Der Stern

Kategorie: Lange Weihnachtsgedichte

Der Stern

Im Himmel, da war groß Ach und Weh bei allen Engeln,
weiß wie Schnee, und hub an an bitterlich Weinen
bei den großen wie bei den kleinen:
"Dass ihr es wisst, dass ihr es wisst:
Christkindleins Stern verschwunden ist,
den es trug in feinem güldenen Haar,
der unser aller Freude war,
der so köstlich gebrannt den drei Königen aus dem Morgenland,
der über Bethlehems Krippe stand,
der Wunderstern, der Weihnachtsstern -
nun ist er verloren, nun ist er fern"!

Sprach ein Englein, und das sprach gut:
"Was hilft es, wenn man nur jammern tut!
Wir müssen suchen und fliegen,
dass wir es wieder kriegen!
"Sprach ein drittes: "Was hilft das Klagen?
Müssen's eben Gottvater sagen,
der alles weiß, was ihr nicht wisst.
Der weiß auch, wo das Sternlein ist!"

Sprach's Christkind - und sprach's nicht froh:
"Ach nein, ich schäme mich ja so!
Wär mir schon lieb,
wenn's Gottvater noch verschwiegen blieb,
Vielleicht, dass es glückt,
dass einer uns das Verlorene schickt,
eh' Er es merkt in seinem Sinn,
dass ich so ohne Sternlein bin!"
Sprach ein viertes, und das war schön:
"So wollen wir zu Sankt Peter geh'n,
vielleicht hat er es vorbeifliegen sehn!"
Da riefen alle: "Ei ja, ei ja!"
und - burr, burr . schon waren sie da!

Sankt Peter - nein, der wusste nichts
vom Weihnachtsstern voll goldenen Lichts,
hatte wohl auch ein wenig genickt
und nicht immer so recht hingeblickt,
sprach nur: "Ei,ei!"
Und dass das 'ne dumme Geschichte sei!
"Denn heut' abend, das wisst ihr doch,
muß ja Christkind zur Erde noch!
Heiligabend ist bald heran,
da Stecken sie unten die Lichter an.
Es will doch ein jeder seine par Gaben
und himmlischen Glanz in sein Häusel haben,
wie's Christkind ihn bringt vom ewigen Licht.
Und ohne Stern? Ja - das geht doch nicht!

So sprach Sankt Peter, der Pförtnermann.
Da fingen sie wieder zu weinen an, die armen Tröpfe,
senkten die Flügel und hingen die Köpfe,
und's Christkind bat:
"Sankt Peter, weißt du denn gar keinen Rat?"
"Tja -," meinte Sankt Peter und zog ein Gesicht,
"da heißt's eben - suchen! Mehr weiß ich nicht.
Suchen im Himmel und auf der Erde,
ob es nicht doch noch gefunden werde,
suchen umher in der ganzen Welt,
wo wohl das Sternlein niederfällt!
So fliegt nach Süden und fliegt nach Norden,
bis dass es Heiligabend geworden!
Fliegt nach Ost und fliegt nach West
bis zum himmlischen Weihnachtsfest!
Sucht und fliegt, ob ihr das Sternlein wiederkriegt!"

Auf rauschte das Tor,
hui stob es hervor
und stürmte mit silbernem Flügelgebraus
wie schwingende Schwäne zum Himmel hinaus!
Mit wehem Blick
Christkindlein kehrte allein zurück
und seufzte bänglich beim Lilienwinden:
"Ob Sie's wohl finden?"
Die Sonne sinkt, die Zeit verrinnt,
in Lilien sitzt das Himmelskind,
sitzt ganz allein im Glorienschein:
"Wo bleiben meine Engelein?
Sankt Peter geh! Sankt Peter schau!
Siehst du noch nichts im Himmelsblau?"
Sankt Peter guckt durchs goldene Tor
- da rauscht's empor
durch Rosenwolken und Abendsonne
wie schwingende Schwäne zur himmlischen Wonne
und schwirrt und schwebt
und zagt und bebt,
faltet die Flügel und kniet und spricht:
" Das Sternlein vom Haupte, wir fanden es nicht!"

Da ist das Christkind aufgestanden
aus Lilien schön:
"Wenn Sie mein Sternlein nimmer fanden,
so will ich selber suchen geh'n."
Ließ hinter sich der Englein Not
und schritt hinaus in's Abendrot.
Im Nest verglomm das letzte Licht.
Die liebe Sonne ging zur Ruh.
Die Flocken fielen weich und dicht und immerzu
- und immerzu.
Die Wälder trugen schwer an Schnee,
wo sonst sich wiegte Blatt an Blatt
- vermummelt schliefen Tal und Höh',
und weiß im Wirbel lag die Stadt.
Schon stand geschmückt in jedem Haus
der Tannenbaum so freudevoll
und grünte in die Nacht hinaus.
Ob nun das Wunder kommen soll?
Und alle Kindlein lauschten,
ob nicht schon Flügel rauschten
im Weihnachtswind vom Himmelskind,
und waren rein wie toll.

Der blasse Heini aber stand
im Schnee so tief,
sein Spielzeug in erstarrter Hand,
und rief und rief:
"Kauft Hampelmänner, liebe Leut'!
's ist Weihnacht heut!"
So rief er trüb und trüber.
Doch jeder lief, ob nah, ob weit,
voll Emsigkeit vorüber, ach vorüber!
Sie sahen nicht, sie hörten's kaum.
"Nach Haus, nach Haus zum Weihnachtsbaum!"
Der Heini blieb im Schneewind steh'n
und wischte sich ein Tränlein ab.
Willst du nicht auch nach Hause geh'n,
du kleiner Spielzeugknab?
Ist dir kein Bäumlein beschert?
Kein Heimathaus? Kein warmer Herd?

O bittere Not!
Daheim im Dorf Stiefmutter droht
mit Schelten und mit Schlagen:
"Kehr nimmer mir nach Haus zurück,
eh' nicht verkauft das letzte Stück!"
So stand er da, vom Wind umschneit:
"Kauft Hampelmänner, liebe Leut!"
Doch als die Straße menschenleer,
da wandt' er sich und rief nicht mehr,
ließ Stadt und Haus
und schlich betrübt zum Wald hinaus.
Der Wald lag schwarz, der Wald lag schwer
und Weg wie Steg verschneit umher,
kein Stern, kein Lichtlein angezünd't,
dass man den Weg nach Hause find't.
So stapft' er mühsam durch die Nacht
in dumpfer Qual.
Am Rosenbon im Felsental,
da hat er müde halt gemacht:
"Hier grab' ich mir ein Grübelein,
das soll mein Haus und Bette sein,
drin schlaf' ich weich und sacht."
Und wie er griff, und wie er grub
mit bitterkalten Fingerlein - da sieh
- o sieh, ein goldener Schein
sich funkelnd aus der Tiefe hub!
Das flackerte und flimmerte mit lichtem Zackenrand!
Ein feuerstrahlend Sternlein,
das hielt er in der Hand!

"O Himmelswunder," rief er aus,
"Du güldne Zier und süßer Schein!
Das bring ich Mutter mit nach Haus,
so kann sie nimmer böse sein!"
Ihm war so wohl und weich zumut,
als er das lichte Kleinod hielt,
er barg es unterm Kleide gut,
hat nichts von Bangen mehr gefühlt.
Er streckte sich und reckte sich
mit Flocken weiß zur letzten Ruh,
sprach sein Gebet, vom Wind umweht,
dann - fielen ihm die Augen zu.
Kein Wind im Tann,
kein Flöckchen mehr,
nur hie und da und dann und wann
stäubt weiße Last von Zweig und Ast
- und wieder Stille weit umher.
Jagt eine Taube durch den Wald
und sah im Fliegen
im Flockenbett so stumm und kalt
den blassen Schläfer liegen:
"O weh! Ein Büblein hier im Schnee!
Tut sich nicht rühren, so wird's erfrieren.
Wie hülf' ich gern dem Kinde!
Hab' keine Zeit, ich muß noch weit
durch Wolken und durch Winde,
dass ich ihn such' und finde,
den güldenen Himmelsstern!"
Ein sanftes Windessausen,
zwei Taubenschwingen brausen
- schon war sie meilenfern.

Da ging ein Leuchten durch den Wald
in sanfter Pracht.
Das war so süß und wundersam,
die Hirsch und Rehlein standen zahm,
weil es vom heil'gen Kinde kam.
Das wandelt durch die Nacht und bückte sich,
bald hier, bald dort
und hin und her von Ort zu Ort
und suchte nah und ferne
nach dem verlornen Sterne.
Nun stand es still und sah erschrocken
das Menschlein müde hingestreckt,
so weiß wie das Gewand der Flocken,
das ihn bedeckt:
"Wach auf, wach auf, du blasser Knab'!
Wirf Schneegewand und Schlummer ab
und geh geschwind, nach Hause, Kind,
dass Dir das Bäumlein angezünd't!"
Es nahm ihn sanft in seine Arme
und streichelte sein Angesicht,
dass er erwache und
erwärme in soviel Lieb' und Himmelslicht.
Doch regt er nicht die zarten Glieder,
die schmale Wange ward nicht rot,
schwer in die Flocken sank er wieder.
Der kleine Heini, der war - tot!

Da ließ das Kindlein Stern und Erde,
hub seine Schwingen weiß und breit
und trug mit lächelnder Gebärde
ihn heim zur schönen Ewigkeit.
O seliges Schweben zum ewigen Leben!
Höher und höher, dem Göttlichen näher,
zum Licht empor!
Tief drunten verlassen die irdischen Gassen!
Und siehe, von ferne im Feuer der Sterne
schon funkelt von Eden das himmlische Tor!
Im himmlischen Garten,
da sitzen die Englein
mit fiebernden Wänglein
und wispern und warten:
"Schon naht sich die Stunde,
da rings in der Runde
voll Wonne erwacht die heilige Nacht!
Schon werden auf Erden die dämmernden Räume
wie selige Träume von Lichtern erhellt.
Es knistern die Kerzen,
erwarten voll Sehnsucht den Heiland der Welt.
Wo säumt er so fern?
Ach, kaum noch ein Stündlein!
Wann naht sich das Kindlein? W
ann leuchtet sein Stern?"

So raunen sie mit bangen Mienen
und drängen aneinander dicht -
da steht es plötzlich unter ihnen,
ein Lächeln auf dem Angesicht:
"Blieb auch mein Sternlein mir verschwunden,
seht, seht, was ich hier im Schnee gefunden!"
Und alles reckt, und alles schaut
und starrt und staunt bald leis,' bald laut:
"O seht geschwind!
Ein Büblein ist's, ein Menschenkind!
Wie schaut es so blaß!
Sein Röcklein, wie naß!
Ei - ob sich's wohl rührt?
Ob's schläft? Ob's friert?
Ich lös' ihm die Schuhe! Ich wärm' ihm die Füß'!
Ich bring ihm zwei Flüglein vom Paradies!
Ich weck' ihn! Ich deck' ihn!
Ich sing ihm ein Lied!
Ach laßt ihn doch schlummern, er ist ja so müd!"

So schwebt es und schwirrt es
und gafft es und girrt es
und streichelt die Löcklein
und zupft ihn am Röcklein mit flatternden Flügeln,
der himmlische Hauf.
Christkindlein aber lächelt und neigte sich
und beugte sich und küßt ihn mitten auf den Mund.
Da schlug er groß die Augen auf
und blickt umher und faßt' es kaum: Ist's nur ein Traum,
was ihm geschah, und was er sah?
Der Engel Heer, des ew'gen Himmels Herrlichkeit,
ist's Wirklichkeit?
"Kauft Hampelmänner, liebe Leut'!"
so möcht er sagen,
kann's doch nicht wagen
und stammelt nur - und stockt - und spricht:
"Verlor ich auch das Sternlein nicht?"
Und mit der Hand aus dem Gewand
holt er das Wunderkleinod vor.
Hui, flammt empor der goldene Brand
hoch über die Himmel in funkelnder Pracht!
Von Glanz erhellt liegt alle Welt,
begonnen hat die heilige Nacht!

Und Engel Jauchzen nah und fern.
"Der Stern! Der Stern! Der Weihnachtsstern!"
Eia, eia! Nun ist er da! O seliges Wunder, wie es geschah!"
Christkindlein spricht, Christkindlein winkt:
"Wer mir das Sternlein wiederbringt, dem bin ich hold,
könnte sich wünschen, was er wollt',
ich würd's ihm schenken
und sein in ewiger Lieb' gedenken.
So hab ich's versprochen, so will ich's tun.
So rede, Büblein, und sage mir nun,
wie soll ich dir lohnen, wie dich begaben,
dass du das Sternlein mir wiedergebracht?
Möchtest zwei schimmernde Flügel du haben,
selig zu fliegen bei Tag und bei Nacht,
Licht wie die Sonne, wie Schnee so rein?
Willst du ein Engel in Eden sein?"
Und alle Englein jauchzten da:
"Das wünsche dir, lieb Büblein, ja!
Hier ist die Wonne, hier ist das Leben!
Sieh, wie wir singen und schwingen und schweben
fröhlich und selig im himmlischen Licht
- Bitte nur, Büblein, und fürchte dich nicht!"

Der Heini kniete vor dem Kind
und faltet die Händ' geschwind:
"O heil'ger Christ,
da du so liebreich zu mir bist,
so sende mir zwei Englein aus,
die sollen mich bringen wieder nach Haus,
dass Mutter nicht vergeblich harrt,
und dass ihr auch ein Bäumlein ward!
Und könnt' es sein, o heilig Kind,
mach' auch ihr Herz mir wohlgesinnt,
dass sie voll Freud von diesem Tag
mich Büblein lieb gewinnen mag!"
Christkindlein sprach und hob die Schwingen:
"Wie du gewollt, so mag's geschehen!
Ich selber will nach Haus dich bringen,
und auch das Bäumlein sollst du sehen!
Horch, schon läuten die Glocken auf Erden!
Weihnacht, Weihnacht will es nun werden!
Hurtig, ihr Englein, reget die Schwingen!
Auf die Tore! Zur Tiefe soll bringen
dein Glanz, mein Stern, über Länder und Meer.
Vom Himmel hoch, da komm' ich her!"

Auf rauschten die Tore, es glänzten die Schwingen,
und die Luft war voll von dem Sausen und Singen:
"Friede auf Erden! Ehre dem Herrn!"
Und funkelnd strahlte der Betlehemsstern.
Ein Hüttchen aber ganz allein
stand ohne Freud und Weihnachtsschein,
hatte kein Bäumlein und keine Zier,
sprangen auch keine Kindlein herfür,
kein Glöckchen klang, kein Lichtlein schien
mit seligem funkeln durch Nadelduft und Tannengrün.
Doch drinne im Dunkeln lag eine Mutter auf den Knien,
sprach: "Heiliger Christ, du Himmelskind,
gib, dass ich Freud' und Friede find'!
So bitt' ich dich aus Herzensgrund;
Schenk mir das Büblein, heil und gesund,
das ich verstieß und von mir ließ
in Eis und Schnee, in Wetter und Wind!
Und bin ich hart und lieblos gewesen,
ach, nun schon manches lange Jahr,
weil's nicht mein eigen Kindlein war,
so heile du mich denn vom Bösen
und reiche mir als Gnade dar,
dass ich die Mutterliebe fände!
Das wär' die schönste Weihnachtsspende!
Und könnt' es sein, o heilig Kind,
mach auch sein Herz mir hold gesinnt,
dass er voll Freud' von diesem Tag
als Mütterlein mich lieben mag!"

So seufzte sie und hob die Knie -
Da horch! Da sieh!
Den Wald entlang
himmlische Stimmen süßer Gesang,
näher und näher, mehr, immer mehr:
"Vom Himmel hoch, da komm ich her!"
Und heller Schein und goldenes Licht
wie funkelnde Sterne in's Hüttlein bricht.
Doch mitten im Stüblein
"O Mutter!" " O Büblein!"
"Stille Nacht! heilige Nacht!"
Da steht der Heini und weint und lacht!
Und um ihn leise, in ganz heimlicher Weise,
da weht es und wiegt es, flattert und fliegt es,
flattert und fliegt es wie flockige Träumlein:
Schleppen ein Bäumlein aus würzigem Tann,
hängen Äpfel dran, stecken Lichter an,
rück und bücken mit himmlischen Gaben,
hier ein Päcklein, was sie nur Schönes zu schenken haben,
jedes sein sauber an seinem Ort,
reden kein Wort - husch, sind sie fort!
Nun liegt auch dieses Hüttlein ganz
in Weihnachtsduft und Kerzenglanz,
und drinne leuchtet jeder Blick
von Kinderlust und Mutterglück.
Denn wo sich Lieb zu Lieb gefunden,
ist alle Finsternis geschwunden.
Autor: Adolf Holst

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Adolf Holsts Gedicht "Der Stern" erzählt eine tiefgründige und bewegende Weihnachtsgeschichte, die weit über eine einfache Erzählung vom verlorenen Stern hinausgeht. Im Kern handelt es sich um eine doppelte Suche: Die Engel und das Christkind suchen den verlorenen Weihnachtsstern, während auf der Erde der arme, verstoßene Junge Heini verzweifelt nach einem Funken Hoffnung und Wärme sucht. Die geniale Verknüpfung dieser beiden Handlungsstränge führt zu einer berührenden Lösung. Der Stern, das Symbol für göttliche Führung und Freude, wird nicht von den himmlischen Wesen, sondern von einem ausgestoßenen Menschenkind in seiner tiefsten Not gefunden. Dies ist die zentrale Botschaft: Das Göttliche offenbart sich oft gerade dort, wo menschliches Leid am größten ist. Die Rettung ist keine Einbahnstraße. Während Heini dem Christkind den Stern zurückbringt und damit das Weihnachtswunder für die ganze Welt ermöglicht, wird er selbst vom Christkind aus dem Schnee gerettet und in die Ewigkeit getragen. Die wahre Weihnachtsgnade entfaltet sich jedoch erst vollständig, als Heini – nun im Himmel – einen selbstlosen Wunsch äußert: Er möchte zurück zu seiner Stiefmutter, um ihr zu verzeihen und ihr ein Weihnachtsfest zu schenken. Diese Versöhnung, die Umwandlung von Herzenskälte in Mutterliebe, ist das eigentliche "Wunder" der Heiligen Nacht. Das Gedicht endet nicht im himmlischen Glanz, sondern in der bescheidenen Hütte, die nun voller "Kerzenglanz", "Kinderlust und Mutterglück" ist. Holst zeigt damit, dass Weihnachten dort stattfindet, "wo sich Lieb zu Lieb gefunden".

Biografischer Kontext des Autors

Adolf Holst (1867-1945) war ein äußerst produktiver und populärer deutscher Schriftsteller, Pädagoge und Herausgeber, der vor allem für seine Kinder- und Jugendlyrik bekannt wurde. Seine Bedeutung liegt weniger in literarischen Experimenten, sondern in seiner meisterhaften Fähigkeit, kindgerechte, eingängige und gefühlvolle Verse zu schreiben, die Generationen prägten. Er verfasste Hunderte von Gedichten, Liedern und Erzählungen, die oft in Schullesebüchern und Sammlungen wie "Der deutsche Jugendborn" erschienen. Als langjähriger Leiter der "Jugendschriften-Warte" übte er großen Einfluss auf die Jugendliteratur seiner Zeit aus. Sein Stil ist geprägt von romantischer Tradition, volkstümlicher Sprache und einem klaren moralisch-christlichen Ethos. "Der Stern" ist ein typisches Werk Holsts: Es verbindet märchenhafte Elemente (die suchenden Engel, den sprechenden Sankt Peter) mit sozialem Realismus (das arme, frierende Kind) und einer starken, hoffnungsvollen Botschaft. Sein Werk steht in der Nachfolge von Autoren wie August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, jedoch mit einem unverwechselbar warmherzigen und erzählerischen Ton, der seine Gedichte bis heute vorlesetauglich macht.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt ein faszinierendes Wechselspiel unterschiedlicher Stimmungen, die sich zu einem ergreifenden Gesamteindruck vereinen. Es beginnt mit himmlischer Hektik und kindlicher Verzweiflung, wenn die Engel "Ach und Weh" schreien und das Christkind sich vor Scham verstecken möchte. Diese fast komische Note weicht bald einer dringlichen Spannung durch die Suche gegen die Zeit ("Heiligabend ist bald heran"). Die Stimmung kippt dann dramatisch, wenn die Handlung zur Erde wechselt: Hier herrscht eine einsame, bitterkalte und herzzerreißende Atmosphäre der Verlassenheit, die in Heinis vermeintlichem Tod im Schnee gipfelt. Dieser tragische Moment wird überstrahlt von der zarten, wundersamen und tröstlichen Erscheinung des Christkinds im Wald. Die Stimmung steigert sich zum jubelnden Triumph, als der Stern im Himmel wieder leuchtet ("Der Stern! Der Stern! Der Weihnachtsstern!"), um schließlich in die innige, friedvolle und versöhnliche Wärme des Schlussbildes in der Hütte zu münden. Diese emotionale Reise macht die Lektüre so intensiv und nachhaltig.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Themen von "Der Stern" sind heute genauso relevant wie vor 100 Jahren. Das Gedicht wirft Fragen auf nach sozialer Gerechtigkeit und Kindesleid – Heinis Schicksal als verstoßenes, auf der Straße Waren feilhaltendes Kind berührt uns angesichts moderner Armut und Vernachlässigung unmittelbar. Es thematisiert Vergebung und Versöhnung in schwierigen Familienverhältnissen, ein zeitloses menschliches Anliegen. Die Suche nach Sinn, Licht und Hoffnung in dunklen Zeiten ("kein Stern, kein Lichtlein angezünd't") spricht Menschen in einer komplexen Welt direkt an. Auch die Botschaft, dass das größte Wunder oft in zwischenmenschlicher Zuwendung und der Rettung des Einzelnen liegt, und nicht im großen Spektakel, ist hochaktuell. Modern könnte man sagen: Der verlorene "Stern" steht für verloren geglaubte Werte wie Mitgefühl und Nächstenliebe, die oft gerade dort wiedergefunden werden, wo man sie am wenigsten erwartet – in der Begegnung mit den Schwächsten.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als mittelschwer einzustufen. Holst verwendet eine eingängige, erzählende Sprache mit vielen volkstümlichen und etwas altertümlichen Wendungen ("güldenen Haar", "par Gaben", "Häusel", "Büblein"). Der Satzbau ist meist klar und parataktisch, was das Verständnis erleichtert. Die Herausforderung für heutige Leser, besonders Kinder, liegt im Umfang und im spezifischen Wortschatz. Einige Begriffe wie "Glorienschein", "Lilienwinden" oder "empor" bedürfen der Erklärung. Die Länge der Geschichte und die vielen handelnden Figuren (Christkind, verschiedene Engel, Sankt Peter, Heini, die Mutter) erfordern etwas Konzentration. Insgesamt ist der Text aber durch seine starke bildhafte Sprache und den spannenden Plot gut zugänglich. Für ein volles Verständnis der tieferen symbolischen Ebene (Stern als Symbol, die Bedeutung der Versöhnung) ist jedoch eine begleitende Betrachtung oder ein Gespräch hilfreich.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht ist ein perfekter Begleiter für die Vorweihnachtszeit und den Heiligabend selbst. Es eignet sich hervorragend für:

  • Das gemütliche Vorlesen in der Familie an einem Adventsnachmittag oder am Weihnachtsbaum.
  • Den Einsatz im religiösen oder ethischen Unterricht in Schulen oder Gemeindegruppen, um über die Bedeutung von Weihnachten, Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu sprechen.
  • Eine besinnliche Andacht oder kleine Weihnachtsfeier in Seniorenkreisen, die den traditionellen, erzählerischen Stil oft besonders schätzen.
  • Als theatralische Lesung mit verteilten Rollen (Engel, Christkind, Sankt Peter, Heini, Mutter) bei einer Weihnachtsveranstaltung.
  • Eine persönliche Lektüre, um sich auf das innere Wesen des Weihnachtsfests jenseits von Kommerz und Hektik zu besinnen.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die primäre Zielgruppe sind Kinder im Grundschulalter ab etwa 8 Jahren sowie Jugendliche und Erwachsene, die eine anspruchsvolle Weihnachtsgeschichte schätzen. Aufgrund seiner Länge und der teils traurigen Passagen (Heinis Tod) ist es für sehr kleine Kinder unter 6 Jahren weniger geeignet, es sei denn in stark gekürzter und behutsam erklärter Form. Die ideale Altersspanne liegt zwischen 8 und 99 Jahren. Ältere Kinder und Jugendliche können die metaphorischen und ethischen Ebenen selbstständig erfassen. Für Erwachsene bietet das Gedicht tiefen emotionalen und inhaltlichen Gewinn, besonders die universelle Botschaft von Verlust, Suche und Versöhnung.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser oder Zuhörer, die eine kurze, knappe und ausschließlich fröhliche Weihnachtsgeschichte erwarten. Wer mit der christlichen Symbolik und Erzähltradition gar nichts anfangen kann, wird möglicherweise nicht den vollen Zugang finden. Aufgrund seiner Länge und des teilweise ernsten, sogar tragischen Tons (der Tod des Kindes) ist es auch nicht die erste Wahl für eine sehr heitere, ausgelassene Weihnachtsfeier, die rein unterhaltenden Charakter haben soll. Menschen, die sehr moderne, schnelle und abstrakte Lyrik bevorzugen, könnten den traditionell erzählerischen und gefühlvollen Stil als zu altmodisch empfinden.

Wie lang dauert der Vortrag?

Die Vortragsdauer hängt natürlich vom individuellen Sprechtempo und davon ab, wie viele Pausen man für die Wirkung setzt. Bei einem durchschnittlichen, gut betonten Vorlesetempo benötigt man für das gesamte, ungekürzte Gedicht etwa 12 bis 15 Minuten. Es ist ein Werk, das Zeit und Ruhe verdient. Für eine kürzere Darbietung kann man Auszüge wählen, etwa die himmlische Suche kombiniert mit der Szene, in der Heini den Stern findet, oder den Schluss mit der Versöhnung in der Hütte. Ein solcher Ausschnitt ließe sich in 5 bis 7 Minuten wirkungsvoll vortragen. Für den vollen Genuss der erzählerischen Spannungsbögen und der emotionalen Entwicklung ist jedoch die komplette Lesung empfehlenswert.

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