Einsiedlers Heiliger Abend
Kategorie: Lustige Weihnachtsgedichte
Einsiedlers Heiliger Abend
Ich hab’ in den Weihnachtstagen –Autor: Joachim Ringelnatz
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.
Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.
Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abend noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.
Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe mit Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.
Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.
Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Tür gepocht,
Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: „Herein!”
Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.
- Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext
- Stimmung des Gedichts
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Schwierigkeitsgrad
- Geeigneter Anlass
- Geeignete Altersgruppe
- Für wen eignet es sich weniger?
- Dauer des Vortrags
Eine tiefgründige Interpretation von "Einsiedlers Heiliger Abend"
Joachim Ringelnatz schafft mit diesem Gedicht ein faszinierendes Gegenbild zur klassischen, familiären Weihnachtsidylle. Im Mittelpunkt steht ein Einsiedler, der das Fest auf seine ganz eigene, bewusst unkonventionelle Weise begeht. Sein Christbaum ist "verkrüppelt und krumm", er wird nicht mit Kugeln, sondern mit Küchengerät geschmückt und als Leuchter dienen Flaschen Burgunderwein. Diese bewusste Abkehr von allen bürgerlichen Traditionen ist kein Akt der Verzweiflung, sondern ein Programm. Der Protagonist inszeniert sein Fest mit trotzigem Humor und großer Selbstgenügsamkeit. Die Erbsensuppe und das Pfannenflickerlied werden zu heiligen Handlungen erhoben.
Der Höhepunkt und zugleich die entscheidende Wende liegt in der letzten Strophe. Als es pocht und das Christkind oder Weihnachtslieder zu vernehmen sein könnten, ruft der Einsiedler bewusst nicht "Herein". Er schottet sich ab, zieht sich leise zurück und dankt "auf krumme Weise lallend dem lieben Gott". Diese Geste ist zentral: Sie ist keine Ablehnung des Göttlichen, sondern die Behauptung eines sehr persönlichen, unvermittelten und eben "krummen" Weges zu ihm. Das Gedicht feiert die Autonomie des Einzelnen und die Freiheit, sich seine eigenen Rituale und seine eigene Form der Spiritualität zu schaffen, jenseits gesellschaftlicher Erwartungen.
Biografischer Kontext: Wer war Joachim Ringelnatz?
Joachim Ringelnatz, mit bürgerlichem Namen Hans Bötticher, war eine der schillerndsten Figuren der deutschen Literatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er war nicht nur Dichter, sondern auch Maler, Seemann und Kabarettist. Dieses vielseitige und oft auch bohèmehafte Leben prägt sein Werk tief. Ringelnatz stand stets am Rande der bürgerlichen Gesellschaft, beobachtete sie mit scharfem, aber nicht bösartigem Blick und schuf Figuren wie den "Kuttel Daddeldu", die das Spießbürgerliche parodierten.
Vor diesem Hintergrund wird "Einsiedlers Heiliger Abend" noch verständlicher. Der Protagonist ist ein typischer Ringelnatz-Held: eigenbrötlerisch, kreativ in seiner Notlösung und voller anarchischem Charme. Das Gedicht spiegelt Ringelnatz' eigene Haltung wider, die Konventionen zu umschiffen und in scheinbarer Armut einen großen Reichtum an Freiheit und Phantasie zu finden. Es ist ein literarisches Dokument der Weimarer Republik, einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche, in der traditionelle Werte hinterfragt wurden.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Die Stimmung ist ein einzigartiges Gemisch aus melancholischer Einsamkeit, trotzigem Humor und tiefer, unkonventioneller Zufriedenheit. Es herrscht keine tränenreiche Traurigkeit, sondern eine gefasste, fast heitere Selbstgenügsamkeit vor. Die Bilder vom krummen Baum, den Weinflaschen und dem "petroleumbetrunkenen" Lampendocht erzeugen eine warme, etwas schummrige und sehr intime Atmosphäre. Der Leser fühlt sich in eine abgeschiedene Welt eingeladen, die nach Burgunder und Erbsensuppe duftet.
Gleichzeitig liegt über der Szene eine leise, nachdenkliche Spannung, die im Pochen an der Tür gipfelt. Die Entscheidung des Einsiedlers, nicht zu öffnen, ist kein dramatischer Akt, sondern ein ruhiger, entschlossener. Die finale Stimmung ist daher eine der friedvollen, wenn auch "krummen" Versöhnung mit sich selbst und der Welt. Es ist eine besinnliche Stimmung, aber fernab jeder Weihnachtskitsch-Klischees.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. Das Gedicht wirft Fragen auf, die heute relevanter sind denn je. In einer Zeit, die von sozialen Medien und dem Druck zur perfekten Feiertagsinszenierung ("Instagrammable Christmas") geprägt ist, bietet Ringelnatz ein befreiendes Gegenmodell. Es spricht alle an, die sich in der Weihnachtszeit allein fühlen, die mit familiären Zwängen hadern oder die einfach nach einer authentischeren, weniger kommerziellen Form des Festes suchen.
Der moderne "Einsiedler" könnte heute jemand sein, der bewusst allein bleibt, einen Filmabend macht oder mit Freunden ein alternatives "Orphan Christmas" feiert. Das Gedicht thematisiert Selbstbestimmung, die Suche nach persönlichem Sinn jenseits von Traditionen und die Kunst, mit dem, was da ist, glücklich zu sein – Themen, die in unserer individualisierten Gesellschaft einen hohen Stellenwert haben. Es ist ein zeitloses Plädoyer für die Legitimität des eigenen, vielleicht etwas schrägen Weges.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Ringelnatz verwendet eine klare, fast umgangssprachliche Sprache ohne komplizierte Satzkonstruktionen. Einige veraltete Begriffe wie "Diele" (Fußbodenbrett) oder "blanken Gerät" (glänzendes Geschirr/Küchenutensilien) sind aus dem Kontext leicht zu erschließen. Die größere Herausforderung liegt im inhaltlichen Verständnis. Der Leser muss die ironische Brechung der Weihnachtssymbolik erkennen und die Haltung des Sprechers hinter der scheinbar schrulligen Fassade begreifen.
Das Konzept des "krummen" Dankes an Gott und die bewusste Abkehr von der Gesellschaft erfordern ein gewisses Maß an Reflexion und Lebenserfahrung, um ganz erfasst zu werden. Es ist also weniger die Sprache, sondern die Tiefe der Botschaft, die das Gedicht anspruchsvoll macht.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Dieses Gedicht ist ein perfekter Beitrag für unkonventionelle Weihnachtsfeiern aller Art. Es passt hervorragend in literarische Adventsrunden, in Kabarett- oder Kulturprogramme zur Weihnachtszeit und in Gottesdienste, die sich mit den Schattenseiten oder alternativen Wegen des Festes beschäftigen. Für Menschen, die Weihnachten allein verbringen, kann das Vorlesen oder Lesen dieses Textes ein tröstliches und bestärkendes Ritual sein.
Darüber hinaus eignet es sich ausgezeichnet für den Deutsch- oder Literaturunterricht in der Sekundarstufe, um das Thema "Weihnachten in der Lyrik" abseits der ausgetretenen Pfade zu behandeln und über gesellschaftliche Normen zu diskutieren.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht entfaltet seine volle Wirkung vor allem für Erwachsene und Jugendliche ab etwa 16 Jahren. In diesem Alter verfügt man über die notwendige Lebenserfahrung und das kulturelle Wissen, um die gebrochene Weihnachtssymbolik und die existenzielle Haltung der Hauptfigur zu verstehen. Junge Erwachsene, die vielleicht ihr erstes Weihnachten außerhalb des Elternhauses verbringen, finden hier oft einen besonderen und tröstlichen Widerhall.
Für literarisch interessierte oder reife Jugendliche kann es auch schon früher, etwa ab 14 Jahren, ein spannender und provokativer Text sein, der zum Nachdenken über Traditionen anregt.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Für jüngere Kinder, die noch in der magischen Phase des Weihnachtsfestes mit Christkind und festen Traditionen stehen, ist der Text weniger geeignet. Die bewusste Verweigerung, dem Pochen an der Tür nachzugehen, könnte missverstanden werden. Auch Menschen, die einen sehr traditionellen, ungebrochenen und rein festlichen Zugang zu Weihnachten suchen und wertschätzen, könnten mit der ironischen und anti-idyllischen Haltung des Gedichts wenig anfangen.
Wer nach einem einfachen, gefühlvollen und unkomplizierten Weihnachtsgedicht sucht, ist mit klassischen Werken von Storm oder Morgenstern besser bedient. Ringelnatz verlangt seinem Publikum eine gewisse Offenheit für das Schroffe, Eigenwillige und philosophisch Hintergründige ab.
Wie lang dauert der Vortrag?
Bei einem ruhigen, bedächtigen und nuancenreichen Vortrag, der die Stimmungen zwischen Humor und Nachdenklichkeit ausspielt, liegt die Dauer bei etwa 1 Minute und 20 bis 30 Sekunden. Ein sehr schnelles, oberflächliches Herunterlesen wäre dem Text nicht angemessen. Die Wirkung entfaltet sich besonders, wenn du Pausen an den richtigen Stellen setzt – etwa vor der Zeile "Da hat's an der Tür gepocht" und vor dem entscheidenden "Ich aber rief nicht: "Herein!"". Ein gemessenes Tempo lässt die eigenwillige Atmosphäre des "Einsiedlers Heiliger Abend" voll zur Geltung kommen.
Mehr Lustige Weihnachtsgedichte
- Knecht Ruprecht in Nöten
- Mütterchen schilt
- Die Weihnachtsmaus
- Schöner Heiligabend
- Christkind's VW
- Der Wunsch
- Christkind, Christkind, guter Gast
- Der Grizzlybär
- Leise pinkelt ein Reh
- Das besoffene Weihnachtsschwein
- Auweia!
- Weihnachten
- Das Christkind
- Rudolph
- Das Christkind
- Weihnachsfrau oder Weihnachtsmann?
- Die Weihnachtskatastrophe
- Steuerliche Überprüfung
- Little Christmas
- Der Wunschzettel
- Es naht die liebe Weihnachtszeit
- Der Baumkuchen
- Der Christstollen
- Marzipankartoffeln
- Weihnachtspflichten