Am Weihnachtsabend

Kategorie: Lange Weihnachtsgedichte

Am Weihnachtsabend

Hörst du den Ruf der Glocke,
Mein holdes Töchterlein?
Nun juble und frohlocke,
Nun sollst du selig sein!
Nun sollen deine Wangen
Vor lauter Freude glühn,
Und Funken vor Verlangen
Die dunklen Augen sprühn!

Die bunten Kerzen flimmern
Am grünen Weihnachtsbaum,
Das ist ein Glitzern, Schimmern,
Wie holder Märchentraum!
Lass deine Blicke schweifen
Zum Tisch, von Gaben schwer,
Du darfst nach allem greifen,
Was immer dein Begehr!

Wie liegt in bunten Gruppen
Das Spielzeug hier gereiht,
Wie fesseln dich die Puppen
In schönem Seidenkleid!
Dir sind sie ja Geschöpfe
Von echtem Fleisch und Blut,
Du hauchst in Puppenköpfe
Der eignen Seelen Glut!


Doch dir gefällt am besten
Des Baumes bunte Zier,
Wie’s flüstert in den Ästen,
Von Rauschgold und Papier.
Die goldenen Nüsse funkeln
Wie helles Sternenlicht,
Das freundlich aus dem Dunkeln
Der Fichtennadeln bricht.

Zwar freut dich die Bescherung,
Doch deine Augen sind
Gerichtet in Verklärung
Nach jenem Jesuskind!
Das grüßt aus grünen Zweigen
Und nickt dir traulich zu,
Als wollt’s heruntersteigen
Und fröhlich sein, wie du!

O träum’ ihn ohne Grenzen,
Der Kindheit goldnen Traum!
Viel tausend Lichter glänzen
An deinem Lebensbaum;
Und ob, wie Weihnachtskerzen,
Sie schnell erlöschen auch, -
Das Licht im tiefen Herzen
Bewahr von jedem Hauch!
Autor: Albrecht Graf von Wickenburg

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Albrecht Graf von Wickenburgs "Am Weihnachtsabend" ist mehr als nur eine festliche Schilderung. Es zeichnet ein sensibles Porträt der kindlichen Wahrnehmung und zeigt, wie sich im Weihnachtszauber die Grenzen zwischen Realität und Imagination auflösen. Das lyrische Ich, vermutlich ein Elternteil, spricht das "holdes Töchterlein" direkt an und führt es durch den Abend. Die anfängliche Aufforderung "Nun juble und frohlocke" setzt den Ton für eine gefühlsintensive, fast feierlich-entrückte Stimmung.

Interessant ist die Entwicklung des Blicks des Kindes. Zunächst gilt die Freude den sinnlichen Eindrücken: den glühenden Wangen, den funkelnden Augen, dem flimmernden Kerzenlicht und den bunten Gaben. Besonders eindrücklich ist die dritte Strophe, in der die Puppen für das Mädchen zu "Geschöpfen von echtem Fleisch und Blut" werden. Hier haucht sie "der eignen Seelen Glut" in sie – ein wunderbares Bild für die projektive, lebensspendende Kraft der kindlichen Fantasie.

Der Höhepunkt und die zentrale Wende des Gedichts liegen jedoch in der fünften Strophe. Trotz all der äußeren Pracht richtet sich der Blick des Kindes "in Verklärung" auf das "Jesuskind" in der Krippe. Dieses nickt ihm "traulich" zu, als wollte es "fröhlich sein, wie du". Damit wird die Bescherung nicht abgewertet, sondern in einen größeren, spirituellen und emotionalen Kontext gestellt. Die wahre Freude entspringt der Verbindung, der geteilten kindlichen Unschuld zwischen dem Mädchen und der Christusfigur.

Die letzte Strophe weitet den Blick auf das ganze Leben. Der "goldne Traum" der Kindheit wird mit den "viel tausend Lichtern" am "Lebensbaum" verglichen. Die Mahnung, dass äußere Freuden wie "Weihnachtskerzen schnell erlöschen" können, mündet in die tröstliche Gewissheit: "Das Licht im tiefen Herzen bewahr von jedem Hauch!" Die eigentliche, unzerstörbare Weihnachtsgabe ist somit eine innere Haltung, eine bewahrte Herzenswärme und Reinheit.

Biografischer Kontext des Autors

Albrecht Graf von Wickenburg (1838-1911) war ein österreichischer Dichter, Librettist und Übersetzer aus altem Adel. Er gehörte nicht zur literarischen Avantgarde seiner Zeit, sondern pflegte eine traditionelle, formbewusste und gefühlvolle Lyrik, die oft volksliedhafte und romantische Züge trägt. Seine Werke sind geprägt von einem konservativen, christlich geprägten Weltbild und einem Sinn für idyllische, oft häusliche Szenen.

Dieser Hintergrund ist entscheidend für das Verständnis des Gedichts. Wickenburg schrieb aus der Perspektive des gebildeten, wohlhabenden Bürgertums bzw. Adels des 19. Jahrhunderts, für das das Weihnachtsfest mit dem geschmückten Baum, der Bescherung und einer tiefen, aber unaufdringlichen Religiosität ein zentraler Familienhöhepunkt war. Sein Werk spiegelt das Ideal einer behüteten, in festen Traditionen verwurzelten Kindheit wider. Das Gedicht ist somit auch ein kulturhistorisches Dokument einer spezifischen, bürgerlich-romantischen Weihnachtsfeier, die bis heute unser Festbild prägt.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine komplexe, mehrschichtige Stimmung. Dominant ist zunächst eine überschäumende, fast atemlose Freude und kindliche Erregung, die durch Verben wie "juble", "frohlocke", "glühn" und "sprühn" sowie durch die Beschreibung des "Glitzerns" und "Schimmerns" transportiert wird. Darüber legt sich ein warmes, behagliches und geborgenes Gefühl, eingebettet in die familiäre Szenerie.

Gleichzeitig schwingt von Anfang an eine leise Wehmut und ein Bewusstsein für die Vergänglichkeit mit. Der "holder Märchentraum" deutet an, dass dieser Zauber nicht von Dauer ist. Diese melancholische Unterströmung kommt in der finalen Strophe vollends zum Tragen, wo die vergänglichen äußeren Lichter dem ewigen "Licht im tiefen Herzen" gegenübergestellt werden. Die Gesamtstimmung ist daher eine weise Mischung aus unmittelbarer Festesfreude, staunender Innenschau und nachdenklicher, tröstlicher Besinnlichkeit.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Zwar stammt es aus einer anderen Epoche, die zentralen Fragen und Gefühle, die es berührt, sind heute so aktuell wie damals. In einer Zeit der materiellen Überfülle wirft es die zeitlose Frage auf: Was ist das eigentliche, das bleibende Geschenk? Es thematisiert den Kontrast zwischen äußerem Konsum (die Gaben) und innerem, spirituellem oder emotionalem Reichtum (das Jesuskind, das Herzenslicht).

Moderne Parallelen lassen sich zum Streben nach "Achtsamkeit" und "Entschleunigung" in der hektischen Weihnachtszeit ziehen. Das Gedicht erinnert uns daran, innezuhalten und den Blick – wie das Mädchen – von den bunten Paketen auch auf das Verbindende und Stille zu richten. Es feiert zudem die reine, fantasievolle Wahrnehmung eines Kindes, eine Fähigkeit, die auch Erwachsene in unserer durchgetakteten Welt oft schmerzlich vermissen. Die Mahnung, das innere Licht zu bewahren, ist eine universelle und hochaktuelle Botschaft.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils gut verständlich. Einige veraltete oder poetische Wendungen wie "frohlocke", "hold", "traulich" oder "Rauschgold" bedürfen vielleicht einer kurzen Erklärung, erschließen sich aber oft aus dem Kontext. Die Reimstruktur (durchgehender Kreuzreim) und der regelmäßige Rhythmus unterstützen das Verständnis und den Vortrag erheblich.

Die inhaltliche Tiefe, besonders der Übergang von der äußeren zur inneren Freude und die metaphorische Ebene des "Lebensbaumes", macht es für jüngere Kinder vielleicht schwer vollständig erfassbar. Für einen reflektierenden Leser oder Zuhörer ab dem Jugendalter bietet es jedoch einen perfekten Einstieg in mehrschichtige Lyrik, die hinter einer eingängigen Form einen reichen Sinn verbirgt.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht ist natürlich in erster Linie ein perfekter Begleiter für den Heiligen Abend oder generell die Weihnachtszeit. Es eignet sich hervorragend für die festliche Familienfeier, sei es als vorgetragener Beitrag zwischen dem Bescheren und dem Essen oder als Text in einem selbstgestalteten Weihnachtsheft.

Darüber hinaus passt es gut in adventliche Andachten, in Weihnachtsfeiern von Schulen oder Kindergärten oder auch als besinnlicher Input in einem Weihnachtsgottesdienst. Aufgrund seiner schönen Sprache und tiefgründigen Botschaft wird es auch von Rezitatoren auf Weihnachtslesungen oder -konzerten geschätzt.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die direkte Ansprache an ein Kind und die Schilderung der Weihnachtswunder machen es für Kinder ab etwa 6 Jahren schon sehr ansprechend. Sie können die Bilder vom Baum, den Geschenken und der Puppe leicht nachvollziehen. Für sie steht die Vorfreude und das Staunen im Vordergrund.

Seine volle Tiefe entfaltet das Werk jedoch für Jugendliche und Erwachsene. Sie können die melancholische Unterton, die Reflexion über Vergänglichkeit und die Bedeutung des "inneren Lichts" würdigen und interpretieren. Es ist somit ein Gedicht für die ganze Familie, das auf verschiedenen Ebenen wirkt und generationenübergreifend Gespräche anregen kann.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die eine ausschließlich weltliche, konsumkritische oder sehr nüchterne Betrachtung von Weihnachten suchen. Die starke christliche Symbolik (Jesuskind) und die idealisierte, fast märchenhafte Darstellung einer behüteten, wohlhabenden Weihnachtsfeier könnten hier auf Distanz stoßen.

Ebenso könnte der etwas altertümliche, gefühlvolle und unironische Sprachstil für Leser, die moderne, schnörkellose oder experimentelle Lyrik bevorzugen, als zu sentimental oder traditionell wirken. Wer nach einem kurzen, knappen und witzigen Weihnachtsgedicht sucht, ist mit Wickenburgs tiefsinnigem und ausführlichem Werk nicht optimal bedient.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein ruhiger, gefühlvoller und betonter Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa eineinhalb bis zwei Minuten. Die sechs Strophen mit jeweils vier Versen bieten eine angenehme Länge, die die Aufmerksamkeit der Zuhörer gut halten kann. Ein zu schnelles Hersagen würde der feierlichen und teilweise nachdenklichen Stimmung des Textes nicht gerecht werden. Pausen zwischen den Strophen, besonders vor der entscheidenden fünften und der abschließenden sechsten Strophe, erhöhen die Wirkung und sind in dieser Zeit bereits mit eingerechnet.

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