Der armen Kinder Weihnachtslied

Kategorie: Lange Weihnachtsgedichte

Der armen Kinder Weihnachtslied

Hört, schöne Herrn und Frauen,
Die ihr im Lichte seid:
Wir kommen aus dem Grauen,
Dem Lande Not und Leid;
Weh tun uns unsre Füße
Und unsre Herzen weh,
Doch kam uns eine süße
Botschaft aus Eis und Schnee.
Es ist ein Licht erglommen,
Und uns auch gilt sein Schein.
Wir habens wohl vernommen:
Das Christkind ist gekommen
Und soll auch uns gekommen sein.

Drum gehn wir zu den Orten,
Die hell erleuchtet sind,
Und klopfen an die Pforten:
Ist hier das Christuskind?
Es hat wohl nicht gefunden
Den Weg in unsre Nacht,
Drum haben wir mit wunden
Füßen uns aufgemacht,
Daß wir ihm unsre frommen
Herzen und Bitten weihn.
Wir habens wohl vernommen:
Das Christkind ist gekommen
Und soll auch uns gekommen sein.

So laßt es uns erschauen,
Die ihr im Lichte seid!
Wir kommen aus dem Grauen,
Dem Lande Not und Leid;
Wir kommen mit wunden Füßen,
Doch sind wir trostgemut:
Wenn wir das Christkind grüßen,
Wird alles, alles gut.
Der Stern, der heut erglommen,
Gibt allen seinen Schein:
Das Christkind ist gekommen! -
Die ihr es aufgenommen,
O, laßt auch uns zu Gaste sein!
Autor: Otto Julius Bierbaum

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Otto Julius Bierbaums "Der armen Kinder Weihnachtslied" ist ein tiefgründiges Werk, das die festliche Weihnachtszeit aus einer ungewohnten Perspektive betrachtet. Es handelt sich nicht um ein fröhliches Jubellied, sondern um einen eindringlichen Appell. Die Sprecher sind arme, ausgeschlossene Kinder, die sich aus der "Nacht" ihrer Not in die "helle" Welt der Wohlhabenden wagen. Der Kontrast zwischen "Grauen" und "Licht" zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gedicht und bildet sein zentrales Motiv.

Die "süße Botschaft aus Eis und Schnee" ist die Kunde von der Geburt Christi, die auch ihnen Hoffnung schenkt. Ihr aktives Suchen ("Drum haben wir mit wunden Füßen uns aufgemacht") zeigt ihren Glauben und ihren verzweifelten Mut. Die wiederkehrende, refrainartige Zeile "Das Christkind ist gekommen / Und soll auch uns gekommen sein" ist mehr als eine Feststellung; es ist eine fordernde Bitte um Inklusion. Die Kinder bitten nicht primär um Gaben, sondern um spirituelle und menschliche Anteilnahme: Sie wollen das Christkind "erschauen" und "zu Gaste sein". Die Schlusszeile ist ein erschütternder Aufruf zur Nächstenliebe, der die Kernbotschaft des Weihnachtsfestes direkt auf die soziale Realität überträgt.

Biografischer Kontext des Autors

Otto Julius Bierbaum (1865-1910) war eine schillernde Figur des deutschen Fin de Siècle. Er war nicht nur Dichter, sondern auch Romancier, Journalist und Herausgeber wichtiger Zeitschriften wie "Die Insel". Bierbaum stand der neuromantischen und impressionistischen Strömung nahe und war ein großer Förderer anderer Künstler. Sein Werk ist vielseitig und reicht von heiter-besinnlicher Lyrik bis zu gesellschaftskritischen Tönen.

"Der armen Kinder Weihnachtslied" fällt in diese kritischere Kategorie. Entstanden in der wilhelminischen Ära, einer Zeit großer sozialer Gegensätze, reflektiert das Gedicht Bierbaums sensibles Gespür für die Schattenseiten der Gesellschaft. Es zeigt ihn nicht als reinen Ästheten, sondern als einen Autor, der das christliche Ethos und die humanistische Verantwortung in die poetische Form kleidet. Dieses Gedicht ist ein Beleg dafür, dass die Literatur der Jahrhundertwende sich sehr wohl auch den sozialen Fragen stellte.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine komplexe, bewegende Stimmung, die zwischen Hoffnung und Wehmut, zwischen schmerzhafter Realität und trotzigem Glauben oszilliert. Ein Grundton der Bedürftigkeit und Erschöpfung ("Weh tun uns unsre Füße") ist unüberhörbar. Doch darüber legt sich eine starke, fast feierliche Entschlossenheit ("doch sind wir trostgemut").

Es ist keine durchweg düstere Stimmung, sondern eine, die von der Kraft der Hoffnung getragen wird. Die kindlichen Sprecher bewahren sich eine ergreifende Würde. Die Stimmung ist daher letztlich eindringlich und appellativ: Sie will den Leser im "Lichte" erreichen, ihn berühren und zum Nachdenken über die eigene Rolle anbringen. Es ist die Stimmung einer stillen, aber beharrlichen Anfrage an das Fest und seine Feiernden.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Das Gedicht ist in erschreckender Weise zeitgemäß. Die Kluft zwischen Arm und Reich, die Suche nach Zugehörigkeit in einer polarisierten Gesellschaft und die Frage, ob die Botschaft von Nächstenliebe und Frieden auch für die gesellschaftlich Ausgegrenzten gilt, sind heute so aktuell wie vor über hundert Jahren.

Moderne Parallelen lassen sich direkt zu Kindern in prekären Verhältnissen, zu obdachlosen Menschen vor festlich geschmückten Geschäften oder zu Geflüchteten ziehen, die in der kalten Jahreszeit Schutz suchen. Das Gedicht wirft die ewige Frage auf: Wen laden wir eigentlich zu unserem Fest ein? Wo sind die Grenzen unserer Gastfreundschaft und unseres Mitgefühls? Bierbaums Text ist damit eine bleibende ethische Herausforderung, die über den weihnachtlichen Kontext hinausreicht.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils verständlich. Einige veraltete Wendungen wie "erschauen" oder die invertierte Wortstellung ("Drum gehn wir zu den Orten") könnten jüngeren Lesern kurz erklärungsbedürftig sein. Die größere Herausforderung liegt jedoch im inhaltlichen Verständnis. Die metaphorische Ebene ("Licht" vs. "Nacht", "wunde Füße" als Symbol für den beschwerlichen Lebensweg) und die soziale Kritik zwischen den Zeilen erfordern ein gewisses Maß an Reflexionsvermögen. Die einfache, liedhafte Form mit ihrem Refrain tarnt dabei geschickt die Tiefe der Botschaft.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht eignet sich hervorragend für besinnliche Anlässe in der Advents- und Weihnachtszeit, die über das reine Beschenken hinausgehen wollen. Es ist ein perfekter Beitrag für:

  • Gottesdienste oder Andachten mit sozialem Schwerpunkt (z.B. Heiligabend für Obdachlose).
  • Schulfeiern oder Projekttage, die sich mit Themen wie sozialer Gerechtigkeit oder der historischen Weihnacht beschäftigen.
  • Familienfeiern, bei denen eine nachdenkliche Note gesucht wird, um das Fest gemeinsam zu reflektieren.
  • Vorträge oder literarische Abende zum Thema "Weihnachten in der Literatur".

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht spricht auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Altersgruppen an. Aufgrund seiner Thematik und der nötigen Reflexionsfähigkeit ist es ideal für Jugendliche ab etwa 12 Jahren und Erwachsene. Die bildhafte Sprache und die Figur des Christkinds machen es aber auch für Kinder im Grundschulalter verstehbar, wenn es von einer erklärenden Person vorgetragen oder gemeinsam besprochen wird. In diesem Fall dient es als ausgezeichneter Gesprächsanstoß über Mitgefühl und das Teilen.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Anlässe, die ausschließlich der unbeschwerten, heiteren Festfreude dienen sollen. Wer ein quicklebendiges, lustiges Nikolausgedicht oder einen rein jubelnden Weihnachtschor sucht, wird hier nicht fündig. Es ist auch möglicherweise nicht die erste Wahl für sehr junge Kinder, die noch ganz im magischen Glauben an den Weihnachtsmann verhaftet sind, da es eine realistische und ernste Unterströmung besitzt. Sein Platz ist dort, wo Raum für Tiefgang und gesellschaftliches Bewusstsein ist.

Wie lang dauert der Vortrag?

Bei einem bedächtigen, ausdrucksstarken Vortrag, der die Stimmungswechsel und die Wucht des Refrains zur Geltung bringt, beträgt die Dauer etwa eineinhalb bis zwei Minuten. Ein zu schnelles Hersagen würde der eindringlichen Botschaft und der rhythmischen Struktur des Gedichts nicht gerecht werden. Die drei Strophen mit ihrem wiederkehrenden Kehrvers laden dazu ein, mit Pausen und leisen Betonungen zu arbeiten, was die Vortragszeit natürlich etwas verlängert.

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