Vom Himmel hoch, da komm ich her

Kategorie: Lange Weihnachtsgedichte

Vom Himmel hoch, da komm ich her

Vom Himmel hoch, da komm ich her.
Ich bring euch gute neue Mär,
Der guten Mär bring ich so viel,
Davon ich singen und sagen will:

Euch ist ein Kindlein heut geborn
Von einer Jungfrau auserkorn,
Ein Kindelein, so zart und fein,
Das soll eur Freud und Wonne sein.

Es ist der Herr Christ, unser Gott,
Der will euch führn aus aller Not,
Er will eur Heiland selber sein,
Von allen Sünden machen rein.

Er bringt euch alle Seligkeit,
Die Gott der Vater hat bereit,
Daß ihr mit uns im Himmelreich
Sollt leben nun und ewiglich.

So merket nun das Zeichen recht:
Die Krippe, Windelein so schlecht,
Da findet ihr das Kind gelegt,
Das alle Welt erhält und trägt.

Des laßt uns alle frölich sein
Und mit den Hirten gehn hinein,
Zu sehn, was Gott uns hat beschert,
Mit seinem lieben Sohn verehrt.

Merk auf, mein Herz, und sieh dorthin!
Was liegt dort in dem Krippelein?
Wes ist das schöne Kindelin?
Es ist das liebe Jesulin.

Sei mir willkomm du edler Gast!
Den Sünder nicht verschmähet hast
Und kömmst ins Elend her zu mir,
Wie soll ich immer danken dir?

Ach, Herr, du Schöpfer aller Ding,
Wie bist du worden so gering,
Daß du da liegst auf dürrem Gras,
Davon ein Rind und Esel aß!

Und wär die Welt vielmal so weit,
Von Edelstein und Gold bereit,
So wär sie doch dir viel zu klein,
Zu sein ein enges Wiegelein.

Der Sammet und die Seide dein,
Das ist grob Heu und Windelein,
Darauf du König groß und reich
Herprangst, als wärs dein Himmelreich.

Das hat also gefallen dir,
Die Wahrheit anzuzeigen mir:
Wie aller Welt Macht, Ehr und Gut
Vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.

Ach, mein herzliebes Jesulein,
Mach dir ein rein, sanft Bettelein,
Zu ruhen in meins Herzens Schrein,
Das ich nimmer vergesse dein.

Davon ich allzeit fröhlich sei,
Zu springen, singen immer frei
Das rechte Susaninne schon,
Mit Herzenslust den süßen Ton.

Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron,
Der uns schenkt seinen einzigen Sohn.
Des freuen sich der Engel Schar
Und singen uns solchs neues Jahr.
Autor: Martin Luther

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Martin Luthers "Vom Himmel hoch, da komm ich her" ist weit mehr als ein einfaches Weihnachtslied. Es ist eine dicht gedrängte theologische Erzählung, die den gesamten christlichen Heilsplan von der Verkündigung bis zur persönlichen Anwendung umfasst. Das Gedicht beginnt aus der Perspektive des Engels, der die "gute neue Mär" verkündet. Dieser Einstieg ist genial, denn er holt den Leser oder Zuhörer direkt in die Weihnachtsgeschichte hinein, als wäre er selbst einer der Hirten auf dem Feld.

Luther beschreibt dann nicht nur die Geburt, sondern betont sofort die Identität und Bedeutung des Kindes: "Es ist der Herr Christ, unser Gott". Die scheinbare Widersprüchlichkeit von allmächtigem Gott und hilflosem Säugling wird das zentrale Motiv des Gedichts. Luther seziert diese paradoxe Szene mit fast schon schockierender Direktheit: Der Schöpfer liegt auf dürrem Gras, das von Tieren gefressen wird. Diese bewusste Erniedrigung ("Wie bist du worden so gering") dient einem Zweck: Sie zeigt, dass weltliche Macht und Reichtum ("Edelstein und Gold") vor Gott nichts gelten. Das wahre Königreich ("Himmelreich") manifestiert sich in Armut und Einfachheit.

Der Höhepunkt der Interpretation liegt in der persönlichen Wendung. Das Gedicht wendet sich vom erzählenden "wir" zum intimen "du" und "mir". "Sei mir willkomm du edler Gast!" ist eine direkte Einladung an das Christkind, in das eigene Herz einzuziehen. Luther transformiert die historische Krippe in eine innere Realität: "Mach dir ein rein, sanft Bettelein, zu ruhen in meins Herzens Schrein." Damit wird Weihnachten zu einem ganz persönlichen, wiederholbaren Ereignis der Hingabe und Freude.

Biografischer Kontext zu Martin Luther

Martin Luther (1483-1546) war nicht nur der bedeutende Reformator, sondern auch ein äußerst produktiver und volksnaher Dichter und Liederschreiber. Sein Ziel war es, theologisches Wissen für alle Menschen verständlich und erfahrbar zu machen – und zwar in ihrer eigenen Sprache. "Vom Himmel hoch" entstand 1534/35, also in einer relativ späten Phase seines Wirkens, und wurde zunächst als Gedicht für seine eigenen Kinder verfasst. Das erklärt den einfachen, erzählenden Ton und die liebevollen Diminutive wie "Kindelein" und "Jesulin".

Luthers Theologie der Gnade, die er gegen das damalige kirchliche System erkämpfte, schimmert hier überall durch. Das Kind kommt nicht als strafender Richter, sondern als Gast, "der Sünder nicht verschmähet hast". Das Heil wird als unverdientes Geschenk ("was Gott uns hat beschert") dargestellt. Dieses Gedicht ist also ein perfektes Beispiel für Luthers Kernanliegen: Den Glauben aus einer angstbesetzten Pflichtübung in eine freudige, persönliche Beziehung zu einem gnädigen Gott zu verwandeln. Es ist bezeichnend, dass einer der einflussreichsten Männer der europäischen Geschichte ein so zartes und inniges Wiegenlied für die Nachwelt hinterlassen hat.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine einzigartige Mischung aus feierlicher Freude, staunender Demut und herzlicher Innigkeit. Der Anfang ist voller überschwänglicher Verkündigungsfreude ("Der guten Mär bring ich so viel"). Diese Freude wandelt sich dann in ehrfürchtiges Staunen über das Paradox der Menschwerdung Gottes, was eine tiefe, nachdenkliche Stimmung hervorruft. Besonders in den Versen über die Armut der Krippe liegt eine berührende Zärtlichkeit und ein Mitgefühl für die freiwillige Erniedrigung des Göttlichen.

Schließlich mündet alles in eine warme, persönliche und trotzige Freude. Die Aufforderung "Des laßt uns alle frölich sein" ist kein oberflächlicher Jubel, sondern eine aus der Erkenntnis geborene, tiefe Herzenslust, die sogar "zu springen, singen immer frei" motiviert. Die Stimmung ist somit vielschichtig: festlich, demütig, zärtlich und am Ende triumphierend-froh, weil die größte aller Gaben im eigenen Herzen ankommen soll.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Fragen, die das Gedicht aufwirft, sind heute so relevant wie vor 500 Jahren. In einer Welt, die oft von materiellen Werten ("Macht, Ehr und Gut") und oberflächlichem Glanz dominiert wird, stellt Luther die provokante Gegenfrage: Was ist wahrer Wert? Was ist wesentlich? Die Krippenszene ist ein ewiges Symbol dafür, dass Bedeutung und Liebe oft im Einfachen, Unscheinbaren und Verletzlichen zu finden sind – eine Botschaft, die in unserer hektischen Konsumgesellschaft eine starke Gegenkraft darstellt.

Zudem spricht das Gedicht das universelle Bedürfnis nach Hoffnung und Erlösung "aus aller Not" an. Die Sehnsucht nach einem Frieden, der von innen kommt, und nach einer unzerstörbaren Freude, die unabhängig von äußeren Umständen ist, ist zeitlos. Die persönliche Einladung am Ende ("Mach dir ein Bettelein in meins Herzens Schrein") transformiert das Gedicht in eine moderne Aufforderung zur Selbstreflexion und inneren Einkehr, die weit über den christlichen Kontext hinaus Resonanz finden kann.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Luther verwendete bewusst eine volkstümliche, verständliche Sprache. Viele Worte und Satzkonstruktionen sind auch heute noch geläufig. Allerdings gibt es einige Hürden: Veraltete Begriffe wie "Mär" (Nachricht, Kunde), "erschreckt" (im alten Sinne von "in Schrecken versetzen", hier aber nicht negativ gemeint) oder "beschert" (geschenkt) müssen erklärt werden. Auch Formulierungen wie "Der uns schenkt seinen einzigen Sohn" folgen einer altertümlichen Wortstellung.

Die inhaltliche Tiefe und die theologischen Konzepte sind jedoch anspruchsvoll. Das Verständnis des Paradoxons der Menschwerdung, die Symbolik der Armut und die persönlich-mystische Schlusswendung erfordern eine gewisse Reife oder Erläuterung. Insgesamt ist der Text also sprachlich gut zugänglich, entfaltet seine volle Bedeutung aber erst mit etwas Hintergrundwissen.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht ist natürlich das klassische Weihnachtsgedicht schlechthin. Es eignet sich perfekt für:

  • Den Familienkreis am Heiligabend
  • Weihnachtsgottesdienste oder Adventsandachten
  • Schulfeiern oder Krippenspiele in der Vorweihnachtszeit
  • Das persönliche Adventsritual, um sich auf die Bedeutung von Weihnachten zu besinnen
  • Als literarisch-theologischer Text in Unterrichtseinheiten zu den Themen Reformation, Kirchenlied oder Weihnachtstradition

Seine Länge und der erzählende Charakter machen es zu einem idealen Vortragsstück, das eine festliche Atmosphäre schafft und zum Nachdenken anregt.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht besitzt eine erstaunliche Altersbreite. Die ersten Strophen mit ihrer einfachen Erzählung und den liebevollen Bezeichnungen wie "Jesulin" sind bereits für Kindergarten- und Grundschulkinder (ab ca. 5 Jahren) in Auszügen verständlich und ansprechend. Sie erfassen die Kernbotschaft: Gott kommt als kleines, liebes Kind.

Jugendliche und Erwachsene können dann die tieferen theologischen und philosophischen Schichten entschlüsseln. Die Frage nach wahrer Größe, die Kritik an materiellen Werten und die Suche nach innerem Frieden sprechen besonders Menschen ab der Jugend und im Erwachsenenalter an. Es ist also ein Gedicht, das ein Leben lang begleiten und mitwachsen kann.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die eine rein weltliche oder ausschließlich unterhaltende Feier ohne jeden religiösen oder besinnlichen Anklang suchen. Wer mit der christlichen Symbolik und Terminologie (Sünde, Erlösung, Himmelreich) gar nichts anfangen kann oder möchte, wird mit dem Text wenig verbinden können. Auch für sehr junge Kinder unter 5 Jahren ist der gesamte Text aufgrund seiner Länge und abstrakteren Passagen wahrscheinlich noch nicht fassbar. In einem rein säkularen Kontext, in dem Weihnachten nur als Fest des Schenkens und der Familie verstanden wird, könnten große Teile des Gedichts als fremd oder zu tiefgründig empfunden werden.

Wie lang dauert der Vortrag?

Die Vortragsdauer hängt natürlich vom gewählten Tempo und der Betonung ab. Bei einem bedächtigen, deutlichen und gefühlvollen Vortrag, der die Stimmungswechsel des Gedichts – von der freudigen Verkündigung über das staunende Innehalten bis zur persönlichen Einladung – auch sprecherisch umsetzt, liegt die Dauer bei etwa 3 bis 3,5 Minuten. Ein etwas flüssigerer, erzählender Vortrag kommt auf etwa 2,5 Minuten. Um die volle Wirkung zu entfalten und den Zuhörern Zeit zu geben, die bildreichen Verse und Gedankensprünge nachzuvollziehen, ist ein gemäßigtes Tempo zu empfehlen. So wird das Gedicht zu einem kleinen, aber intensiven Moment der Besinnung in der oft hektischen Weihnachtszeit.

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