Weihnacht
Kategorie: Klassische Weihnachtsgedichte
Weihnacht
Wenn in des Jahres Lauf, dem allzeit gleichen,Autor: Hans Brüggemann
auf leisen Schwingen sich die Christnacht naht,
wenn Erd‘ und Himmel sich die Hände reichen,
dann schau’n wir dich, du größte Liebestat.
Du Heiland Jesus, kamst aus lichten Höhen,
wie unser Bruder tratst Du bei uns ein,
wir haben deine Herrlichkeit gesehen,
und deinen Wandel, fleckenlos und rein.
Verlorne Kinder knien an deiner Krippe,
von jener ersten Weihnacht an bis heut,
es klingt von armer Sünder Herz und Lippe
ein jubelnd „Halleluja!“ weit und breit.
Tritt ein, du Spender aller Seligkeiten
in unser Herz und Haus, in Volk und Land,
hilf, dass wir glaubend Dir den Weg bereiten,
und mit Dir wandern liebend Hand in Hand.
Gib, dass wir hoffend in die Ferne blicken,
auf Dich allein, dem wir zu eigen ganz:
kein irdisch Ding soll uns das Ziel verrücken,
bis wir Dich schaun in deines Reiches Glanz.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Hans Brüggemanns Gedicht "Weihnacht" ist mehr als eine schlichte Feiertagslyrik. Es entfaltet eine tiefe theologische und emotionale Perspektive auf das Weihnachtsgeschehen. Gleich in der ersten Strophe wird Weihnachten nicht als isoliertes Fest, sondern als kosmisches Ereignis im "allzeit gleichen" Lauf der Zeit verortet. Die "Christnacht" naht auf "leisen Schwingen", ein Bild für das Unaufdringliche und zugleich Unaufhaltsame der göttlichen Menschwerdung. Die Zeile "wenn Erd' und Himmel sich die Hände reichen" ist ein kraftvolles Symbol für die Überbrückung der Kluft zwischen Göttlichem und Menschlichem, das im Kind in der Krippe seine konkrete Gestalt findet, die als "größte Liebestat" gedeutet wird.
Die zweite Strophe betont die Dualität der Christusfigur: Er kam aus "lichten Höhen", ist aber zugleich "unser Bruder". Diese Spannung zwischen Herrlichkeit und schlichter Menschlichkeit, zwischen Transzendenz und Nähe, durchzieht das gesamte Werk. Sein "Wandel, fleckenlos und rein" stellt einen moralischen Idealzustand dar, der den Leser einlädt und herausfordert.
Besonders bemerkenswert ist die dritte Strophe. Hier wird die universelle und zeitlose Anziehungskraft der Krippe beschrieben. Nicht die Weisen oder Mächtigen sind genannt, sondern "Verlorne Kinder" und "arme Sünder". Die Krippe wird so zu einem Ort der Hoffnung und des unverdienten Jubels für alle, die sich fehlbar und verloren fühlen – ein Gedanke, der die bürgerlich-idyllische Weihnacht um eine existenzielle Dimension erweitert.
Die letzten beiden Strophen wenden sich vom historischen Ereignis zur persönlichen und gemeinschaftlichen Aufforderung. Die Bitte "Tritt ein ... in unser Herz und Haus" macht das Gedicht zu einem aktiven Gebet. Das Ziel ist nicht nur passive Betrachtung, sondern ein "mit Dir wandern liebend Hand in Hand". Die Schlusszeilen lenken den Blick bewusst von "irdisch[en] Ding[en]" weg und auf ein transzendentes Ziel: das Schauen Gottes "in deines Reiches Glanz". Das Gedicht schließt so mit einer eschatologischen Hoffnung, die über das Weihnachtsfest hinausweist.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine vielschichtige, andächtige Stimmung. Zunächst ist da eine feierliche Ruhe, die durch Bilder wie "leisen Schwingen" und das Händereichen von Himmel und Erde evoziert wird. Darüber legt sich ein Ton freudiger Ehrfurcht ("Halleluja!") und tiefer Dankbarkeit für die "größte Liebestat". Gleichzeitig schwingt eine Note der Demut und Sehnsucht mit, besonders in der Ansprache der "verlornen Kinder" und der Bitte um Einlass in das eigene Herz. Insgesamt ist die Grundstimmung getragen, hoffnungsvoll und zutiefst innig, ohne kitschig zu werden. Sie lädt zur Besinnung und zur inneren Einkehr ein.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. Die zentralen Fragen, die das Gedicht aufwirft, sind heute so relevant wie vor 100 Jahren. In einer oft hektischen und materialistisch geprägten Weihnachtszeit erinnert es an den spirituellen Kern des Festes: die Suche nach Verbindung, Sinn und bedingungsloser Liebe. Die Sehnsucht danach, dass "Himmel und Erde" sich berühren, also das Transzendente im Alltag erfahrbar wird, ist ein modernes wie zeitloses Bedürfnis. Die Beschreibung der "verlornen Kinder" und "armen Sünder" an der Krippe spricht zudem alle an, die sich unvollkommen oder auf der Suche fühlen – ein inklusiver Gedanke, der über dogmatische Grenzen hinausweist. Die abschließende Mahnung, sich nicht von "irdisch[en] Ding[en]" vom Wesentlichen abbringen zu lassen, ist eine höchst aktuelle Botschaft in einer von Ablenkungen geprägten Welt.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Es verwendet einen gehobenen, aber nicht antiquierten Wortschatz (z.B. "Wandel" für Lebensführung, "Seligkeiten"). Die Syntax ist klar und die Sätze sind gut verständlich. Eine leichte Herausforderung bieten vielleicht Begriffe wie "eschatologisch" (nicht im Gedicht selbst, aber in seiner Deutung) oder das Verständnis für die theologische Konzeption von Christus als Bruder und Herr zugleich. Insgesamt ist der Text aber für jeden, der mit der christlichen Weihnachtstradition vertraut ist, gut zugänglich und ausdrucksstark.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht eignet sich perfekt für besinnliche Momente in der Advents- und Weihnachtszeit. Konkret passt es zu:
- Der Gestaltung eines Adventsgottesdienstes oder einer Christvesper.
- Der familiären Feier am Heiligen Abend, etwa als Beitrag vor der Bescherung.
- Weihnachtsfeiern in Gemeindegruppen, Chören oder sozialen Einrichtungen.
- Der persönlichen Lektüre zur inneren Einstimmung auf das Fest.
- Als Textimpuls für eine Weihnachtsandacht oder ein Bibelteilen.
Sein gebetartiger Charakter macht es besonders für Situationen geeignet, in denen Reflexion und Andacht im Mittelpunkt stehen.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht spricht primär Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren an. In diesem Alter kann man die theologischen Nuancen und die emotionale Tiefe der Verse erfassen. Aufgrund seiner klaren Sprache und eingängigen Bilder kann es aber auch älteren Kindern (ab 10 Jahren) in einem familiären oder gemeindlichen Rahmen vorgestellt und gemeinsam besprochen werden, um ihnen eine tiefergehende Deutung von Weihnachten zu eröffnen.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die ausschließlich nach weltlich-unterhaltsamer, humorvoller oder rein folkloristischer Weihnachtslyrik suchen (wie "Morgen kommt der Weihnachtsmann"). Es ist auch kein reines Kindergedicht. Wer keinen Bezug zur christlichen Symbolik und Tradition hat oder eine explizit religiöse Thematik ablehnt, wird mit den Inhalten wenig anfangen können. Für rein säkulare Feiern, die den Fokus auf Geschenke und geselliges Beisammensein legen, ist der Text wahrscheinlich zu fromm und kontemplativ.
Wie lang dauert der Vortrag?
Ein ruhiger, bedächtiger und gefühlvoller Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa eine Minute bis 75 Sekunden. Diese Zeit ermöglicht es, die feierliche Stimmung wirksam werden zu lassen und die schönen sprachlichen Bilder zur Geltung zu bringen. Ein zu schnelles Aufsagen würde der innigen und andächtigen Atmosphäre des Textes widersprechen.
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