Furchtbar schlimm
Kategorie: Weihnachtsgedichte für Kinder
Furchtbar schlimm
Vater, Vater, der Weihnachtsmann!Autor: Richard Dehmel
Eben hat er ganz laut geblasen,
viel lauter als der Postwagenmann.
Er ist gleich wieder weiter gegangen,
und hat zwei furchtbar lange Nasen,
die waren ganz mit Eis behangen.
Und die eine war wie ein Schornstein,
und die andre ganz klein wie'n Fliegenbein,
darauf ritten lauter, lauter Engelein,
die hielten eine großmächtige Leine,
und seine Stiefel waren wie deine.
Und an der Leine, da ging ein Herr,
ja wirklich, Vater, wie'n alter Bär,
und die Engelein machten hottehott;
ich glaube, das war der liebe Gott.
Denn er brummte furchtbar mit dem Mund
Ganz furchtbar schlimm; ja wirklich! Und -
"Aber Detta, du schwindelst ja,
das sind ja wieder lauter Lügen!"
Na was schad't denn das, Papa?
Das macht mir doch so viel Vergnügen!
"So? - Na ja."
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Biografischer Kontext des Autors
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Ist das Gedicht zeitgemäß?
- Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
- Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
- Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Wie lang dauert der Vortrag?
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Richard Dehmels "Furchtbar schlimm" ist weit mehr als ein einfaches Weihnachtsgedicht. Es zeigt die ungefilterte, fantastische Wahrnehmungswelt eines Kindes, das dem Vater von einer erschreckend-schönen Begegnung mit dem Weihnachtsmann berichtet. Die Erzählung des Kindes, Detta, ist geprägt von überbordenden, grotesken Bildern: Der Weihnachtsmann hat zwei "furchtbar lange Nasen", die mit Eis behangen sind, eine davon riesig wie ein Schornstein. Auf der winzigen anderen reiten Engel, die einen "alten Bär" an der Leine führen – den brummenden "lieben Gott". Diese Vermischung von christlicher Ikonografie (Engel, Gott) mit der säkularen Weihnachtsfigur und deren grotesker Verfremdung ist der Kern des Gedichts.
Der Dialog am Ende bringt die zentrale Aussage auf den Punkt. Der Vater unterbricht die schwärmerische Schilderung mit dem Vorwurf: "Aber Detta, du schwindelst ja, das sind ja wieder lauter Lügen!" Dettas Antwort ist ein Schlüsselsatz der kindlichen Poesie: "Na was schad't denn das, Papa? Das macht mir doch so viel Vergnügen!" Hier verteidigt das Kind nicht die faktische Wahrheit, sondern das Recht auf schöpferische Fantasie. Die "Lüge" ist hier ein kreativer Akt, der Freude und Staunen erzeugt. Das Gedicht feiert somit die Kraft der Einbildungskraft, die sich über rationale Erklärungen und konventionelle Darstellungen hinwegsetzt. Es ist eine kleine Hymne auf die subjektive, innere Wahrheit der kindlichen Seele, die in der Weihnachtszeit besonders lebendig wird.
Biografischer Kontext des Autors
Richard Dehmel (1863-1920) war eine der schillerndsten und einflussreichsten Figuren des deutschen Literaturbetriebs im Übergang vom Naturalismus zum Impressionismus und Jugendstil. Seine Lyrik war oft leidenschaftlich, sinnlich und gesellschaftskritisch. Dehmel rebellierte gegen bürgerliche Konventionen, was sich nicht nur in seiner Dichtung, sondern auch in seinem Lebenswandel zeigte. Sein Interesse galt den Triebkräften des Menschen, dem Erotischen, aber auch dem Sozialen.
Vor diesem Hintergrund erscheint "Furchtbar schlimm" wie eine liebevolle Seitenlinie seines Werks. Es zeigt sein sensibles Gespür für psychologische Nuancen, hier verlagert in die Kinderseele. Das Gedicht kann auch als subtile Kritik an der erwachsenen, vernunftgläubigen Welt gelesen werden, die die magische Dimension des Lebens verkennt. Dehmels Fähigkeit, sich in die radikal andere Perspektive eines Kindes zu versetzen und deren bildgewaltige Logik poetisch umzusetzen, macht dieses Werk zu einem besonderen Juwel in seinem umfangreichen Schaffen. Es beweist, dass der Dichter der Leidenschaft und des Aufruhrs auch ein meisterhafter Porträtist kindlicher Unschuld und Fantasie sein konnte.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine einzigartige, gespaltene Stimmung, die zwischen kindlichem Entzücken und beklemmender Fremdheit oszilliert. Die Begeisterung und Aufregung Dettas ist spürbar, doch die von ihm beschriebenen Bilder sind alles andere als niedlich oder gemütlich. Sie sind überzeichnet, unheimlich und von einer fast surrealen Kraft ("Stiefel waren wie deine", "brummte furchtbar mit dem Mund"). Dies erzeugt eine unterschwellige Spannung und eine Aura des Wunderbaren im ursprünglichen Sinn: als etwas, das staunen lässt, aber auch befremdet.
Die Stimmung kippt im dialogischen Schlussteil in eine heitere, nachdenkliche Gelassenheit. Der Konflikt zwischen der nüchternen Erwachsenenwelt ("das sind ja wieder lauter Lügen") und der kindlichen Phantasiewelt ("macht mir doch so viel Vergnügen") wird aufgelöst durch des Vaters resigniertes "So? - Na ja." Es bleibt eine warmherzige, leicht amüsierte Stimmung zurück, die den Zauber der kindlichen Erzählung doch gelten lässt, auch wenn sie der Logik entbehrt. Insgesamt ist die Grundstimmung eine melancholisch-fröhliche Feier der Einbildungskraft.
Ist das Gedicht zeitgemäß?
Absolut. Die zentrale Frage des Gedichts – was ist Wahrheit, und welchen Wert hat die schöpferische "Lüge", die Fantasie? – ist heute relevanter denn je. In einer Welt, die zunehmend von Daten, Faktenchecks und einer Flut an äußerlichen Reizen geprägt ist, wirkt Dettas Plädoyer für das selbstgeschaffene, innere Vergnügen wie ein befreiender Gegenentwurf. Das Gedicht wirft Fragen auf, die jede Generation neu beschäftigen: Wie gehen wir mit der kreativen Phantasie unserer Kinder um? Ersticken wir sie vorschnell im Namen der Realität?
Moderne Parallelen lassen sich leicht ziehen: Die detailreichen Fantasiewelten, die Kinder in Rollenspielen oder beim Geschichtenerfinden erschaffen, sind genau dieser schöpferische Akt. Auch in der Debatte um den "Weihnachtsmann-Mythos" ist das Gedicht hochaktuell. Es bietet keine einfache Antwort, sondern zeigt den Wert der Geschichte an sich, unabhängig von ihrem faktischen Wahrheitsgehalt. In diesem Sinne ist "Furchtbar schlimm" ein zeitloses Dokument für die Verteidigung des Poetischen im Alltag.
Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?
Sprachlich ist das Gedicht überwiegend leicht bis mittelschwer zu verstehen. Der Wortschatz ist konkret und die Syntax in den erzählenden Teilen recht einfach gehalten. Einige veraltete oder dialektale Formen wie "'n" für "einen" oder "wie'n" für "wie ein" sind für heutige Leser noch intuitiv erfassbar. Die größere Herausforderung liegt auf der inhaltlich-interpretatorischen Ebene.
Die grotesken Bilder (die beiden Nasen, der an der Leine geführte Gott) und vor allem die philosophische Pointe im Dialog zwischen Vater und Kind erfordern ein gewisses Maß an Abstraktionsvermögen, um vollständig gewürdigt zu werden. Die Leichtigkeit der Sprache trägt also eine tiefere, anspruchsvolle Botschaft. Für ein vollständiges Verständnis der literarischen und biografischen Einordnung ist zudem etwas Hintergrundwissen hilfreich. Insgesamt eignet es sich daher hervorragend, um mit jungen Lesern über die Bedeutung von Fantasie zu sprechen.
Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht ist ein perfekter Begleiter für die Advents- und Weihnachtszeit, aber es passt keineswegs nur zu besinnlichen Feiern. Sein unkonventioneller Charakter macht es ideal für Anlässe, die über das Klischeehafte hinausgehen wollen.
- Für einen literarischen Adventskalender oder eine besondere Weihnachtslesung, die auch skurrile und nachdenkliche Töne zulässt.
- Im Deutschunterricht, um Themen wie "Kindheitsdarstellung in der Lyrik", "Phantasie vs. Realität" oder die Epoche des Impressionismus zu behandeln.
- Als anregender Gesprächseinstieg in der Familie, um mit Kindern über ihre eigenen Weihnachtsvorstellungen und Fantasiegeschichten zu reden.
- Bei einem Vortragsabend mit Gedichten zum Thema "Winter" oder "Wunder".
Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?
Das Gedicht besitzt einen seltenen Mehrgenerationen-Charme. Aufgrund der kindlichen Perspektive und der gruselig-komischen Bilder spricht es Kinder ab etwa 6 oder 7 Jahren direkt an. Sie verstehen die Aufregung Dettas und können die skurrilen Beschreibungen lebhaft vor ihrem inneren Auge sehen.
Jugendliche und Erwachsene werden hingegen die feine Ironie, die psychologische Tiefe des Dialogs und die metaphorische Ebene zu schätzen wissen. Die Frage nach dem Wert von Lüge und Wahrheit, von Konvention und individueller Vorstellungskraft, wird für sie im Vordergrund stehen. Damit bietet das Werk für jede Altersstufe einen eigenen, passenden Zugang und kann gemeinsam entdeckt werden, wobei jede Generation etwas anderes darin findet.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Trotz seiner Vielseitigkeit gibt es Zielgruppen, für die dieses spezielle Werk weniger geeignet erscheint. Menschen, die nach einem klassisch-besinnlichen, harmonischen und ungebrochen fröhlichen Weihnachtsgedicht suchen, könnten von der grotesken und etwas beunruhigenden Bildersprache abgeschreckt sein. Wer eine eindeutige, moralische Botschaft oder eine klare Weihnachtsbotschaft im religiösen Sinne erwartet, wird hier nicht fündig.
Für sehr junge Kinder (unter 5 Jahren) könnten die Vorstellungen von den "furchtbar langen Nasen" und dem brummenden Gott möglicherweise Ängste auslösen, anstatt Vergnügen. Zudem ist das Gedicht für einen rein unterhaltsamen, humoristischen Vortrag ohne Tiefgang vielleicht zu komplex und vielschichtig. Es verlangt ein gewisses Maß an Reflexionsbereitschaft.
Wie lang dauert der Vortrag?
Die Länge eines Vortrags hängt natürlich vom individuellen Sprechtempo und davon ab, wie sehr man die dialogischen Passenden ausspielt. Bei einem gut betonten, gemächlichen Vorlesen, das die Stimmungswechsel zwischen kindlicher Begeisterung und väterlicher Skepsis einfängt, dauert der Vortrag von "Furchtbar schlimm" etwa 60 bis 75 Sekunden.
Für einen rein sachlichen, schnelleren Durchlauf ohne große Pausen sind auch 45 Sekunden möglich. Um die volle Wirkung des Dialogs am Ende zu entfalten, empfehle ich jedoch, sich Zeit zu lassen und eine kleine Pause vor der Antwort des Vaters und vor seinem abschließenden "So? - Na ja." zu setzen. So kommt die philosophische Pointe am besten zur Geltung.
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