O Tannenbaum

Kategorie: Schöne Weihnachtsgedichte

O Tannenbaum

O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Wie treu sind deine Blätter.
Du grünst nicht nur zur Sommerzeit,
Nein auch im Winter wenn es schneit.
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Wie grün sind deine Blätter!

O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Du kannst mir sehr gefallen!
Wie oft hat schon zur Winterszeit
Ein Baum von dir mich hoch erfreut!
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Du kannst mir sehr gefallen!

O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit
Gibt Mut und Kraft zu jeder Zeit!
O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Dein Kleid will mich was lehren.
Autor: Ernst Gebhard Salomon Anschütz

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "O Tannenbaum" von Ernst Anschütz ist weit mehr als nur ein festlicher Weihnachtsklassiker. Bei genauer Betrachtung offenbart es eine tiefere, fast philosophische Ebene. Die erste Strophe preist die Treue und Beständigkeit des Baumes. Sein immergrünes Kleid wird nicht nur als schönes Naturphänomen beschrieben, sondern als Symbol für Verlässlichkeit in einer sich wandelnden Welt – im Sommer wie im eisigen Winter. Diese Beständigkeit steht im Kontrast zur Vergänglichkeit der meisten anderen Pflanzen.

Die zweite Strophe wechselt von der Beschreibung zur persönlichen Beziehung. Der Sprecher drückt seine Freude und emotionale Bindung aus. Das "hoch erfreut" deutet auf ein wiederkehrendes, jährliches Glücksgefühl hin, das mit dem Anblick des Baumes verbunden ist. Hier wird der Tannenbaum zum Träger von Erinnerung und Tradition, ein vertrauter Freund zur kalten Jahreszeit.

Die dritte und letzte Strophe gibt dem Gedicht seine eigentliche moralische Botschaft. Das "Kleid" des Baumes wird explizit als Lehrmeister benannt. Die immergrünen Blätter symbolisieren nun konkret "Hoffnung und Beständigkeit". Diese Tugenden sollen dem Betrachter "Mut und Kraft zu jeder Zeit" geben. Damit wird das Gedicht zu einer kleinen Lebenslehre: In der Natur, im scheinbar simplen Tannenbaum, findet man ein Vorbild für menschliche Haltung und Resilienz in schwierigen Zeiten.

Biografischer Kontext des Autors

Ernst Gebhard Salomon Anschütz (1780-1861) war kein Dichter im Elfenbeinturm, sondern ein praktisch wirkender Pädagoge, Organist und Komponist aus Thüringen. Seine literaturgeschichtliche Bedeutung liegt genau in dieser Volksnähe. Er schrieb und sammelte vor allem Kinder- und Volkslieder, die leicht verständlich und einprägsam waren. Sein "O Tannenbaum" von 1824 ist dabei eine Bearbeitung eines älteren schlesischen Liebesliedes. Anschütz ersetzte die ursprünglichen, weltlichen Verse durch seine bis heute bekannten Zeilen und verband sie mit einer bereits existierenden Melodie. Sein Genie bestand darin, ein einfaches, eingängiges und emotional ansprechendes Lied zu schaffen, das sich perfekt für das gemeinsame Singen eignete. Damit prägte er maßgeblich unsere heutige Weihnachtstradition und schuf ein Werk, das die Grenzen der Hochliteratur überschritt, um zum echten Volksgut zu werden.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine warme, gefestigte und zuversichtliche Stimmung. Durch die direkte Ansprache "O Tannenbaum" entsteht sofort eine persönliche und fast vertraute Atmosphäre. Die Betonung der Treue ("Wie treu sind deine Blätter") und der immerwährenden Grüne vermittelt ein Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit. Es ist eine besinnliche und ruhige Freude, keine ausgelassene Heiterkeit. Die Erwähnung des Winters und des Schnees umgibt das Ganze mit einer besonderen, stillen Festlichkeit. Die abschließende Lehre von Hoffnung und Beständigkeit verstärkt dieses Gefühl der inneren Stärke und des getrösteten Gemüts. Insgesamt ist die Grundstimmung friedvoll, dankbar und tröstlich.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Themen des Gedichts sind heute vielleicht sogar relevanter denn je. In einer schnelllebigen, von ständigem Wandel und Unsicherheit geprägten Zeit, sehnen sich Menschen nach genau den Werten, die der Tannenbaum symbolisiert: Beständigkeit, Verlässlichkeit und Verwurzelung. Die "Hoffnung und Beständigkeit", von denen Anschütz schreibt, sind universelle Sehnsüchte. Das Gedicht wirft die Frage auf, wo wir in unserer modernen Welt solche Ankerpunkte und Symbole der Kontinuität finden können. Ist es die Familie, Traditionen, Werte oder die Natur selbst? Der Tannenbaum steht als grünes Symbol der Resilienz – die Fähigkeit, auch unter widrigen, "frostigen" Bedingungen lebendig und integer zu bleiben. Diese Parallelen zum modernen Leben machen das alte Gedicht erstaunlich aktuell.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als leicht einzustufen. Der Satzbau ist unkompliziert und gerade, die Wortwahl stammt aus dem grundlegenden deutschen Wortschatz. Einzig das veraltete "grünst" (für "grün bist") und die etwas altertümliche Formulierung "will mich was lehren" könnten für sehr junge Kinder erklärungsbedürftig sein, stören aber das Gesamtverständnis nicht. Die klare Struktur mit wiederkehrenden Refrain-Zeilen und die einfachen Reime machen es extrem einprägsam und zugänglich. Die inhaltliche Tiefe, also die symbolische Bedeutung hinter den einfachen Worten, erschließt sich natürlich erst mit etwas Reflexion, aber der reine Text ist für nahezu jede Altersgruppe und Deutschlernende gut verständlich.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht eignet sich in erster Linie natürlich für die Weihnachtszeit. Es ist perfekt für die Feiertage selbst, für Adventsfeiern, Weihnachtsmärkte oder das Schmücken des Baumes. Darüber hinaus passt es zu jedem winterlichen Anlass, wie einer gemütlichen Runde in der kalten Jahreszeit. Aufgrund seiner allgemeinen Botschaft von Beständigkeit und Hoffnung kann es auch außerhalb des festlichen Kontextes vorgetragen werden, beispielsweise in einer Schulstunde zum Thema Symbole oder Natur in der Literatur. Es ist vor allem ein Gedicht fürs gemeinsame Singen und für Momente der Besinnlichkeit.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht ist ein wahrer All-Age-Klassiker. Schon Kindergartenkinder können die einfachen Zeilen mitsprechen oder -singen und freuen sich über den vertrauten Baum. Grundschulkinder verstehen den Text vollständig und können beginnen, über die Symbolik nachzudenken. Für Erwachsene und Senioren birgt es den nostalgischen Charme der Tradition und die tröstliche, tiefere Botschaft. Es verbindet Generationen, da es ein gemeinsamer kultureller Referenzpunkt ist. Daher eignet es sich ideal für Familienfeiern oder generationsübergreifende Veranstaltungen.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die eine explizit weltliche oder religionskritische Weihnachtsfeier gestalten möchten, da es trotz seiner nicht-christlichen Symbolik stark mit dem traditionellen Weihnachtsfest assoziiert ist. Ebenso könnte es für einen sehr intellektuellen oder avantgardistischen Literaturkreis zu schlicht und volkstümlich wirken, wenn die Gruppe gezielt nach komplexer, moderner Lyrik sucht. Für Situationen, die eine sehr schnelle, dynamische oder humorvolle Darbietung erfordern, ist der ruhige, besinnliche und ernste Ton möglicherweise nicht die erste Wahl.

Wie lang dauert der Vortrag?

Die Vortragsdauer hängt natürlich vom Tempo ab. Bei einem bedächtigen, besinnlichen Vorlesen oder Singen, bei dem man die Zeilen wirken lässt, dauert das Gedicht etwa 60 bis 75 Sekunden. Ein flüssigeres, aber dennoch deutliches Rezitieren liegt bei ungefähr 45 bis 60 Sekunden. Wenn man es als Lied im klassischen, eher langsamen Weihnachtslied-Tempo singt, kann die Dauer auch gut eineinhalb Minuten betragen. Es ist also ein kurzes, prägnantes Werk, das sich leicht in jeden Programmablauf integrieren lässt.

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