Zum 24. Dezember

Kategorie: Klassische Weihnachtsgedichte

Zum 24. Dezember

Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte –
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben heraus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.
Autor: Theodor Fontane

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Fontanes "Zum 24. Dezember" ist kein typisches Weihnachtsgedicht voller Glockenklang und besinnlicher Idylle. Stattdessen ist es ein reifes, fast nüchternes Lebensresümee, das gerade an diesem besonderen Abend gezogen wird. Die ersten Zeilen "Noch einmal ein Weihnachtsfest, / Immer kleiner wird der Rest" verweisen unmittelbar auf die fortschreitende Zeit und die Endlichkeit des Lebens. Weihnachten wird hier zum jährlichen Marker, der die verbleibende Summe der Festtage sichtbar verringert.

Der Kern des Gedichts liegt in der mathematisch anmutenden Bilanzierung: "Aber nehm ich so die Summe". Fontane listet die Gegensätze des gelebten Lebens auf – das Gerade und Krumme, das Falsche und Rechte, das Gute und Schlechte. Entscheidend ist, dass er nichts ausklammert. Alles, jede Erfahrung, jeder Fehler und jeder Erfolg, geht in die Gesamtrechnung ein. Das schöne Bild "aus all dem Braus" (von "Brausen" im Sinne von Lärm, Wirbel, Aufruhr) suggeriert, dass das Leben ein turbulenter, oft unübersichtlicher Prozess ist. Doch aus genau diesem Chaos, so die tröstliche und weise Erkenntnis, "rechnet sich ... doch ein richtig Leben heraus". Das "richtig" meint hier kein fehlerfreies, sondern ein authentisches, ganzheitliches und in der Summe stimmiges Dasein. Die letzte Zeile "Und dies können ist das Beste" preist diese Fähigkeit zur versöhnlichen Gesamtschau als das eigentliche Weihnachtsgeschenk.

Biografischer Kontext zu Theodor Fontane

Theodor Fontane (1819-1898) verfasste dieses Gedicht in seiner späten Schaffensphase, als er bereits der hochangesehene Autor der großen Gesellschaftsromane wie "Effi Briest" oder "Der Stechlin" war. Der Blick des alten Fontane ist geprägt von lebenslanger Beobachtung, Milieustudien und einem tiefen Verständnis für die menschliche Natur mit all ihren Widersprüchen. Seine eigene Biografie war keineswegs geradlinig: Er arbeitete als Apotheker, Kriegsberichterstatter, Theaterkritiker und fand erst spät zu seinem eigentlichen Metier, dem Erzählen. Diese Erfahrungen des Scheiterns, Neuorientierens und letztendlichen Gelingens schwingen in den Zeilen mit. Das Gedicht atmet die Haltung eines Menschen, der auf ein langes, bewegtes Leben zurückblickt und es ohne Beschönigung, aber auch ohne Bitterkeit, als ein Ganzes zu akzeptieren vermag. Es ist die gereifte Weisheit des Romanciers, der in der Weihnachtsstille eine Bilanz zieht, die über das rein Festliche hinausgeht.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine besondere, vielschichtige Stimmung. Es beginnt mit einem leisen, melancholischen Unterton, der aus der Reflexion über die vergehende Zeit ("Immer kleiner wird der Rest") erwächst. Diese Nachdenklichkeit wandelt sich jedoch in eine ruhige, gefasste und letztlich versöhnliche Heiterkeit. Es ist keine ausgelassene Freude, sondern die tiefe Zufriedenheit, die aus der Annahme des eigenen, unvollkommenen Lebensweges entsteht. Die Stimmung ist introvertiert, philosophisch und warm, wie das Licht einer Kerze in der winterlichen Stille. Sie lädt nicht zum lauten Feiern, sondern zum stillen Innehalten und zur persönlichen Rückschau ein.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. In einer Zeit, die von Optimierungswahn, der Jagd nach dem perfekten Lebenslauf und der ständigen Selbstinszenierung in sozialen Medien geprägt ist, wirkt Fontanes Botschaft wie ein heilsames Gegengift. Die Frage, ob ein Leben mit Brüchen, Fehlern und widersprüchlichen Erfahrungen am Ende dennoch "richtig" und wertvoll sein kann, ist heute so relevant wie nie. Das Gedicht ermutigt uns, die Gesamtheit unserer Erfahrung anzunehmen, anstatt nur die glanzvollen Höhepunkte zu feiern. Es ist ein Plädoyer für Authentizität gegen die Curated-Life-Illusion. In der Hektik der Vorweihnachtszeit erinnert es zudem daran, dass die wahre Besinnung vielleicht im persönlichen Rückblick und nicht im Konsumrausch liegt.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau und das Vokabular sind klar und nicht übermäßig komplex. Einzelne Begriffe wie "Braus" oder die altertümliche Form "Rechnet sich ... heraus" (für "ergibt sich") mögen einer kurzen Erklärung bedürfen. Die eigentliche "Schwierigkeit" oder besser: die Tiefe liegt im inhaltlichen Verständnis. Die abstrakte Idee der Lebensbilanzierung und die versöhnliche Botschaft, die sich erst aus der Gesamtschau der Gegensätze ergibt, erfordern ein gewisses Maß an Lebenserfahrung oder reflektierender Auseinandersetzung, um ganz erfasst zu werden.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Es eignet sich perfekt für besinnliche Momente am Heiligabend, etwa vor oder nach dem Essen, wenn die Familie oder enge Freunde beisammensitzen. Es ist ideal für einen ruhigen Programmpunkt in einer Weihnachtsfeier von Erwachsenen oder einer generationenübergreifenden Runde. Da es weniger das festliche Ereignis, sondern die innere Haltung thematisiert, passt es auch hervorragend zu einem Neujahrsempfang oder einem Jahresrückblick, um den Übergang ins neue Jahr philosophisch zu begleiten. Es ist ein Gedicht für Momente des Übergangs und der Reflexion.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die volle Tiefe und der Trost dieses Textes erschließen sich am ehesten Erwachsenen und älteren Jugendlichen ab etwa 16 Jahren. In diesem Alter beginnen Menschen, selbst Lebenserfahrung zu sammeln, über Vergangenes nachzudenken und die Komplexität von Entscheidungen zu begreifen. Besonders ansprechend und tröstlich ist es für Menschen in der Lebensmitte und im höheren Alter, die auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken können und vielleicht selbst gerade eine solche versöhnliche Bilanz ziehen.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Für eine rein kinderfokussierte Weihnachtsfeier mit dem Erwartungshorizont von Nikolaus, Geschenken und fröhlichen Liedern ist es weniger geeignet. Die melancholische Grundnote und die abstrakte Thematik der Lebensbilanz überfordern oder langweilen jüngere Kinder. Ebenso passt es nicht in einen Kontext, der ausschließlich der ausgelassenen, festlichen Fröhlichkeit dienen soll. Wer ein Gedicht sucht, das ausschließlich die magische Vorfreude oder die christliche Weihnachtsgeschichte beschwört, wird bei Fontane nicht fündig.

Wie lang dauert der Vortrag?

Bei einem bedächtigen, nachdenklichen Vortrag mit kleinen Pausen zwischen den Zeilen, um die Wirkung der Gegensatzpaare ("Alles Grade, alles Krumme...") voll zur Entfaltung zu bringen, dauert der Vortrag etwa 30 bis 40 Sekunden. Ein sehr flüssiger, weniger betonter Vortrag könnte bei etwa 25 Sekunden liegen. Die empfohlene Länge liegt im Bereich einer halben Minute, um dem Gedicht den nötigen Raum für seine besinnliche Wirkung zu geben.

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