Weihnacht
Kategorie: Lange Weihnachtsgedichte
Weihnacht
O Weihnachtszeit, du goldne Pforte!Autor: Stine Andresen
Durch dich wallt still der Kinder Schar.
Und ihnen folgt voll sel’gen Hoffens
Die Menschheit nach von Jahr zu Jahr;
Wem längst in weiter Ferne liegen
Die Kinderjahre wie im Traum,
Wo noch zur Erde niederstiegen
Die Engel aus des Himmels Raum,
Der denkt zurück mit stillem Lauschen
An jene Zeit voll Poesie.
Und hört der Engel Schwingen rauschen
Wie einst des Kindes Phantasie.
Wer könnte jemals dein vergessen,
Du Weihnachtstraum der Kinderzeit!
Du bleibst ein heiliges Vermächtnis
Dem Herzen, lägst du noch so weit.
Voll Dank gedenken wir aufs Neue
Der Opfer, die uns einst gebracht
Von jener Liebe, jener Treue,
Die unserer Kindheit Glück bewacht,
Das Vaterhaus umgibt uns wieder,
Wir hören teurer Stimmen Klang,
Und süß ertönen alte Lieder
Die, ach, verklungen schon so lang.
Wir sehn im Geiste all die Lieben
Im trauten Kreise um uns her,
Die wir vermisst, die wir beweinet
Bei mancher Weihnacht Wiederkehr,
Drum lasst uns stets, was uns das Leben
Noch ließ, mit treuer Lieb’ umfahn
Und freud’gen Herzens Gaben geben
An die, die bittend sich uns nah’n,
Und der Gedanke an die Toten
Wird dann vom Weihnachtsstrahl erhellt,
Zu einem lichten Friedensboten
Aus jener höhern, bessern Welt.
O Weihnachtszeit, wo Gott vom Himmel,
Als seiner Gnade höchstes Pfand,
Den Sohn voll Lieb’ und Licht und Wahrheit
Uns Menschenkindern her gesandt,
Zünd’ an der Liebe Strahlenkerzen
Der Welt aufs neu’, macht groß und weit
Und dankerfüllt der Menschen Herzen,
Zum Geben jede Hand bereit.
Lass sanft in unsere Seele fallen
Den Strahl des Lichtes wunderbar,
Dass wir getrost durch deine Hallen
Hinübergehn ins neue Jahr.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext der Autorin
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Stine Andresens "Weihnacht" ist mehr als nur ein festliches Gedicht. Es ist eine tiefgründige Meditation über die Zeit, die Erinnerung und die bleibende Kraft kindlicher Empfindsamkeit im Erwachsenenleben. Das Gedicht entfaltet sich in vier klar strukturierten Strophen, die einen inneren Weg vom nostalgischen Rückblick hin zu einer ethischen Handlungsmaxime für die Gegenwart beschreiben.
Die erste Strophe etabliert Weihnachten als eine "goldne Pforte", einen symbolischen Übergang. Durch sie schreiten nicht nur die Kinder, sondern die gesamte "Menschheit" folgt ihnen "voll sel'gen Hoffens". Andresen beschreibt hier meisterhaft, wie das Fest den Erwachsenen den Zugang zu ihrer eigenen, verlorenen Kinderseele öffnet – einer Zeit "voller Poesie", in der die Grenze zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen, zwischen Realität und Phantasie ("Engel Schwingen rauschen") noch durchlässig war. Diese magische Wahrnehmung wird nicht als Illusion abgetan, sondern als wertvoller, innerer Besitz bewahrt.
Die zweite und dritte Strophe vertiefen dieses Erinnern. Sie thematisieren konkret die verlorenen Lieben, das "Vaterhaus" und die "verklungenen" Lieder. Dabei geht die Nostalgie aber nicht in passiver Wehmut unter. Vielmehr mündet sie in einen aktiven Appell: "Drum lasst uns stets, was uns das Leben / Noch ließ, mit treuer Lieb' umfahn". Die Erinnerung an die Toten und die Freude über die Lebenden sollen in tätige Nächstenliebe und Großzügigkeit ("freud'gen Herzens Gaben geben") umgesetzt werden. Die Vergangenheit wird so zum moralischen Kompass für die Gegenwart.
Die finale Strophe weitet den Blick auf den christlichen Kern des Festes: die Menschwerdung Gottes als "Pfand" der Gnade. Dieses theologische Fundament ist der Ursprung der geforderten "Liebe Strahlenkerzen". Das Gedicht schließt mit dem Wunsch, dass das Weihnachtslicht die Seele erhelle, um gestärkt und "getrost" ins neue Jahr zu gehen. Damit verbindet Andresen auf einzigartige Weise persönliche Erinnerung, menschliche Solidarität und religiöse Symbolik zu einem kraftvollen Ganzen.
Biografischer Kontext der Autorin
Stine Andresen (1849-1927) ist eine bedeutende, aber heute oft unterschätzte Vertreterin der norddeutschen, insbesondere der friesischen Literatur. Auf der Insel Föhr geboren und dort fast ihr ganzes Leben ansässig, verarbeitete sie in ihrem umfangreichen Werk intensiv die Landschaft, die Menschen und die Mentalität ihrer Heimat. Ihre Gedichte zeichnen sich durch eine klare, volksnahe Sprache und eine tiefe Verwurzelung in protestantischer Frömmigkeit aus, die jedoch nie dogmatisch, sondern stets gefühlvoll und menschlich erscheint.
Der biografische Hintergrund ist für "Weihnacht" entscheidend. Andresen blieb unverheiratet und erlebte den Tod vieler nahestehender Personen, darunter ihre geliebten Geschwister. Das im Gedicht so präsente Motiv des Gedenkens an die "Toten" und des "trauten Kreises" ist daher kein literarischer Topos, sondern Ausdruck eines gelebten, oft schmerzhaften Verlustes. Ihr Werk kann als "Poesie der Erinnerung" charakterisiert werden. Das Fest Weihnachten wird bei ihr zum zentralen emotionalen und spirituellen Ankerpunkt, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart, Trauer und Trost, persönliches Schicksal und allgemeinmenschliche Hoffnung treffen. Dieses authentische Ineinanderfließen von Leben und Dichtung verleiht dem Gedicht seine besondere Glaubwürdigkeit und emotionale Tiefe.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine komplexe, vielschichtige Stimmung, die sich während des Lesens entwickelt. Es beginnt mit einem feierlich-weihevollen Ton ("O Weihnachtszeit, du goldne Pforte!"), der schnell in eine sanfte, introvertierte Nostalgie übergeht. Man spürt ein "stilles Lauschen" in die eigene Vergangenheit hinein, begleitet von einer wehmütigen Sehnsucht nach der Unschuld und dem Staunen der Kindheit.
Diese Wehmut wird jedoch nicht dominant oder gar depressiv. Sie ist durchdrungen von Wärme und Dankbarkeit ("Voll Dank gedenken wir"). Die Stimmung wandelt sich von der Rückschau zu einer gegenwartsbezogenen, herzlichen Innigkeit und einem Aufruf zur aktiv gelebten Mitmenschlichkeit. Die finale Strophe verleiht dem Ganzen dann einen hoffnungsvollen, fast trostspendenden Glanz. Insgesamt hinterlässt das Gedicht ein Gefühl der Besinnung, der Verbundenheit mit den Mitmenschen und einem friedvollen, getrösteten Ausblick in die Zukunft. Es ist eine Stimmung, die nachdenklich macht, aber das Herz erwärmt.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. Die zentralen Fragen, die das Gedicht aufwirft, sind heute so relevant wie vor 150 Jahren. In einer hektischen, oft oberflächlichen Zeit spricht Andresen die Sehnsucht nach echter Innerlichkeit, nach einem Innehalten und der Pflege von Erinnerung an. Ihr Appell, die verbliebenen zwischenmenschlichen Bindungen "mit treuer Lieb" zu umfangen und "Gaben" an Bittende zu geben, trifft den Nerv moderner Diskussionen über Gemeinschaftssinn und Solidarität in einer individualistischen Gesellschaft.
Das Gedicht thematisiert zudem den Umgang mit Verlust und Trauer – ein universelles menschliches Thema. Der "Gedanke an die Toten", der vom "Weihnachtsstrahl erhellt" wird, bietet einen tröstlichen, nicht verdrängenden Ansatz für die Bewältigung von Abschied. Auch die Reflexion über das Verschwinden kindlicher Phantasie im Erwachsenenalter und der Wunsch, diesen "Poesie"-Blick wenigstens zeitweise wiederzugewinnen, ist ein hochaktuelles Motiv. "Weihnacht" fordert uns damit indirekt auf, das Fest nicht nur als Konsumereignis, sondern als geistige und emotionale Quelle zu begreifen.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Es verwendet einen gehobenen, aber nicht übermäßig antiquierten Wortschatz. Einige Begriffe wie "wallt" (zieht, strömt), "sel'gen" (seligen) oder "verklungen" sind heute seltener, erschließen sich aber aus dem Kontext. Die Syntax ist klar und die Sätze sind wohlgeformt, ohne extrem verschachtelt zu sein.
Die eigentliche "Schwierigkeit" oder besser: die Tiefe liegt im inhaltlichen und emotionalen Verständnis. Um die feinen Nuancen zwischen Wehmut und Dankbarkeit, zwischen persönlicher Erinnerung und allgemeingültiger Botschaft vollständig zu erfassen, benötigt man eine gewisse Lebenserfahrung und Reflexionsbereitschaft. Die religiöse Dimension in der letzten Strophe ist für nicht-christliche Leser vielleicht eine Hürde, aber die vorangegangenen Strophen sind auch ohne dieses Wissen sehr zugänglich und berührend.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht ist ein perfekter Begleiter für besinnliche Momente in der Advents- und Weihnachtszeit. Es eignet sich hervorragend für:
- Den Familienabend am Heiligabend, um eine ruhige, nachdenkliche Stimmung zu schaffen.
- Eine Andacht oder einen Gottesdienstbesuch, da es religiöse und menschliche Elemente verbindet.
- Einen literarischen Adventskreis oder eine Weihnachtslesung.
- Das persönliche Innehalten in der oft stressigen Vorweihnachtszeit, als Gegenpol zur Hektik.
- Eine Gedenkfeier für verstorbene Angehörige in der Weihnachtszeit, da es Trauer und Trost einfühlsam thematisiert.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Primär spricht das Gedicht Erwachsene an, insbesondere Menschen in der zweiten Lebenshälfte, die über einen reichen Schatz an eigenen Erinnerungen und Lebenserfahrungen verfügen. Sie können die Tiefe der nostalgischen Reflexion und die Botschaft von Verlust und Bewahrung am unmittelbarsten nachvollziehen.
Auch Jugendliche und junge Erwachsene ab etwa 16 Jahren können von dem Text profitieren, besonders wenn sie sich für Literatur und die psychologischen Dimensionen des Erwachsenwerdens interessieren. Es kann ihnen einen Blick auf die emotionale Landschaft des Älterwerdens eröffnen. Für Kinder ist der Text aufgrund seiner abstrakten Gedankenführung und der reflektierenden Haltung weniger direkt zugänglich.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die ausschließlich nach kurzen, fröhlichen und rein festlichen Weihnachtsversen suchen, wie man sie auf Weihnachtskarten findet. Wer eine schnelle, unterhaltsame Pointe oder eine humorvolle Betrachtung erwartet, wird hier nicht fündig.
Ebenso könnte es für Menschen, die einen sehr modernen, schnörkellosen und vielleicht sogar kritischen oder ironischen Blick auf Weihnachten bevorzugen, als zu traditionell, sentimental oder fromm erscheinen. Es verlangt dem Leser eine gewisse Bereitschaft zur Kontemplation und zur emotionalen Öffnung ab. Wer sich darauf nicht einlassen möchte, wird den besonderen Zauber dieses Textes kaum erfassen können.
Wie lang dauert der Vortrag?
Ein ruhiger, bedächtiger und gefühlvoller Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa zwei bis zweieinhalb Minuten. Diese Zeit ermöglicht es, die feinen Stimmungswechsel und die gedanklichen Übergänge zwischen den Strophen wirksam werden zu lassen. Ein zu hastiges Vorlesen würde der nachdenklichen und oft innigen Atmosphäre des Textes nicht gerecht werden. Für einen besonders eindringlichen Vortrag mit kleinen Pausen zur Betonung der Schlüsselzeilen kann man auch knapp drei Minuten einplanen.
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