Weihnachten
Kategorie: Lange Weihnachtsgedichte
Weihnachten
Die Tage kommen, die Tage gehn,Autor: Hermann Kletke
Der schönste Tag hat kein Bestehn,
Ob Lenz und Sommer schmückt die Welt,
Rasch kommt der Herbst ins Stoppelfeld,
Es saust, es schneit, es friert; doch dann -
Das Christkind zündet die Lichter an!
O Kindeslust, o Kindertraum,
O liebesheller Weihnachtsbaum!
In dunkle Nächte glänzt dein Licht
So froh voraus, du wandelst nicht;
Es sorgt der Mutter Herz, und dann -
Das Christkind zündet die Lichter an!
Großmama spricht: Nur still, nur still!
Denn wenn ein Kind nicht warten will,
Vorwitzig schaut voll Ungeduld,
Was dann geschieht, ’s ist seine Schuld!
Sitz still ein Weilchen nur, und dann -
Das Christkind zündet die Lichter an!
Ihr Hänschen sitzt ihr stumm im Schoß,
Macht nur die Augen hell und groß,
Hat für sein fragend Kätzchen dort
Kein Auge jetzt, kein Schmeichelwort;
Großmutter blickt so lieb, und dann -
Das Christkind zündet die Lichter an. – –
Die Jahre kommen, die Jahre gehn,
Der schönste Tag hat kein Bestehn,
’s ist einmal von Gott so bestellt;
Man scheidet täglich von der Welt!
Der dunkle Abend kommt, und dann –
Das Christkind zündet die Lichter an!
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Hermann Kletkes Gedicht "Weihnachten" ist weit mehr als nur eine festliche Beschreibung. Es verbindet auf kunstvolle Weise die Themen Vergänglichkeit und beständige Hoffnung. Die wiederkehrende Zeile "Das Christkind zündet die Lichter an!" fungiert als fester Ankerpunkt, der jedem Abschnitt einen tröstlichen Abschluss verleiht. Der erste Vers malt den schnellen Wechsel der Jahreszeiten, der das Vergehen der Zeit symbolisiert. Selbst der "schönste Tag hat kein Bestehn". Doch genau in dieser Flüchtigkeit liegt die Magie: Das Christkindlicht leuchtet immer wieder neu und setzt der Vergänglichkeit einen Moment des reinen, hellen Da-Seins entgegen.
Die mittleren Strophen tauchen tief in die kindliche Weihnachtserfahrung ein. Die gespannte Vorfreude, das Warten unter Großmutters streng-liebevoller Aufsicht und die andächtige Stille des kleinen Hänschen werden lebendig. Hier wird Weihnachten als ein Ritual der Gemeinschaft und der bewussten Unterbrechung des Alltags gezeigt. Die letzte Strophe weitet den Blick erneut und überträgt das Motiv des Vergehens von den Tagen auf die Jahre und das ganze Leben. Der "dunkle Abend" kann als Metapher für das Lebensende gelesen werden. Die tröstliche Botschaft bleibt dieselbe: Auch dann "zündet das Christkind die Lichter an". Das Gedicht deutet so eine religiöse Hoffnung über den Tod hinaus an, wobei das Bild des Lichts im Dunkeln universell verständlich bleibt.
Biografischer Kontext des Autors
Hermann Kletke (1813-1886) war ein vielseitiger Berliner Schriftsteller, Journalist und Herausgeber, der heute vor allem als Autor von Kinderliedern und Märchen in Erinnerung geblieben ist. Seine literaturgeschichtliche Bedeutung liegt weniger in avantgardistischer Innovation, sondern in seiner breitenwirksamen, volkstümlichen Dichtung. Er verfasste zahlreiche Gedichte, Erzählungen und Sachbücher für junge Leser. Diesen pädagogischen Impetus spürt man auch in "Weihnachten": Die Ermahnung der Großmutter ("Nur still, nur still!") und die Betonung von Geduld und Andacht spiegeln das bürgerliche Erziehungsideal des 19. Jahrhunderts. Kletkes Werk ist geprägt von einem gemäßigten, oft heimatverbundenen und moralischen Ton, der seine Gedichte wie dieses zu zeitlosen, eingängigen Stücken macht, die Generationen überdauert haben.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine einzigartige Mischung aus melancholischer Nachdenklichkeit und warmer, tröstlicher Geborgenheit. Die Eingangszeilen über das Vergehen von Tagen und Jahren lösen ein leicht wehmütiges Gefühl aus. Doch diese Stimmung wird in jeder Strophe durch das verlässliche, freudige Bild des Christkinds mit den Lichtern aufgefangen und ins Positive gewendet. In den Kinderszenen dominiert dann eine dichte, fast märchenhafte Atmosphäre der Vorfreude und gespannten Erwartung. Die Stimmung ist dabei nie ausgelassen, sondern immer von einer ruhigen, innigen Feierlichkeit geprägt. Insgesamt hinterlässt das Gedicht ein Gefühl der Beruhigung und der Gewissheit, dass es in der Hektik und Vergänglichkeit des Lebens immer wieder leuchtende, haltgebende Momente gibt.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. Die zentralen Fragen des Gedichts sind heute genauso relevant wie vor 150 Jahren. In einer Zeit, die von permanenter Beschleunigung und Reizüberflutung geprägt ist, spricht Kletkes Text die Sehnsucht nach Entschleunigung und echten, unverfälschten Momenten direkt an. Das "Warten-Können", das die Großmutter einfordert, erscheint heute fast als revolutionärer Akt gegen den sofortigen Konsum. Die Botschaft, dass die schönsten Augenblicke vergänglich sind ("hat kein Bestehn"), mahnt zur Achtsamkeit und Wertschätzung der Gegenwart. Und die tröstliche Idee eines Lichts in dunklen Zeiten – ob persönlichen oder globalen – bleibt eine universelle menschliche Hoffnung. Das Gedicht wirft also Fragen nach einem bewussten Leben, nach Tradition und nach geistigem Halt auf, die jeden modernen Menschen betreffen können.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als leicht bis mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist überwiegend klar und geradlinig, der Wortschatz gut verständlich. Einige veraltete Begriffe wie "Stoppelfeld" oder Wendungen wie "vorwitzig schaut" mögen erklärungsbedürftig sein, erschließen sich aber oft aus dem Kontext. Die größere Herausforderung liegt im inhaltlichen Verständnis der philosophischen Ebene. Die Gegenüberstellung von Zeitverlauf und lichtvollem Moment sowie die metaphorische Deutung der letzten Strophe erfordern ein gewisses Maß an Reflexion oder Erläuterung, besonders für jüngere Leser. Insgesamt ist der Text aber gut zugänglich und vorlesefreundlich.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht ist ein perfekter Begleiter für die gesamte Advents- und Weihnachtszeit. Sein ruhiger, nachdenklicher Ton macht es ideal für besinnliche Momente, etwa:
- Bei der gemeinsamen Feier am Heiligabend, bevor die Geschenke ausgepackt werden.
- Als Einstimmung oder Abschluss einer Adventsandacht oder eines familiären Gottesdienstbesuchs.
- Beim gemütlichen Beisammensein am Adventskranz, um über die tieferen Aspekte des Festes nachzudenken.
- Für Seniorenkreise oder generationsübergreifende Treffen, da es Kindheitserinnerungen und Lebenserfahrung verbindet.
- Als Textimpuls in der Schule, um über Tradition, Zeit und die Bedeutung von Festen zu sprechen.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht besitzt eine seltene generationenübergreifende Qualität. Für Kinder ab etwa 6 Jahren sind die mittleren Strophen mit Hänschen und der Großmutter unmittelbar anschaulich und nachvollziehbar. Die magische Wiederholung des Licht-Anzündens fasziniert sie. Jugendliche und Erwachsene können die melancholischen Untertöne und die Reflexion über die Vergänglichkeit immer besser erfassen. Für ältere Menschen gewinnt die letzte Strophe mit dem Blick auf das Lebensende eine besondere, tröstliche Tiefe. Es ist also ein Gedicht, das in der Familie gemeinsam entdeckt werden kann, wobei jede Altersgruppe eine andere Schicht für sich findet.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die eine ausschließlich fröhliche, ausgelassene und rein festliche Weihnachtsstimmung suchen. Wer nur humorvolle oder quicklebendige Verse über den Weihnachtsmann und das Geschenkeauspacken erwartet, könnte den nachdenklichen, fast philosophischen Grundton als zu ruhig oder gar bedrückend empfinden. Auch für sehr junge Kinder unter fünf Jahren sind die abstrakteren Passagen über das Vergehen der Zeit und Jahre wahrscheinlich noch nicht fassbar. Zudem könnten Leser, die einen explizit theologisch-christlichen Text erwarten, feststellen, dass das "Christkind" hier eher als poetisches Symbol der Hoffnung fungiert, während religiöse Dogmen völlig ausgeklammert bleiben.
Wie lang dauert der Vortrag?
Ein ruhiger, bedächtiger und betonter Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa eineinhalb bis zwei Minuten. Dieser Zeitrahmen ermöglicht es, die schönen sprachlichen Bilder wirken zu lassen und den rhythmischen Wechsel zwischen der Beschreibung des Zeitvergehens und dem hoffnungsvollen Refrain auszuspielen. Ein zu hastiges Vorlesen würde der intendierten Stimmung und Tiefe des Textes widersprechen. Für eine besonders eindrückliche Darbietung kann man vor und nach dem Gedicht kurze Pausen lassen, um den Zuhörern Raum für die eigenen Gedanken und Gefühle zu geben, die der Text weckt.
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