Der Wunschzettel
Kategorie: Lustige Weihnachtsgedichte
Der Wunschzettel
Das Weihnachtsfest naht schon heran" -Autor: Heinrich Seidel
der Hansel sagt's beim Essen -,
"die Wünsche meld' ich euch jetzt an,
ihr dürft sie nicht vergessen!
Um Ski und Schlittschuh' möchte ich
euch ganz besonders bitten;
auch fehlt, ihr wißt es sicherlich,
mir noch ein neuer Schlitten.
Drei dicke Bücher wünsch ich mir,
Briefmarken auch daneben,
dazu ein Album und Papier,
um sie schön einzukleben.
Ein Domino, ein Schachbrettspiel,
ein Kasperletheater -
und einen neuen Peitschenstiel
vergiß nicht, lieber Vater!
und viele Tiere auch von Holz
und andere aus Pappe,
Indianerfederkopfschmuck stolz
und eine neue Mappe.
Ein Brennglas, eine Kamera,
ein Blitzlicht für die Nacht; -
ich knipse dann von fern und nah,
wie sich's gerade macht.
Und einen großen Tannenbaum,
dran hundert Lichter glänzen,
mit Marzipan und Zuckerschaum
und Schokoladenkränzen.
Doch scheint euch dies ein wenig viel,
so könnt ihr daraus wählen.
Es könnte wohl der Peitschenstiel
und auch die Mappe fehlen!"
Als Hansel so gesprochen hat,
sieht man die Eltern lachen.
"Was willst du, kleiner Nimmersatt,
mit all den vielen Sachen?"
"Wer soviel wünscht", der Vater spricht,
"bekommt auch nicht ein Achtel.
Er kriegt ein ganz klein wenig Nix
in einer Pfennigschachtel."
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Heinrich Seidels "Der Wunschzettel" ist mehr als nur eine niedliche Aufzählung von Kinderträumen. Es zeichnet ein lebendiges Bild der kindlichen Psyche und des familiären Miteinanders in einer vergangenen Zeit. Der kleine Hansel nutzt die Mahlzeit, um seine umfangreiche Wunschliste vorzutragen, eine Strategie, die viele Eltern auch heute wiedererkennen werden. Seine Liste ist ein faszinierendes Zeitdokument: Sie vereint klassisches Spielzeug wie Schlitten und Kasperletheater mit für die Entstehungszeit (spätes 19. Jahrhundert) modernen Hobbys wie Fotografie ("Blitzlicht für die Nacht") und Briefmarkensammeln. Die Aufzählung wirkt ungefiltert und sprunghaft, genau wie die Gedankenwelt eines begeisterten Kindes. Der geniale Kniff des Gedichts liegt in der Schlusswendung. Hansels scheinbar großzügiges Angebot, auf den Peitschenstiel und die Mappe zu verzichten, entlarvt sich als taktisches Manöver, das die ganze Liste als unverhandelbar erscheinen lassen soll. Die humorvolle Antwort der Eltern, die ihm "ein ganz klein wenig Nix" versprechen, bringt die liebevolle Distanz und die erzieherische Realität ins Spiel. Es ist keine Bestrafung, sondern eine sanfte Lehre über Maß und Wert der Dinge. Das Gedicht thematisiert so auf charmante Weise den Konflikt zwischen unbändigem Konsumwunsch und elterlicher Bescheidenheitserziehung.
Biografischer Kontext des Autors
Heinrich Seidel (1842-1906) war ein vielseitiger deutscher Ingenieur und Schriftsteller, der wie kaum ein Zweiter die technische Moderne und die gemütliche Welt des Biedermeier in sich vereinte. Als Ingenieur war er maßgeblich am Bau des Berliner Anhalter Bahnhofs beteiligt, eines Symbols des Fortschritts. Als Autor schuf er mit Figuren wie "Leberecht Hühnchen" eine unverwechselbare literarische Welt voller Humor, Herzenswärme und genauer Beobachtung des kleinbürgerlichen Lebens. "Der Wunschzettel" stammt aus diesem Milieu. Seidels besondere Gabe war es, die kindliche Perspektive authentisch und ohne Verniedlichung einzufangen. Seine eigenen Erfahrungen als Vater und sein technisches Verständnis fließen in das Gedicht ein: Die Wünsche nach Kamera und Brennglas sind nicht zufällig, sondern spiegeln den zeitgenössischen technischen Entdeckergeist wider, den Seidel selbst verkörperte. Das Gedicht ist somit ein kleines Kunstwerk an der Schnittstelle zwischen der behaglichen Familienidylle und der aufkommenden Konsum- und Technikbegeisterung des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine warme, heitere und nostalgische Stimmung. Die lebhafte, direkte Rede von Hansel lässt einen sofort in die vorweihnachtliche Vorfreude eines Kindes eintauchen. Man hört beinahe den eifrigen Tonfall, mit dem die Wünsche vorgetragen werden. Die detaillierte Aufzählung alter Spielzeuge und Objekte weckt bei erwachsenen Lesern ein Gefühl der Erinnerung und Wehmut. Der liebevolle, augenzwinkernde Dialog zwischen Eltern und Kind sorgt für einen humorvollen und herzlichen Grundton. Die abschließende Antwort des Vaters ist nicht böse oder verärgert, sondern von einem schalkhaften und weisen Unterton geprägt. Insgesamt hinterlässt die Lektüre ein Schmunzeln und das Gefühl, einem ganz privaten, typischen und zeitlosen Familienmoment beigewohnt zu haben.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut zeitgemäß. Zwar muten manche Wünsche wie "Peitschenstiel" oder "Indianerfederkopfschmuck" historisch an, doch das Kernmotiv ist heute aktueller denn je. Der "Wunschzettel" eines modernen Kindes wäre voller Spielkonsolen, Smartphones und Markenkleidung, aber der Mechanismus ist derselbe: die ungebremste, assoziative Wunschproduktion und die kindliche Verhandlungstaktik. Die elterliche Antwort wirft fundamentale Fragen auf, die in unserer konsumorientierten Gesellschaft hochrelevant sind: Wie gehen wir mit materiellen Wünschen um? Wie vermitteln wir Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit Besitz? Wo liegt die Grenze zwischen Erfüllung und Überfluss? Das Gedicht regt damit auf leichte Weise zu Gesprächen über Werte, Genügsamkeit und die wahren Geschenke des Festes an, die über Materielles hinausgehen.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als leicht bis mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils aus dem alltäglichen Sprachschatz. Einige veraltete Begriffe wie "Domino" (hier wohl ein Legespiel), "Kasperletheater" oder "Mappe" (für Schulmappe) mögen erklärungsbedürftig sein, erschließen sich aber oft aus dem Kontext. Der Reim und Rhythmus sind eingängig, was das Verständnis und das Auswendiglernen unterstützt. Die Herausforderung liegt weniger in der Sprache selbst, sondern im Verständnis der historischen und kulturellen Einbettung der genannten Gegenstände, was aber den Reiz des Gedichts ausmacht und zu weiteren Entdeckungen einlädt.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht ist ein perfekter Begleiter für die Advents- und Weihnachtszeit. Es eignet sich hervorragend für:
- Den Familienkreis am Adventstee oder beim Plätzchenbacken.
- Eine weihnachtliche Schulfeier oder einen Kindergarten-Vortrag.
- Als humorvoller Beitrag in einem Weihnachtsprogramm von Vereinen.
- Als Einstieg oder Diskussionsgrundlage für ein Gespräch über Weihnachtstraditionen und Wünsche.
- Ein nostalgisches Element auf einer Weihnachtskarte oder in einem persönlichen Weihnachtsbrief.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht spricht auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Altersgruppen an. Ideal ist es für Kinder im Grundschulalter (ca. 6-10 Jahre). Sie können Hansels Wünsche gut nachvollziehen und haben Freude an der rhythmischen Vortragsweise. Für Erwachsene und ältere Generationen bietet es einen besonderen nostalgischen Reiz. Sie schätzen die liebevolle Darstellung der Eltern-Kind-Beziehung und erkennen vielleicht Spielzeuge aus ihrer eigenen Kindheit oder der ihrer Eltern wieder. Es ist also ein generationenübergreifendes Gedicht, das Jung und Alt gemeinsam genießen können.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist das Gedicht für sehr junge Kinder unter 5 Jahren, da die Länge und einige unbekannte Begriffe sie überfordern könnten. Auch Leser, die ausschließlich an moderner, abstrakter oder ernster Lyrik interessiert sind, werden hier nicht auf ihre Kosten kommen. Wer eine kritische oder düstere Auseinandersetzung mit dem Weihnachtsfest sucht, findet in Seidels heiterem und harmonischem Werk keine Anknüpfungspunkte. Das Gedicht feiert in erster Linie den familiären Charme und den kindlichen Überschwang, nicht die gesellschaftlichen Schattenseiten der Festtage.
Wie lang dauert der Vortrag?
Bei einem gut betonten, gemächlichen und verständlichen Vortrag mit kleinen Pausen zwischen den Strophen liegt die Dauer bei ungefähr 1 Minute und 30 Sekunden bis 2 Minuten. Ein sehr flotter Vortrag könnte knapp unter 1:30 Minuten liegen, während ein besonders ausdrucksstarker, theaterhafter Vortrag mit Mimik und Gestik auch etwas über 2 Minuten dauern kann. Die ideale Länge macht es zu einem handlichen und wirkungsvollen Beitrag für jede weihnachtliche Feier.
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