An der Krippe
Kategorie: Christliche Weihnachtsgedichte
An der Krippe
Kleiner Knabe, großer Gott,Autor: Angelus Silesius
schönste Blume, weiß und rot,
von Maria neugeboren,
unter tausend auserkoren,
allerliebstes Jesulein,
lasse mich dein Diener sein!
Nimm mich an, geliebtes Kind,
und befiel mir nur geschwind,
rege deine süßen Lippen,
rufe mich zu deiner Krippen:
tu mir durch deinen holden Mund
deinen liebsten Willen kund.
Dir soll meine Seel' allzeit
samt den Kräften sein bereit,
und mein Leib mit allen Sinnen
soll nichts ohne dich beginnen;
mein Gemüte soll an dich
denken jetzt und ewiglich.
Nimm mich an, o Jesu mein,
denn ich wünsche dein zu sein!
Dein verleib' ich, weil ich lebe,
dein, wenn ich den Geist aufgebe.
Wer dir dient, du starker Held,
der beherrscht die ganze Welt.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Angelus Silesius' "An der Krippe" ist weit mehr als ein einfaches Weihnachtsgedicht. Es stellt eine tiefgreifende mystische Kontaktaufnahme dar, in der das lyrische Ich eine persönliche, fast intime Beziehung zum Jesuskind sucht. Die zentrale Spannung liegt im ersten Vers: "Kleiner Knabe, großer Gott". Hier wird das christliche Paradoxon der Menschwerdung Gottes in einer einfachen Formel gefasst. Das Kind in der Krippe ist zugleich der Schöpfer des Universums. Diese Verbindung von Demut und Allmacht zieht sich durch das gesamte Werk.
Das Gedicht ist als Gebet und Gelübde strukturiert. Nach der Anrufung folgt die Bitte um Aufnahme ("Nimm mich an") und der ausdrückliche Wunsch nach Führung. Die Aufforderung "rege deine süßen Lippen" ist bemerkenswert, denn sie bittet das stumme Kind aktiv um ein Wort, um einen Befehl. Die Hingabe ist total: Seele, Kräfte, Leib, Sinne und Gemüt sollen fortan nur noch auf dieses "allerliebste Jesulein" ausgerichtet sein. Die Schlussstrophe steigert dies noch: Die Hingabe gilt im Leben und im Tod. Der überraschende letzte Vers "Wer dir dient, du starker Held, der beherrscht die ganze Welt" kehrt die irdische Machtlogik um. Wahre Herrschaft entsteht nicht durch Gewalt, sondern durch den Dienst an der göttlichen Liebe, die hier in der Gestalt eines Kindes erscheint. Es ist ein Gedicht der radikalen Umkehr und Hingabe.
Biografischer Kontext des Autors
Angelus Silesius, mit bürgerlichem Namen Johannes Scheffler, war eine der schillerndsten Figuren des Barock. Geboren 1624 in Breslau, konvertierte er vom Luthertum zum Katholizismus, wurde Arzt und später Priester. Sein Hauptwerk, der "Cherubinische Wandersmann", ist ein Höhepunkt mystischer Dichtung im deutschen Sprachraum. In diesen epigrammatischen Gedichten verdichtet er die Lehren von Mystikern wie Meister Eckhart zu knappen, paradoxen Zweizeilern.
Dieser Hintergrund ist entscheidend für das Verständnis von "An der Krippe". Silesius war kein naiver Volksdichter, sondern ein tiefgründiger Theologe und Mystiker. Sein Weihnachtsgedicht trägt die Handschrift seiner Suche nach der unmittelbaren Gotteserfahrung. Die scheinbar einfache Ansprache an das Jesuskind ist getragen von der mystischen Sehnsucht nach Vereinigung. Die totale Hingabe, die das Gedicht beschwört, entspricht dem mystischen Ideal der "Gelassenheit", des Loslassens des eigenen Willens, um ganz von Gott erfüllt zu werden. Das Gedicht verbindet so die volkstümliche Weihnachtsfrömmigkeit mit den höchsten Ansprüchen christlicher Kontemplation.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine einzigartige Mischung aus inniger Zärtlichkeit und feierlicher Entschlossenheit. Die Ansprache "allerliebstes Jesulein" und die Beschreibung der "süßen Lippen" evozieren ein Bild von Wärme, Nähe und kindlicher Unschuld, wie man es von einer Krippenszene erwartet. Gleichzeitig ist die Stimmung aber nicht nur beschaulich oder sentimental.
Unter dieser sanften Oberfläche pulsiert eine intensive spirituelle Sehnsucht und der ernsthafte Wille zur vollkommenen Lebensänderung. Die Stimmung ist daher auch ernst, hingegeben und gelobend. Es ist die Stimmung eines feierlichen Schwurs, der in der Stille vor der Krippe abgelegt wird. Die Ruhe der Heiligen Nacht trifft hier auf den inneren Aufbruch des Beters. Diese Spannung zwischen zärtlicher Anbetung und radikaler Entschlusskraft macht den besonderen emotionalen Reiz des Gedichts aus.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. Zwar ist die Sprache barock und der religiöse Kontext spezifisch christlich, doch die grundlegenden Fragen und Sehnsüchte, die das Gedicht berührt, sind universell und aktuell. In einer Zeit, die von Hektik, Selbstoptimierung und der Suche nach Sinn geprägt ist, wirft "An der Krippe" die zeitlose Frage auf: Wem oder was möchte ich mein Leben hingeben? Wo finde ich eine Autorität oder eine Liebe, der ich mich vollständig anvertrauen kann?
Das Gedicht thematisiert im Kern das Verlangen nach Authentizität und Ganzheitlichkeit ("mein Leib mit allen Sinnen soll nichts ohne dich beginnen"). In einer fragmentierten Welt sehnen sich viele Menschen danach, nicht mehr zwischen verschiedenen Rollen und Ansprüchen hin- und hergerissen zu sein. Die Idee, dass wahre Stärke und "Herrschaft" (im Sinne von Souveränität über das eigene Leben) aus Hingabe und Dienst entspringen kann, stellt zudem eine provokante und hochmoderne Alternative zu gängigen Macht- und Erfolgskonzepten dar. Es lädt ein, über die Quelle wahrer innerer Führung nachzudenken.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht im mittleren Schwierigkeitsgrad anzusiedeln. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils aus dem Grundwortschatz. Einige veraltete Wendungen wie "befiel mir" (befiehl mir) oder "tu mir ... kund" (tue mir kund) und der Konjunktiv "verleib' ich" (verbleibe ich) mögen für heutige Leser eine kleine Hürde darstellen, die sich aber aus dem Kontext leicht erschließen lässt.
Der eigentliche, anspruchsvolle Teil liegt im inhaltlichen Verständnis. Die theologischen Konzepte (Menschwerdung Gottes, totale Hingabe, mystische Vereinigung) und die barocke Bildsprache ("schönste Blume, weiß und rot") erfordern ein wenig Nachdenken oder Hintergrundwissen, um in ihrer vollen Tiefe erfasst zu werden. Das Gedicht ist daher auf der Oberfläche zugänglich, bietet aber unter der sprachlichen Haut reichhaltige Gedanken, die es zu einem lohnenden Objekt für eine genauere Betrachtung machen.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht ist in erster Linie ein klassisches Stück für den christlichen Weihnachtskreis. Es passt perfekt zu:
- Advents- und Weihnachtsgottesdiensten
- Familienfeiern am Heiligen Abend
- Schulischen oder gemeindlichen Krippenspielen als ergänzender poetischer Beitrag
- Privaten Advents- oder Weihnachtsandachten
Darüber hinaus eignet es sich hervorragend für literarische oder religionspädagogische Zwecke. Im Deutsch- oder Religionsunterricht kann es als Beispiel für barocke Lyrik, für mystische Dichtung oder für die poetische Verarbeitung des Weihnachtsmotivs dienen. Aufgrund seines gebetsartigen Charakters findet es auch in persönlichen Momenten der Besinnung und Stille in der Vorweihnachtszeit einen schönen Platz.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Die einfache, bildhafte Ansprache an das Jesuskind macht das Gedicht bereits für Kinder im Grundschulalter (ab etwa 8 Jahren) verständlich und ansprechend. Sie können die Gefühle der Liebe und Verehrung für das Christkind nachvollziehen.
Seine volle Tiefe und philosophische Dimension erschließt sich jedoch erst Jugendlichen und Erwachsenen. Für Teenager, die beginnen, über Lebenshingabe und Sinnfragen nachzudenken, sowie für erwachsene Leser bietet der Text reichhaltigen Stoff für Reflexion. Es ist also ein Gedicht, das über die Jahre hinweg immer wieder neu entdeckt werden kann und mit dem Hörer oder Leser "mitwächst".
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die einen rein weltlichen oder ausschließlich folkloristischen Zugang zum Weihnachtsfest suchen. Wer nur an Weihnachtsmärkte, Geschenke und allgemeine "Besinnlichkeit" denkt, könnte die tiefe religiöse Inbrunst und das theologische Fundament des Textes als zu intensiv oder fremd empfinden.
Ebenso ist es für einen rein unterhaltsamen, locker-leichten Vortrag auf einer Feier weniger geeignet, da sein Tonfall ernst und hingegeben ist. Menschen ohne jeglichen Bezug oder Interesse an christlicher Spiritualität oder poetischer Sprache werden wahrscheinlich keinen Zugang zu den zentralen Aussagen des Werkes finden. Es ist eindeutig ein Gedicht mit spirituellem Anspruch.
Wie lang dauert der Vortrag?
Ein ruhiger, bedächtiger und gefühlvoller Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa eine Minute bis maximal eineinhalb Minuten. Die vier Strophen mit je sechs Versen lassen sich gut in einem angemessenen Sprechtempo wiedergeben, das der innigen und zugleich feierlichen Stimmung Raum gibt. Wichtig ist, die kleinen Pausen am Ende jeder Strophe zu beachten, um der gedanklichen Entwicklung Raum zu geben – von der Anbetung über die Bitte und das Gelübde hin zur abschließenden Verheißung. Ein zu hastiger Vortrag würde die kontemplative Kraft des Textes zerstören.
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