Im Winter, wenn es stürmt und schneit

Kategorie: Weihnachtsgedichte für Kinder

Im Winter, wenn es stürmt und schneit

Im Winter, wenn es stürmt und schneit
Und's Weihnachtsfest ist nicht mehr weit.

Da kommt weit her aus dunklem Tann'
Der liebe, gute Weihnachtsmann.

Knecht Ruprecht wird er auch benannt,
Ist allen Kindern wohlbekannt.
Er kommt mit einem großen Schlitten
Grad aus des tiefen Waldes Mitten.

In seinem Sack sind gute Sachen,
Die braven Kindern Freude machen.
Doch auch die Rute ist zur Hand
Für Kinder, die als bös bekannt.

Das mag wohl früher so gewesen sein;
Heut' gibt's nur brave Kinderlein.
Die sagen schnell ihr Sprüchlein auf,
Knecht Ruprecht macht den Sack dann auf.

Und Äpfel, Nüsse, Pfefferkuchen
Darf gleich das liebe Kind versuchen.
Knecht Ruprecht aber fährt geschwind
Davon zum nächsten art'gen Kind.
Autor: unbekannt

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "Im Winter, wenn es stürmt und schneit" erzählt in einfachen, klaren Bildern von der Ankunft einer ambivalenten Weihnachtsfigur. Es handelt sich nicht um den rein gütigen Nikolaus, sondern um eine Figur, die sowohl Knecht Ruprecht als auch den Weihnachtsmann in sich vereint. Diese Verschmelzung ist historisch interessant, da sie auf ältere Volksbräuche verweist, bei denen die Gabenbringer oft eine doppelte Rolle als Belohner und Bestrafer innehatten. Der Text beginnt mit einer stimmungsvollen Naturbeschreibung, die die Erwartung auf das Fest weckt. Die Reise des Mannes "weit her aus dunklem Tann'" unterstreicht seine Herkunft aus der geheimnisvollen, unzivilisierten Wildnis, was ihm eine mythische Aura verleiht.

Besonders aufschlussreich ist die Wendung in der vorletzten Strophe: "Das mag wohl früher so gewesen sein; Heut' gibt's nur brave Kinderlein." Hier bricht das Gedicht mit der traditionellen Drohung und passt die Erzählung einer optimistischeren, kindgerechteren Sichtweise an. Es spiegelt einen pädagogischen Wandel wider, bei dem die erzieherische Funktion der Rute in den Hintergrund tritt. Die finale Strophe zeigt dann ein harmonisches Bild des Gebens und Nehmens: Das artige Kind wird belohnt, und die Figur zieht weiter, was den Kreislauf des Festes und die Gleichbehandlung aller "art'gen" Kinder symbolisiert. Die Interpretation offenbart so ein Gedicht, das zwischen alter Überlieferung und moderner Verharmlosung schwankt.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine grundlegend gemütliche und vorfreudige Winter- und Weihnachtsstimmung, die jedoch von einem leisen, historischen Schauder unterlegt ist. Die ersten Zeilen malen ein klassisches Bild der Adventszeit mit Sturm und Schnee, das Geborgenheit und Vorfreude suggeriert. Die Beschreibung des ankommenden Weihnachtsmanns oder Knecht Ruprecht ist respektvoll und erwartungsvoll ("der liebe, gute Weihnachtsmann").

Doch die Erwähnung der Rute für "böse" Kinder bringt einen dunkleren, leicht bedrohlichen Ton hinein, der an alte Märchen und strenge Erziehungsmethoden erinnert. Diese Spannung löst sich jedoch sofort wieder in heitere Gewissheit auf, indem der Text behauptet, dass es heute ja nur brave Kinder gebe. Die abschließenden Bilder von Äpfeln, Nüssen und dem eiligen Weiterfahren sind durchweg positiv und beschwingt. Insgesamt dominiert also eine warme, traditionelle Feststimmung, die durch den kurzen Verweis auf die Rute lediglich eine interessante historische Tiefe und Spannung erhält.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Das Gedicht wirft Fragen auf, die auch heute noch höchst relevant sind. Zentral ist das Thema Erziehung und das Belohnungs- und Bestrafungssystem. Die Zeile über die Rute für "böse" Kinder lässt sich modern als Diskussion über positive Verstärkung versus Strafmaßnahmen lesen. Die darauf folgende Behauptung, es gäbe heute nur brave Kinder, kann ironisch als Kommentar zur "Helikopter-Elternschaft" oder zur Verwöhnung gedeutet werden, aber auch als Ausdruck eines optimistischen Glaubens an die junge Generation.

Weiterhin ist die Figur selbst ein spannender Anknüpfungspunkt. Die Vermischung von Weihnachtsmann und Knecht Ruprecht regt dazu an, über die Kommerzialisierung und Verharmlosung von ursprünglich komplexen mythologischen Figuren nachzudenken. Woher kommen unsere Traditionen wirklich, und warum haben wir sie so vereinfacht? Das Gedicht eignet sich somit perfekt, um mit Kindern oder in geselliger Runde über den Wandel von Bräuchen zu sprechen und zu fragen: Braucht es den Aspekt der Ermahnung im Fest überhaupt noch, oder soll Weihnachten reine Bescherungsfreude sein?

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als leicht bis mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist durchgehend einfach und klar, die Reime sind regelmäßig und einprägsam. Der Wortschatz ist größtenteils aus dem Grund- und Alltagsdeutsch entnommen ("stürmt und schneit", "Sack", "Freude machen"). Einige wenige Begriffe wie "Knecht Ruprecht" oder die veraltete Form "art'gen" (für artigen) bedürfen vielleicht einer kurzen Erklärung für sehr junge Kinder oder Nicht-Muttersprachler, sind aber aus dem Kontext gut verständlich.

Die größte Herausforderung liegt nicht in der Sprache, sondern im inhaltlichen Verständnis der historischen Figur und der leichten moralischen Ambivalenz. Die Idee, dass eine Festfigur sowohl Geschenke als auch eine Rute mitbringt, muss eventuell erklärt werden. Insgesamt ist die sprachliche Hürde aber niedrig, was den Text ideal für das Auswendiglernen und den Vortrag auch durch jüngere Kinder macht.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht ist ein klassischer Begleiter für die gesamte Advents- und Weihnachtszeit. Sein idealer Vortragszeitpunkt ist der Nikolaustag am 6. Dezember, da es die Figur des Knecht Ruprecht explizit thematisiert. Es passt aber ebenso gut in die Tage vor dem Heiligabend, um die Vorfreude zu steigern. Du kannst es wunderbar in der Familie am Adventskranz vortragen, in der Kita oder Grundschule bei einer kleinen Weihnachtsfeier aufführen oder auch als festliches Element in einem Seniorenheim verwenden, wo es Erinnerungen an frühere Weihnachtsbräuche weckt.

Durch seinen erzählenden Charakter eignet es sich auch hervorragend als Begleitung für ein Bilderbuch oder ein kleines Schattenspiel. Selbst auf einem winterlichen Spaziergang kann der rhythmische Vortrag des Gedichts für eine besondere Stimmung sorgen.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die primäre Zielgruppe sind Kinder im Kindergarten- und frühen Grundschulalter (ca. 4 bis 8 Jahre). In diesem Alter lieben Kinder gereimte, rhythmische Texte über bekannte Festfiguren. Die Länge ist gut zu bewältigen, und die klare Botschaft von Belohnung für braves Verhalten ist für sie nachvollziehbar. Die leicht unheimliche Komponente der Rute ist in der hier verharmlosten Form ("gab es früher") nicht beängstigend, sondern spannend wie ein Märchenelement.

Aber auch für Erwachsene, die sich für Volkskunde und den Wandel von Weihnachtstraditionen interessieren, bietet der Text einen anregenden Ausgangspunkt. Es ist somit ein generationenübergreifendes Gedicht, das je nach Alter und Vorwissen auf unterschiedlichen Ebenen genossen werden kann.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die eine rein moderne, kommerzielle oder religiöse Weihnachtsfeier ohne folkloristische Anklänge gestalten möchten. Wer den Weihnachtsmann strikt als freundlichen Geschenkebringer aus dem Nordpol versteht, könnte mit der ambivalenten Knecht-Ruprecht-Figur wenig anfangen. Auch für sehr sensible junge Kinder, die sich leicht von der auch nur angedeuteten Drohung mit der Rute verunsichern lassen, könnte der Text unpassend sein, obwohl er diese ja direkt wieder relativiert.

Für einen rein theologisch ausgerichteten Gottesdienst oder eine Feier, die ausschließlich die christliche Geburtsgeschichte in den Mittelpunkt stellt, ist das weltlich-märchenhafte Gedicht ebenfalls nicht die erste Wahl. Es ist in erster Linie ein Stück deutscher Brauchtumspoetik und weniger ein geistliches Lied.

Wie lang dauert der Vortrag?

Die Vortragsdauer des Gedichts beträgt bei einem ruhigen, betonten und gemächlichen Sprechtempo, das der winterlich-geheimnisvollen Stimmung gerecht wird, etwa 45 bis 60 Sekunden. Bei einem flüssigeren, eher erzählenden Vortrag durch ein geübteres Kind oder einen Erwachsenen kann die Zeit auch auf rund 35 bis 40 Sekunden schrumpfen.

Die perfekte Länge liegt also bei ungefähr einer Minute. Das macht es kurz genug, um die Aufmerksamkeit auch jüngerer Zuhörer zu halten, und lang genug, um eine kleine Geschichte zu erzählen und eine festliche Atmosphäre aufzubauen. Diese ideale Dauer ermöglicht es, das Gedicht problemlos in bestehende Feierlichkeiten oder Programme einzubauen, ohne dass es sich in die Länge zieht.

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