Es kommt ein Schiff

Kategorie: Christliche Weihnachtsgedichte

Es kommt ein Schiff

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an den höchsten Bord.
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewig's Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
trägt eine teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilige Geist der Mast.

Der Anker haft' auf Erden,
da ist das Schiff an Land.
Das Wort soll Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muß es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel.

Danach mit ihm auch sterben
und geistlich aufersteh'n,
das Leben zu ererben,
wie an ihm ist geschehn.
Autor: Johannes Tauler

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "Es kommt ein Schiff" ist weit mehr als eine schlichte Weihnachtsgeschichte. Es nutzt das kraftvolle Bild eines beladenen Schiffes als zentrales Symbol für die Menschwerdung Gottes. Jede Strophe entfaltet dieses Bild weiter und verbindet es mit zentralen christlichen Glaubensinhalten. Das Schiff, das bis zum Rand beladen ist, steht für die Fülle der Gnade, die in Jesus Christus in die Welt kommt. Bemerkenswert ist die Zuordnung der Schiffsteile zu theologischen Begriffen: Die Liebe ist das Segel, das den Antrieb gibt, und der Heilige Geist ist der Mast, der Halt und Richtung verleiht. Der Anker, der auf Erden haftet, symbolisiert die konkrete, irdische Ankunft des Göttlichen in Bethlehem. Die zweite Gedichthälfte wendet sich dann der Konsequenz dieser Ankunft für den Gläubigen zu. Es wird klar, dass die Freude über das "Kindelein" untrennbar mit der Bereitschaft verbunden ist, seinen Leidensweg zu teilen – also nicht nur die Geburt, sondern auch Passion und Auferstehung zu umfassen. Damit ist dieses Weihnachtsgedicht ein in sich geschlossener kleiner Abriss des gesamten Heilsgeschehens.

Biografischer Kontext des Autors

Die Zuschreibung an Johannes Tauler, einen bedeutenden deutschen Mystiker des 14. Jahrhunderts, ist historisch umstritten, aber inhaltlich sehr passend. Tauler war ein Dominikanermönch und Schüler von Meister Eckhart, der in Straßburg und Basel wirkte. Seine Predigten und Schriften betonen die innere, mystische Vereinigung der Seele mit Gott, den Weg der Gelassenheit und die Nachfolge Christi durch Leiden. Genau diese Themen schwingen in den letzten Strophen des Gedichts deutlich mit. Die Aufforderung, "mit ihm leiden" und "geistlich aufersteh'n" zu müssen, um das Leben zu erben, spiegelt den typisch mystischen Gedanken der Nachfolge und inneren Transformation wider. Auch das starke, bildhafte Symbol des Schiffes für eine geistliche Reise entspricht der Denkweise der mittelalterlichen Mystik. Selbst wenn Tauler nicht der direkte Verfasser war, steht das Werk eindeutig in seiner theologischen und spirituellen Tradition.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine tiefe, vielschichtige und bewegende Stimmung. Es beginnt mit einer feierlichen und erwartungsvollen Ruhe. Das "still im Triebe" dahingehende Schiff vermittelt eine würdevolle, fast andächtige Gelassenheit. Diese friedvolle Weihnachtsstimmung wird jedoch ab der vierten Strophe zunehmend ernst und herausfordernd. Die anfängliche Freude über die Geburt wandelt sich in eine Aufforderung zur ernsthaften, sogar leidvollen Nachfolge. Die finale Stimmung ist daher keine einfache Festtagsfreude, sondern eine tiefgründige Mischung aus Hoffnung, Ehrfurcht und der ernsten Bereitschaft, sich auf einen spirituellen Weg einzulassen. Es hinterlässt einen nachdenklichen und nachhaltigen Eindruck.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Fragen des Gedichts sind heute so relevant wie vor 600 Jahren. Das Bild des beladenen Schiffes kann modern interpretiert werden: Was trägt unser "Lebensschiff"? Wonach sehnen wir uns so sehr, dass es unsere Existenz bis zum Rand füllt? Das Gedicht wirft die zeitlose Frage nach Sinn und Belastung auf. Die Verbindung von Freude ("Kind mit Freuden umfangen") und Leid ("vorher mit ihm leiden") spricht ein menschliches Urerlebnis an – dass tiefes Glück und Verantwortung, Begeisterung und Opfer oft zusammengehören. In einer Zeit der schnellen Befriedigung und oberflächlichen Freuden fordert dieses Gedicht zu einer tieferen, ganzheitlichen und beständigen Haltung heraus. Es ist ein Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft und lädt zur Kontemplation ein.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht im mittleren Schwierigkeitsbereich anzusiedeln. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils verständlich, auch wenn veraltete Formen wie "haft'" (haftet) oder "ererben" (erben) vorkommen. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Sprache, sondern im inhaltlichen und symbolischen Verständnis. Um die Tiefe der Bilder wie "Segel ist die Liebe" oder "geistlich aufersteh'n" voll zu erfassen, braucht es etwas Hintergrundwissen oder die Bereitschaft, sich auf diese metaphorische Ebene einzulassen. Es ist also sprachlich zugänglich, aber in seiner theologischen Dichte anspruchsvoll.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Primär ist es ein klassisches Advents- und Weihnachtsgedicht, perfekt für besinnliche Stunden im Dezember, den Gottesdienst oder die Hausandacht. Aufgrund seiner tiefen spirituellen Aussage eignet es sich aber auch hervorragend für religiöse Retreats, Meditationen oder Gesprächskreise, die sich mit Themen wie Nachfolge, innerem Weg oder christlicher Mystik beschäftigen. Es ist weniger ein Gedicht für den lauten Festtagsbrunch, sondern vielmehr für ruhige Momente der Einkehr und Besinnung, sowohl in der Gemeinschaft als auch im privaten Kreis.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die ersten drei Strophen mit ihrer starken Bildsprache vom Schiff können bereits älteren Kindern und Jugendlichen ab etwa 12 Jahren nahegebracht und erklärt werden. Das vollständige Gedicht mit seiner Forderung zur Leidensnachfolge spricht jedoch in erster Linie Erwachsene an, die über Lebens- und Glaubensfragen reflektieren. Es ist ideal für reife Jugendliche im Konfirmations- oder Religionsunterricht sowie für alle erwachsenen Leser, die an spiritueller Dichtung interessiert sind.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht ist weniger geeignet für Menschen, die ausschließlich nach einer heiteren, unkomplizierten Weihnachtsstimmung suchen. Wer nur den freudigen Aspekt der Geburt Jesu feiern möchte und die theologischen oder fordernden Elemente ausblenden will, könnte von der Wendung zum Leiden überrascht oder sogar befremdet sein. Ebenso ist es für sehr junge Kinder aufgrund der abstrakten Symbolik und der ernsten Thematik nicht passend. Es setzt eine gewisse Offenheit für metaphorische Sprache und theologische Gedanken voraus.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein ruhiger, bedächtiger und würdevoller Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa eine Minute bis eine Minute und zwanzig Sekunden. Dieser Zeitrahmen erlaubt es, die schönen Bilder wirken zu lassen und die rhythmische Struktur der Verse zur Geltung zu bringen. Ein zu hastiges Aufsagen würde der tiefen und feierlichen Stimmung des Textes nicht gerecht werden. Plane also lieber etwas mehr Zeit ein, um die besondere Atmosphäre dieses mystischen Weihnachtsgedichts voll entfalten zu können.

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