Weihnachten

Kategorie: Klassische Weihnachtsgedichte

Weihnachten

Die Tage kommen, die Tage gehn,
der schönste Tag hat kein Bestehn,
ob Lenz und Sommer schmückt die Welt,
rasch kommt der Herbst ins Stoppelfeld,
es saust, es schneit, es friert; doch dann –
das Christkind zündet die Lichter an!

O Kindeslust, o Kindertraum,
o liebesheller Weihnachtsbaum!
In dunkle Nächte glänzt dein Licht
so froh voraus, du wandelst nicht;
es sorgt der Mutter Herz, und dann –
das Christkind zündet die Lichter an!

Großmutter spricht: Nur still, nur still!
Denn wenn ein Kind nicht warten will,
vorwitzig schaut, voll Ungeduld,
was dann geschieht, 's ist seine Schuld!
Sitz' still ein Weilchen nur, und dann –
das Christkind zündet die Lichter an!

Das Gretlein sitz ihr stumm im Schoß,
macht nur die Augen hell und groß,
hat für sein fragend Kätzlein dort
kein Auge jetzt, kein Schmeichelwort;
Großmutter blickt so lieb, und dann –
das Christkind zündet die Lichter an! – –

Die Jahre kommen, die Jahre gehn,
der schönste Tag hat kein Bestehn,
's ist einmal so von Gott bestellt:
man scheidet täglich von der Welt!
Der dunkle Abend kommt, und dann –
das Christkind zündet die Lichter an!
Autor: Gustav Hermann Kletke

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Gustav Hermann Kletkes Gedicht "Weihnachten" ist weit mehr als eine einfache Festtagsbeschreibung. Es verbindet auf kunstvolle Weise die Themen Vergänglichkeit, kindliche Erwartung und den Trost des wiederkehrenden Lichts. Der wiederkehrende Refrain "das Christkind zündet die Lichter an!" fungiert als poetischer Anker, der jedem Strophenende Hoffnung und Freude verleiht.

Der Beginn des Gedichts spannt einen weiten Bogen über den Kreislauf der Jahreszeiten. Die ersten Zeilen "Die Tage kommen, die Tage gehn" betonen die unaufhaltsame Zeit. Selbst der "schönste Tag hat kein Bestehn", was auf die Flüchtigkeit aller irdischen Freuden anspielt. Doch genau in dieser Vergänglichkeit liegt die Magie: Das Christkind setzt mit dem Anzünden der Lichter einen bewussten, hellen Gegenpunkt zur dunklen, kalten Jahreszeit und zur allgemeinen Vergänglichkeit.

In den mittleren Strophen zoomt der Dichter nah an die familiäre Weihnachtsvorbereitung heran. Die kindliche Ungeduld ("vorwitzig schaut, voll Ungeduld") trifft auf die beruhigende Weisheit der Großmutter. Die Szene mit dem "Gretlein", das sogar sein geliebtes Kätzchen ignoriert, um ganz in der erwartungsvollen Stille zu verharren, ist ein zeitloses Porträt kindlicher Konzentration und Vorfreude. Diese Strophen zeigen, dass das Warten und die gespannte Erwartung selbst ein wesentlicher Teil des Weihnachtszaubers sind.

Die finale Strophe kehrt zum Anfangsthema zurück, weitet den Blick aber existenziell aus. Aus "Tagen" werden "Jahre", und die Aussage "man scheidet täglich von der Welt" gibt dem Gedicht eine tiefe, fast philosophische Note. In diesem Kontext wirkt das abschließende Anzünden der Lichter nicht nur wie ein festliches Ritual, sondern wie ein tröstliches Symbol für Hoffnung, Wiederkehr und vielleicht sogar einen spirituellen Lichtblick jenseits des "dunklen Abends" des Lebens.

Biografischer Kontext des Autors

Gustav Hermann Kletke (1813-1886) war ein vielseitiger deutscher Schriftsteller, der heute vor allem als Kinderlyriker und Herausgeber bekannt ist. Seine berufliche Laufbahn als Journalist, Redakteur und langjähriger Sekretär der Schillerstiftung in Berlin brachte ihn in engen Kontakt mit dem literarischen Leben des 19. Jahrhunderts. Kletkes Werk ist geprägt von einer klaren, volkstümlichen Sprache und einem pädagogisch wertvollen Impetus, ohne dabei belehrend zu wirken.

Seine besondere Begabung lag darin, die Welt aus der Perspektive des Kindes zu sehen und in einfachen, eingängigen Versen festzuhalten. Dieses Talent zeigt sich auch in "Weihnachten". Das Gedicht spiegelt das bürgerliche, innige Familienideal des Biedermeier wider, das Kletke mitprägte. Sein umfangreiches Schaffen als Sammler von Märchen, Sagen und Kinderliedern unterstreicht sein tiefes Verständnis für mündliche Überlieferung und eingängige Rhythmik, was diesem Weihnachtsgedicht seine besondere Melodik und Memorierbarkeit verleiht.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine einzigartige, vielschichtige Stimmung, die zwischen nachdenklicher Wehmut und heller, kindlicher Vorfreude oszilliert. Der Grundton ist warm und vertraut, eingebettet in die Geborgenheit der Familienstube. Du spürst die Kälte und Dunkelheit draußen ("es saust, es schneit, es friert"), die umso stärker die Wärme und das Licht im Inneren kontrastieren.

Gleichzeitig liegt über den Versen ein Hauch von Melancholie, ausgelöst durch die Reflexion über die vergehende Zeit. Diese leichte Schwermut wird jedoch in jedem Vers durch den hoffnungsvollen Refrain sofort aufgelöst und transformiert. Die dominierende Gesamtstimmung ist daher eine tiefe, ruhige Freude, die aus dem Bewusstsein der Vergänglichkeit und der trotzdem immer wiederkehrenden, hellen Festlichkeit erwächst. Es ist eine besinnliche und tröstliche Stimmung.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Fragen des Gedichts sind heute genauso relevant wie im 19. Jahrhundert. In unserer hektischen, von Dauerkonsum geprägten Zeit erinnert Kletke an den Wert des stillen Wartens und der gespannten Erwartung. Die Szene, in der das Kind stillsitzt und sogar das Smartphone der damaligen Zeit – das Schoßtier – vergisst, ist ein perfektes Gegenbild zur heutigen Reizüberflutung.

Die Thematik der Vergänglichkeit ("der schönste Tag hat kein Bestehn") trifft den Nerv einer Gesellschaft, die ständig nach Dauerhaftigkeit und Optimierung strebt. Das Gedicht wirft die Frage auf, wie wir mit der Flüchtigkeit schöner Momente umgehen. Seine Antwort – die bewusste Feier des Augenblicks, das Anzünden der Lichter trotz aller Dunkelheit – bietet einen zeitlosen Trost. In unsicheren Zeiten ist die Sehnsucht nach einem wiederkehrenden, verlässlichen Lichtsymbol, das Gemeinschaft und Hoffnung stiftet, vielleicht größer denn je.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als leicht bis mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils aus dem allgemeinen Sprachschatz. Einige veraltete Ausdrücke wie "vorwitzig" oder die verkürzte Form "'s ist seine Schuld" mögen für jüngere Leser erklärungsbedürftig sein, erschließen sich aber aus dem Kontext. Die starke Rhythmik und der einfache Reim (Paarreim) unterstützen das Verständnis und machen das Gedicht leicht vortragbar.

Die inhaltliche Tiefe, besonders die philosophische Ebene der ersten und letzten Strophe, macht es jedoch für ein vollständiges Verständnis anspruchsvoll. Kinder erfassen die schöne Bildhaftigkeit der Weihnachtsvorbereitung, während Erwachsene die metaphorische Bedeutung des "Lichter-Anzündens" vor dem Hintergrund von Lebenszeit und Vergänglichkeit deuten können. Diese Doppelschichtigkeit macht seinen Reiz aus.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht ist ein idealer Begleiter für die besinnliche Advents- und Weihnachtszeit. Sein ruhiger, erwartungsvoller Ton passt perfekt:

  • Für den Familienkreis am Heiligabend, vielleicht vor dem Öffnen der Geschenke, um die Stille und Vorfreude noch einmal zu betonen.
  • Als Beitrag in einem Schul- oder Gemeindegottesdienst in der Weihnachtszeit.
  • Für eine Adventsfeier in Vereinen oder Seniorenkreisen, da es Generationen verbindet.
  • Als Einstieg oder Reflexion in einer Weihnachtsandacht oder einem philosophischen Gesprächskreis zum Thema "Zeit und Licht".
  • Für das private Vorlesen unter dem Weihnachtsbaum, um eine traditionelle Atmosphäre zu schaffen.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht besitzt eine breite Alterswirkung. Kinder ab dem Grundschulalter (ca. 6-7 Jahre) können die konkreten Szenen mit dem ungeduldigen Kind, der Großmutter und dem Kätzchen gut nachvollziehen und freuen sich über den wiederkehrenden, festlichen Refrain. Für Jugendliche und Erwachsene erschließen sich die tieferen Schichten der Zeitreflexion und die tröstliche Botschaft. Besonders ältere Menschen können sich mit der Weisheit der Großmutter und der Resümee ziehenden letzten Strophe ("Die Jahre kommen, die Jahre gehn") identifizieren. Es ist also ein generationenübergreifendes Gedicht.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Weniger geeignet ist das Gedicht für Menschen, die eine ausschließlich fröhliche, ausgelassene und rein festliche Weihnachtsstimmung suchen. Wer nach moderner, kritischer oder ironischer Auseinandersetzung mit Weihnachten sucht, wird hier nicht fündig. Ebenso könnte die stark betonte kindliche Perspektive und die traditionelle Rollenverteilung (die sorgende Mutter, die mahnende Großmutter) für einige Leser als zu altmodisch wirken. Für sehr junge Kinder unter fünf Jahren sind die Sätze teils zu lang und die gedanklichen Sprünge zwischen den Strophen möglicherweise noch schwer nachvollziehbar.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein ruhiger, bedächtiger und betonter Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa eine Minute bis 90 Sekunden. Diese Dauer macht es perfekt für die Integration in festliche Programme, ohne zu lange zu werden. Um die Wirkung zu steigern, empfiehlt es sich, vor der letzten Strophe eine kleine Pause zu machen, um den feierlichen und abschließenden Charakter der Wiederaufnahme des Eingangsthemas hervorzuheben. Ein zu schnelles Hersagen würde der besinnlichen und teilweise nachdenklichen Stimmung des Textes nicht gerecht werden.

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