Ich wünsche mir ein Schaukelpferd

Kategorie: Klassische Weihnachtsgedichte

Ich wünsche mir ein Schaukelpferd

Ich wünsche mir ein Schaukelpferd,
Eine Festung und Soldaten
Und eine Rüstung und ein Schwert,
Wie sie die Ritter hatten.

Drei Märchenbücher wünsch' ich mir
Und Farben auch zum Malen
Und Bilderbogen und Papier
Und Gold- und Silberschalen.

Und weisse Tiere auch von Holz
Und farbige von Pappe,
Und einen Helm mit Federn stolz
Und eine Flechtemappe.

Ein Domino, ein Lottospiel,
Ein Kasperletheater,
Auch einen neuen Pinselstiel
Vergiss nicht, lieber Vater!

Auch einen grossen Tannenbaum,
Dran hundert Lichter glänzen,
Mit Marzipan und Zuckerschaum
Und Schokoladenkränzen.

Doch dünkt dies alles euch zu viel,
Und wollt ihr daraus wählen,
So könnte wohl der Pinselstiel
Und auch die Mappe fehlen.

Ein Zelt und sechs Kanonen dann
Und einen neuen Wagen
Und ein Geschirr mit Schellen dran,
Beim Pferdespiel zu tragen.

Ein Perspektiv, ein Zootrop,
Eine magische Laterne,
Ein Brennglas, ein Kaleidoskop -
Dies alles hätt' ich gerne.

Als Hänschen so gesprochen hat,
Sieht man die Eltern lachen:
Was willst du, kleiner Nimmersatt,
Mit all den vielen Sachen?

Wer so viel wünscht, der Vater sprichts:
Bekommt auch nicht ein Achtel -
Der kriegt ein ganz klein wenig Nichts
In einer Dreierschachtel!
Autor: Heinrich Seidel

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Heinrich Seidels Gedicht "Ich wünsche mir ein Schaukelpferd" ist weit mehr als eine simple Wunschliste. Es zeichnet ein lebendiges Porträt kindlicher Fantasie und Begehrlichkeit, die in der Weihnachtszeit ihren Höhepunkt findet. Der junge Ich-Erzähler, Hänschen, entfaltet vor dem inneren Auge eine ganze Welt voller Abenteuer (Ritter, Festung, Soldaten), künstlerischer Betätigung (Farben, Papier, Pinsel) und wundersamer Spielzeuge aus einer vergangenen Zeit (Zootrop, magische Laterne). Die Aufzählung wirkt nicht geordnet, sondern sprunghaft und assoziativ, genau wie die Gedanken eines übermütigen Kindes. Dieses Stilmittel unterstreicht die unbändige Vorfreude und den Wunsch, nichts zu verpassen.

Besonders clever ist die scheinbare Kompromissbereitschaft in der sechsten Strophe ("Doch dünkt dies alles euch zu viel..."), die sich sofort als Täuschung entpuppt, denn anstatt zu reduzieren, fügt Hänschen umgehend eine neue, ebenso lange Liste hinzu. Die Pointe liegt in der elterlichen Reaktion: Sie lachen über den "kleinen Nimmersatt" und kontern die materielle Überfülle mit einer humorvollen, aber deutlichen moralischen Lektion. Das "ganz klein wenig Nichts" in der "Dreierschachtel" ist eine wunderbar ironische Formulierung, die den Unterschied zwischen kindlicher Maßlosigkeit und elterlicher Realitätssicht auf den Punkt bringt. Das Gedicht endet nicht mit Bescherungsfreude, sondern mit dieser sanften Zurechtweisung, was ihm eine besondere Tiefe und Wahrhaftigkeit verleiht.

Biografischer Kontext des Autors

Heinrich Seidel (1842-1906) war ein deutscher Ingenieur und Schriftsteller, eine Kombination, die sich in seinem Werk oft spiegelt. Bekannt wurde er vor allem durch seine heiteren und detailreichen Erzählungen um "Leberecht Hühnchen". Seine Ingenieurstätigkeit (er war am Bau des Berliner Anhalter Bahnhofs beteiligt) schärfte seinen Blick für technische Details, während seine literarische Ader ihn für die kleinen menschlichen Schwächen und die Welt der Kinder sensibilisierte. Dieses Gedicht stammt aus einer Zeit des aufkommenden bürgerlichen Wohlstands und der industriell gefertigten Spielwaren im späten 19. Jahrhundert. Viele der genannten Gegenstände wie das Zootrop (eine Vorform des Kinos) oder die magische Laterne (ein Projektionsgerät) waren damals moderne technische Wunder. Seidel versteht es meisterhaft, diese zeittypischen Objekte in den Strom kindlicher Wünsche einzubetten und sie damit zugleich zu verewigen. Sein Werk steht damit an der Schwelle zwischen traditioneller Romantik und der beginnenden Moderne.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine grundlegend heitere und warmherzige Stimmung, die von unbeschwerter Vorfreude und kindlicher Verspieltheit geprägt ist. Man spürt die aufgeregte Erwartungshaltung des Kindes, das seine ganze Fantasie in die Wunschliste einfließen lässt. Diese ansteckende Begeisterung wird vom Leser leicht nachvollzogen. Gleichzeitig schwingt von Anfang an ein unterschwelliges, liebevolles Amusement mit, das in der Reaktion der Eltern gipfelt. Die Stimmung ist also nicht einfach nur naiv fröhlich, sondern erhält durch den humorvollen, leicht augenzwinkernden Schluss eine nuancenreiche Note. Es ist die Stimmung einer familiären, vielleicht etwas überforderten, aber dennoch liebevollen Weihnachtsvorbereitung.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die Kernfragen, die das Gedicht aufwirft, sind heute relevanter denn je. Der "kleine Nimmersatt" steht stellvertretend für die Konsumflut, der Kinder (und Erwachsene) besonders zu Festtagen ausgesetzt sind. Der Konflikt zwischen dem Verlangen nach immer mehr und der notwendigen Grenzsetzung ist ein zeitloses Erziehungsthema. Moderne Parallelen lassen sich mühelos ziehen: Man ersetze "Zootrop und magische Laterne" durch die neueste Spielkonsole, das aktuellste Smartphone und den trendigen YouTube-Star – das Prinzip der überbordenden Wunschliste bleibt identisch. Die elterliche Antwort ist ein kluger Kommentar zur Bedeutung von Maßhalten und zur Frage, was wirklich wertvoll ist. Damit spricht das Gedicht auch heutige Eltern direkt an und bietet einen charmanten Anlass, über Konsum, Erwartungen und die wahre Magie der Weihnacht zu sprechen.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als leicht bis mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils aus dem Grundwortschatz. Einige historische Begriffe wie "Zootrop", "Flechtemappe", "Domino" (hier wohl im Sinne eines Gesellschaftsspiels) oder "Perspektiv" (Fernrohr) mögen für junge Leser erklärungsbedürftig sein, was aber einen wunderbaren Gesprächsanlass bietet. Die Reime sind eingängig, der Rhythmus regelmäßig und gut zu sprechen. Die eigentliche "Schwierigkeit" liegt nicht in der Sprache, sondern im Verständnis der ironischen Schlusspointe und der dahinterstehenden Lebensweisheit, was für jüngere Kinder eine Erläuterung erforderlich machen kann.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht ist ein perfekter Begleiter für die Advents- und Weihnachtszeit. Es eignet sich hervorragend zum Vorlesen am Familienabend, beim gemütlichen Beisammensein unter dem Adventskranz oder sogar als humorvoller Beitrag auf einer Weihnachtsfeier. Da es nicht explizit religiös ist, passt es auch in einen eher säkularen Kontext. Pädagogen können es wunderbar im Unterricht vor Weihnachten einsetzen, um über Wünsche, Konsum und Traditionen zu diskutieren. Es ist zudem ein ideales Gedicht für Großeltern, die ihren Enkeln eine Brücke in ihre eigene Kindheit schlagen möchten.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Primär spricht das Gedicht Kinder im Vor- und Grundschulalter (ca. 5 bis 10 Jahre) an. Sie können sich mit der Wunschliste des Hänschen identifizieren und die Vorfreude teilen. Die bildhafte Sprache und die Aufzählung konkreter Spielzeuge fesseln ihre Aufmerksamkeit. Ebenso geeignet ist es für Erwachsene, insbesondere Eltern, Großeltern und Erziehende, die den humorvollen und nachdenklichen Subtext vollständig erfassen und genießen können. Es funktioniert also ausgezeichnet als generationsverbindendes Werk.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Weniger geeignet ist das Gedicht für sehr kleine Kinder unter vier Jahren, da die Länge und die unbekannten Begriffe sie überfordern könnten. Auch Leser oder Zuhörer, die einen tiefgründig besinnlichen oder streng religiösen Weihnachtstext erwarten, werden hier nicht voll auf ihre Kosten kommen. Der Fokus liegt klar auf der weltlichen, familiären und humorvollen Seite des Festes. Wer nach moderner, abstrakter oder experimenteller Lyrik sucht, ist mit Seidels traditionellem, erzählendem Stil ebenfalls nicht optimal bedient.

Wie lang dauert der Vortrag?

Bei einem gemächlichen, betonten und genussvollen Vorlesen, das die Strophen klar voneinander absetzt und der Pointe am Ende Raum gibt, dauert der Vortrag des gesamten Gedichts etwa eineinhalb bis zwei Minuten. Ein flotterer, rein auf den Text fokussierter Vortrag ist in etwa einer Minute möglich, würde aber dem Charme des Stücks wahrscheinlich nicht ganz gerecht. Die ideale Länge macht es zu einem handlichen und wirkungsvollen Beitrag für verschiedene Anlässe.

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