Weihnacht

Kategorie: Schöne Weihnachtsgedichte

Weihnacht

Wenn in den ersten blauen Abendtraum
Mit süßem Klang die Feierglocken läuten,
Entzünden wir an unserm Weihnachtsbaum
Die hundert Lichter, die das Glück bedeuten.

Doch einer Kerze andachtsvolles Licht
Lass uns den Göttern weihen und vertrauen,
Dass sie aus ihrer seligen Höhe nicht
Mit Neid auf diese milde Stunde schauen.

Dann seh’n wir schweigend in den hellen Glanz
Und wagen nicht, die Hände uns zu reichen.
Dein Aug’ ist feucht. Und ich beginne ganz,
Ganz leise dir das liebe Haar zu streichen.
Autor: Ernst Goll

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Ernst Golls "Weihnacht" ist weit mehr als eine bloße Beschreibung eines Festes. Es zeichnet ein intimes Bild, das die äußere Festlichkeit mit innerer, fast ängstlicher Andacht kontrastiert. Die ersten vier Verse malen das klassische Idyll: "blaue Abendtraum", "Feierglocken" und "hundert Lichter" stehen für die überwältigende, gemeinschaftliche Freude. Doch diese Fülle wird sofort gebrochen. Die zweite Strophe wendet sich einer einzelnen Kerze zu, die den "Göttern" geweiht wird. Diese unerwartete, fast heidnisch anmutende Geste verrät eine tiefe Unsicherheit. Die Feiernden bitten inständig, die höheren Mächten mögen "nicht mit Neid" auf ihr irdisches Glück schauen. Hier schwingt die archaische Furcht mit, das eigene Glück könne zu groß sein und missgünstige Blicke auf sich ziehen.

Die dritte Strophe löst diese angespannte Andacht in eine wortlose, zärtliche Geste auf. Das Schweigen, die feuchten Augen und die leise Berührung der Haare sind die eigentliche Antwort auf die zuvor artikulierte Furcht. Die Kommunikation findet jenseits der Worte statt. Das Gedicht vollzieht so eine Bewegung von der lauten, öffentlichen Festlichkeit ("Feierglocken") über die stille, religiöse Bitte hin zur privaten, liebevollen Intimität. Die "hundert Lichter" des Glücks werden am Ende im scheuen Blick und in einer zarten Berührung konkret und greifbar.

Biografischer Kontext des Autors

Ernst Goll (1887-1912) war ein österreichischer Dichter, dessen kurzes Leben und Werk zwischen Spätromantik und frühem Expressionismus stehen. Sein Schaffen ist von einer tiefen Melancholie und einer Sehnsucht nach Transzendenz geprägt, was sich auch in "Weihnacht" widerspiegelt. Die Furcht, die Götter könnten neidisch sein, und die Flucht in die stille Intimität passen zu einem sensiblen Künstler, der sich oft mit Themen wie Vergänglichkeit, Einsamkeit und der Suche nach Geborgenheit auseinandersetzte. Sein früher Tod mit nur 24 Jahren verleiht seinem Werk eine besondere, nachhallende Dringlichkeit. Gedichte wie "Weihnacht" zeigen ihn nicht als lauten Revolutionär, sondern als Meister der leisen Töne und der subtilen Stimmungen, der in scheinbar festlichen Momenten die untergründigen Ängste und die Kostbarkeit menschlicher Nähe einfing.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine einzigartige, vielschichtige Stimmung. Es beginnt mit feierlicher, traumhafter Weihnachtsstimmung, die jedoch schnell von einer andächtigen, fast ehrfürchtigen Spannung überlagert wird. Diese Spannung speist sich aus der ungewöhnlichen Bitte an die Götter und dem "Wagen nicht", sich die Hände zu reichen. Es ist eine Stimmung der gebannten Stille, in der das Glück nicht ausgelassen, sondern mit einer gewissen Scheu und Demut betrachtet wird. Die finale Strophe löst diese Anspannung in eine weiche, zärtliche und sehr intime Rührung auf. Die vorherrschende Gesamtstimmung ist somit eine tief bewegte, nachdenkliche Innigkeit, die das Festliche in das Private übersetzt.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Das Gedicht wirft Fragen auf, die heute genauso relevant sind wie vor über hundert Jahren. In einer Zeit, die von lauter, kommerzieller Weihnachtshektik geprägt ist, erinnert Goll an die Kraft der Stille und der echten, unmittelbaren Zwischenmenschlichkeit. Die Geste, in der Hektik innezuhalten und das eigene Glück fast ängstlich zu betrachten ("wagen nicht, die Hände uns zu reichen"), ist hochaktuell. Es thematisiert die Sorge, ob unser irdisches Glück beständig ist, und findet die Antwort nicht in großen Gesten, sondern in schweigender Verbundenheit und zärtlicher Nähe. Damit spricht es moderne Leser an, die nach authentischen, unverstellten Momenten inmitten der Festtagsroutine suchen.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist klar und die Wortwahl größtenteils zugänglich. Einzelne Begriffe wie "Abendtraum" oder "andachtsvoll" sind poetisch, aber gut verständlich. Die Herausforderung und der eigentliche Anspruch liegen im inhaltlichen Verständnis der subtilen Stimmungswechsel und der historisch-religiösen Nuance der "Götter" (statt des singularischen "Gottes"). Das Gedicht erfordert ein wenig Einfühlungsvermögen, um die Bewegung von der öffentlichen Feier zur privaten Andacht und schließlich zur wortlosen Intimität nachzuvollziehen.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht eignet sich perfekt für ruhige, besinnliche Weihnachtsmomente abseits des Trubels. Es ist ideal für einen literarischen Adventsnachmittag, eine stille Weihnachtsfeier im kleinen Familien- oder Freundeskreis oder als nachdenklicher Beitrag in einer Weihnachtsandacht. Aufgrund seiner intimen, zärtlichen Schlussstrophe bietet es sich auch als sehr persönliches, poetisches Geschenk für einen geliebten Menschen an, vielleicht vorgetragen bei Kerzenschein. Es ist weniger geeignet für laute, ausgelassene Festivitäten.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht spricht in erster Linie Erwachsene und Jugendliche ab etwa 14 Jahren an. Junge Leser und Zuhörer benötigen ein gewisses Maß an Lebenserfahrung und emotionaler Reife, um die komplexe Stimmung zwischen Festfreude, ehrfürchtiger Scheu und zärtlicher Intimität vollständig erfassen und würdigen zu können. Die tiefe, ruhige Emotionalität des Textes wird von dieser Altersgruppe am besten verstanden.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die ein eindeutig fröhliches, ausgelassenes oder rein christlich geprägtes Weihnachtsgedicht suchen. Es ist auch keine einfache Kinderverse. Wer mit der eher ungewöhnlichen, fast abergläubisch anmutenden Anrufung der "Götter" und der gedämpften, scheuen Grundstimmung nichts anfangen kann, wird vielleicht keinen Zugang finden. Ebenso ist es für Situationen unpassend, die schnelle, unterhaltsame oder humorvolle Beiträge erfordern.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein angemessener, bedächtiger Vortrag des Gedichts, der die Stimmungswechsel und Pausen wirksam zur Geltung bringt, dauert etwa 45 bis 60 Sekunden. Ein zu hastiges Vorlesen würde der andächtigen und intimen Atmosphäre des Textes widersprechen. Nimm dir Zeit, besonders bei der Wendung in der zweiten Strophe und bei der leisen, zärtlichen Schlusszeile.

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