Das Weihnachtsbäumlein
Kategorie: Klassische Weihnachtsgedichte
Das Weihnachtsbäumlein
Es war einmal ein TänneleinAutor: Christian Morgenstern
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün
als fing es eben an zu blühn.
Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stands im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
die grünen Nadeln warn'n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.
Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm -
Hei! Tats da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext zum Autor
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Christian Morgensterns "Das Weihnachtsbäumlein" erzählt mehr als nur die simple Geschichte eines geschmückten und später entsorgten Christbaums. Es ist ein kleines Meisterwerk der Verwandlung, das in drei klaren Akten den Kreislauf von Pracht, Vergänglichkeit und Neugeburt beschreibt. Die erste Strophe malt mit liebevollen, verspielten Diminutiven ("Tännelein", "Herzlein", "Kerzlein") das Bild eines lebendigen, fast kindlich strahlenden Baumes, der in seiner Festtagsfülle nicht nur grün ist, sondern "als fing es eben an zu blühn". Diese ungewöhnliche Metapher erhebt den Baum vom toten Schmuckstück zu einem Wesen voller Lebenshoffnung.
Der zweite Teil konfrontiert uns dann unmittelbar mit der Realität nach den Feiertagen. Der Baum steht "im Garten unten", seiner "Herrlichkeit" beraubt, verdorrt und verlassen. Diese melancholische Phase ist jedoch kein endgültiges Ende. Die geniale Wendung kommt mit dem Gärtner, dem "zu Haus im Dunkeln" friert. In seiner pragmatischen Handlung, den Baum zu verheizen, liegt die spirituelle Erlösung. Das Gedicht vollzieht eine wunderbare Sinnverschiebung: Was als irdischer Schmuck begann, endet als himmlische Opfergabe. Die "hundert Flämmlein" sind die letzte und reinste Verwandlung der Kerzlein und des Glitzergolds, ein "jubelnd" himmelwärts gerichtetes Gebet. Der Baum findet so seinen Weg "an Gottes Herz" – ein zutiefst tröstliches Bild, das den Tod als Übergang in eine andere Form des Leuchtens deutet.
Biografischer Kontext zum Autor
Christian Morgenstern (1871-1914) ist vielen vor allem als humoristischer Sprachspieler und Schöpfer der "Galgenlieder" bekannt. "Das Weihnachtsbäumlein" zeigt eine andere, ernsthaft-lyrische und spirituelle Seite des Dichters. Morgenstern war zeitlebens ein Suchender, der sich intensiv mit Philosophie (vor allem Nietzsche) und mystischen Lehren wie der Anthroposophie Rudolf Steiners auseinandersetzte. Diese Suche nach dem Wesentlichen hinter der sichtbaren Welt prägt auch dieses Gedicht. Es ist kein oberflächliches Weihnachtsidyll, sondern eine tiefgründige Betrachtung über Stofflichkeit und Vergehen, die in einer christlich-mystischen Vision gipfelt. Sein Interesse an Verwandlungsprozessen und der Überwindung des Materiellen findet hier einen sehr zugänglichen und poetischen Ausdruck. Das Gedicht verbindet auf einzigartige Weise volkstümliche Bildsprache mit einer esoterisch angehauchten Tiefendimension, die typisch für Morgensterns späteres Werk ist.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht durchläuft eine emotionale Dreiteilung, die den Leser unmittelbar einfängt. Zunächst herrscht eine Stimmung staunender, fast märchenhafter Freude ("Es war einmal..."), die durch die verspielte Sprache und das Glitzern der ersten Strophe erzeugt wird. Darauf folgt ein Moment der Wehmut und des realistischen Abschieds, fast ein bisschen unbehaglich in seiner Schilderung des verdorrten, vergessenen Baumes. Die finale Strophe schlägt dann einen überraschenden Ton an: aus der Resignation wird dynamische, warme Begeisterung. Das "Hei!" und die "sprühn und funkeln" vermitteln ein Gefühl der plötzlichen Erkenntnis, der Freude über eine unerwartete Verwandlung und eines tröstlichen Aufgehobenseins. Die Gesamtstimmung ist damit letztlich eine zuversichtliche und versöhnte, die den Kreislauf von Leben und Sterben als einen sinnvollen, lichtvollen Prozess begreift.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. In einer Zeit, die von Nachhaltigkeitsdebatten und einem kritischen Blick auf unseren Umgang mit Ressourcen geprägt ist, wirft das Gedicht ganz aktuelle Fragen auf. Es thematisiert indirekt unseren Konsumrausch zu Weihnachten und das schnelle Vergessen der geschmückten Symbole nach den Feiertagen. Noch zeitgemäßer ist jedoch seine zentrale Botschaft der Verwandlung und des sinnvollen "Recyclings" – hier sogar auf einer spirituellen Ebene. Der Gärtner handelt nachhaltig, indem er das scheinbar Wertlose einer neuen, wärmenden Bestimmung zuführt. Modern gesprochen findet ein "Upcycling" der Seele statt. Das Gedicht lädt uns ein, über den Wert der Dinge jenseits ihrer ursprünglichen Bestimmung nachzudenken und in scheinbaren Endpunkten neue Anfänge zu sehen. Diese Haltung ist heute so relevant wie vor hundert Jahren.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht leicht bis mittelschwer zugänglich. Der Satzbau ist klar, der Wortschatz weitgehend einfach und die vielen Verniedlichungen sorgen für einen volksliedhaften, eingängigen Klang. Die inhaltliche Tiefe und die symbolische Ebene sind dagegen anspruchsvoller. Der abrupte Übergang von der irdischen zur himmlischen Sphäre und die metaphorische Deutung des Verbrennens als Akt der Hingabe an Gott erfordern ein gewisses Maß an Abstraktionsvermögen oder zumindest Offenheit für diese Art der Bildsprache. Insgesamt lässt sich sagen: Die Oberfläche ist für jeden verständlich, die darunterliegenden Schichten bieten aber reichhaltigen Stoff zum Nachdenken für literarisch interessierte Leser.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht ist ein perfekter Begleiter für die Zeit zwischen den Jahren, also die Tage nach Weihnachten bis etwa zum Dreikönigstag. Es passt hervorragend zu einer gemütlichen Runde, wenn der Baum abgeschmückt werden soll, und gibt diesem manchmal traurigen Akt einen neuen, tröstlichen Sinn. Ebenso eignet es sich für besinnliche Advents- oder Weihnachtsfeiern in der Familie, im Freundeskreis oder auch in gemeindlichen Gruppen, die über die tiefere Bedeutung der Festzeit nachdenken möchten. Aufgrund seiner spirituellen Dimension kann es auch in einem nicht-konfessionellen, aber werteorientierten Rahmen vorgetragen werden.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Die klare Bildsprache und die märchenhafte Erzählstruktur ("Es war einmal...") machen das Gedicht bereits für Kinder im Grundschulalter (ab etwa 6-7 Jahren) ansprechend. Sie verstehen die Geschichte vom schönen und später alten Baum. Jugendliche und Erwachsene können dann die weiteren Bedeutungsebenen – die Themen Vergänglichkeit, Wiederverwertung und spirituelle Verwandlung – für sich erschließen. Es ist also ein Gedicht, das über viele Altersstufen hinweg wirkt und mit dem Heranwachsen immer neue Interpretationen bietet.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist es für Menschen, die ausschließlich nach heiter-besinnlicher, konfliktfreier Weihnachtslyrik suchen und die melancholische Phase des verdorrten Baumes als Stimmungskiller empfinden könnten. Auch für einen rein lustigen, festlichen Vortrag auf einer lauten Weihnachtsparty ist es aufgrund seiner nachdenklichen und besinnlichen Grundtendenz wahrscheinlich nicht die erste Wahl. Wer mit der christlichen oder einer spirituellen Metaphorik gar nichts anfangen kann, wird den letzten Teil der Geschichte möglicherweise als zu pathetisch oder befremdlich empfinden.
Wie lang dauert der Vortrag?
Bei einem ruhigen, bedächtigen und betonten Vorlesen, das den Stimmungswechsel zwischen den Strophen auch sprecherisch einfängt, dauert der Vortrag des Gedichts etwa 45 bis 60 Sekunden. Das ist eine perfekte Länge, um Aufmerksamkeit zu halten und den Zuhörern genug Raum zu geben, die bildhaften Verse und ihre Übergänge innerlich mitzuvollziehen. Ein zu schneller Vortrag würde die feine Melancholie der zweiten und die triumphierende Freude der dritten Strophe vermutlich verwischen.
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