Weihnachten bewahren
Kategorie: Schöne Weihnachtsgedichte
Weihnachten bewahren
Das ist Weihnachten bewahren.Autor: Henry van Dyke
Ich beschließe zu vergessen,
was ich für andere getan habe,
und will mich daran erinnern,
was andere für mich taten;
ich will übersehen,
was die Welt mir schuldet,
und daran denken
was ich der Welt schulde.
Ich will erkennen,
daß meine Mitmenschen genauso
wirkliche Wesen sind wie ich,
und will versuchen,
hinter ihren Gesichtern
ihre Herzen zu sehn,
die nach Freude und Frieden hungern.
Ich will das Beschwerdebuch gegen die Leistungen
des Universums schließen
Und mich nach einem Platz umsehen,
wo ich ein paar Saaten Glücklichsein säen kann.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Henry van Dykes "Weihnachten bewahren" ist weniger ein klassisches Gedicht mit Reimen und Metrum, sondern vielmehr ein lyrisches Gelübde, ein innerer Monolog, der in eine Handlungsanweisung mündet. Der Titel selbst ist Programm: Es geht nicht um das passive Erleben des Festes, sondern um ein aktives Bewahren seiner Essenz durch eine radikale Veränderung der eigenen Haltung.
Die erste Strophe dreht die gängige Erwartungshaltung um. Anstatt auf eigene Verdienste zu pochen ("vergessen, was ich für andere getan habe"), rückt die Dankbarkeit für das Erhaltene in den Mittelpunkt ("erinnern, was andere für mich taten"). Diese Umkehrung setzt sich fort im Verhältnis zur Welt: Statt Forderungen zu stellen ("übersehen, was die Welt mir schuldet"), übernimmt der Sprecher Verantwortung ("daran denken, was ich der Welt schulde"). Hier wird Weihnachten als Zeit der Schuldentilgung im positiven Sinne gedeutet – als Zeit, um moralische und zwischenmenschliche "Schulden" durch Güte zu begleichen.
Der zweite Abschnitt vertieft diese Haltung durch Empathie. Die Erkenntnis, dass andere "genauso wirkliche Wesen sind wie ich", klingt einfach, ist aber eine fundamentale ethische Grundlage. Der Blick soll hinter die Fassade der Alltagsgesichter zu den universellen menschlichen Bedürfnissen nach "Freude und Frieden" vordringen. Dies ist der Kern der christlichen Nächstenliebe, aber auch einer jeden humanistischen Philosophie.
Das finale Bild ist besonders kraftvoll: Das "Beschwerdebuch gegen die Leistungen des Universums schließen" bedeutet, mit dem Hadern und Klagen aufzuhören, das Leben so anzunehmen, wie es ist. An die Stelle der Passivität tritt kreatives, aktives Gestalten: "einen Platz umsehen, wo ich ein paar Saaten Glücklichsein säen kann." Weihnachten bewahrt man demnach, indem man vom Konsumenten der Feststimmung zu ihrem Gärtner wird.
Biografischer Kontext des Autors
Henry van Dyke (1852–1933) war ein amerikanischer Autor, Geistlicher, Professor und Diplomat. Seine literaturgeschichtliche Bedeutung liegt vor allem in seiner Rolle als populärer Essayist und Geschichtenerzähler zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dessen Werke oft moralische und optimistische Botschaften transportierten. Van Dyke war presbyterianischer Pfarrer und später Professor für Englische Literatur in Princeton. Seine Freundschaft mit Präsident Woodrow Wilson führte zu einer Tätigkeit als US-Gesandter in den Niederlanden und Luxemburg während des Ersten Weltkriegs.
Dieser Hintergrund ist entscheidend für das Verständnis des Gedichts. Van Dykes Werk ist durchdrungen von einem protestantisch geprägten, tätigen Glauben und einem zutiefst amerikanischen Idealismus. "Weihnachten bewahren" spiegelt genau diese Haltung wider: Religion zeigt sich nicht im Dogma, sondern in der praktischen, lebensbejahenden Ethik. Sein diplomatisches Wirken in einer krisenhaften Zeit unterstreicht zudem das im Gedicht zentrale Anliegen, Frieden und Verständnis aktiv zu suchen und zu säen. Das Gedicht ist somit typisch für van Dykes Bestreben, literarische Formen zu nutzen, um zeitlose menschliche Werte zugänglich und anwendbar zu machen.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine ruhige, nachdenkliche und zugleich hoffnungsvolle und entschlossene Stimmung. Es beginnt nicht mit überschwänglicher Festtagsfreude, sondern mit der Stille eines inneren Beschlusses ("Ich beschließe..."). Diese intime, reflexive Atmosphäre lädt zum Innehalten ein. Die Stimmung ist frei von Hektik oder Sentimentalität; sie wirkt ernst, aber nicht schwer. Durch die klaren, handlungsorientierten Bilder des Vergessens, Erinnerns, Sehens und Säens entsteht ein Gefühl der persönlichen Ermächtigung und der positiven Verantwortung. Am Ende steht nicht ein Gefühl der Pflicht, sondern die leichte, fast poetische Vision, selbst "Gärtner des Glücks" werden zu können. Insgesamt ist es eine stimmungsvolle Einladung zur Besinnung und zur aktiv gelebten Menschlichkeit.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Das Gedicht ist in hohem Maße zeitgemäß, vielleicht sogar notwendiger denn je. In einer Zeit, die oft von individuellen Ansprüchen, schneller Kritik ("Beschwerdebuch") und der Suche nach Schuldigen geprägt ist, wirkt van Dykes Appell zur Umkehr der Perspektive wie eine erfrischende Gegenbewegung. Die Aufforderung, hinter die Gesichter zu den hungrigen Herzen zu blicken, ist universell und trifft den Kern unserer oft oberflächlichen, digital vermittelten Kommunikation.
Moderne Parallelen lassen sich direkt zu Konzepten der Achtsamkeit, der positiven Psychologie und der Dankbarkeitspraxis ziehen. Das "Säen von Glücklichsein" entspricht heutigen Ideen des "Pay it forward" oder kleinen, alltäglichen Akten der Freundlichkeit. Die Frage, die das Gedicht aufwirft, ist heute höchst relevant: Wie können wir in einer komplexen, manchmal überwältigenden Welt eine Haltung bewahren, die nicht in Resignation oder Zynismus verfällt, sondern aktiv und konstruktiv bleibt? "Weihnachten bewahren" bietet dafür eine zeitlose, in jede Jahreszeit übertragbare Handlungsmaxime.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht als leicht bis mittelschwer einzustufen. Es verwendet eine klare, unprätentiöse Alltagssprache ohne komplizierte Metaphern oder veraltete Begriffe. Der Satzbau ist geradlinig und parallel aufgebaut ("Ich will...", "ich will..."), was das Verständnis und die Vortragsweise erleichtert. Die einzige leicht anspruchsvollere Wendung ist das bildhafte "Beschwerdebuch gegen die Leistungen des Universums", dessen Bedeutung sich aus dem Kontext aber gut erschließt. Die eigentliche "Schwierigkeit" liegt nicht in der Sprache, sondern in der Tiefe und Konsequenz der geforderten inneren Haltung. Inhaltlich regt es zu anspruchsvoller Selbstreflexion an, während die sprachliche Form für ein breites Publikum zugänglich bleibt.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht eignet sich perfekt für alle Anlässe, die mit Besinnung, Neuanfang und zwischenmenschlicher Verbindung zu tun haben. Sein natürlicher Platz ist natürlich die Weihnachtszeit, insbesondere bei Adventsfeiern, Weihnachtsgottesdiensten, Familienfeiern oder als besinnlicher Beitrag im Rahmen einer Weihnachtsfeier. Darüber hinaus passt es hervorragend zu Jahreswechsel und Neujahrsvorsätzen, da es im Kern ein Gelübde für eine neue Geisteshaltung ist. Es kann auch in nicht-religiösen Kontexten der Wertevermittlung, bei Treffen von Ehrenamtlichen oder in Meditationen und Andachten zum Thema Dankbarkeit und Mitmenschlichkeit einen wertvollen Beitrag leisten.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht spricht eine sehr breite Altersgruppe an. Jugendliche ab etwa 14 Jahren können die ethischen Fragen und die Aufforderung zur Selbstreflexion bereits gut nachvollziehen und diskutieren. Für Erwachsene jeden Alters bietet es aufgrund seiner Lebensweisheit und Tiefe einen immer wieder neuen Zugang. Selbst für Kinder im Grundschulalter (etwa ab 8 Jahren) können die zentralen Bilder – anderen Gutes tun, dankbar sein, Freude säen – in vereinfachter Form vermittelt werden. Die universelle Botschaft macht es somit zu einem generationenübergreifenden Text, der in der Familie gemeinsam gelesen und besprochen werden kann.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die ausschließlich nach traditioneller, gereimter Weihnachtspoesie mit festlichen Beschreibungen von Schnee, Lichtern und Geschenken suchen. Wer eine ausschweifende, verspielte oder humorvolle Dichtung erwartet, wird hier nicht fündig. Es ist auch kein reines "Unterhaltungsgedicht". Menschen, die eine zynische oder ausschließlich materialistische Sicht auf das Fest pflegen, könnten die innere Haltung des Textes als zu idealistisch oder anspruchsvoll empfinden. Für sehr junge Kinder, die noch konkrete Geschichten und einfache Reime bevorzugen, ist die abstrakte, gelübdeartige Form möglicherweise noch nicht unmittelbar zugänglich.
Wie lang dauert der Vortrag?
Bei einem ruhigen, bedächtigen und bewussten Vortrag, der den nachdenklichen Charakter des Textes unterstreicht, beträgt die Dauer etwa eine Minute bis eine Minute und zwanzig Sekunden. Ein schnellerer, rein sachlicher Vorlesestil könnte den Text in etwa 45 bis 50 Sekunden bewältigen, würde ihm aber wahrscheinlich einen Teil seiner Wirkung nehmen. Der empfohlene, gemäßigte Vortragstempo lässt Raum für die einzelnen Pointen – die Umkehrungen in der ersten Strophe, die Betonung der "wirklichen Wesen", das kraftvolle Bild des Schließens des Beschwerdebuchs – und gibt den Zuhörern Gelegenheit, die Gedanken innerlich nachzuvollziehen.
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