Weihnachtslied
Kategorie: Christliche Weihnachtsgedichte
Weihnachtslied
Mir klingt ein Lied in OhrenAutor: Ernst Rauscher
Aus uralt heil'ger Nacht:
Ein Kindlein ward geboren,
Das hat uns Heil gebracht!
Trüb durch den Nebel flimmern
Die Sterne allzumal -
Doch hell und heller schimmern
Die Lichter d'rin im Saal.
Da quillt und wogt entgegen -
- Wenn silbern die Glocke ruft -
Wie aus des Wald's Gehegen
Lebendig warmer Duft.
Da grünt zu holdem Troste
Des Lebens Unterpfand -
Ob auch im Todesfroste
Erstarrt das ganze Land.
Da wandelt ein Beglücken
Von Hand zu Hand, da sprüht
Ein strahlendes Entzücken
Im Auge und Gemüt!
Ja! dem Beglückungstriebe,
O schöne Weihnachtszeit,
Hat dich die ew'ge Liebe
Zu allererst geweiht!
Mir klingt ein Lied in Ohren
Uralter Zaubermacht:
Es ward das Licht geboren!
Es schwand die längste Nacht!
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Ernst Rauschers "Weihnachtslied" ist mehr als nur eine festliche Beschreibung. Es ist eine dichte, sinnliche Reise vom äußeren Dunkel ins innere Licht. Das Gedicht beginnt mit einem auditiven Eindruck: Ein Lied "klingt in Ohren", das aus der "uralt heil'gen Nacht" stammt. Damit wird sofort eine zeitlose, mythische Ebene eröffnet. Die Geburt des Kindes wird nicht nur historisch erzählt, sondern als immerwährendes, akustisches Ereignis präsentiert, das "Heil" bringt.
Die folgenden Strophen arbeiten stark mit Kontrasten. Trübe, flimmernde Sterne am winterlichen Himmel stehen gegen die hell und heller schimmernden Lichter im Saal. Dieser Saal ist der zentrale, geschützte Raum der Feier, von dem aus alle weiteren Bilder ausgehen. Von hier aus strömt den Menschen ein "lebendig warmer Duft" entgegen, der wie aus einem Waldgehege quillt. Dieses Bild verbindet die kultivierte Weihnachtsfeier mit urtümlicher Natur und Lebenskraft. Der "Todesfrost", der das Land erstarrt, wird durch das "grünende" Lebensunterpfand im Inneren besiegt. Die festliche Gemeinschaft wird als Kreislauf des Glücks beschrieben: Ein "Beglücken" wandelt von Hand zu Hand, ein "strahlendes Entzücken" zündet in den Augen und Gemütern. Die Krönung ist die Deutung der Weihnachtszeit als Geschenk der "ew'gen Liebe" an den menschlichen "Beglückungstrieb". Die finale Strophe kehrt zum Anfang zurück, steigert ihn aber: Aus der "heil'gen Nacht" wird "Uralter Zaubermacht", und die konkrete Geburt wird zur universellen Geburt des Lichts, das die "längste Nacht" vertreibt. Das Gedicht feiert so die Weihnacht als Sieg des Lebens, der Wärme, der Gemeinschaft und des Lichts über Kälte, Dunkelheit und Tod.
Biografischer Kontext des Autors
Ernst Rauscher (1830–1901) war ein österreichischer Schriftsteller, Journalist und Beamter, der vor allem durch seine volkstümlichen und heimatverbundenen Gedichte bekannt wurde. Er gehörte nicht zur literarischen Avantgarde seiner Zeit, sondern verstand sich als Dichter des Bürgertums und des gemütvollen, oft patriotisch gefärbten Gefühls. Seine Werke, zu denen auch Erzählungen und Theaterstücke zählen, waren im späten 19. Jahrhundert sehr populär. Rauschers "Weihnachtslied" ist typisch für sein Schaffen: Es verbindet ein gefühlvolles, zugängliches Thema mit einer bildreichen, traditionellen Sprache und einem ungebrochenen Optimismus. Sein Werk steht in der Tradition der Spätromantik und des Biedermeier, die das Private, Familiäre und Festliche in den Vordergrund stellten. Das Verständnis dieses Hintergrunds erklärt den unverkennbar warmen, zuversichtlichen und etwas weihevollen Ton des Gedichts, der die bürgerliche Weihnachtsfeier seiner Zeit idealisiert.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine tiefe, triumphierende Geborgenheitsstimmung. Es beginnt geheimnisvoll und erinnernd ("Mir klingt ein Lied..."), entwickelt sich dann aber zu einer kraftvollen Feier des inneren Lichts. Die Stimmung ist getragen von einem sicheren Glauben an den Sieg des Guten. Du spürst die wohlige Wärme des festlichen Saals im Kontrast zur winterlichen Kälte, das strahlende Entzücken in den Augen der Feiernden und die beinahe feierliche Freude über den "Beglückungstrieb". Es ist eine Stimmung der Hoffnung und der Gewissheit, die selbst den "Todesfrost" nicht fürchten muss. Die abschließende Gewissheit "Es schwand die längste Nacht!" hinterlässt ein Gefühl der Erlösung und des friedvollen Triumphes.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. Zwar spricht es in einer altertümlichen Sprache ("d'rin", "Gehegen", "Unterpfand"), die zentralen Fragen und Bilder sind jedoch von bleibender Aktualität. Der Kontrast zwischen der dunklen, kalten Welt draußen und dem suchend geschaffenen Ort der Wärme und des Lichts innen ist heute so relevant wie damals. In einer oft hektischen und vereinzelten Zeit spricht das Gedicht das urmenschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach geteilter Freude ("Beglücken von Hand zu Hand") und nach einem Sinn an, der über das Alltägliche hinausweist. Die Frage, wie wir in "trostlosen" Zeiten – seien es winterliche oder metaphorische – Quellen der Hoffnung und des "Lebensunterpfands" finden, ist eine moderne Parallele. Das Gedicht wirft die zeitlose Frage auf, wo wir unser persönliches "Licht" entzünden, das die längste Nacht unserer Sorgen vertreiben kann.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Bilder sind gut nachvollziehbar. Einige veraltete oder poetische Wendungen wie "allzumal", "des Wald's Gehegen", "Unterpfand" oder "Todesfroste" erfordern jedoch ein gewisses Sprachverständnis oder eine kurze Erklärung, besonders für jüngere Leser. Die religiöse Symbolik (Heil, ew'ge Liebe, Licht geboren) ist zwar eingebettet, aber für das volle Verständnis wichtig. Insgesamt ist der Text für literarisch etwas Geübte gut zugänglich, für absolute Anfänger könnten die genannten Begriffe kleine Hürden darstellen.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht eignet sich perfekt für besinnliche Weihnachtsfeiern im Familien- oder Freundeskreis. Sein feierlicher, zuversichtlicher Ton macht es zu einer ausgezeichneten Wahl für:
- Die Weihnachtsfeier in einem Verein oder einer Gemeinde.
- Einen adventistischen Literaturabend oder eine Lesung.
- Als reflexiver Beitrag in einer Weihnachtsgottesdienst oder einer Schulfeier.
- Als festlicher Einstieg oder Abschluss des Weihnachtsessens zu Hause.
- Für ein persönliches, stimmungsvolles Vorlesen unter dem Weihnachtsbaum.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Die ideale Altersgruppe beginnt bei Jugendlichen ab etwa 14 Jahren und erstreckt sich bis ins hohe Erwachsenenalter. In diesem Alter ist das nötige Abstraktionsvermögen und Sprachgefühl vorhanden, um die bildhafte Sprache und die tieferen Sinnebenen (Licht vs. Nacht, Leben vs. Tod) wirklich zu erfassen und zu schätzen. Mit einer einführenden Erklärung der schwierigen Begriffe kann man das Gedicht aber auch schon mit interessierten Kindern ab etwa 10 Jahren lesen und die starken Bilder (Sterne, Lichter, warmer Duft, erfrorene Landschaft) gemeinsam entdecken.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die eine kritische, nüchterne oder rein weltliche Betrachtung von Weihnachten suchen. Sein Ton ist durchweg positiv, gläubig und idealisierend. Wer nach Ironie, Gesellschaftskritik oder einer modernen, schnoddrigen Interpretation des Festes sucht, wird hier nicht fündig. Ebenso ist es für sehr junge Kinder aufgrund der genannten sprachlichen Hürden nicht das erste Wahlgedicht. Menschen, die mit der christlichen Symbolik gar nichts anfangen können, werden den Kern des Gedichts vielleicht als zu traditionell oder fromm empfinden.
Wie lang dauert der Vortrag?
Bei einem bedachten, ausdrucksstarken und nicht übereiltem Vortrag liegt die Dauer für das gesamte Gedicht bei etwa 1 Minute und 20 Sekunden bis 1 Minute und 40 Sekunden. Ein gemächliches Tempo betont die feierliche und besinnliche Stimmung und lässt den schönen Klang der Verse sowie die Wirkung der Kontraste zwischen Dunkelheit und Licht richtig zur Geltung kommen. Ein hastiger Vortrag würde dem Werk nicht gerecht werden.
Mehr Christliche Weihnachtsgedichte
- Die heiligen drei Könige
- Die heilige Nacht
- Ein Licht, das leuchten will
- Weihnacht
- Es kommt ein Schiff
- Macht hoch die Tür, die Tore weit!
- Friede auf Erden
- Bereitet die Wege
- Der Seelchenbaum
- O selige Nacht
- Weihnachtslied
- In dem Lichte wohnt das Heil
- Den Blick ins Herz und frage dich,
- Weihnacht
- An der Krippe
- Gebet eines kleinen Knaben an den heiligen Christ
- Das Wunder kommt
- Weihnachtsstimmen
- Zigeuners Weihnachten
- Die Hirten
- Die Könige
- Weihnachtsglocken
- Herein
- Weihnachtsode
- Weihnachtsglocken
- 7 weitere Christliche Weihnachtsgedichte