Der Bratapfel

Kategorie: Weihnachtsgedichte für Kinder

Der Bratapfel

Kinder, kommt und ratet,
was im Ofen bratet!
Hört, wie's knallt und zischt.
Bald wird er aufgetischt,
der Zipfel, der Zapfel,
der Kipfel, der Kapfel,
der gelbrote Apfel.

Kinder, lauft schneller,
holt einen Teller,
holt eine Gabel!
Sperrt auf den Schnabel
für den Zipfel, den Zapfel,
den Kipfel, den Kapfel,
den goldbraunen Apfel!

Sie pusten und prusten,
sie gucken und schlucken,
sie schnalzen und schmecken,
sie lecken und schlecken
den Zipfel, den Zapfel,
den Kipfel, den Kapfel,
den knusprigen Apfel.
Autor: unbekannt

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "Der Bratapfel" ist ein kleines, feines Beispiel für kindgerechte Lyrik, die mit einfachen Mitteln eine ganze Welt erschafft. Es erzählt nicht einfach nur von einem Weihnachtsgericht, sondern inszeniert ein sinnliches Ritual. Die Aufforderung "Kinder, kommt und ratet" zieht den Leser oder Zuhörer sofort mitten in die heimelige Küche oder Stube, in der es bereits "knallt und zischt". Die Spannung wird durch die lautmalerischen Verben und die geheimnisvolle Frage aufgebaut.

Das Herzstück der Dichtung bildet die kunstvolle Reihung "der Zipfel, der Zapfel, der Kipfel, der Kapfel". Diese spielerischen Nonsens-Wörter, die den eigentlichen "Apfel" umschreiben und verzögern, imitieren das glucksende, brodelnde Geräusch des Bratvorgangs. Sie sind kein reiner Unsinn, sondern eine klangliche Nachahmung und steigern die Vorfreude, bis das Objekt der Begierde endlich als "gelbrot", "goldbraun" und "knusprig" benannt wird. Die zweite Strophe beschreibt den hektischen, freudigen Akt der Vorbereitung ("holt einen Teller, holt eine Gabel! Sperrt auf den Schnabel"), während die dritte Strophe ganz der sinnlichen Erfahrung des Essens gewidmet ist. Die Häufung der Verben "pusten und prusten, gucken und schlucken, schnalzen und schmecken, lecken und schlecken" malt ein lebendiges Bild der genussvollen, fast tierisch-ungezügelten Hingabe der Kinder an diesen einfachen kulinarischen Genuss.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine unmittelbare, warme und ausgelassene Stimmung. Es ist getragen von vorweihnachtlicher Vorfreude, kindlicher Neugier und unverfälschtem Genuss. Die Atmosphäre ist heimelig und gesellig, ein gemeinsames Erlebnis rund um den Ofen. Durch den direkten Anruf ("Kinder, kommt...") und die vielen aktiven Verben fühlt man sich als Leser direkt in das fröhliche Treiben hineingezogen. Es ist eine Stimmung der reinen, einfachen Freude an einem kleinen Ritual, fernab von kommerziellem Trubel. Die klangliche Lebendigkeit des Textes vermittelt ein Gefühl von Lebendigkeit und purer Lebenslust.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut zeitgemäß, vielleicht sogar notwendiger denn je. In einer Zeit, die oft von Hektik und digitaler Überreizung geprägt ist, erinnert dieses Gedicht an die Kraft einfacher, sinnlicher Momente. Es wirft die heute hochaktuelle Frage auf: Können wir uns noch so hingebungsvoll an einer kleinen, gemeinsam zubereiteten Speise erfreuen? Der Bratapfel steht hier für nachhaltigen, saisonalen Genuss, für ein traditionelles Ritual, das Gemeinschaft stiftet. Das Gedicht feiert Achtsamkeit und Präsenz – die Kinder sind mit allen Sinnen bei der Sache. Moderne Parallelen lassen sich zu Bewegungen wie "Slow Food" oder dem Wunsch nach entschleunigten Familienritualen ziehen. Es ist ein perfekter Gegenentwurf zur schnellen Fertignahrung und zeigt, dass wahre Magie im Einfachen liegen kann.

Wie ist der Schwierigkeitsgrad zu bewerten?

Sprachlich ist das Gedicht als leicht einzustufen. Der Satzbau ist einfach und parataktisch gereiht. Der Wortschatz ist bis auf die kunstvollen Neuschöpfungen "Zipfel, Zapfel, Kipfel, Kapfel" aus dem Grundwortschatz entnommen. Gerade diese Nonsens-Wörter sind aber kein Hindernis, sondern ein spielerisches Element, das auch von jungen Lesern oder Zuhörern leicht aufgenommen und mitgesprochen werden kann. Die starke Rhythmik und der klare Reim (Paarreim) unterstützen das Verständnis und das Merken des Textes. Die Herausforderung liegt weniger im Sprachverständnis als in der lebendigen, nuancenreichen Vortragsweise.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht eignet sich hervorragend für die gemütliche Advents- und Weihnachtszeit. Es ist der ideale Begleiter, wenn tatsächlich Bratäpfel im Ofen backen – dann wird der Text zur lebendigen Untermalung des Geschehens. Perfekt ist es für einen kleinen Vortrag im Familienkreis, im Kindergarten, in der Grundschule oder bei einer Weihnachtsfeier. Es passt aber auch zu einem winterlichen Themenabend oder einer literarischen Herbstfeier, da es nicht explizit Weihnachten, sondern ein winterliches Ritual besingt. Es kann wunderbar als Einstieg in eine Bastel- oder Backaktion mit Kindern dienen.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Primär spricht das Gedicht Kinder im Vorschul- und frühen Grundschulalter (ca. 4 bis 8 Jahre) an. Die direkte Ansprache, die lustigen Klangwörter und die anschauliche Beschreibung eines für sie hochinteressanten Ereignisses (Essen zubereiten und genießen) fesseln diese Altersgruppe. Durch seinen eingängigen Rhythmus lädt es zum Mitsprechen und Memorieren ein. Aber auch ältere Kinder und Erwachsene können ihren Spaß an dem Text haben, besonders beim gemeinsamen, theatralischen Vorlesen, bei dem die klanglichen und sinnlichen Qualitäten voll zur Geltung kommen.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser oder Zuhörer, die eine komplexe, reflektierte oder melancholische Weihnachtslyrik suchen. Wer nach tiefgründiger Symbolik, gesellschaftskritischen Ansätzen oder einer ausgereiften poetischen Bildsprache sucht, wird hier nicht fündig. Es ist kein Gedicht zur stillen, einsamen Kontemplation, sondern eines für den lebendigen, gemeinschaftlichen Vortrag. Für formale Lyrik-Analysen im höheren Schulunterricht bietet es aufgrund seiner schlichten und eindeutigen Struktur nur begrenztes Material.

Wie lang dauert der Vortrag?

Ein Vortrag des Gedichts dauert, je nach Tempo und Ausgestaltung, etwa 45 bis 75 Sekunden. Ein gemächliches, genussvolles Vorlesen mit Pausen, um die Spannung und die Klangwörter wirken zu lassen, nähert sich der einminütigen Marke. Ein flotterer, lebhafterer Vortrag ist etwas kürzer. Entscheidend ist, den richtigen Rhythmus zu finden und den klanglichen Spielereien, besonders bei der Aufzählung "Zipfel, der Zapfel...", genügend Raum zu geben. Ein guter Vortrag wird die Geräusche und die Vorfreude regelrecht spürbar machen.

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