Weihnacht

Kategorie: Schöne Weihnachtsgedichte

Weihnacht

Ich bin der Tischler Josef,
Meine Frau, die heißet Marie.
Wir finden kein' Arbeit und Herberg'
Im kalten Winter allhie.

Habens der Herr Wirt vom goldnen Stern
Nicht ein Unterkunft für mein Weib?
Einen halbeten Kreuzer zahlert ich gern,
Zu betten den schwangren Leib.

Ich hab kein Bett für Bettelleut;
Doch scherts euch nur in den Stall.
Gevatter Ochs und Base Kuh
Werden empfangen euch wohl.

Wir danken dem Herrn Wirt für seine Gnad
Und für die warme Stub.
Der Himmel lohns euch und unser Kind,
Seis Madel oder Bub.

Marie, Marie, was schreist du so sehr?
Ach Josef, es sein die Wehn.
Bald wirst du den elfenbeinernen Turm,
Das süßeste Wunder sehn.

Der Josef Hebamme und Bader war
Und hob den lieben Sohn
Aus seiner Mutter dunklem Reich
Auf seinen strohernen Thron.

Da lag er im Stroh. Die Mutter so froh
Sagt Vater Unserm den Dank.
Und Ochs und Esel und Pferd und Hund
Standen fromm dabei.

Aber die Katze sprang auf die Streu
Und wärmte zur Nacht das Kind.
Davon die Katzen noch heutigen Tags
Maria die liebsten Tiere sind.
Autor: Klabund

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Klabunds "Weihnacht" erzählt die biblische Geschichte von Jesu Geburt aus einer ungewöhnlich menschlichen und bodenständigen Perspektive. Das Gedicht beginnt nicht mit himmlischen Heerscharen, sondern mit der sozialen Not eines arbeitslosen Handwerkerpaares. Josef und Maria werden als einfache, von der Kälte und Ablehnung gezeichnete Menschen dargestellt. Ihre Suche nach einer Herberge und das Feilschen um einen "halbeten Kreuzer" verankern das Wunder ganz in der irdischen Realität von Armut und Ausgrenzung. Der Wirt vom "goldnen Stern" ist keine bösartige Figur, aber gleichgültig; seine pragmatische Lösung, den Stall anzubieten, unterstreicht den Status der Familie als "Bettelleut".

Die Geburtsszene selbst ist von intimer Schlichtheit geprägt. Josef übernimmt hier die Rolle des "Hebamme und Bader", ein zärtliches und unkonventionelles Detail. Die Ankunft des Kindes wird nicht als theologisches Ereignis, sondern als "süßestes Wunder" und "elfenbeinerner Turm" besungen – Bilder, die Schönheit und Zerbrechlichkeit vereinen. Der "stroherne Thron" ist ein machtvolles Symbol für die Umkehrung aller weltlichen Werte: Herrschaft gründet nicht auf Macht, sondern auf Bedürftigkeit.

Den eigentlichen Charme und die tiefe Volksfrömmigkeit des Gedichts offenbart das Finale. Die Tiere werden als "fromme" Zeugen in eine Gemeinschaft des Stalls eingebunden. Die Handlung der Katze, die das Kind wärmt, ist eine liebevolle, mythologische Begründung für die besondere Zuneigung Marias zu Katzen. Diese Episode verleiht der Geschichte eine warmherzige, fast märchenhafte Note und rundet das Bild einer Geburt ab, die nicht im Prunk, sondern in der einfachen Solidarität aller Kreaturen ihre wahre Größe findet.

Biografischer Kontext des Autors

Klabund, bürgerlich Alfred Henschke, war ein äußerst produktiver und vielseitiger Schriftsteller der expressionistischen Generation. Sein Künstlername, eine Zusammensetzung aus "Klabautermann" und "Vagabund", verrät bereits sein Programm: er war ein ruheloser Geist, stets zwischen Tradition und Aufbruch pendelnd. Seine Werke umfassen Lyrik, Romane, Dramen und Nachdichtungen aus dem Chinesischen. Klabund war ein Meister der Verfremdung und Neuerzählung bekannter Stoffe. In "Weihnacht" zeigt sich diese Haltung deutlich. Er nimmt das vertraute Weihnachtsevangelium und erzählt es aus einer neuen, sozialkritischen und volksnahen Perspektive neu. Sein Interesse galt nicht der dogmatischen Lehre, sondern der menschlichen, emotionalen Essenz der Geschichte. Dieses Gedicht ist ein typisches Beispiel für seinen Stil, der das Hohe und Heilige mit derben, einfachen und herzlichen Tönen verbindet, um es für eine moderne Leserschaft unmittelbar erfahrbar zu machen. Sein früher Tod mit 37 Jahren im Jahr 1928 beendete eine Karriere, die stets von Experimentierfreude und einem tiefen Gespür für die Kraft der Sprache geprägt war.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine einzigartige Mischung aus Stimmungen. Zunächst vermittelt es eine deutliche Kälte und Verlassenheit durch die Schilderung von Winter, Arbeitslosigkeit und abweisenden Menschen. Darüber legt sich jedoch eine wachsende Wärme und innige Zufriedenheit. Die Stimmung wandelt sich von der verzweifelten Suche zur dankbaren Annahme der bescheidenen Unterkunft und gipfelt in der friedvollen Intimität der Geburtsszene. Die Anwesenheit der Tiere und vor allem die Geste der Katze verleihen dem Ganzen einen Hauch von wundersamer Geborgenheit und fast familiärer Vertrautheit. Es ist keine feierlich-erhabene, sondern eine bescheiden-frohe, zutiefst menschliche und tröstliche Weihnachtsstimmung.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Klabunds "Weihnacht" wirft Fragen auf, die heute drängender sind denn je. Das Bild des migrierenden, obdachlosen Paares, das an allen Türen abgewiesen wird, spricht direkt zu aktuellen Debatten über Flucht, Armut und soziale Kälte. Das Gedicht fragt uns, wer in unserer Gesellschaft willkommen ist und wer in den "Stall" verwiesen wird. Gleichzeitig feiert es die Kraft des Bescheidenen, die Würde in der Not und die bildende Kraft einfacher Güte – sei es die des Wirts, der immerhin den Stall anbietet, oder die der Tiere. In einer Zeit der Polarisierung erinnert es an die Menschlichkeit jenseits von Status und Besitz. Die Botschaft, dass das Größte im Kleinsten und Unscheinbarsten geschehen kann, bleibt eine zeitlose und notwendige Perspektive.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht überwiegend leicht bis mittelschwer zu verstehen. Klabund verwendet eine bewusst volkstümliche, manchmal dialektgefärbte Sprache ("heißet", "finden kein' Arbeit", "zahlert ich gern"). Einzelne veraltete Begriffe wie "halbeten Kreuzer" (eine Münze) oder "Base" (Verwandte, hier: Kuh) können kurz erklärt werden, erschließen sich aber oft aus dem Kontext. Die Syntax ist einfach und der Erzählfluss klar. Die Herausforderung und der poetische Reiz liegen weniger im Vokabular als im Verständnis der künstlerischen Absicht: die bewusste Stilisierung zur Volksballade, die subtile Sozialkritik und die symbolische Aufladung einfacher Bilder wie dem "strohernen Thron". Diese Ebene macht es anspruchsvoll und diskussionswürdig.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht ist eine perfekte, unkonventionelle Bereicherung für viele Anlässe. Es passt hervorragend in:

  • Weihnachtsfeiern in Familie, Gemeinde oder Schule, die nach einer frischen, nicht-kitschigen Betrachtung der Weihnachtsgeschichte suchen.
  • Literarische Adventsrunden oder Lesungen, die einen sozialkritischen oder volkspoetischen Akzent setzen möchten.
  • Den Religions- oder Ethikunterricht, um die Menschwerdung Gottes aus einer alltagsnahen Perspektive zu diskutieren.
  • Ruhige Momente der persönlichen Advents- und Weihnachtszeit, die zum Nachdenken anregen sollen.

Es ersetzt nicht das klassische Weihnachtsevangelium, sondern ergänzt es durch eine einfühlsame und erdige Nacherzählung.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Mit einer kleinen Einführung ist das Gedicht bereits für Kinder ab etwa 8 oder 9 Jahren zugänglich und interessant. Die Geschichte an sich ist bekannt, und die tierische Schlusspointe mit der Katze spricht jüngere Leser besonders an. Für Jugendliche und Erwachsene erschließen sich dann die tieferen sozialen und menschlichen Dimensionen. Die volkstümliche Sprache und die klare Erzählstruktur machen es für ein breites Publikum verständlich, während die kunstvolle Verdichtung und der historische Kontext für literarisch Interessierte weitere Entdeckungsebenen bieten. Es ist also ein Gedicht für die ganze Familie, das mit jedem Lebensalter neue Aspekte offenbart.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht könnte für Leser weniger geeignet sein, die eine ausschließlich feierlich-erhabene oder streng theologische Darstellung der Weihnachtsgeschichte erwarten. Wer nach traditioneller, reimstarker und pathetischer Weihnachtslyrik sucht, wird hier vielleicht die gewohnte Andacht vermissen. Auch für sehr junge Kinder, die noch keine Vorstellung von sozialer Not haben, könnten die ersten Strophen mit ihrer Schilderung von Kälte und Abweisung etwas befremdlich wirken. Menschen, die eine klare Trennung zwischen frommer Legende und realistischer Erzählung bevorzugen, mögen den Stilmix aus Bibelstoff, Sozialrealismus und Tierfabel als zu ungewöhnlich empfinden.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein ruhiger, betonter und einfühlsamer Vortrag des gesamten Gedichts dauert etwa eineinhalb bis zwei Minuten. Dieser Zeitrahmen erlaubt es, die volkstümliche Sprachmelodie auszuspielen, die kleinen Pausen zwischen den Strophen wirken zu lassen und der emotionalen Entwicklung von der Not zur Freude Raum zu geben. Ein zu hastiges Vorlesen würde den besonderen Charme und die erzählerische Qualität des Textes mindern. Nimm dir also Zeit, um in die Rolle des erzählenden Josef und die anderen Figuren einzutauchen – das macht den Vortrag besonders lebendig.

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