Weihnacht

Kategorie: Schöne Weihnachtsgedichte

Weihnacht

Wie haben wir den Winter doch gefürchtet,
als ob er selber ein Knecht Ruprecht wär'!
's ist wahr, mitunter zieht er auch Gesichter
und brummt und macht Spektakel, heult ums Haus,
verschüttet Weg und Steg mit Schnee, dass
man nicht weiß wohin und fast im Wald verirrt.
Und was den Frost betrifft, da ist er Meister;
wen er nicht leiden kann, dem macht aus Bosheit
er rote Nasen und verfrorne Füße.
Es ist schon arg; doch ist es einmal so.
Wie aber der Knecht Ruprecht braven Kindern,
die sich nicht fürchten und die Spaß verstehen,
auch Freude bringt, so tut's der Winter auch.
An klaren Tagen, wenn der Teich voll Eis
und alle Felder weiß bedeckt von Schnee,
was ist das eine Lust dann Schlittschuhlaufen
und Schlittenfahren und den Schneemann bau'n!
Und an den schönen langen Abenden,
wie liest man da so still beim Lampenschimmer
und klebt in Pappe, schnitzt sich allerlei!
Und kommt zuletzt der Weihnachtsabend her
mit seinem Markt, mit Buden und Laternen,
da möchte' man, dass es immer Winter bliebe.
Das ist ein Fest, wenn die Bescherung fertig!
Der Vater klingelt und wir Kinder alle,
eins nach dem andern, treten in die Stube,
und vor uns glänzt der Baum mit seinen Lichtern.
Das ist ein Fest! Ach, wär' es nur erst da!
Autor: Robert Reinick

Interpretation des Gedichts

Robert Reinicks "Weihnacht" ist mehr als nur ein festliches Gedicht. Es ist eine kluge Betrachtung über die Ambivalenz der Jahreszeit und eine Hymne auf die innere Haltung, die aus etwas Bedrohlichem Freude zu schöpfen vermag. Das lyrische Ich beginnt mit einer kindlichen Projektion: Der Winter wird personifiziert und wie der schreckliche Knecht Ruprecht gefürchtet. Seine bedrohlichen Eigenschaften – das Heulen, das Verschütten der Wege, der beißende Frost – werden lebhaft geschildert. Doch dann vollzieht sich eine entscheidende Wendung: "Doch ist es einmal so." Diese resignative, fast erwachsene Einsicht öffnet die Tür für einen Perspektivwechsel.

Genau wie der sagenhafte Begleiter des Nikolaus nicht nur Schrecken verbreitet, sondern braven Kindern auch Freude bringt, so tut es der Winter ebenfalls. Die zweite Gedichthälfte ist ein Katalog winterlicher und vorweihnachtlicher Freuden: Schlittschuhlaufen, Schlittenfahren, das Basteln bei Lampenlicht und schließlich der Höhepunkt, der Weihnachtsabend mit Markt, Lichtern und der feierlichen Bescherung. Der Wunsch "Ach, wär' es nur erst da!" verrät die ungeduldige Vorfreude, während der andere Wunsch, "dass es immer Winter bliebe", die Verzauberung durch diese besondere Zeit ausdrückt. Das Gedicht lehrt uns, dass die Schönheit des Festes und der Jahreszeit erst durch die vorangegangene Dunkelheit und Kälte ihre volle Strahlkraft entfalten.

Biografischer Kontext des Autors

Robert Reinick (1805-1852) war ein deutscher Maler, Dichter und Illustrator der Spätromantik. Seine Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine volkstümlichen und kindgerechten Gedichte und Lieder, die oft in Schullesebüchern verbreitet waren. Reinicks künstlerische Doppelbegabung prägte sein Werk: Seine Texte sind häufig sehr bildhaft und anschaulich, als wären sie gemalt. Er stand in Kontakt mit bedeutenden Zeitgenossen wie Robert Schumann, der einige seiner Texte vertonte.

Sein Gedicht "Weihnacht" spiegelt genau diese Hinwendung zum schlichten, gefühlvollen und für ein breites Publikum verständlichen Erzählen wider. Es ist kein hermetisches Kunstgedicht, sondern eine erzählerische Momentaufnahme, die das bürgerliche Familienideal und die gemütvolle Innenschau der Biedermeierzeit einfängt. Reinicks Werk ist damit ein wichtiges Zeugnis für die literarische Strömung, die das Private, Häusliche und Idyllische in den Mittelpunkt stellte – ein perfekter Nährboden für die Darstellung des familiären Weihnachtsfestes.

Stimmung des Gedichts

Das Gedicht erzeugt eine warme, nostalgische und schließlich triumphierend freudige Stimmung. Es beginnt mit einem leisen, fast gruseligen Unterton, der an Märchen und Sagen erinnert. Diese anfängliche Beklommenheit wandelt sich jedoch zusehends in eine Stimmung der behaglichen Geborgenheit. Die Bilder vom Lesen beim "Lampenschimmer", vom Basteln und vom glänzenden Weihnachtsbaum im geschützten Familienkreis strahlen innere Wärme und Sicherheit aus. Die finale Beschreibung der Bescherung ist von purem, kindlichem Glanz und ungeduldiger Vorfreude geprägt. Insgesamt ist die Grundstimmung eine der sehnsuchtsvollen Erinnerung und der liebevollen Wertschätzung für die einfachen, schönen Rituale der Winter- und Weihnachtszeit.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentrale Botschaft des Gedichts, dass man einer unangenehmen oder fordernden Situation (dem "Winter") durch eine positive innere Haltung und die Konzentration auf die schönen Aspekte begegnen kann, ist heute genauso gültig wie damals. In einer Zeit, die von Hektik und äußeren Krisen geprägt ist, erinnert Reinick daran, bewusst Inseln der Ruhe und des gemeinsamen Erlebens zu schaffen – ob beim winterlichen Spaziergang oder beim gemütlichen Abend zu Hause.

Das Gedicht wirft auch die immer relevante Frage auf, wie wir mit der "dunklen" Jahreszeit umgehen. Statt sie nur zu fürchten, können wir ihre einzigartigen Qualitäten schätzen lernen. Die kindliche Freude über Schnee und Eis, die Sehnsucht nach einem echten Fest der Gemeinschaft und das Gefühl der Vorfreude sind universelle menschliche Erfahrungen, die das Gedicht zeitlos machen. Es ist eine Einladung, sich auf das Wesentliche und auf zwischenmenschliche Wärme zu besinnen.

Schwierigkeitsgrad

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Es verwendet eine natürliche, erzählende Sprache des 19. Jahrhunderts ohne komplizierte Metaphern oder verschachtelte Sätze. Einige veraltete Wendungen wie "'s ist wahr" oder "da möchte' man" sind aus dem Kontext aber leicht verständlich. Die Personifikation von Winter und Knecht Ruprecht ist ein eingängiges literarisches Mittel. Die größte Herausforderung für junge oder ungeübte Leser könnten wenige veraltete Begriffe wie "Spektakel" (Lärm) oder "verfrorne Füße" sein. Insgesamt ist der Text jedoch gut zugänglich und sein Inhalt durch die klare Erzählstruktur leicht nachvollziehbar.

Geeigneter Anlass

Dieses Gedicht eignet sich perfekt für die besinnliche Zeit im Advent und natürlich für den Weihnachtsabend selbst. Es passt wunderbar in eine gemütliche Vorleserunde in der Familie, vielleicht bei Kerzenschein, genau wie im Gedicht beschrieben. Auch für eine kleine Weihnachtsfeier in der Schule, im Kindergarten oder im Seniorenkreis ist es eine ausgezeichnete Wahl, da es direkt gemeinsame Erinnerungen und Erlebnisse anspricht. Darüber hinaus kann es in einem literarischen Kalender für den Dezember oder als Einstieg in eine Betrachtung über winterliche Bräuche und Poesie verwendet werden.

Geeignete Altersgruppe

Das Gedicht spricht mit seiner einfachen Erzählperspektive und den konkreten Bildern eine breite Altersgruppe an. Kinder ab dem Grundschulalter (etwa 6-7 Jahre) können den Inhalt verstehen und sich mit den Aktivitäten wie Schneemann bauen oder der Vorfreude auf Weihnachten identifizieren. Jugendliche und Erwachsene schätzen zusätzlich die nostalgische Stimmung und die tiefergehende Aussage über den Umgang mit der dunklen Jahreszeit. Selbst für ältere Menschen ist es ein wunderbarer Text, der Erinnerungen wachruft und ein Gefühl von Tradition und Kontinuität vermittelt.

Für wen eignet es sich weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die explizit nach moderner, experimenteller oder kritischer Lyrik suchen. Wer eine dezidiert nicht-christliche oder rein winterliche Betrachtung ohne den Höhepunkt des Weihnachtsfestes sucht, wird mit der zweiten Hälfte des Gedichts vielleicht weniger anfangen können. Auch für eine sehr kurze, schnelle Darbietung (unter einer Minute) ist der Text aufgrund seiner Länge und ruhigen Entfaltung nicht optimal geeignet. Menschen, die mit der deutschen Sprache des 19. Jahrhunderts gar keine Erfahrung haben, könnten an den wenigen altertümlichen Formulierungen stolpern.

Dauer des Vortrags

Bei einem ruhigen, betonten und genussvollen Vorlesen, das die Stimmungswechsel vom Gruseligen zum Gemütlichen und schließlich zur freudigen Erregung nachempfindet, dauert der Vortrag des gesamten Gedichts etwa eine Minute bis 90 Sekunden. Diese Dauer macht es perfekt für einen programmatischen Beitrag innerhalb einer größeren Weihnachtsfeier, ohne dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer überstrapaziert wird. Ein zu hastiges Vorlesen würde der behaglichen Atmosphäre des Textes widersprechen.

Mehr Schöne Weihnachtsgedichte