Christgeschenke

Kategorie: Weihnachtsgedichte für Kinder

Christgeschenke

Was klingelt im Hause so laut? Ei, ei!
Ich glaube, dass es das Christkind sei!
Das Christkind war's! Seid, Kinder, nur still
Und hört, was ich euch jetzt erzählen will:

Es hat euch gebracht einen Tannenbaum
Voll goldener Äpfel und Püppchen von Schaum,
Voll Zuckerwerk; doch, Kinderchen, denkt,
Hoch oben eine Rute hängt!

Das Christkind hat an alles gedacht
Und Nützliches und Schönes gebracht.
Da seht ihr Trommeln, Soldaten von Blei,
Und eine Fahne hängt nebenbei.

Seht Häuser von Pappe mit rotem Dach
Und drin ein zierliches, kleines Gemach.
Seht Schuhe und Kleider und Tücher und Hut,
Gewiss, das steht zu dem Feste gut.

Auch Teller und Töpfe von blankem Zinn
Und Pfefferkuchen und Mandeln drin!
Hier Peitschen und Wagen, ein Pferdchen gar wild,
Dort zum Zusammensetzen ein Bild.

Hier Schreibebücher; ein Püppchen ganz klein
Wird dort gewiss in der Wiege sein.
Auch herrliche Bücher sind aufgestellt,
Von tausend Lichtern ist alles erhellt.

Doch nur von den schönen Sachen bekommt,
Wer artig war, verträglich und fromm,
Wer folgsam den guten Eltern war
Und fleißig gelernt hat in diesem Jahr.

Wer oft an den lieben Gott gedacht,
Dem hat das Christkind viel Schönes gebracht.
Unartige Kinder dürfen nicht 'rein,
Für sie wird wohl nur die Rute sein!

Drum, wollt ihr am heiligen Abend euch freu'n,
So rat' ich euch, Kinder, stets artig zu sein!
Autor: Adelbert von Chamisso

Interpretation des Gedichts

Adelbert von Chamissos "Christgeschenke" ist weit mehr als eine simple Aufzählung von Weihnachtsgaben. Es zeichnet ein lebendiges Bild des Weihnachtsabends im 19. Jahrhundert und verbindet die kindliche Vorfreude auf Geschenke mit einer klaren moralischen Botschaft. Das Gedicht beginnt mit einer spannungsvollen Frage, die den Leser direkt in die festliche Szenerie hineinzieht. Die Erwähnung des Christkinds als Gabenbringer verankert das Gedicht in der christlichen Tradition.

Die ausführliche Beschreibung der Geschenke – vom Tannenbaum mit goldenen Äpfeln über Bleisoldaten und Puppenstuben bis hin zu Büchern und Zinngeschirr – dient nicht nur der Verzierung. Sie ist ein kulturhistorisches Fenster in die Spielzeugwelt und Lebensrealität des Bürgertums jener Zeit. Auffällig ist die stete Gegenüberstellung von Schönem und Nützlichem, die den pädagogischen Anspruch der Epoche widerspiegelt. Das zentrale und wiederkehrende Symbol ist jedoch die Rute, die "hoch oben" am Baum hängt. Sie fungiert als unübersehbare Mahnung und führt zur moralischen Kernaussage der letzten Strophen: Nur artige, folgsame und fromme Kinder werden beschenkt, während für "Unartige" allein die Rute bestimmt ist. Chamisso verpackt hier die zeittypische Erziehungsmaxime "Lohn und Strafe" in eine eingängige, rhythmische Form.

Biografischer Kontext des Autors

Adelbert von Chamisso (1781–1838) ist eine der schillerndsten Figuren der deutschen Literatur. Geboren als französischer Adeliger, der vor der Revolution fliehen musste, fand er in Preußen eine neue Heimat und wurde ein bedeutender deutscher Dichter und Naturforscher. Diese doppelte Identität als Literat und Wissenschaftler prägt sein Werk. Berühmt wurde er vor allem durch seine Novelle "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" vom Mann, der seinen Schatten verkauft – eine tiefgründige Parabel über Identität und Heimatlosigkeit.

Seine Gedichte, oft volksliedhaft einfach und eingängig, wandten sich an ein breites Publikum. "Christgeschenke" fällt in diese Kategorie. Es zeigt Chamissos Fähigkeit, sich in die kindliche Perspektive zu versetzen und gleichzeitig die Werte seiner Zeit zu vermitteln. Die Betonung von Fleiß, Folgsamkeit und Frömmigkeit entsprach dem bürgerlichen Ideal des 19. Jahrhunderts, das Chamisso als erfolgreicher Wissenschaftler und Familienvater selbst verkörperte. Das Gedicht ist somit ein authentisches Zeugnis seiner Epoche und persönlichen Haltung.

Stimmung des Gedichts

Das Gedicht erzeugt eine gemischte, spannungsvolle Stimmung. Zunächst dominiert eine heitere, erwartungsvolle und fast aufgeregte Atmosphäre. Das Klingeln, die Ankunft des Christkinds und die detaillierte, bunte Aufzählung der Geschenke wecken reine Weihnachtsfreude und kindliches Staunen. Die Sprache ist lebhaft und direkt ("Ei, ei!", "Seht...").

Unter dieser fröhlichen Oberfläche schwingt jedoch stets ein pädagogischer Unterton mit, der die Stimmung leicht dämpft oder zumindest ernst nimmt. Die Rute als ständige Drohung und die strengen Bedingungen in den Schlussstrophen ("Doch nur von den schönen Sachen bekommt...") verleihen dem Gedicht eine moralisierende Note. Die finale Stimmung ist daher eine Mischung aus unbändiger Vorfreude und der belehrenden Mahnung, brav zu sein, um die Freude auch wirklich genießen zu dürfen.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Das Gedicht ist in seiner konkreten pädagogischen Aussage – die Androhung von Strafe mit der Rute – natürlich nicht mehr zeitgemäß. Moderne Erziehungskonzepte setzen auf andere Methoden. Dennoch wirft es Fragen auf, die bis heute relevant sind. Die Grundspannung zwischen unbeschwerter Festfreude und erzieherischen Ansprüchen kennen viele Familien auch heute. Wie vermittelt man Werte wie Hilfsbereitschaft, Dankbarkeit und Rücksichtnahme in der weihnachtlichen Geschenkeflut?

Zudem ist das Gedicht ein faszinierendes historisches Dokument. Es lädt dazu ein, mit Kindern über "Weihnachten früher" zu sprechen: Welches Spielzeug gab es? Was bedeutete das Christkind? Die Aufzählung der Geschenke bietet einen perfekten Ansatzpunkt, um über Konsum, Nachhaltigkeit und die wirklichen Werte des Festes zu diskutieren. In dieser Hinsicht ist es sehr zeitgemäß, denn es regt zur Reflexion über die eigene Weihnachtspraxis an.

Schwierigkeitsgrad

Sprachlich ist das Gedicht als leicht bis mittelschwer einzustufen. Chamisso verwendet eine klare, volksnahe Sprache mit einfachem Satzbau und einem eingängigen Reimschema. Einige veraltete Begriffe wie "Püppchen von Schaum" (gemeint sind wohl Schaumzuckermassen), "Gemach" (für Zimmer) oder "Schreibebücher" (Schreibhefte) mögen heutigen Lesern erklärungsbedürftig sein, erschweren das Gesamtverständnis aber nicht. Der regelmäßige Rhythmus und die bildhafte Sprache machen es auch für jüngere Zuhörer gut zugänglich. Die Herausforderung liegt weniger im Sprachverständnis als im Verstehen des historisch-moralischen Kontexts.

Geeigneter Anlass

Das Gedicht eignet sich hervorragend für den Heiligen Abend oder einen Adventsnachmittag in der Familie. Es kann als stimmungsvoller Einstieg in den Weihnachtsabend vorgetragen werden, um die Vorfreude der Kinder zu steigern und gleichzeitig eine besinnliche Note zu setzen. Auch in einem literarischen Adventskalender, in dem jeden Tag ein Weihnachtsgedicht gelesen wird, ist es ein wunderbarer Beitrag. Darüber hinaus bietet es sich für den Schul- oder Kindergartenunterricht in der Vorweihnachtszeit an, um historische Weihnachtsbräuche zu thematisieren oder einen Vergleich "Weihnachten damals und heute" anzuregen.

Geeignete Altersgruppe

Primär spricht das Gedicht Kinder im Vor- und Grundschulalter (ca. 4 bis 10 Jahre) an. Die lebhafte Aufzählung der Spielzeuge fesselt ihre Aufmerksamkeit, und die einfache, gereimte Form ist für sie leicht erfassbar. Für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene gewinnt das Gedicht seinen Reiz vor allem unter kulturhistorischen und literarischen Gesichtspunkten. Es bietet sich an, es gemeinsam zu lesen und dann über die Unterschiede zu heutigen Weihnachtsgedichten und -bräuchen zu sprechen.

Für wen eignet es sich weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die eine rein unbelastete, romantische und straffreie Weihnachtsstimmung suchen. Die explizite Erwähnung der Rute als Erziehungsmittel und die starke Betonung von Belohnung und Bestrafung können aus moderner Sicht als veraltet und pädagogisch fragwürdig empfunden werden. Wer also nach einem Gedicht sucht, das ausschließlich Nächstenliebe, Frieden und besinnliche Freude in den Vordergrund stellt, könnte von der moralisierenden Lehre in "Christgeschenke" abgeschreckt sein. Ebenso ist es für sehr kleine Kinder, die die historische Einordnung noch nicht verstehen, möglicherweise einfach nur beängstigend.

Dauer des Vortrags

Bei einem gemächlichen, betonten Vorlesen mit kleinen Pausen, um die vielen beschriebenen Geschenke wirken zu lassen, dauert der Vortrag des gesamten Gedichts etwa eineinhalb bis zwei Minuten. Es ist damit perfekt für eine kurze, aber inhaltsreiche Einlage während der Weihnachtsfeier. Um die Wirkung zu erhöhen, kann man nach jeder Strophe eine kleine Pause machen oder die Stimme bei der Aufzählung der Geschenke besonders lebhaft und bei den mahnenden Passagen etwas ernster gestalten.

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