Der liebe Weihnachtsmann

Kategorie: Weihnachtsgedichte für Kinder

Der liebe Weihnachtsmann

Der Esel, der Esel,
wo kommt der Esel her?
Von Wesel, von Wesel,
er will ans schwarze Meer.

Wer hat denn, wer hat denn
Den Esel so bepackt?
Knecht Ruprecht, Knecht Ruprecht
mit seinem Klappersack.

Mit Nüssen, mit Äpfeln,
mit Spielzeug allerlei,
und Kuchen, ja Kuchen
aus feiner Bäckerei.

Wo bäckt denn, wo bäckt denn
Knecht Ruprecht seine Speis?
In Island, in Island,
drum ist sein Bart so weiß.

Die Rute, die Rute
hat er dabei verbrannt;
heut sind die Kinder artig
im ganzen deutschen Land.

Ach Ruprecht, ach Ruprecht,
du lieber Weihnachtsmann:
komm auch zu mir mit deinem
Sack heran!
Autor: Paula und Richard Dehmel

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "Der liebe Weihnachtsmann" von Paula und Richard Dehmel ist ein charmantes Beispiel für kindliche Weihnachtslyrik aus dem frühen 20. Jahrhundert, das auf den ersten Blick einfach wirkt, aber bei näherer Betrachtung feine kulturelle und erzählerische Schichten offenbart. Es erzählt keine lineare Geschichte, sondern setzt sich aus einer Reihe von neugierigen Fragen und Antworten zusammen, die ein kindliches Verständnis der Weihnachtswelt widerspiegeln. Der Esel, der von Wesel ans schwarze Meer will, ist eine typische Verspieltheit des Volksliedes und erinnert an Reimspiele. Interessant ist die klare Trennung und dann doch Vermischung der Figuren: Knecht Ruprecht, der traditionelle Gehilfe und manchmal Bestrafer, wird hier direkt mit dem "lieben Weihnachtsmann" gleichgesetzt. Dies zeigt den damaligen Übergang der Figuren in der öffentlichen Wahrnehmung. Die Verbrennung der Rute ist ein zentrales, befreiendes Symbol – sie markiert den Triumph der Güte und wandelt den ehemals furchteinflößenden Begleiter in einen rein gütigen Gabenbringer. Die geografischen Nennungen (Wesel, schwarzes Meer, Island) malen eine weite, abenteuerliche Reise aus, die die Magie der Weihnachtszeit unterstreicht. Das Gedicht endet mit einer direkten, persönlichen Ansprache, die den Zuhörer oder Leser einbindet und die Vorfreude auf die Bescherung perfekt einfängt.

Biografischer Kontext der Autoren

Richard Dehmel (1863-1920) ist eine bedeutende Figur des deutschen Impressionismus und Frühexpressionismus. Seine oft leidenschaftliche und sozialkritische Dichtung steht in einem faszinierenden Kontrast zu diesem kindlichen Weihnachtsgedicht, das er gemeinsam mit seiner zweiten Frau, der Schriftstellerin Paula Dehmel (1862-1918), verfasste. Paula Dehmel war selbst eine anerkannte Kinderlyrikerin und veröffentlichte mehrere Sammlungen. Ihre Zusammenarbeit an diesem Gedicht vereint seine sprachliche Musikalität mit ihrem Gespür für die kindliche Gedankenwelt. Es entstand in einer Zeit, in der das bürgerliche Weihnachtsfest mit Christbaum und Gabenbringer endgültig populär wurde. Das Werk ist somit ein Zeugnis nicht nur des familiären Schaffens der Dehmels, sondern auch der kulturellen Festigung der Weihnachtsmann-Figur, die den heiligen Nikolaus und seinen Knecht Ruprecht langsam in der allgemeinen Vorstellung verband.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine durchweg heitere, neugierige und geborgene Stimmung. Der dialogische, fragende Aufbau weckt ein Gefühl von gespannter Vorfreude und kindlichem Wissensdurst. Die klangvollen Ortsnamen und die Aufzählung der Leckereien und Spielzeuge malen ein buntes, üppiges Bild der Weihnachtsfreude. Die entscheidende Wendung – dass die Rute verbrannt wurde – löst jede angedeutete Spannung (denn Knecht Ruprecht war ursprünglich auch eine Drohfigur) in reine Zuversicht und Freude auf. Die abschließende Bitte "komm auch zu mir" verstärkt dieses Gefühl der liebevollen Erwartung und der Gewissheit, beschenkt zu werden. Insgesamt strahlt das Gedicht eine warme, vorweihnachtliche Gemütlichkeit aus.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Zwar sind einige Begriffe wie "Knecht Ruprecht" heute weniger geläufig, doch die Kernbotschaften sind nach wie vor aktuell. Die Frage nach Artigkeit und Belohnung, wenn auch hier sehr positiv aufgelöst, ist immer noch ein Thema in vielen Familien. Moderne Parallelen lassen sich zur Kommerzialisierung des Festes ziehen: Die detailreiche Aufzählung der Geschenke im "Klappersack" spiegelt die materielle Erwartungshaltung wider, die auch heute existiert. Viel wichtiger ist jedoch die zeitlose Botschaft der Verwandlung: Die Verbrennung der Rute kann als Absage an autoritäre Erziehungsmethoden und als Hinwendung zu einem freudvollen, gewaltfreien Miteinander gelesen werden. Die einfache, direkte Freude und die magische Reise des Weihnachtsmannes sprechen nach wie vor Kinder und jung gebliebene Erwachsene an.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als leicht einzustufen. Der Satzbau ist einfach und durchgehend parataktisch (Aneinanderreihung von Hauptsätzen). Der Wortschatz ist bis auf die historische Figur des "Knecht Ruprecht" alltagsnah und gut verständlich. Die vielen Wiederholungen und der eingängige, sangbare Rhythmus erleichtern das Verständnis und das Auswendiglernen erheblich. Die Herausforderung liegt weniger in der Sprache als im kulturellen Verständnis der Figurenkonstellation, die aber durch den Kontext des Gedichts selbst gut erklärt wird.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht eignet sich perfekt für die besinnliche Zeit im Advent und am Heiligabend. Es ist ein idealer Vortrag für den Familienkreis, wenn die Kinder ungeduldig auf den Weihnachtsmann warten. Ebenso passt es wunderbar in adventliche Feiern im Kindergarten oder in den unteren Grundschulklassen. Durch seinen musikalischen und dialogischen Charakter lädt es geradezu dazu ein, vorgetragen oder sogar szenisch gespielt zu werden – eine Person stellt die Fragen, eine andere antwortet als Knecht Ruprecht. Es ist auch eine schöne Ergänzung für jedes Weihnachtsgedichte-Buch oder -Blog.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Primär spricht das Gedicht Kinder im Vorschul- und frühen Grundschulalter (ca. 4 bis 8 Jahre) an. Der einfache Rhythmus, die fantasievolle Geschichte und die konkreten Bilder von Esel, Sack und Geschenken fesseln diese Altersgruppe. Auch für Erwachsene, die nostalgische oder literarisch interessiert sind, bietet es einen Reiz, besonders durch die Verbindung zu den Autoren Dehmel und die historische Entwicklung der Weihnachtsfigur.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die eine tiefgründige, religiöse oder besinnlich-stille Weihnachtslyrik suchen. Es ist explizit weltlich und auf die Figur des Weihnachtsmannes ausgerichtet. Auch für ältere Kinder oder Jugendliche, die sich von der "kindlichen" Thematik und der einfachen Sprache vielleicht angesprochen fühlen, könnte es als zu simpel erscheinen. Wer nach moderner, kritischer oder formal experimenteller Lyrik sucht, wird hier nicht fündig.

Wie lang dauert der Vortrag?

Bei einem gemächlichen, betonten und genussvollen Vortrag, der die dialogische Struktur und die Reime wirken lässt, dauert das Gedicht etwa 45 bis 60 Sekunden. Ein sehr zügiges, weniger pointiertes Hersagen ist in etwa 30 Sekunden möglich, würde aber dem Charme des Textes nicht gerecht werden. Für einen szenischen Vortrag mit zwei Sprechenden und kleinen Pausen kann die Dauer auch gut eineinhalb Minuten betragen.

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