Weihnachtsmarkt

Kategorie: Lange Weihnachtsgedichte

Weihnachtsmarkt

Welch lustiger Wald um das hohe Schloß
hat sich zusammengefunden,
Ein grünes bewegliches Nadelgehölz,
Von keiner Wurzel gebunden!

Anstatt der warmen Sonne scheint
Das Rauschgold durch die Wipfel;
Hier backt man Kuchen, dort brät man Wurst,
Das Räuchlein zieht um die Gipfel.

Es ist ein fröhliches Leben im Wald,
Das Volk erfüllet die Räume;
Die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt,
Die fällen am frohsten die Bäume.

Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs
Zu überreichen Geschenken,
Der andre einen gewaltigen Strauch,
Drei Nüsse daran zu henken.

Dort feilscht um ein winziges Kieferlein
Ein Weib mit scharfen Waffen;
Der dünne Silberling soll zugleich
Den Baum und die Früchte verschaffen.

Mit rosiger Nase schleppt der Lakai
Die schwere Tanne von hinnen;
Das Zöfchen trägt ein Leiterchen nach,
Zu ersteigen die grünen Zinnen.

Und kommt die Nacht, so singt der Wald
Und wiegt sich im Gaslichtscheine;
Bang führt die ärmste Mutter ihr Kind
Vorüber am Zauberhaine.

Einst sah ich einen Weihnachtsbaum:
Im düsteren Bergesbanne
Stand reifbezuckert auf dem Grat
die alte Wettertanne.

Und zwischen den Ästen waren schön
Die Sterne aufgegangen;
Am untersten Ast sah man entsetzt
Die alte Wendel hangen.

Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,
Das festlich still verkläret;
Weil auf der Welt sie nichts besaß,
Hatt' sie sich selbst bescheret.
Autor: Gottfried Keller

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Gottfried Kellers "Weihnachtsmarkt" ist weit mehr als eine bloße Beschreibung. Es ist ein vielschichtiges Werk, das den kommerzialisierten Zauber des Weihnachtsmarkts mit der rauen Realität des Lebens kontrastiert. Das Gedicht beginnt mit einer metaphorischen Verwandlung: Der Weihnachtsmarkt wird zu einem "lustigen Wald", einem künstlichen Nadelgehölz ohne Wurzeln. Diese Bilder deuten auf Vergänglichkeit und eine von der Natur entfremdete Festlichkeit hin. Das "Rauschgold" ersetzt die Sonne, Würstchengeruch zieht wie Räucherwerk um die Gipfel – Keller zeichnet ein Bild weltlichen, fast heidnischen Treibens.

Die Mitte des Gedichts beleuchtet das geschäftige Treiben der Käufer, vom feilschenden Weib bis zum dienstbaren Lakai. Hier zeigt Keller sozialkritische Beobachtung. Die fröhlichen Baumfäller sind jene, "die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt", also keine emotionale Bindung zur Natur haben. Dies führt zum erschütternden Kontrast der letzten drei Strophen. Plötzlich wechselt die Perspektive zu einer "ärmsten Mutter", die bang am "Zauberhaine" vorbeiführt, und zu einem einsamen, realen Baum in der Natur, an dem eine arme Frau, "die alte Wendel", sich erhängt hat. Diese Figur, die "sich selbst bescheret", weil sie nichts besaß, stellt das glitzernde Konsumfest in ein scharfes, tragisches Licht. Das Gedicht endet nicht weihnachtlich versöhnlich, sondern mit einem Bild stiller Verzweiflung unter festlichem Mondenschein.

Biografischer Kontext zu Gottfried Keller

Gottfried Keller (1819-1890) ist eine der bedeutendsten Figuren des deutschsprachigen Realismus. Sein Leben war geprägt von frühen Rückschlägen (er wurde aus der Kunstschule entlassen) und einem langen politischen wie literarischen Reifeprozess. Als Zürcher Staatschancellor verband er bürgerlichen Beruf mit dichterischer Berufung. Seine Prosa, etwa der "Grüne Heinrich" oder die "Leute von Seldwyla", ist für ihren humorvollen, aber unbestechlich genauen Blick auf die menschlichen Schwächen bekannt. Diesen Blick wendet er auch in seiner Lyrik an. "Weihnachtsmarkt" zeigt den typischen Keller: Er beobachtet das gesellschaftliche Spektakel mit ironischer Distanz, ohne jedoch das menschliche Elend dahinter zu übersehen. Seine Sympathie gilt stets den Außenseitern und Unterprivilegierten, was die Figur der "alten Wendel" am Ende des Gedichts so ergreifend macht. Das Werk entstand in einer Zeit raschen gesellschaftlichen Wandels und wachsender Urbanisierung, was den Kontrast zwischen städtischem Markttreiben und einsamer Natur noch verstärkt.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine gebrochene, ambivalente Stimmung. Zunächst dominiert ein lebhaftes, fast karnevaleskes Bild des Marktes: Es ist "fröhlich", "lustig" und voller "bewegliches" Leben. Diese heitere Grundstimmung wird jedoch von Beginn an durch untergründige Ironie und sachliche Beobachtungen getrübt. Die Stimmung kippt dann vollends in der letzten Hälfte. Die "bange" Mutter und vor allem das grausam-schöne Bild der "alten Wendel" unter dem festlichen Mond verleihen dem Text eine tiefe Melancholie und eine beklemmende Nachdenklichkeit. Die anfängliche Weihnachtsfreude wird von der Erkenntnis sozialer Ungerechtigkeit und menschlicher Einsamkeit überschattet. Es ist eine Stimmung, die zwischen oberflächlicher Festtagshektik und existenzieller Tiefe oszilliert.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die Fragen, die Keller aufwirft, sind heute relevanter denn je. Der Kontrast zwischen konsumorientierter Weihnachtsfreude ("drei Nüsse daran zu henken" als Kritik an überflüssigem Luxus) und realer Armut ist in jeder modernen Innenstadt sichtbar. Das Gedicht wirft ein kritisches Licht auf unsere Eventkultur: Wie viel echtes Gefühl steckt noch im "Zauberhain" des Weihnachtsmarkts, und wer kann sich ihn überhaupt leisten? Die Figur der "ärmsten Mutter", die nur von außen zuschauen kann, und das tragische Schicksal der "Wendel" sprechen direkt aktuelle Themen wie soziale Ausgrenzung und Vereinsamung in der Gesellschaft an. Kellers Werk ist eine zeitlose Mahnung, hinter dem Glanz der Festtage nicht diejenigen zu vergessen, für die Weihnachten keine Freude, sondern eine schmerzhafte Erinnerung an Mangel bedeutet.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer bis anspruchsvoll einzustufen. Die Syntax und der Satzbau sind klassisch und gut verständlich. Allerdings erfordert es ein gewisses literarisches Vorwissen oder genaues Lesen, um die zahlreichen Metaphern (der Markt als Wald, das Rauschgold als Sonne) und die ironischen Brechungen vollständig zu erfassen. Historische Begriffe wie "Lakai", "Zöfchen" oder "Silberling" mögen erklärungsbedürftig sein. Die größte Herausforderung liegt im inhaltlichen Verständnis der abrupten Wendung hin zur tragischen Schlussszene. Der Leser muss den Zusammenhang zwischen dem geschäftigen Treiben und dem einsamen Tod selbst herstellen, was ein reflektiertes, mitdenkendes Lesen voraussetzt.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht eignet sich nicht für eine fröhliche, unreflektierte Weihnachtsfeier. Sein idealer Anlass ist ein literarischer oder gesellschaftskritischer Vortrag in der Adventszeit, etwa in einem Literaturkreis, einem Salon oder bei einer Veranstaltung mit sozialem oder kirchlichem Hintergrund. Es passt perfekt zu Diskussionen über die "wahre" Bedeutung von Weihnachten, über Konsumkritik oder soziale Gerechtigkeit. Auch im Schulunterricht der Sekundarstufe bietet es einen hervorragenden Ansatzpunkt, um über die Tiefendimension von Lyrik und die gesellschaftliche Funktion von Festen zu sprechen.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht richtet sich primär an ein erwachsenes Publikum oder an Jugendliche ab etwa 16 Jahren. Die notwendige Lebenserfahrung und die Fähigkeit zur Abstraktion, um die sozialkritische Botschaft und die tragische Schlusspointe voll zu erfassen, sind bei jüngeren Lesern oft noch nicht voll ausgeprägt. Für literaturinteressierte Erwachsene, die über den Tellerrand klassischer Weihnachtslyrik hinausschauen möchten, ist es ein echter Fund. Es spricht besonders Menschen an, die sich für die dunkleren, nachdenklichen Aspekte unter der Oberfläche des Festes interessieren.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht ist weniger geeignet für Kinder oder für Leser, die ein einfaches, ungetrübtes und besinnliches Weihnachtsgedicht suchen. Wer nach traditioneller, stimmungsvoller Adventslyrik mit friedvoller Botschaft sucht, wird von der düsteren Wendung und der sozialen Anklage möglicherweise befremdet sein. Ebenso ist es für sehr schnelle, oberflächliche Lektüre ungeeignet, da seine Wirkung sich erst bei mehrmaligem, nachdenklichem Lesen voll entfaltet. Menschen, die Literatur primär zur Unterhaltung und Entspannung konsumieren, könnten mit der komplexen Struktur und der bitteren Pointe überfordert sein.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein angemessener, gut artikulierter und betonter Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa zwei bis zweieinhalb Minuten. Dies setzt ein gemäßigtes Sprechtempo voraus, das den Zuhörern genug Zeit lässt, den bildreichen und teils komplexen Text zu erfassen. Besonders die letzten, inhaltlich dichten und emotional aufgeladenen Strophen sollten mit Bedacht und angemessenen Pausen vorgetragen werden, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Ein zu hastiger Vortrag würde die Tiefe des Werkes nicht gerecht werden.

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