Im Winter

Kategorie: Weihnachtsgedichte für Kinder

Im Winter

Schlaf ein, mein süßes Kind!
Da draußen singt der Wind.
Er singt die ganze Welt zur Ruh',
Deckt sie mit weißen Betten zu.
Und bläst er ihr auch ins Gesicht,
Sie rührt sich nicht und regt sich nicht,
Aus ihren weißen Decken.

Schlaf ein, mein süßes Kind!
Da draußen geht der Wind,
Pocht an die Fenster und schaut hinein,
Und hört er wo ein Kind noch schrei'n,
Da schilt und brummt und summt er sehr,
Holt gleich sein Bett voll Schnee daher
Und deckt es auf die Wiegen,
Wenn's Kind nicht still will liegen.

Schlaf ein mein süßes Kind!
Da draußen weht der Wind.
Er rüttelt an dem Tannenbaum,
Da fliegt heraus ein schöner Traum,
Der fliegt durch Schnee, durch Nacht und Wind
Geschwind, geschwind zum lieben Kind
Und singt von lust'gen Dingen,
Die's Christkind ihm wird bringen.

Schlaf ein, mein süßes Kind!
Da draußen bläst der Wind.
Doch ruft die Sonne: "Grüß' euch Gott!"
Bläst er dem Kind die Backen rot,
Und sagt der Frühling: "Guten Tag!"
Bläst er die ganze Erde wach,
Und was fein still gelegen
Das freut sich allerwegen.

Drum schlaf mein süßes Kind,
Bläst draußen auch der Wind!
Autor: Robert Reinick

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Robert Reinicks "Im Winter" ist weit mehr als ein einfaches Schlaflied. Es entfaltet eine kunstvolle Dialektik zwischen der bedrohlichen Unruhe der Natur und der behüteten Sicherheit des Heims. Der Wind wird nicht als reines Unwetter dargestellt, sondern als eine ambivalente, fast personifizierte Kraft. In der ersten Strophe ist er ein fürsorglicher Wärter, der die Welt mit weißen Betten zudeckt und zur Ruhe singt. Diese sanfte Metapher des Schnees als Decke ist zentral und verbindet das Äußere mit dem inneren Raum des Kindes.

Die zweite Strophe zeigt dann die andere Seite: Der Wind wird zum strengen Wächter der Nachtruhe, der ungeduldig an Fenster pocht und unartige Kinder mit einem "Bett voll Schnee" bestraft. Diese spielerische Drohung verankert das Gedicht in der Tradition der pädagogischen Erzählung, bleibt aber im Märchenhaften. Der eigentliche Wendepunkt kommt in der dritten Strophe. Der Wind, nun am Tannenbaum rüttelnd, wird zum Geburtshelfer schöner Träume. Er setzt einen Traum frei, der gezielt zum Kind fliegt und von den Gaben des Christkinds singt. Hier verbindet Reinick das winterliche Naturmotiv nahtlos mit der weihnachtlichen Vorfreude.

Die vierte Strophe weitet den Blick erneut und gibt eine tröstliche Zukunftsperspektive. Hinter dem winterlichen Wind kündigen sich bereits Sonne und Frühling an, die die Erde wieder wecken. Der letzte Vers fasst diese beruhigende Gewissheit zusammen: Egal, was draußen tobt, das Kind kann sicher schlafen. Das Gedicht ist somit eine meisterhafte Beruhigungsstrategie, die Ängste benennt, um sie sogleich in Träume und die Verheißung von Frühling und Weihnachten aufzulösen.

Biografischer Kontext zum Autor

Robert Reinick (1805-1852) war ein deutscher Maler, Dichter und Illustrator der Spätromantik. Seine Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine volkstümlichen und kindgerechten Gedichte und Lieder, die oft in Schullesebüchern verbreitet waren. Reinicks künstlerische Doppelbegabung prägte sein Werk entscheidend; viele seiner Texte wurden von ihm selbst oder befreundeten Künstlern wie Ludwig Richter illustriert, was ihre Popularität enorm steigerte. Sein Stil ist geprägt von einer klaren, eingängigen Sprache, einem warmherzigen Ton und einer Hinwendung zu idyllischen, häuslichen und naturverbundenen Sujets.

Das Gedicht "Im Winter" ist ein typisches Beispiel für sein Schaffen. Es verbindet das romantische Motiv der Naturbeseelung mit der biedermeierlichen Wertschätzung von Familie, Geborgenheit und kindlicher Unschuld. Reinick stand im Kreis der "Düsseldorfer Malerschule" und pflegte Kontakte zu anderen bedeutenden Künstlern seiner Zeit. Sein Ziel war es oft, moralische Werte und Naturnähe in einer für alle verständlichen Form zu vermitteln. Sein Werk bildet damit eine wichtige Brücke zwischen der Hochromantik und der späteren trivialen und pädagogischen Literatur des 19. Jahrhunderts.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine komplexe, mehrschichtige Stimmung, die den Hörer oder Leser sanft durch verschiedene Gefühlslagen führt. Zunächst dominiert eine tiefe, winterliche Ruhe, die fast schon mystisch anmutet. Das Bild der von Schnee zugedeckten, reglosen Welt vermittelt Stille und Frieden. Darüber legt sich jedoch ein Hauch von Unheimlichkeit, wenn der Wind als pochende und schiltende Gestalt auftritt. Diese leichte Spannung wird aber nie beängstigend, sondern bleibt im Bereich des märchenhaft Spielerischen.

Die entscheidende Stimmungswende erfolgt mit dem Auftauchen des "schönen Traums". Hier kippt die Atmosphäre in freudige, erwartungsvolle Vorfreude, angereichert mit der Magie der Weihnachtszeit. Die finale Strophe verbreitet dann einen optimistischen, fast philosophischen Trost: Der Winter und seine Stürme sind vergänglich, Frühling und Freude folgen mit Sicherheit. Insgesamt ist die Grundstimmung eine behagliche, getragene Geborgenheit, die von der Gewissheit getragen wird, dass das Gute und Schöne – beschützt von der Familie und verheißen von der Natur – am Ende siegen.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die zentralen Themen von "Im Winter" sind zeitlos und treffen auch heute noch einen Nerv. In einer hektischen, oft überreizten Welt besinnt das Gedicht sich auf die elementaren Werte von Sicherheit, Ruhe und tröstender Zuversicht. Die moderne Parallele liegt auf der Hand: So wie das Kind vor dem tobenden Wind beschützt wird, sehnen sich Menschen heute nach einem "sicheren Hafen" vor den Stürmen der Nachrichtenflut, des Alltagsstresses oder globaler Unsicherheiten.

Das Gedicht wirft subtil Fragen auf, die heute höchst relevant sind: Wie schaffen wir Räume der Geborgenheit für uns und unsere Kinder? Wie können wir mit äußeren Bedrohungen oder Ängsten umgehen, ohne uns von ihnen vereinnahmen zu lassen? Reinicks Antwort – die Verwandlung von Bedrohlichem in Träume und die Hoffnung auf einen neuen Anfang – ist eine poetische Resilienzstrategie. Zudem spricht das Umweltmotiv in neuer Weise: Der Wind als lebendige, wenn auch unberechenbare Kraft erinnert an eine naturverbundene Haltung, die in Zeiten des Klimawandels wieder an Bedeutung gewinnt. Es ist ein Plädoyer dafür, die Natur nicht nur als Gegner, sondern auch als Trösterin und Quelle der Freude zu sehen.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als leicht bis mittelschwer einzustufen. Der Satzbau ist überwiegend klar und parataktisch, der Wortschatz gut verständlich und volksnah. Begriffe wie "brummt", "summt" oder "Wiegen" sind auch für jüngere Leser oder Nicht-Muttersprachler leicht zugänglich. Die wenigen altertümlichen Formen ("regt sich nicht", ""Grüß' euch Gott!"") sind aus dem Kontext sofort erschließbar und stellen keine Hürde dar.

Die eigentliche Tiefe und damit eine gewisse anspruchsvolle Komponente liegt im Verständnis der metaphorischen Ebene. Die wechselnden Rollen des Windes – als Wärter, Strafender, Traumbote und Frühlingsbote – zu erkennen und ihre Bedeutung für die Gesamtaussage zu begreifen, erfordert ein wenig Übung im Umgang mit poetischen Bildern. Die Interpretation der Dialektik von äußerer Unruhe und innerem Frieden sowie der tröstlichen Perspektive über den Winter hinaus macht den Reiz für erfahrenere Leser aus. Insgesamt ist es also ein Gedicht mit einer einfachen sprachlichen Einstiegshürde, das aber unter der Oberfläche viel zu entdecken bietet.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht ist erstaunlich vielseitig einsetzbar. Sein primärer Anlass ist natürlich die Vorweihnachtszeit und der Winter allgemein. Es passt perfekt zu einer gemütlichen Stunde im Advent, vielleicht beim Anzünden der Kerzen am Tannenbaum, den es ja selbst erwähnt. Als Schlaflied oder Gute-Nacht-Geschichte für Kinder in der dunklen Jahreszeit ist es ideal.

Darüber hinaus eignet es sich für literarische Kreise oder den Schulunterricht, um Themen wie Personifikation, Naturlyrik oder die Epoche des Biedermeier zu behandeln. Auf Weihnachtsfeiern in Kindergarten, Grundschule oder auch im familiären Kreis kommt sein vorgetragener Text sehr gut an. Sogar für eine Trauerfeier im Winter könnte die tröstende Botschaft der letzten Strophe ("...Bläst er die ganze Erde wach") eine passende, hoffnungsvolle Note setzen. Es ist letztlich ein Gedicht für alle Anlässe, die nach Besinnlichkeit, Trost und der Feier von Geborgenheit verlangen.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die primäre Zielgruppe sind Kinder im Vor- und Grundschulalter (ca. 3 bis 10 Jahre). Die rhythmische, sich wiederholende Struktur ("Schlaf ein, mein süßes Kind! / Da draußen... der Wind"), die klaren Bilder und die märchenhafte Handlung sprechen jüngere Zuhörer direkt an. Die spielerische Drohung mit dem Schneebett ist für sie fassbar und nicht wirklich beängstigend, während die Verheißung des Christkinds und des Frühlings pure Vorfreude weckt.

Aber das Gedicht hat ein bemerkenswertes Alleinstellungsmerkmal für Erwachsene. Eltern, Großeltern oder Pädagogen, die es vorlesen, schätzen die nostalgische Atmosphäre, die kunstvolle Sprache und die tröstende Grundbotschaft. Es erinnert an eine behütete Kindheit und bietet eine kurze Auszeit vom Alltag. Damit ist es ein wahrhaft generationenübergreifendes Werk, das sowohl dem kindlichen Zuhörer als auch dem vorlesenden Erwachsenen etwas gibt.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Trotz seiner Vielseitigkeit gibt es Zielgruppen, für die das Gedicht weniger passend ist. Menschen, die eine explizit moderne, kritische oder avantgardistische Lyrik suchen, werden den traditionellen, harmoniebetonten Stil vielleicht als zu brav oder sentimental empfinden. Es eignet sich weniger für einen rein analytischen, nüchternen Kontext, der politische oder gesellschaftskritische Subtexte sucht – hier fehlt die gewünschte Schärfe.

Für sehr rationale, sachlich orientierte Kinder oder Erwachsene könnte die personifizierte Darstellung des Windes als handelndes Wesen zu unwissenschaftlich oder "kitschig" wirken. Auch in einer Gruppe, die actionreiche, schnelle Unterhaltung erwartet, kommt die ruhige, getragene und repetitive Stimmung des Gedichts möglicherweise nicht gut an. Sein Zauber entfaltet sich am besten in einer entspannten, aufnahmebereiten und gefühlsorientierten Atmosphäre.

Wie lang dauert der Vortrag?

Die Vortragsdauer hängt natürlich vom gewählten Tempo und der Betonung ab. Bei einem ruhigen, bedächtigen und ausdrucksvollen Vorlesen, das die Stimmungen der einzelnen Stufen gut auskostet, liegt die Dauer bei etwa 1 Minute und 30 Sekunden bis 2 Minuten. Ein sehr langsamer, wiegender Vortrag, etwa als Schlaflied, kann auch etwas länger dauern.

Wenn du das Gedicht auswendig gelernt hast und es flüssig, aber nicht übereilt rezitierst, bist du bei ungefähr 1 Minute und 15 Sekunden. Wichtig ist, die natürlichen Pausen zwischen den Strophen wirken zu lassen und den Refrain-Charakter der Anfangszeilen deutlich zu machen. So hat der Zuhörer Zeit, die bildhaften Szenen vor seinem inneren Auge entstehen zu lassen. Diese angemessene Dauer macht es perfekt für eine kurze, aber intensive poetische Unterbrechung des Alltags.

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