, den Glauben in einer zugänglichen, gefühlvollen und dennoch theologisch fundierten Form zu vermitteln. Sein Werk steht in der Tradition der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts, die eine persönliche, herzensbetonte Frömmigkeit betonte. Diesen Hintergrund siehst du klar in "Den Blick ins Herz und frage dich": Die direkte Ansprache des Lesers, der Appell an das persönliche Gewissen und die Verbindung von innerer Einkehr mit praktischem Christentum sind typisch für Sturms Schaffen und erklären, warum seine Texte damals so geschätzt wurden.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine ernste, nachdenkliche und zugleich drängende Stimmung. Es beginnt nicht mit festlicher Weihnachtsfreude, sondern mit einer fordernden Selbstbefragung, die eine ruhige, kontemplative Haltung voraussetzt. Die Erwähnung des "blut'gen Schein[s]" des Kreuzes verleiht der ansonsten friedlichen Krippenszene eine gewisse Schwere und Tiefe. Die Stimmung ist daher nicht oberflächlich jubelnd, sondern ernsthaft und grundlegend. In der zweiten Strophe wandelt sich der Ton. Aus der Innenschau wird ein motivierender Aufruf zu aktivem Handeln. Die Stimmung wird dynamischer, fast missionarisch, getragen von der Hoffnung, die "Nacht" zu erhellen. Insgesamt hinterlässt das Gedicht den Eindruck einer geistigen Herausforderung, die den Leser sowohl zur Ruhe als auch zur Tat bewegen will.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut, auch wenn man den religiösen Kontext modern interpretieren kann. Die zentrale Frage nach der inneren Haltung und der Übereinstimmung zwischen privatem Glauben und öffentlichem Handeln ist heute so relevant wie eh und je. Das Gedicht wirft Fragen auf, die über die christliche Dogmatik hinausgehen: Was sind die grundlegenden Werte, die ich in meinem "Herzen" wirklich verankert habe? Stehen meine inneren Überzeugungen im Einklang mit meinem täglichen Tun? Die Aufforderung, "hinaus in alle Welt" zu gehen und dort "Licht" zu verbreiten, kann säkular als Appell zu ethischem Engagement und zur Weitergabe von positiven Werten wie Mitgefühl und Hoffnung gelesen werden. In einer Zeit der schnellen Meinungen und oberflächlichen Darstellungen fordert dieses Gedicht zur Tiefe und Konsequenz auf. Es ist ein zeitloses Plädoyer für Authentizität und Tatkraft.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils verständlich. Allerdings setzt es ein gewisses kulturelles oder religiöses Grundwissen voraus, um die zentralen Symbole "Bethlehem" (als Ort der Geburt Jesu) und "Golgatha" (als Ort der Kreuzigung) in ihrer vollen Bedeutung und ihrem Gegensatz zu erfassen. Der Begriff "Morgenstern" als Metapher für einen Vorläufer oder Verkünder muss entschlüsselt werden. Die dichterische Sprache ist bildhaft, aber nicht übermäßig kompliziert. Die größte "Schwierigkeit" liegt also weniger in der Sprache selbst, sondern im Verständnis der theologischen Konzepte, die der Dichter als bekannt voraussetzt. Für Leser mit diesem Hintergrund ist der Text leicht zugänglich.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht eignet sich hervorragend für besinnliche Anlässe in der Advents- und Weihnachtszeit, die über das rein Festliche hinausgehen wollen. Denkbar ist der Vortrag:
- Im Gottesdienst am 4. Advent oder an Weihnachten selbst, besonders wenn die Predigt den Zusammenhang von Inkarnation und Passion thematisiert.
- Bei einer Christvesper oder einem Adventskreis in der Gemeinde, um eine Gesprächsgrundlage über die Tiefe des Weihnachtsfestes zu bieten.
- Als Impuls für eine persönliche oder gemeinsame Besinnung in der stillen Zeit.
- Für einen literarischen Abend mit geistlicher Lyrik des 19. Jahrhunderts.
Es ist weniger ein Gedicht für den fröhlichen Weihnachtsmarkt, sondern vielmehr für Momente der Stille und Reflexion.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht spricht primär Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren an. In diesem Alter entwickeln Menschen die Fähigkeit zur abstrakteren Reflexion und können die theologischen und lebensphilosophischen Implikationen des Textes erfassen. Für Kinder ist die Symbolik des Kreuzes mit dem "blut'gen Schein" möglicherweise zu drastisch und die Aufforderung zur intensiven Selbstprüfung zu komplex. Jugendliche im Konfirmationsalter und Erwachsene, die sich mit Fragen des Glaubens und der Lebensführung auseinandersetzen, finden in dem Gedicht einen anregenden und fordernden Text.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die ausschließlich nach einem heiteren, unkomplizierten und rein freudigen Weihnachtsgedicht suchen. Es ist auch nicht die erste Wahl für einen rein säkularen Kreis, dem die christliche Terminologie fremd ist, da der zentrale metaphorische Gehalt dann schwer vermittelbar wird. Wer eine kurze, spielerische Darbietung für Kinder sucht, sollte zu einem anderen Text greifen. Julius Sturms Werk setzt eine gewisse Offenheit für geistliche Themen und eine Bereitschaft zur ernsthaften Auseinandersetzung voraus.
Wie lang dauert der Vortrag?
Bei einem bedachten, deutlichen und mit kleinen Pausen versehenen Vortrag beträgt die Dauer etwa 45 bis 60 Sekunden. Die zwei Strophen mit je acht Versen lassen sich nicht hetzen, soll die nachdenkliche und appellative Wirkung entfaltet werden. Ein zu schnelles Hersagen würde der Tiefe des Inhalts nicht gerecht. Ein guter Vortrag nimmt sich Zeit für die Schlüsselzeilen wie "Für Bethlehem und Golgatha muss Raum im Herzen sein!" und lässt den Übergang von der inneren zur äußeren Mission in der zweiten Strophe klar hörbar werden.
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