Weihnachtslied

Kategorie: Lange Weihnachtsgedichte

Weihnachtslied

Brich an du schönes Morgenlicht!
Das ist der alte Morgen nicht,
Der täglich wiederkehret.
Es ist ein Leuchten aus der Fern’,
Es ist ein Schimmer, ist ein Stern,
Von dem ich längst gehöret.

Nun wird ein König aller Welt,
Von Ewigkeit zum Heil bestellt,
Ein zartes Kind geboren.
Der Teufel hat sein altes Recht
Am ganzen menschlichen Geschlecht
Verspielt schon und verloren.

Der Himmel ist jetzt nimmer weit,
Es naht die sel’ge Gotteszeit,
Der Freiheit und der Liebe.
Wohlauf! du frohe Christenheit!
Dass jeder sich nach langem Streit
In Friedenswerken übe.

Ein ewig festes Liebesband
Hält jedes Haus und jedes Land
Und alle Welt umfangen.
Wir alle sind ein heil’ger Stamm,
Der Löwe spielet mit dem Lamm,
Das Kind am Nest der Schlangen.

Wer ist noch, welcher sorgt und sinnt?
Hier in der Krippe liegt ein Kind
Mit lächelnder Gebärde!
Wir grüßen dich, du Sternenheld!
Willkommen, Heiland aller Welt!
Willkommen auf der Erde!
Autor: Max von Schenkendorf

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Max von Schenkendorfs "Weihnachtslied" ist weit mehr als eine festliche Beschreibung. Es entfaltet eine tiefgründige Theologie der Hoffnung und einen visionären Blick auf eine verwandelte Welt. Das Gedicht beginnt nicht mit der Krippe, sondern mit einem kosmischen Ereignis: dem "schönen Morgenlicht". Dieses Licht ist kein gewöhnlicher Tagesanbruch, sondern ein einmaliger, eschatologischer Durchbruch. Es symbolisiert den Anbruch einer neuen Ära, die durch die Geburt Christi eingeleitet wird. Die "Fern'" und der "Stern" verweisen auf die prophetische Verheißung, die nun in Erfüllung geht.

Die zweite Strophe benennt den Kern des christlichen Glaubens: Der "König aller Welt" wird als "zartes Kind" geboren. Der revolutionäre Gedanke folgt sogleich: Durch dieses Ereignis hat der "Teufel sein altes Recht" verloren. Schenkendorf beschreibt die Geburt Jesu als einen machtvollen, kosmischen Rechtsakt, der die Menschheit aus einer alten Bindung befreit. Die dritte Strophe malt die Konsequenzen aus: Der Himmel rückt nah, eine Zeit der "Freiheit und der Liebe" bricht an. Der Appell "Wohlauf! du frohe Christenheit!" ist ein Aufruf zum aktiven Handeln, zum "Friedenswerk" nach dem "langen Streit".

Besonders eindrücklich ist die vierte Strophe mit ihren starken Bildern der Versöhnung. Das "ewige feste Liebesband" umfasst jedes Haus und Land – eine Vision globaler Einheit. Die biblischen Motive vom Löwen und Lamm sowie dem Kind an der Schlangengrube (Jesaja 11,6-8) werden aufgegriffen, um ein utopisches Friedensreich zu zeichnen, in dem alle Feindschaft überwunden ist. Die letzte Strophe wendet sich dann direkt und emotional dem Kind in der Krippe zu. Die rhetorische Frage "Wer ist noch, welcher sorgt und sinnt?" lädt ein, alle Ängste abzulegen und das Wunder anzuerkennen. Der jubelnde Gruß "Willkommen, Heiland aller Welt!" bildet den emotionalen Höhepunkt dieses vielschichtigen Weihnachtsgedichts.

Biografischer Kontext des Autors

Max von Schenkendorf (1783-1817) war ein deutscher Dichter der Romantik und der Befreiungskriege. Sein Werk ist stark geprägt von patriotischer Gesinnung, christlichem Glauben und der Sehnsucht nach einer geeinten, moralisch erneuerten Nation. In einer Zeit politischer Umwälzungen (Napoleonische Kriege) suchte er nach geistigen und nationalen Identifikationspunkten. Sein "Weihnachtslied" spiegelt diese Haltung wider: Die Geburt Christi wird als befreiendes, einendes Ereignis interpretiert, das nicht nur religiös, sondern auch gesellschaftlich eine neue, friedvolle Ordnung stiftet. Schenkendorfs Lyrik ist oft hymnisch und volksliedhaft, was auch in diesem Gedicht mit seinem feierlichen Ton und der eingängigen Rhythmik deutlich wird. Sein früher Tod mit nur 34 Jahren verhinderte ein umfangreicheres Werk, doch seine patriotischen und religiösen Lieder fanden weite Verbreitung.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine kraftvolle, triumphale und zugleich innige Stimmung. Es beginnt mit feierlicher Erwartung ("Brich an..."), steigert sich zu sieghafter Gewissheit ("Verspielt schon und verloren") und mündet in einen freudigen, aktiven Aufruf ("Wohlauf! du frohe Christenheit!"). Die bildhafte Sprache von Licht, Sternen und dem umfassenden Liebesband vermittelt ein Gefühl von Weite, Hoffnung und universaler Verbundenheit. Die direkte Ansprache an das Christuskind in der Schlussstrophe ("Wir grüßen dich... Willkommen!") bringt eine persönliche, herzliche Note ein, die die feierliche Erhabenheit mit warmer Zuneigung verbindet. Insgesamt ist die Grundstimmung eine des jubelnden Glaubens an einen Neuanfang.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Fragen und Sehnsüchte, die Schenkendorf anspricht, sind heute so aktuell wie vor 200 Jahren. Die Vision eines "festen Liebesbandes", das jedes Haus und Land umfängt, spricht direkt in unsere von Konflikten und Spaltungen geprägte Zeit. Der Wunsch nach echter Versöhnung ("Der Löwe spielet mit dem Lamm") und der Aufruf, sich nach langem Streit in "Friedenswerken" zu üben, sind universelle menschliche Anliegen. Das Gedicht wirft die Frage auf, woher wir heute Hoffnung auf einen grundlegenden Neuanfang, auf echte Veränderung nehmen können. Es lädt dazu ein, Weihnachten nicht nur als nostalgisches Fest, sondern als Symbol für die Möglichkeit von Frieden, Befreiung aus "alten Rechten" (was heute auch als Süchte, Zwänge oder Ideologien gelesen werden kann) und globaler Verbundenheit zu verstehen.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils verständlich. Einige veraltete Wendungen ("Brich an", "sel'ge Gotteszeit", "spielet") oder verkürzte Formen ("nimmer") bedürfen vielleicht einer kurzen Erklärung, erschließen sich aber oft aus dem Kontext. Die größere Herausforderung liegt im inhaltlichen Verständnis der theologischen und biblischen Bilder (z.B. "altes Recht des Teufels", "Kind am Nest der Schlangen"). Um die volle Tiefe der Aussagen zu erfassen, ist etwas Hintergrundwissen oder eine erläuternde Begleitung hilfreich. Der rhythmische, eingängige Fluss des Gedichts unterstützt jedoch das Verständnis und das Einprägen.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht eignet sich hervorragend für festliche und besinnliche Anlässe in der Weihnachtszeit. Es ist ein perfekter Beitrag für:

  • Christliche Weihnachtsgottesdienste oder Andachten
  • Weihnachtsfeiern von Gemeinden oder Chören
  • Familienfeiern am Heiligabend mit einem Schwerpunkt auf der religiösen Bedeutung des Festes
  • Advents- oder Weihnachtskonzerte als vorgetragener Text
  • Den persönlichen, stillen Adventsmoment zur Einstimmung

Sein hymnischer Charakter macht es zudem zu einer ausgezeichneten Textvorlage für eine Vertonung.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht spricht in erster Linie Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren an. In diesem Alter können die theologischen Dimensionen, die historische Einbettung und die metaphorische Sprache (Löwe/Lamm) reflektiert und verstanden werden. Für Kinder im Grundschulalter sind die Aussagen zu abstrakt. Allerdings können ausgewählte, bildhafte Strophen (vor allem die erste und die letzte) auch jüngeren Kindern ab etwa 8 Jahren in erklärender Begleitung nahegebracht werden, etwa um die Weihnachtsgeschichte um die Dimension der Hoffnung und des großen Friedens zu erweitern.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die einen rein weltlichen, folkloristischen oder kommerziellen Zugang zu Weihnachten suchen. Es ist dezidiert christlich-theologisch geprägt und setzt eine gewisse Offenheit für diese Perspektive voraus. Wer nach kurzen, einfachen oder humorvollen Weihnachtsversen sucht, wird hier nicht fündig. Auch für sehr junge Kinder ohne religiösen Hintergrund ist der Text aufgrund seiner begrifflichen Komplexität nicht zugänglich. Es ist ein Gedicht für die besinnliche und geistig anregende Tiefe des Festes.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein ruhiger, würdevoller und betonter Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa eine Minute bis 75 Sekunden. Die Länge kann natürlich je nach gewählter Sprechgeschwindigkeit und der Einfügung von kleinen Pausen zwischen den Strophen leicht variieren. Um die feierliche und hymnische Wirkung voll zur Entfaltung zu bringen, empfiehlt sich ein eher gemäßigtes Tempo. So bleibt genug Zeit, den schönen Bildern und der kraftvollen Botschaft Raum zu geben.

Mehr Lange Weihnachtsgedichte