Weihnachtsfest
Kategorie: Lange Weihnachtsgedichte
Weihnachtsfest
Der Winter ist gekommenAutor: Robert Reinick
Und hat hinweg genommen
Der Erde grünes Kleid;
Schnee liegt auf Blütenkeimen,
Kein Blatt ist an den Bäumen,
Erstarrt die Flüsse weit und breit.
Da schallen plötzlich Klänge
Und frohe Festgesänge
Hell durch die Winternacht;
In Hütten und Palästen
Ist rings in grünen Ästen
Ein bunter Frühling aufgewacht.
Wie gern doch seh ich glänzen
Mit all den reichen Kränzen
Den grünen Weihnachtsbaum,
Dazu der Kindlein Mienen
Von Licht und Luft beschienen!
Wohl schönre Freude gibt es kaum!
Da denk' ich jener Stunde,
Als in des Feldes Runde
Die Hirten sind erwacht,
Geweckt vom Glanzgefunkel,
Das durch der Bäume Dunkel
Ein Engel mit herab gebracht.
Und wie sie da nach oben
Den Blick erschrocken hoben
Und sah'n den Engel stehn,
Da staunten sie wohl alle,
Wie wenn zum ersten Male
Die Kindlein einen Christbaum sehn.
Doch was ist all Entzücken
Der Kindlein, die erblicken,
Was ihnen ward beschert:
Gedenk ich, wie die Kunde
Des Heils von Engels Munde
Die frommen Hirten angehört!
Und rings ob allen Bäumen
Sang in den Himmelsräumen
Der frohen Engel Schar:
Gott in der Höh' soll werden
Der Ruhm, und Fried auf Erden
Und Wohlgefallen immerdar.
Drum pflanzet grüne Äste
Und schmücket sie aufs Beste
Mit frommer Liebe Hand,
Dass sie ein Abbild werden
Der Liebe, die zur Erden
Solch großes Heil uns hat gesandt.
Ja, laßt die Glocken klingen,
Daß, wie der Englein Singen,
Sie rufen laut und klar:
Gott in der Höh soll werden
Der Ruhm, und Fried auf Erden
Und Wohlgefallen immerdar!
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Robert Reinicks "Weihnachtsfest" ist ein kunstvoll verwobenes Gedicht, das die äußere Winterlandschaft mit der inneren Festesfreude kontrastiert. Es beginnt mit einer klassischen Naturbeschreibung: Der Winter hat die Erde ihres grünen Kleides beraubt, alles ist erstarrt und kahl. Diese Darstellung dient als Folie, von der sich das Wunder der Weihnacht umso heller abhebt. Der "bunte Frühling", der plötzlich in den geschmückten grünen Ästen "aufwacht", ist keine natürliche, sondern eine kulturell und spirituell geschaffene Blüte – der Weihnachtsbaum wird so zum Symbol für Leben und Hoffnung mitten in der Dunkelheit.
Der geniale Kniff des Gedichts liegt in der doppelten Perspektive. Zunächst erlebst du die Gegenwart des Festes mit dem glänzenden Baum und den leuchtenden Kinderaugen. Dann springt der Blick zurück zur biblischen Szene der Verkündigung an die Hirten. Reinick zieht hier eine einprägsame Parallele: Das staunende Entzücken der Hirten beim Anblick des Engels vergleicht er direkt mit dem Staunen der Kinder vor dem Christbaum. Damit verbindet er das familiäre Festgeschehen unmittelbar mit seinem religiösen Ursprung. Der geschmückte Baum wird zum "Abbild" der göttlichen Liebe. Der abschließende Aufruf, die Bäume zu schmücken und die Glocken erklingen zu lassen, ist somit keine bloße Tradition, sondern ein aktives Gedenken und Weiterrufen der Heilsbotschaft von Frieden und Wohlgefallen.
Biografischer Kontext des Autors
Robert Reinick (1805-1852) war ein deutscher Maler, Dichter und Illustrator, der besonders in der Spätromantik wirkte. Seine Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine volkstümlichen und kindgerechten Gedichte und Lieder, die oft eine einfache, gefühlvolle Sprache und eine klare moralische Botschaft trugen. Reinick stand in engem Kontakt mit anderen bedeutenden Künstlern seiner Zeit, wie den Komponisten Robert Schumann, der einige seiner Texte vertonte, und war Teil des Düsseldorfer Malerkreises. Sein Schaffen war stark von einem idealistischen und frommen Weltbild geprägt, was sich auch in "Weihnachtsfest" deutlich zeigt. Das Gedicht spiegelt den romantischen Zugang zum Fest wider, der das Gemüt, das Staunen und die Verbindung von Natur, Familie und Religion in den Mittelpunkt stellt. Reinicks Talent lag darin, komplexe theologische Ideen in eingängige, bildhafte Verse zu fassen, die für ein breites Publikum verständlich und ansprechend waren.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine warme, freudige und zugleich andächtige Stimmung. Es startet mit der ruhigen, fast melancholischen Kühle des Winters, um dann in einen hellen, klangvollen und belebten Festjubel umzuschwenken. Du spürst das Staunen, sowohl der Kinder unter dem Baum als auch der Hirten auf dem Feld. Diese doppelte Freude – die irdische und die himmlische – vermischt sich zu einem Gefühl des dankbaren Entzückens. Die wiederkehrenden Verweise auf Glanz, Licht ("Glanzgefunkel", "beschienen") und frohe Klänge (Gesänge, Glocken, Engelschor) malen ein akustisch und optisch helles Bild in der dunklen Winternacht. Die abschließenden Zeilen mit dem Aufruf zum Schmücken und dem Lobgesang verleihen der Stimmung eine feierlich-aktive, hoffnungsvolle Note.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. Zwar ist die Sprache etwas altertümlich, die zentralen Fragen und Bilder sind es nicht. Das Gedicht wirft die zeitlose Frage auf, was die wahre Quelle unserer Festfreude ist. In einer oft hektischen Weihnachtszeit, die von Kommerz geprägt sein kann, erinnert Reinick an den Kern des Staunens und die gemeinsame Freude im Kleinen (die Kinderaugen) wie im Großen (die Friedensbotschaft). Die Suche nach Licht und Wärme in der dunklen Jahreszeit, das Bedürfnis nach Gemeinschaft und der Wunsch nach Frieden ("Fried auf Erden") sind heute so relevant wie vor 170 Jahren. Die Parallele zwischen dem Staunen der Hirten und dem der Kinder lädt dich ein, über die eigenen "Staunens-Momente" im Fest nachzudenken und die Tradition des Baumschmückens bewusster als Symbol der Liebe und Fürsorge zu gestalten.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Reimform (Paarreime) eingängig. Einige veraltete Wendungen wie "hinweg genommen", "in des Feldes Runde" oder "ward beschert" könnten für jüngere oder ungeübte Leser eine kleine Hürde darstellen, erschließen sich aber meist aus dem Kontext. Die religiösen und biblischen Anspielungen (Hirten, Engel, Verkündigung) setzen ein grundlegendes kulturelles Wissen voraus, um die volle Tiefe der Aussage zu erfassen. Insgesamt ist der Text aber gut verständlich und die zentrale Bildsprache von Winter, Baum und Licht unmittelbar zugänglich.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Dieses Gedicht eignet sich perfekt für besinnliche Momente in der Advents- und Weihnachtszeit. Konkret passt es zu:
- Familienfeiern am Heiligabend oder an den Weihnachtsfeiertagen, vielleicht vor oder nach dem Beschenken.
- Advents- oder Weihnachtsgottesdienste, besonders in Kindergottesdiensten oder Familienmessen.
- Weihnachtsfeiern in Schulen, Kindergärten oder Vereinen, wo es vorgetragen oder szenisch umgesetzt werden kann.
- Private Vorlesestunden in der Weihnachtszeit, um eine ruhige, festliche Atmosphäre zu schaffen.
- Als literarischer Beitrag in einem Weihnachtsprogramm, das sowohl den festlichen als auch den religiösen Aspekt betonen möchte.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Die Zielgruppe ist breit gefächert. Aufgrund seiner eingängigen Rhythmik und der schönen Bilder eignet es sich bereits für Kinder im Grundschulalter (ab ca. 6-7 Jahren), denen man die wenigen schwierigen Wörter erklären kann. Die Parallele zwischen den staunenden Kindern und den Hirten spricht sie direkt an. In seiner vollen Tiefe und mit seinem theologischen Gehalt ist es aber ein Gedicht für Jugendliche und Erwachsene jeden Alters, die die kunstvolle Verknüpfung von Tradition und Glaube schätzen. Es ist also ein generationenübergreifendes Gedicht.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die eine ausschließlich weltliche oder kritische Betrachtung von Weihnachten suchen. Wer mit der christlichen Symbolik und der biblischen Weihnachtsgeschichte gar nichts anfangen kann, für den wird der zentrale Vergleich und die Botschaft schwer zugänglich sein. Auch für sehr junge Kinder unter 5 Jahren ist der Text aufgrund seiner Länge und einiger abstrakterer Passagen wahrscheinlich noch nicht ideal. Für einen schnellen, humorvollen oder modern-skurrilen Weihnachtsvortrag ist Reinicks fromm-romantischer Ton ebenfalls nicht die erste Wahl.
Wie lang dauert der Vortrag?
Bei einem ruhigen, bedachten und betonten Vortrag, der die Stimmungswechsel zwischen winterlicher Stille und festlicher Freude ausspielt, dauert das Rezitieren des gesamten Gedichts etwa 2 bis 2,5 Minuten. Ein etwas flüssigerer, aber immer noch deutlicher Vortrag liegt bei knapp unter zwei Minuten. Die Länge macht es perfekt für einen programmatischen Beitrag, ohne dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer überstrapaziert wird.
Mehr Lange Weihnachtsgedichte
- Weihnacht
- Weihnachtslied
- Weihnachten
- Christnacht
- Epiphaniasfest
- Weihnacht
- Weihnachtsbäume
- Großstadt-Weihnachten
- Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln
- Zur heiligen Weihnacht
- Geschichte eines Pfefferkuchenmannes
- Weihnachtsabend
- Auf eine Christblume
- O Weihnachtsbaum
- Der Weihnachtsbaum
- Weihnachtsidylle
- Die Nacht vor dem Heiligen Abend
- Weihnachtsmarkt
- Vom Himmel hoch, da komm ich her
- Weihnachts-Kantilene
- Weihnacht zur See
- Der Weihnachtsaufzug
- Ein Brief vom Christkindlein
- Weihnachtsgang
- Der armen Kinder Weihnachtslied
- 13 weitere Lange Weihnachtsgedichte